3. Sonntagsspaziergang

Ja, wohin läuft sie denn jetzt schon wieder?
Naja, es ist heute weniger ein Laufen, als mehr ein wirklich langsames Spazierengehen, eine Umrundung sozusagen, ein Schauen und ein Aufnehmen, ein Abtauchen in die Geschichte und vielleicht sogar ein kleines Wiederauferstehen-Lassen von eben jener Geschichte.
Mein Spaziergang führt mich heute in den Rheingau (ja, schon wieder eine Weingegend, aber Deutschland ist nun einmal auch voll davon und irgendwie wächst dieser Wein immer in den schönsten Gegenden – oder sind die vielleicht auch nur so schön, weil hier Wein wächst? … )

Rheingau Landschaft
Foto: A. Kircher-Kannemann

Rheingau und Dichtung

Kaum eine andere Weinbauregion hat so viele Dichter und Denker zu überschwänglichen Beschreibungen und Superlativen genötigt und verführt wie der Rheingau: Bartholomaeus Anglicus, dem wir eine der frühesten Beschreibungen verdanken, schrieb im 13. Jahrhundert vom „Garten der unnennbaren Lust“ und Johann Capsar Riesbeck (1754-1786) ein deutscher Jurist, Schriftsteller und Schauspieler nannte den Rheingau den „Thron des deutschen Bacchus“. Nicht viel weniger überschwänglich klang die Beschreibung bei Heinrich von Kleist (1777-1811), der den Rheingau 1801 als „Lustgarten der Natur“ bezeichnete.

Rheingau Landschaft
Foto: A. Kircher-Kannemann

Das höchste Loblied aber sang wohl der Diplomat und Schriftsteller Johann Isaac Freiherr Gerning (1767-1837) dem Rheingau, als er schrieb es handle sich bei ihm um ein „Stück Himmel, hinabgefallen zur Erde“.

Johannisberg
Foto: A. Kircher-Kannemann

Und selbst der oftmals so kritische Dichter, Schriftsteller und Journalist Heinrich Heine (1797-1856), der an seiner Heimatstadt Düsseldorf nur selten ein gutes Haar ließ, war zwar nicht dem ganzen Rheingau, so aber dem Johannisberg verfallen, dem er folgende Liebeserklärung widmete: „Mon dieu, wenn ich doch so viel Glauben in mir hätte, dass ich Berge versetzen könnte, der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe.“

Schloss Johannisberg
Foto: A. Kircher-Kannemann

Seien Sie ehrlich, wenn man das liest, dann möchte man eigentlich sofort dorthin. Es klingt, als sei das Paradies auf Erden eben hier gelegen und nirgends auf dem Planeten könne es schöner sein (und ja, es ist tatsächlich wunderschön hier, wenn nur der Wein nicht gar so sauer wäre, dann könnte es perfekt sein).

Johannes Butzbach und Bartholomaeus Anglicus Spaziergang durch den Rheingau

Aber ich möchte gar nicht allein mit Ihnen nicht durch den Rheingau spazieren, ich möchte Sie einladen zu einem Spaziergang in die Vergangenheit. Spazieren Sie einfach mit mir und mit Johannes Butzbach (1477-1516), einem Prior der Abtei Laach, durch den Rheingau des ausgehenden 15. Jahrhunderts:

