10. Sonntagsspaziergang: Schlosspark Schwetzingen, Teil 2

Ach, wie herrlich ist es doch in einem Schlosspark zu lustwandeln …
Mit dem Lustwandeln haben wir ja schon vor zwei Wochen angefangen. Da haben wir uns das große vordere Gartenparterre des Schwetzinger Schlossparks genauer angeschaut; diesen klassischen französischen Gartenteil mit seinen Wasserflächen, seinen Fontänen und Skulpturen.
Heute nun machen wir von dort aus einen kleinen Schwenk nach links und beginnen eine kleine Weltreise von Rom in den Orient, denn hier in diesem Parkteil erwarten uns religiös inspirierte und anmutende Themen mit dem Minerva Tempel und der Moschee aus verschiedenen Teilen der Welt.

Gartenplan Ausschnitt Moschee
Ausschnitt aus dem Gartenplan aus Zehyers „Beschreibung der Gartenanlagen zu Schwetzingen“ mit Moschee und Minerva Tempel

Ich nehme an Sie stutzen jetzt; zumindest, wenn Sie noch nie im Schwetzinger Schlosspark waren oder aber sich mit ihm beschäftigt haben.
Wahrscheinlich stolpern Sie vor allem über die Moschee und fragen sich was denn bitte die in einem Schlosspark verloren hat.
Des Rätsels Lösung ist – wie so oft im Leben – gleichzeitig furchtbar einfach und einigermaßen kompliziert.
Als erstes sei aber gesagt und versichert: sie ist wirklich original, diese Moschee. Sie steht im Schwetzinger Schlosspark seit dem Jahr 1796. Naja, eigentlich schon früher, denn die Bauarbeiten begannen bereits im Jahr 1776. Ihre Minarette allerdings erhielt die Moschee erst in den Jahren 1795-1796.
Aber lassen Sie uns mit dem Minerva Tempel beginnen, den sehen wir nämlich zuerst, wenn wir uns nach links wenden. Er steht quasi auf einer Höhe mit der Hirschgruppe an der äußersten linken Begrenzung des Gartenparterres.

Minerva Tempel
Minerva Tempel Schlosspark Schwetzingen
Foto: A. Kircher-Kannemann

Der Minerva Tempel im Schwetzinger Schlosspark

Er ist beileibe keine Kopie eines antiken Tempels, dieser Minerva Tempel im Schlosspark von Schwetzingen. Viel eher ist er eine Interpretation, eine Idealform eines solchen Tempels. Geschaffen wurde er, wie so vieles andere in diesem Park, von Nicolas de Pigage, jenem lothringischen Architekten des Kurfürsten Karl Theodor.
Jene Minerva, der dieser Tempel gewidmet ist, findet sich im Schwetzinger Schlosspark gleich mehrfach, nirgends aber so präsent und beherrschend wie eben hier in ihrem Tempel.
Minerva, die schon die Etrusker als Göttin verehrten und sie menvra nannten, war die römische Göttin des Handwerks und des Gewerbes. Im Laufe der Zeit nahm sie aber auch Teile des griechischen Athenekultes in sich auf und wurde so ebenfalls zur Schutzgöttin der Dichter und Lehrer. So war sie die Göttin der Weisheit geworden, die Hüterin des Wissens, die aber auch militärische und kriegerische Aspekte verkörperte, was sie deutlich weniger sympathisch macht.

Minerva Tempel Zeyner
Historische Ansicht des Minerva Tempels im Schwetzinger Schlosspark
Scan aus Zeyner; Roemer: Beschreibung der Gartenanlagen zu Schwetzingen

Das ihr gewidmete Fest, die Quinquatrus, sind übrigens gerade vorbei. Gemeinhin wurden sie zwischen dem 19. und 23. März gefeiert.
Steht man vor dem Minerva Tempel, so fällt zunächst der große Giebelfries ins Auge. Er stellt die Göttin dar, gestützt auf einen Schild mit dem Gorgonenhaupt. Vor ihr ausgebreitet ist ein Plan des Schwetzinger Schlossparks. Es scheint als habe die Göttin den Plan begutachtet und für gut befunden. Architekt und Bauherr und letztlich der Park selber werden so in eine göttliche Sphäre erhoben. Sie sind von der Göttin der Weisheit und des Wissens genehmigt und für gut befunden worden.
Acht Säulen in zwei Reihen tragen diesen Giebelfries und ergeben so eine offene Vorhalle, die den Besucher des Tempels empfängt.
Schaut man nach oben, so sieht man eine mit Rosetten geschmückte Kassettendecke und im Inneren des Tempels eine Statue der Minerva. Diese Statue beruht auf einer Arbeit von Gabriel de Grupello. Ursprünglich stand diese Göttin in Düsseldorf. Kurfürst Karl Theodor, der auch Herzog von Jülich-Berg war, einem Territorium dessen Residenzstadt Düsseldorf war, ließ Minerva nach Schwetzingen verbringen, wo sie von Peter Anton Verschaffelt restauriert und überarbeitet wurde. Auch die im Tempel aufgestellten Altäre stammen von eben jenem Peter Anton Verschaffelt.
In der Cella befinden sich überdies Marmorbänke, so dass der Tempel zu einer Art Ruheort für die Besucher des Parks wird.
Unterhalb des Minerva Tempels findet sich eine Pforte. Über ihr ist ein Dreieckgiebel angebracht, der eine geheimnisvolle Faunmaske zeigt. Der Faunus war der altitalische Gott der Natur und des Waldes. Als Beschützer der Bauern und Hirten tritt er in vielerlei Gestalt auf und entspricht in etwa dem Gott Pan der griechischen Mythologie. Oftmals wurde er gerade in späterer Zeit als gehörnter Waldgeist dargestellt oder als Mischwesen aus Mensch und Ziegenbock, ähnlich den Satyrn der griechischen Mythologie.
Minerva, die Weisheit und das Wissen also beherrschen die Natur, nehmen sie auch in sich auf und verweisen sie auf einen untergeordneten Platz. So wird der Tempel der Minerva zu einem Symbol der Aufklärung und zum Sinnbild der Herrschaft der Vernunft.

