Wo ist eigentlich Westfalen?

oder: Die Frage: Was ist eigentlich Westfalen?

Aus der Sicht einer heute lebenden Rheinländerin ist Westfalen dieser Teil von Nordrhein-Westfalen, der irgendwie da oben und irgendwie da rechts liegt, an der Grenze zu Niedersachsen und Hessen.
Diese Einschätzung zeigt schon, dass sich Rheinländer und Westfalen bis heute – 75 Jahre nach der Gründung des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen – noch nicht so recht zusammengerauft haben und bis heute oftmals auch noch nicht so richtig viel übereinander wissen.
Im Zuge meiner Recherchen für “Preußen in Westfalen” fiel mir so richtig auf wie wenig selbst ich als rheinische Historikerin, die sich eigentlich recht viel mit Landesgeschichte beschäftigt hat, über Westfalen weiß. Ein Zustand, der dringend geändert werden muss. Ja, und deshalb gehe ich nun hier einmal den Fragen nach: Wo ist eigentlich Westfalen und – diese Frage mag auf’s erste Hören merkwürdig klingen – was ist Westfalen eigentlich?

Westfalen
Westfalen

Westfalen oder: Wenn Google irrt

Um Antworten auf meine Fragen zu bekommen lag es nahe – da bin ich dann doch ein Mensch des digitalen Zeitalters – Google zu befragen. Ich gab also einfach mal “Westfalen” ins Suchfeld ein und war erstaunt, denn Google blendete mir gleich eine größere Zahl an Fragen zu Westfalen ein. Offenbar bin ich also nicht allein und tue mich nicht als einzige schwer die territorialen bzw. regionalen Grenzen von Westfalen zu bestimmen.
Die ersten vier Fragen, die Google mir einblendete waren:

  • Was gehört alles zu Westfalen?
  • Welche Städte liegen in Westfalen?
  • Wo liegt die Grenze zwischen Nordrhein und Westfalen?
  • Welche Landkreise gehören zu Westfalen?

Es hätte jetzt also einfach werden können: Einfach auf den Pfeil klicken und die Antwort haben. Dem Konjunktiv entnehmen Sie wohl schon: Es wurde nicht einfach, denn offenbar kennt Google nicht den Unterschied zwischen Westfalen und Nordrhein-Westfalen. Dumm gelaufen.
Die Antworten, die ich beim Klicken auf die Pfeile erhielt waren nämlich nicht Antworten auf die eigentlichen Fragen, sondern Verweise z.B. auf Wikipedia und die Liste der größten Städte in Nordrhein-Westfalen, die aber gibt keine Auskunft darüber welche Stadt zu Nordrhein und welche zu Westfalen gehört.
Es half also nichts, ich musste wieder auf die traditionelle und analoge Methode zurückgreifen: passende Bücher suchen. Das gestaltete sich übrigens erstaunlich schwierig, denn als Rheinländerin mit lauter eher rheinischen Bibliotheken vor der Türe findet man nicht gerade viel Literatur zu Westfalen. Also bemühte ich den auswärtigen Leihverkehr.
Jetzt sitze ich vor einem Stapel mehr oder minder dicker Bücher und versuche eine Antwort auf meine Fragen zu finden und vielleicht kann ich dann ja auch die bei Google gestellten Fragen beantworten (im Gegensatz zu Google).

Plate '046av-046br' from the Atlas Ortelius by Abraham Ortelius. Original edition from 1571 with additions from 1573, 1579 and 1584
Tafel ‘046av-046br’ Atlas von Abraham Ortelius, 1571-1584 gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Westfalen – ein Gebiet und viele Definitionen