„Der Rheingau […], in dessen Mitte nicht weit vom Rheine
das Kloster Sanct Johannis auf einem Berge liegt, ist zwar eine kleine Landschaft, nämlich von nur vier Meilen Ausdehnung, von dem Dorfe Walluff […] bis zum Dorfe Lorch, gegenüber der Stadt Bacharach, sich erstreckend; aber er ist ein sehr anmutiges Land, reich gesegnet mit Wein und Getreide, mit Wasser und mannigfaltigen Gattungen von Bäumen; er
hat viele stadtähnliche Ortschaften; von seinen Städtchen sind zwei besonders hervorragend, nämlich Bingen und Elfeld [heute Eltville]. Auch ist er mit folgenden Klöstern beiderlei Geschlechts geschmückt, nämlich mit Eberbach vom Orden des
h. Bernhard, Johannisberg, ferner Rupertsberg, Eibingen, Gottesthal u. a. m. Der Rhein, welcher durch ihn fliesst, ist reich an Inseln und Auen, von denen einige eine sehr grosse Ausdehnung haben. Das Volk der Landschaft
ist reich und tapfer; es hat vor Zeiten sogar Mainz erobert. Auch viel Obst ist daselbst im Ueberfluss vorhanden. Ich kenne dort einen Landmann, der in einem Jahre nur aus seinen Kirschen dreissig Gulden auf dem Markte zu Mainz erlöste. Das Volk ist frei und erfreut sich alter Privilegien und Gewohnheiten, die durch die Ueberlieferung der Vorfahren festgewurzelt
sind. Vier Fürsten haben einmal diese Landschaft angegriffen, aber die Erfolglosigkeit ihrer Anstrengungen zwang sie endlich zum Abzüge. Nämlich nur infolge der Befestigung derselben, da sie auf der einen Seite Ton Wäldern, Bergen und Wällen auf der andern vom Rheine begrenzt ist.
Ueber diese Landschaft hat auch der Bruder Bartholomaeus der Engländer aus dem Orden der Minderbrüder im 15. Buch seiner Schrift von den Eigenschaften der Dinge, im 127. Kapitel folgendes geschrieben: Der Rheingau ist eine Landschaft Ton geringem Umfange, von der Stadt Mainz an gelegen; er erstreckt sich am Ufer des Rheins zwischen Bergen bis an die
Stadt Bingen, woher er vom Rheine, welcher durch seine Mitte hindurchfliesst, Rheingau heisst. Es ist die Landschaft zwar von geringem Umfange, aber auf beiden Ufern des Rheines bis zu den Gipfeln der Berge wunderlieblich und fruchtbar; so schön nämlich und so fruchtbar ist sie, dass sie ebenso sehr die Einwohner als auch diejenigen, welche längs des Ufers hindurch
wandern, ergötzt und stärkt, wie der Aufgang unendlicher Lust. So üppiges und so fettes Erdreich hat sie, dass sie Obst und Getreide in wunderbarer Fruchtbarkeit und zugleich Schnelligkeit hervorbringt. Sie erzeugt auf demselben Acker Obstbäume verschiedener Art und Nüsse. Und trotzdem hört
sie bei der so grossen Mannigfaltigkeit der Obstarten nicht auf Getreide hervorzubringen. Auch hindert die Verschiedenheit der Bäume nicht die Weinpflanzungen, im Gegenteil, ein und derselbe Acker bringt gewöhnlich in gleicher Weise Getreide und Wein, Nüsse und Aepfel, Kirschen und Birnen und viele andere Arten Ton Obst [?] hervor. Warme Quellen, die auch
zur Heilung des Körpers dienlich sind, entspringen daselbst aus dem Innern der Erde, überhaupt hat die Landschaft viele andere Gaben, welche für das Leben der Sterblichen nötig sind. Doch es wäre zu weitläufig, sie im Einzelnen aufzuzählen.“

[Der Originaltext ist auf Latein verfasst, Übersetzung nach Otto Friedrich: Die Beschreibungen des Rheingaus von Bartholomaeus Angelus und Johannes Butzbach aus dem 14. Und 15. Jahrhundert, in: Nassauische Annalen, Bd. 17 (1882) S. 11-15]

 

Rheingau Goetheblick
Foto: A. Kircher-Kannemann

Ja und der gute alte Goethe, der ja zum Thema Wein immer etwas zu sagen hatte, auch der liebte den Rheingau, vor allem den Johannisberg und er fand auch eben hier seine Lieblingsaussicht und wenn man sie sich heute anschaut, dann ist es wie ein Blick in die Vergangenheit, man wähnt Johann Wolfgang neben sich, wenn man hier steht und den Ausblick auf den Rhein und seine Inselchen genießt.

Rheingau
Foto: A. Kircher-Kannemann
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