Moschee
Moschee im Schlosspark Schwetzingen
Foto: A. Kircher-Kannemann

Die Moschee im Schwetzinger Schlosspark

Wenn wir vom Minerva Tempel aus ein wenig weiter gen Ende des Schlossparks laufen und die große Abzweigung nach links nehmen, dann stehen wir vor einem großen Gebäude, das quasi nochmals einen eigenen Park vor sich hat.
Dieses Gebäude sieht nicht nur im ersten Moment mit seinen Minaretten aus wie eine Moschee, es ist auch eine und wurde sogar zeitweilig als solche genutzt.
Entworfen und gebaut wurde auch diese Moschee von Nicolas de Pigage. Er allerdings sah sie weniger als Gotteshaus, als mehr als eine idealtypische Form des Orients an. Die Moschee ist die „Idee des Orients“ und der Orient war im 18. Jahrhundert eine Welt aus 1001 Nacht, die man gerne in der Formen- und Bildwelt adaptierte; ähnlich wie auch China, was man z.B. sehr schön am Teehaus im Potsdamer Park von Sanssouci sehen kann.
Aber zurück nach Schwetzingen und zurück zur Moschee: Sie bildet den Mittelpunkt des sogenannten Türkischen Gartens, der der letzte barocke Gartenteil im Schwetzinger Park ist, der entstand. Um etwa das Jahr 1780 herum entstand diese Anlage.

Moschee Vorhof Schwetzingen
Historische Ansicht der Moschee im Schwetzinger Schlosspark;
Scan aus Zeyner; Roemer: Beschreibung der Gartenanlagen zu Schwetzingen

Viel wurde im Laufe der Existenz dieser Moschee über sie geschrieben und die Palette der Aussagen reicht von begeisterten Lobeshymnen bis hin zu bösartigen Kritiken. Vieles auch hat man dieser Moschee und damit Pigage nachgesagt, so etwa, dass er hier nur schlicht eine Kopie der Moschee in Mekka gebaut habe oder auch eine Kopie des Tadsch Mahal.
Nun – nichts davon trifft wirklich zu, aber diese Diskussion überlasse ich gerne den KunsthistorikerInnen und wende mich lieber dem Gebäude und der Ideenwelt des 18. Jahrhunderts zu:
Ich hatte es schon angedeutet: diese Moschee ist nicht wirklich als Gotteshaus gedacht gewesen, sie ist eine Idealisierung, sie nimmt die Idee des Orients, diese Idee auch einer Märchenwelt und übersetzt sie in ein Bild mit dem der durchschnittliche Europäer des 18. Jahrhunderts etwas anfangen kann.

Eingang Moschee
Eingang der Moschee im Schwetzinger Schlosspark
Foto: A. Kircher-Kannemann

Die Grundform entspricht einem barocken Bauwerk und hat doch auch etwas Romantisierendes und Märchenhaftes. Die Moschee wirkt wie die Krönung des Parks, wie das Ziel der Reise, die man in diesem Park unternehmen kann.
Das erste, was man von der Moschee wahrnimmt sind die hoch aufragenden schlanken Minarette und die zentrale Kuppel. Der Eingang wird von vier Säulen getragen. Tritt man durch eine der Pforten in den Moscheehof, dann ist es, als müsse Sheherazade gleich durch den Hof laufen, um zu König Schahrayâr zu gehen.
Ein Bet- und Wandelgang umschließt den Hof, unterbrochen von kleinen Gebäuden und Türmchen, überwölbt von einem Dach und mit kunstvollen Gittern verziert. Auch Waschräume sind angelegt, ebenso wie Räume für die Geistlichen. Alles also ganz so wie in einer echten Moscheeanlage.
Tritt man hinein in die eigentliche Moschee, so wird man endgültig vom Glanz des Orients umfangen. Acht Pilaster tragen das Gesims der Kuppel, der Boden ist mit Marmorplatten ausgelegt, wundervolle Stuckarbeiten verzieren die Wände. Malereien und goldene Verzierungen soweit das Auge reicht. Es ist eine Art Reizüberflutung, die das Auge und das Hirn im ersten Moment in eine Art Betäubungszustand versetzt. Man weiß nicht wohin man zuerst schauen soll.
Die Decke der Moschee und die Kuppelwände sind mit Sprüchen aus dem Koran geschmückt. Solche Spruchverzierungen finden sich auch im Außenbereich der Moschee.
Selbst der Schah von Persien, der am 14. August 1899 den Schwetzinger Schlosspark und auch die Moschee besuchte, war begeistert von diesem Bauwerk.

Moschee Schwetzingen
Moschee im Schwetzinger Schlosspark
Foto: A. Kircher-Kannemann

So viele Eindrücke müssen erst einmal verarbeitet werden und deswegen beenden wir unseren heutigen Spaziergang auch hier. Wir genießen noch ein wenig die Sonne im ehemaligen kurfürstlichen Obstgarten, der sich vor der Moschee befindet und gehen dann durch den südlichen Laubengang langsam zurück in Richtung Schloss.
Nächsten Sonntag sehen wir uns dann hoffentlich wieder und erkunden einen anderen Teil des Schwetzinger Schlossparks und setzen unsere Weltreise en miniature fort.

Laubengang
Teil des Laubengangs am Minerva Tempel im Schwetzinger Schlosspark;
Foto: A. Kircher-Kannemann

 

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