Von neidischen Augen und gastfreien Menschen – #Tischzuchten

Es ist Ostern – ein Fest der Christen und ein Fest des Essens (wie die meisten christlichen Feste).
Da liegt es nahe sich auch einmal mit den Gepflogenheiten beim Essen zu beschäftigen, insbesondere in diesem Jahr 2018, das auch gleichzeitig Kulturerbejahr ist und in dem es auch um das gelebte Erbe geht. Ja und was ist mehr gelebtes Erbe als das Essen?
Gegessen wurde zu allen Zeiten, denn Essen und Trinken halten nicht nur Leib und Seele zusammen sie sind auch ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens und das wohl vom Anbeginn der Menschheitsgeschichte.
Da nimmt es nicht Wunder, dass alsbald Regeln entstanden. Regeln, die das Benehmen bei der Mahlzeit in ordentliche Bahnen lenken sollten und die auch darüber bestimmten sollten, was ein Gastgeber auf den Tisch brachte.

Grobianus Tischzucht
Grobianus Tischzucht bin ich genant. Den Brüdern im Seworden wol bekant.

Essen und Regeln – die Tischzuchten

Viele dieser Regeln haben sich einfach entwickelt, andere hingegen wurden festgelegt und festgeschrieben. Solch festgeschriebene Regelungen haben spätestens im Mittelalter den Namen „Tischzucht“ erhalten. Ursprünglich, d.h. im Mittelalter, waren sie didaktische Dichtungen, deren Ursprünge wohl in der Klosterkultur zu suchen sind. Bald aber gingen die „Tischzuchten“ auch in den höfisch-ritterlichen Bereich und in die Prosa-Sprache über.
Inhaltlich beschäftigen sich die Tischzuchten mit ganz verschiedenen Bereichen, die rund um eine Mahlzeit wichtig sein. Das fängt an mit den Vorbereitungen, die für eine Mahlzeit getroffen werden müssen, das betrifft – gerade in fürstlichen oder königlichen Häusern – natürlich auch die nötigen Diener, die das Essen auftragen sollen. Weiter geht es dann um den Beginn des Mahls und die Frage wie es eingeleitet wird, ob etwas angesagt wird, ob und wie gebetet wird u. ä. Dazu kommen dann allgemeine und spezielle Anweisungen bzgl. des Essens, so etwa wie bestimmte Speisen serviert oder gegessen oder serviert werden sollen. Auch das Trinken bedarf natürlich gewisser Regelungen, denn nicht zu jedem Essen gibt es jedes Getränk und auch die Mengen müssen ja festgelegt werden.
So wie der Anfang der Mahlzeit einer Regelung bedarf, so bedarf natürlich auch das Ende einer gewissen Ordnung, denn es sollen ja nicht einfach alle aufstehen und sich des Weges trollen so wie ihnen gerade der Sinn danach steht. Deswegen wird in Tischzuchten vielfach beschrieben wie das Ende einer Mahlzeit aussehen soll und was danach zu geschehen hat, so etwa wer was wann und wie abzuräumen hat, denn: Ordnung muss sein!
Besonders wichtig ist natürlich das Verhalten während der Mahlzeit, denn mit Knochen zu werfen und dem Nachbarn den Rotwein über den Rock zu gießen galt schon früh als durchaus unschicklich und keinesfalls erstrebenswert, da musste nicht erst der Herr Knigge kommen.
Nicht in allen Tischzuchten kommen alle Themen vor, denn nicht alle Tischzuchten waren etwa für den Adel geschrieben. Es gab auch die Tischzuchten, die eher für das „normale Volk“ gedacht waren und es gab jene, die eher parodistischer Natur waren und vielleicht gerade deswegen so beliebt und wahrscheinlich auch wirksam. Eines der berühmtesten Beispiele dieser Gruppe ist die „Winsbecke- Parodie“ in der es zum Beispiel heißt:
Wo es gilt, die Becher zu leeren,
da lasst uns betrunken werden und volllaufen,
selbst wenn wir uns eine Maulschelle ganz sicher einhandeln.

Die wohl berühmtesten Tischzuchten deutscher Sprache stammen übrigens wohl vom im Jahr 1494 geborenen Hans Sachs, dem berühmten Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter und Meistersinger, der bei seinem Tod im Jahr 1576 auf nicht weniger als 6.000 Werke zurückblicken konnte, die er geschaffen hatte. Tischzuchten hat er in beinahe 30 Jahren insgesamt drei geschrieben: Ein tischzucht (1534), Tischzucht im Rosenton (1542) und Die verkert dischzuecht Grobianj (1563).