Schon ein Blick ins erste Buch zeigte mir, das es schwierig werden würde eine Definition für “Westfalen” zu finden, denn der Autor selbst – Harm Klueting, ein ausgewiesener Experte – widmete sich in mehreren Kapiteln und unter unterschiedlichen Fragestellungen dem Finden einer Definition.
Eins war schnell klar: “Westfalen”, so als feststehendes Gebilde, als einzelne Definition gibt es eigentlich nicht. Es gibt eher verschiedene “Westfalen” (und damit sind jetzt nicht die Menschen gemeint). Da gibt es z.B. den kulturellen Begriff “Westfalen”, dann den politischen Begriff “Westfalen”, der allerdings zerfällt dann auch wieder in unterschiedliche Definitionen, je nach Zeitraum, je nach Sichtweise. Diese Unterscheidung zwischen verschiedenen Westfalen-Begriffen machte übrigens schon der „Niederrheinisch-Westfälische Kreiskalender“ des Jahres 1758. Er unterschied „zwischen Westfalen im ‚weitläufigen Sinne‘ (dem Reichskreis), Westfalen im ‚engeren Sinne‘ (dem Herzogtum) und ‚Westfalen überhaupt‘ (der Landschaft Westfalen im Sinne des kulturellen Westfalen-Begriffs)“.[1]
So langsam dämmerte es mir, warum man beim Preußenmuseum Minden und beim Netzwerk “Preußen in Westfalen” so gar keine Probleme damit hatte mich für meine dritte Tour an den tiefen Niederrhein zu entsenden, der für mich nun eigentlich so weit von Westfalen entfernt ist, wie man in Nordrhein-Westfalen eben davon entfernt sein kann. Ein ähnliches Dämmern ergab sich übrigens auch in Bezug auf Bad Pyrmont – ein Ort auf der Liste meiner zweiten Tour – denn Bad Pyrmont liegt heute in Niedersachsen.
Um Licht ins Dunkel und ein wenig Ordnung in die westfälischen Verhältnisse zu bringen also nun erst einmal der Versuch die unterschiedlichen Definitionen und damit verbundenen Grenzen von Westfalen auszuloten und zu bestimmen.

Frederik de Wit (1630-1706). De Wit based his map on the one by Gerardus Mercator (1512-1594) of 1575
Karte Westfalens von Frederik de Wit (1630-1706), basierend auf einer Karte Gerhard Mercators von 1575
gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Westfalen – der kulturelle Begriff

„Als fester Bestandteil des kulturellen Westfalen-Begriff des 13. bis 19. oder 20. Jahrhunderts“, so schreibt Harm Klueting, „erscheint somit das Gebiet des Münsterlandes, Minden-Ravensbergs, Lippes, Paderborns und Corveys, des märkischen und des kölnischen Sauerlandes, des Osnabrücker Landes, des Emslandes und der Grafschaft Bentheim und des Oldenburger Landes. Westfalen in diesem Sinne reichte bis vor die Tore Bremens und umfaßte den größten Teil des heute zu Niedersachsen gehörenden Gebietes westlich der Weser.“[2]

Münsterland

Das Münsterland findet man im nordwestlichen Teil Westfalens. Wenig verwunderlich ist die Stadt Münster nicht nur Namensgeberin, sondern auch Mittelpunkt dieser Region.
Man ahnt es wahrscheinlich schon: auch das Münsterland hat viele verschiedene Grenzziehungen, je nachdem, ob man sich am Naturraum, an der Kultur oder der Geschichte orientiert.
Neben dem Territorium des Hochstifts Münster zählt man in aller Regel auch die Kreise Borken, Coesfeld, Steinfurt, Warendorf und die Stadt Münster hinzu.

Johannes Gigas (Joan Gigante): Karte des Fürstbistums Münster, 1621 (Hessisches Staatsarchiv Marburg Karten nr. P II 4305). Zum Archivale:
Johannes Gigas (Joan Gigante): Karte des Fürstbistums Münster, 1621 (Hessisches Staatsarchiv Marburg Karten nr. P II 4305). Zum Archivale: https://arcinsys.hessen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v1924065 CC by SA 4.0
Minden-Ravensberg

Minden-Ravensberg, das ist der Bereich, den wir heute meist unter dem Begriff Ostwestfalen kennen. Historisch betrachtet besteht der Bereich aus dem ehemaligen Fürstentum Minden, basierend auf dem Territorium des ehemaligen Hochstifts und der Grafschaft Ravensberg. Zwar war Minden aus Verwaltungssicht die entscheidende Stadt, aber größer und vor allem wirtschaftlich bedeutender war Bielefeld.

Lippe

Lippe, das ist heute der oft unterschlagene und im Namen nicht vorkommende dritte Landesteil von Nordrhein-Westfalen. Er gehört zum Regierungsbezirk Detmold und basiert auf den Grenzen des Fürstentums Lippe, das damals wie heute durch die Lippische Rose symbolisiert wird.

Lippische Rose
Die Grafschaft Lippe. Nro. 326. Kolorierter Kupferstich
Die Grafschaft Lippe. Nro. 326. Kolorierter Kupferstich Franz Johann Joseph von Reilly gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Paderborn

Paderborn, das ist heute schlichtweg eine westfälische Stadt. Früher aber, da war es ein eigenständiges Territorium, basierend auf den Besitzungen des Hochstifts Paderborn.

