Zettelkasten #18

Literaturrecherche gegen die Faulheit

Beim Entstauben meines Bücherregals fielen mir gleich am obersten Regalboden einige alte Bücher zum Thema Literaturrecherche in die Finger. Die stehen da wohl seit meinem ersten Semester (und das ist schon eine ganze Weile her). Es waren quasi noch analoge Zeiten, jene Zeiten in denen es tatsächlich noch Zettelkataloge gab, wenn auch nicht mehr nur. Und es waren jene Zeiten in denen man noch diese altvorderen Professoren (ja, es waren wirklich nur Männer) hatte, die einem das Recherchieren von Literatur noch so richtig von der Pike auf beibrachten. Es waren jene Zeiten, wo um die Wette Literatur gesucht wurde, wo ein Wettbewerb daraus gemacht wurde wer mehr Rezensionen zu einem Buch fand und das alles (und ich betone es)
a – n – a – l – o -g!

Das Erstaunliche und heute kaum mehr Vorstellbare: es machte Spaß! Und es schulte ungemein die detektivischen Fähigkeiten, die man als HistorikerIn nun einmal tagtäglich braucht.
Aber schon damals schrieb Reinhard Feldmann in seinem Grundlagenwerk „Wie finde ich Literatur zur Geschichte?“, dass „sich bei Studenten und Berufstätigen aller Fachrichtungen eine mehr oder minder ausgeprägte Scheu“ finde „in ausführliche Informierungsprozesse einzutreten – und zwar selbst dann, wenn die allgemeinen und fachspezifischen Suchtechniken einigermaßen oder sogar gut beherrscht werden.“ [S. 285]
Dieser schon damals zu beobachtende Trend scheint sich heute durch die digitalen Möglichkeiten eher noch verstärkt zu haben, so habe ich oftmals den Eindruck. Eigentlich erstaunlich, denn es ist durchaus deutlich einfacher geworden Literatur zu finden, aber der Trend zum Beispiel bei Google maximal die Suchergebnisse bis Seite zwei anzuschauen, der existiert auch bei Studierenden und WissenschaftlerInnen offenbar.
Feldmann sah dieses Phänomen nicht nur, er versuchte auch einen Grund dafür zu finden: „Bequemlichkeit“ so seine Ansicht, sei „sicher ein wichtiger Grund, denn Literaturermittlung und -beschaffung sind recht zeit- und wegeaufwendig […]“. Interessant, denn heute ist der Zeitaufwand geringer und auch der Wegeaufwand vielfach gar nicht mehr vorhanden, denn Vieles gibt es digitalisiert im Netz. Trotzdem ist es wohl noch immer die Bequemlichkeit, die eine aufwendige Literaturrecherche für Viele zu einer Hürde werden lässt.
Aber Feldmann machte auch noch weitere Gründe ausfindig: „Es gibt verschiedene weitere objektive Gründe: sie können zum einen in den ‚erlittenen‘ Erfahrungen des Literatursuchenden liegen, aber auch ohne diese auf Vorurteilen basieren. […] Unsere Erfahrungen mit Bibliotheken, unsere Vorurteile, unsere ggf. vorhandene soziale Distanz, das Image von wissenschaftlichen, öffentlichen oder von Spezialbibliotheken, allgemeine Einstellungen zu Informationsprozessen und dem Wert von schriftlichen Informationen, Einstellungen zum Beruf und vieles andere mehr strukturieren und bestimmen mit, ob es von der Disposition schwach bewußter, diffuser Informationsbedürfnisse zum Erkennen der Mangellage als konkreter Informationsbedarfslagen kommt, und beeinflussen und bestimmen gleichermaßen, ob es von hier bis zur Nachfrage nach Informationen kommt […].“ [S. 285ff.]
Eigentlich sollte man meinen, dass diese psychische Hürde in Zeiten des Internets nicht mehr existiert, da ja Informationen quasi ‚anonym‘ eingeholt werden können und es keinem anderen auffällt, wenn man Fehler bei einer Benutzung macht. Anscheinend aber, hat sich daran nichts geändert und Viele kommen bis heute über Wikipedia nicht hinaus.
„Der dann folgende Schritt, die Bewertung“, so Feldmann weiter „führt oft zu Problemen, da man öfter nur schwer entscheiden kann, was von den Informationen für die Aufgabenstellung adäquat ist. Das wird besonders schwierig bei Bereichen, auf denen man ganz ‚neu‘ ist.“ [S. 287]
Mir scheint, dass dieses Problem durch die zunehmende Digitalisierung noch viel größer geworden ist, denn die Flut an Informationen zu einem Thema ist massiv angewachsen und eine Beurteilung der Qualität ist oftmals deutlich schwieriger geworden ist als es in analogen Zeiten schon war.
Deutlich wird, dass die Probleme mit der Literaturrecherche – analog wie digital – oftmals im Menschen selbst verankerte psychische Ursachen haben. Die Faulheit zu bekämpfen ist und bleibt stets ein Problem und die digitalen Möglichkeiten unterstützen die Faulheit auch ein wenig indem sie Einfachheit und Schnelligkeit teilweise nur vorgaukeln.

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