Bachsignatur
Calov-Bibel mit Signatur von Johann Sebastian Bach.
The picture is from the American Bach Society [Public domain], via Wikimedia Commons

Tischzucht in der Bibel

Eine der ältesten, wenn nicht die älteste Tischzucht aber, die sich schriftlich überliefert hat, stammt aus der Bibel, genauer gesagt aus dem Buch „Jesus Sirach“. Diese aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert stammende apokryphe Schrift beinhaltet einen gar nicht so kurzen Abschnitt mit einer Ermahnung für den Sohn wie dieser sich bei Tisch zu verhalten habe.
Die Anweisungen, die diese Bibelstelle enthält seien hier in der Übersetzung Martin Luthers zitiert:
Jesus Sirach 31 und 32

Maßhalten beim Essen und Trinken
12 Wenn du am Tisch eines reichen Mannes sitzt, sperr deinen Mund nicht auf und sag nicht: Hier gibt es aber viel!
13 sondern bedenke, dass ein neidisches Auge schlimm ist. Denn was ist neidischer als das Auge? Darum weint es schon beim geringsten Anlass.
14 Greif nicht nach dem, worauf ein anderer blickt, damit du nicht mit ihm in der Schüssel zusammenstößt.
15 Schließe von dir darauf, was dein Nächster gern oder ungern hat, und bedenke alles, was du tust.
16 Iss wie ein Mensch, was dir vorgesetzt wird, und friss nicht, damit man dich nicht verachte.
17 Zeige deine Erziehung und höre als Erster auf; sei nicht unersättlich, dass du keinen Anstoß erregst.
18 Wenn du mit vielen am Tisch sitzt, greif nicht zuerst zu.
19 Ein wohlerzogener Mensch ist mit wenig zufrieden und muss in seinem Bett nicht stöhnen.
20 Wer Maß hält beim Essen, schläft gut; am Morgen steht er auf und fühlt sich wohl. Aber wer zu viel isst, schläft unruhig und krümmt sich vor Schmerzen.
21 Wenn du genötigt worden bist, zu viel zu essen, steh auf und erbrich dich, dann wirst du Ruhe haben.
22 Mein Kind, gehorche mir und missachte mich nicht, so wirst du zuletzt meine Worte verstehen. Was du auch tust, tue es richtig, und du wirst nicht krank werden.
23 Wer sich bei Tisch gut benimmt, den loben die Leute; sein Ruhm steht fest.
24 Wer mit Brot geizt, wird in der Stadt gescholten, und zu Recht hat er einen schlechten Ruf.
25 Sei kein Held beim Wein, denn schon viele hat er ins Verderben gestürzt.
26 Die Esse prüft die Härte des Eisens, wenn man es eintaucht; ebenso prüft der Wein die Herzen, wenn die Mutwilligen in Streit geraten.
27 Der Wein erquickt die Menschen, wenn man ihn mäßig trinkt. Was ist das Leben ohne Wein? Denn er ist von Anbeginn zur Freude geschaffen.
28 Der Wein, zu rechter Zeit und in rechtem Maße getrunken, erfreut Herz und Seele.
29 Zu viel Wein bei Ärger und Streit macht die Seele bitter.
30 Trunkenheit macht einen Narren ganz maßlos, bis er hinfällt und sich verletzt.
31 Beschäme deinen Nächsten nicht beim Wein und verspotte ihn nicht, wenn er lustig wird! Beschimpfe und dränge ihn nicht, wenn er dir etwas zurückzahlen muss!

Bescheidenheit beim Gastmahl
1 Du sollst ein Gastmahl leiten? Erhebe dich nicht über die andern, sondern stelle dich ihnen gleich. Sorge erst für sie, dann setze dich.
2 Und wenn du alles getan hast, was notwendig war, dann setz dich zu ihnen, damit sie dich loben und du einen Kranz erhältst, weil du alles so wohl geordnet hast.
3 Der du zu den Älteren zählst, ergreif das Wort, rede mit Bedacht, denn es steht dir zu; aber hindere die Spielleute nicht.
4 Wenn man ihnen lauscht, so schwatz nicht dazwischen und spare dir deine Weisheit für andere Zeiten.
5 Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert Musik das Festmahl.
6 Wie ein Smaragd auf schönem Gold, so wirken Lieder bei gutem Wein.
7 Du aber, junger Mann, rede nur, wenn du musst, aber ein zweites Mal höchstens, wenn man dich fragt.
8 Mach es kurz und sage mit wenigen Worten viel; verhalte dich wie einer, der Bescheid weiß, aber doch schweigt.
9 Bei Vornehmen spiel dich nicht auf, und wo Alte sind, schwatz nicht viel.
10 Vor dem Donner leuchtet der Blitz; und dem Bescheidenen geht große Gunst voraus.
11 Steh beizeiten vom Tisch auf und sei nicht der Letzte; sondern geh eilends heim und halte dich nicht auf.
12 Dort sei unbeschwert und gehe deinen Gedanken nach, aber versündige dich nicht in übermütiger Rede,
13 sondern danke für all dies deinem Schöpfer, der dich mit seinen Gütern gesättigt hat.

 

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Bald geht es weiter mit Tischzuchten aus dem Mittelalter: Tannhäuser und Walter von der Vogelweide lassen grüßen!

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