Matthäus Seutter: Karte des Hochstifts Paderborn um 1750
Matthäus Seutter: Karte des Hochstifts Paderborn um 1750 gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Corvey

Corvey, das ist heute ein Kloster, genauer gesagt ein Kloster, das UNESCO-Weltkulturerbe ist. Und da mag man sich schon wundern, wie es denn so einem alten Kloster irgendwo in Westfalen gelingt einen solchen Titel zu erreichen. Nun, einst (gemeint ist das Mittelalter) war Corvey eines der bedeutendsten Klöster Europas. Wie so manch anderem Kloster gelang es auch Corvey ein eigenes Territorium aufzubauen und den Titel „keyserliches und hochfürstliches Stift Corvey“ zu erlangen.
Allerdings wurde das Territorium nie so groß und bedeutend, dass man sich dauerhaft auf der Landkarte hätte behaupten können. 1792 wurde das Kloster vom Papst mangels Nachwuchs aufgehoben und zum Hochstift (Bistum) erklärt und der Kirchenprovinz Mainz unterstellt. Das endgültige Ende Corveys kam mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und die Übertragung an die Grafen von Nassau-Dillenburg.

Karte der Fürstabtei Corvey von Johannes Gigas (1620)
Karte der Fürstabtei Corvey von Johannes Gigas (1620) gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Märkisches und Kurkölnisches Sauerland

Ja, ja, das Sauerland – Heimat vieler oranger Wohnwagen …
Nein, Spaß beiseite: das Sauerland ist – anders als man vermuten sollte, wenn man nicht gerade aus der Region stammt – kein einheitlicher Gebirgszug, sondern setzt sich aus mehreren Gebirgen und zusammen. Da gibt es z.B. das Rothaargebirge mit den höchsten Bergen des Sauerlandes oder auch das Upland, das zu Hessen gehört.
Historische betrachtet ist das Sauerland zweigeteilt, sowohl was die Herrschaftsverhältnisse, als auch was die Konfession anbelangt.

Osnabrücker Land

Wikipedia beschreibt das Osnabrücker Land wie folgt: “Das Osnabrücker Land (ostwestfälisch Ossenbrüggske Laand) ist eine Region im Südwesten Niedersachsens, die in nordrhein-westfälisches Gebiet hineinragt. Zentrum ist die kreisfreie Stadt Osnabrück. Naturräumlich liegt die Kernlandschaft im Osnabrücker Hügelland, jedoch reicht der Kulturraum nach Norden über das Wiehengebirge hinweg bis ins Bersenbrücker Land, während er im Süden über den Teutoburger Wald hinaus bis ins nördliche Ostmünsterland reicht. Er umfasst in der Hauptsache das Einzugsgebiet des Oberlaufes der Hase. Das Osnabrücker Land gehört zum westfälischen Kulturraum und war bis zum Wiener Kongress auch politisch westfälisch.”

Emsland

Im äußersten Nordwesten Nordrhein-Westfalens direkt an der Grenze zu Niedersachsen – zu dem es auch teilweise gehört – liegt das Emsland. Es umfasst den heutigen Landkreis Emsland und die Grafschaft Bentheim, die zu Niedersachsen gehören und oft als hannoversches Emsland bezeichnet werden und das sog. westfälische Emsland, das deckungsgleich ist mit dem in Nordrhein-Westfalen liegenden Kreis Steinfurt.

Grafschaft Bentheim

Und wieder einmal schießen wir über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus, denn die alte Grafschaft Bentheim mit ihrer Burg Bentheim und der heutigen Stadt Bad Bentheim, liegt in Niedersachsen.

Die Grafschaft Bentheim um 1794/95 von Franz Johann Joseph von Reilly
Die Grafschaft Bentheim um 1794/95 von Franz Johann Joseph von Reilly
Oldenburger Land

Und wieder sind wir im heutigen Niedersachsen: Das Oldenburger Land setzt sich zusammen aus folgenden historischen Territorien: Grafschaft Oldenburg und dem Niederstift Münster. Daraus wurde zwischen 1774 und 1815 das Herzogtum Oldenburg, dann bis 1918 das Großherzogtum Oldenburg.

Oldenburg Bibliothek allgemeinen und praktischen Wissens für Militäranwärter Band I, 1905
Karte von Oldenburg aus: Bibliothek allgemeinen und praktischen Wissens für Militäranwärter Band I, 1905 gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Karte der Provinz Westfalen aus: Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen 1895

Westfalen – der politische Begriff

Kann man den kulturellen Begriff Westfalen noch recht leicht fassen, so tut man sich mit dem politischen Begriff deutlich schwerer, denn es gibt mehrere politische Westfalen-Begriffe. Entstanden sind diese politischen Begrifflichkeiten etwa seit dem 13. Jahrhundert.
Da gibt es zum einen das alte Herzogtum mit Namen Westfalen. Einst Teil des Stammesherzogtums Sachsen und dann später Teil von Kurköln, bis es 1803 im Zuge des Reichsdeputationshauptschlusses an Hessen-Darmstadt fiel. Das Herzogtum bezeichnet einen kleineren geographischen Bereich als der kulturelle Begriff. „Gemeint sind Teile des Sauerlandes und des Hellwegraumes zwischen Werl und Geseke“.[3]
Zum anderen gibt es das Marschallamt Westfalen. Es war kleiner als das Herzogtum, lag aber ebenfalls in Händen der Kölner Erzbischöfe bis diese es um 1455 an Johann von Nassau verpfändeten. Dieser Begriff ist der älteste der politischen Westfalen-Begriffe.
Als letzter politischer Westfalen-Begriff begegnet uns – historisch betrachtet – der Westfälische Reichskreis, der eigentlich Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis hieß und weit über das Gebiet hinausgreift, das man so gemeinhin als Westfalen versteht.
Neben diesen drei politischen Begriffen von Westfalen gibt es, nimmt man es genau, noch einen vierten: das preußische Westfalen und das ist ja gerade in Zusammenhang mit meiner Suche nach „Preußen in Westfalen“ ziemlich interessant.
Um sie nun gegebenenfalls vollständig zu verwirren: es gibt noch einen, wenn auch sehr kurzlebigen, Westfalen-Begriff: das Königreich, aber das gab es nur von 1807-1813.

Herzogtum Westfalen

Aus einem Teil des sächsischen Stammesherzogtum wurde 1180 auf dem Hoftag zu Gelnhausen das Herzogtum Westfalen. Es fiel an den Kölner Erzbischof und da sollte es gut 600 Jahre bleiben bis der Reichsdeputationshauptschluss 1803 die Herrlichkeit endgültig beendete.
Zusammengesetzt war das Herzogtum aus den vier Quartalen Brilon, Rüthen, Bilstein und Werl, die ihrerseits untergliedert waren in Freiheiten und Ämter.
Ende des 18. Jahrhunderts existierten im Herzogtum Westfalen insgesamt 25 Städte: Brilon, Rüthen, Geseke, Werl, Attendorn, Arnsberg, Menden, Olpe, Marsberg, Volkmarsen, Medebach, Warstein, Kallenhardt, Belecke, Drolshagen, Neheim, Hallenberg, Schmallenberg, Winterberg, Eversberg, Allendorf, Grevenstein, Hirschberg, Balve und Fredeburg. Dazu kamen elf Freiheiten: Meschede, Sundern, Hagen bei Sundern, Hüsten, Freienohl, Affeln, Bödefeld, Hachen, Langscheid, Bilstein und die Bergfreiheit Silbach.

Herzogtum Westfalen
Herzogtum Westfalen – Karte vor 1700 Municipal Library of Trento, Public domain, via Wikimedia Commons
Marschallamt Westfalen

Das Marschallamt umfasste Ende des 13. Jahrhunderts folgende Orte und Burgen:
Waldenburg, Meinerzhagen, Attendorn, Schmallenberg, Winterberg, Hallenberg, Medebach, Marsberg, Rüthen, Erwitte, Burg Krukenberg, Brilon, Warstein, Kallenhardt, Belecke, Geseke, Soest, Werl, Herford, Vlotho, Lügde, Pyrmont, Wiedenbrück, Lüdinghausen, Vreden, Menden, Burg Rodenberg, Volkmarsen, Kogelnberg, Burg Volmarstein, Burg Raffenberg, Siegen.
Im 14. und 15. Jahrhundert kamen noch Arnsberg, Bilstein und Fredeburg hinzu während Soest verlorenging.

Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis

Der Niederrheinisch-Westfälische Reichskreis, der späterhin meist nur noch als Westfälischer Reichskreis bezeichnet wurde, umfasst ein riesiges Gebiet, das in weiten Teilen mit dem Herzogtum oder auch dem Marschallamt nichts zu tun hatte. Laut der „Neuen Erdbeschreibung“ des Anton Friedrich Büsching aus dem Jahr 1770 gehörten zum Reichskreis folgende Territorien und Städte:
Hochstift Münster, Herzogtum Kleve, Grafschaft Mark, Grafschaft Ravensberg, Herzogtum Jülich, Herzogtum Berg, Hochstift Paderborn, Hochstift Lüttich, Hochstift Osnabrück, Fürstentum Minden, Fürstentum Verden, Abtei Corvey, Abtei Stablo und Malmedy, Abtei Werden, Abtei Kornelimünster, Abtei Essen, Abtei Thorn, Abtei Herford, die nassauischen Länder, Fürstentum Ostfriesland, Fürstentum Moers, Grafschaft Wied, Grafschaft Sayn, Grafschaft Schaumburg, Grafschaft Oldenburg und Delmenhorst, Grafschaft Lippe, Grafschaft Sternberg, Grafschaft Bentheim, Grafschaft Steinfurt, Grafschaft Tecklenburg und Lingen, Grafschaft Hoya, Grafschaft Virneburg, Grafschaft Diepholz, Grafschaft Spiegelberg, Grafschaft Rietberg, Grafschaft Pyrmont, Grafschaft Gronsfeld und Reckenheim, sowie die Graf- und Herrschaften Anholt, Winnbeurg und Beilstein, Holzappel, Witten, Eiß und Schlemacken, Blankenheim und Gerolstein, Gemen, Gimborn und Neustadt, Wickradt, Millendonk, Reichenstein, Kerpen und Commersum, Schleiden und Hallermund und die Reichsstädte Köln, Aachen und Dortmund

Als mit dem Frieden von Lunéville 1801 die linksrheinischen Reichsgebiete an Frankreich abgetreten wurden änderten sich auch die Grenzen des Reichskreises, der fortan fast nur noch Westfälischer Reichskreis genannt wurde, denn der Niederrhein (zumindest der linksrheinische) war ja nun französisch.

Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis Landkarte von Westfalen von Peter Schenk dem Älteren um 1710
Niederrheinisch-Westfälischer Reichskreis Landkarte von Westfalen von Peter Schenk dem Älteren um 1710 gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Preußisches Westfalen

Das preußische Westfalen entstand, als 1609 das Herzogtum Kleve, die Grafschaften Mark und Ravensberg, Moers, Lingen und Tecklenburg sowie das Hochstift Minden, das Oberquartier Geldern und das Fürstentum Ostfriesland an Brandenburg, später Preußen genannt, fielen. Gerade im 18. Jahrhundert war dieser Westfalen-Begriff populär und wurde viel genutzt.[4]

Im 19. Jahrhundert allerdings entstand eine neue Definition für das preußische Westfalen, denn die alte Region wurde durch den Wiener Kongress aufgeteilt und zerfiel nun in einen preußischen, einen hannoverschen und einen oldenburgischen Teil. An das Königreich Hannover fielen das Gebiet des ehemaligen Hochstifts Osnabrück, sowie die Grafschaften Bentheim und Lingen und Teile des ehemaligen Niederstifts Münster. Das neue Großherzogtum Oldenburg erhielt die Ämter Cloppenburg und Vechta, die ehemals dem Niederstift Münster angehörten.
Die „preußische Provinz Westfalen mit Münster als Provinzialhauptstadt“ entstand 1816. Sie wurde aufgeteilt in drei Regierungsbezirke: Arnsberg, Minden und Münster. „1817 kamen die beiden Grafschaften Wittgenstein-Berleburg und Wittgenstein-Wittgenstein (Laasphe) und im gleichen Jahr auch der [damalige] Kreis Siegen“[5] zur neuen preußischen Provinz hinzu.
Damit nimmt die alte preußische Provinz mit wenigen Ausnahmen die heutige Grenzziehung sowohl bezogen auf die bundesdeutsche Grenze als auch auf die Grenzen zwischen den Bundesländern vorweg. So schreibt Klueting: „Seit 1817 haben sich die Grenzen der Provinz Westfalen, die heute als Bundesgrenze gegen das Königreich der Niederlande, als nordrhein-westfälische Landesgrenze gegen Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz […] nur geringfügig im Rahmen von Eingemeindungen oder örtlichen Grenzkorrekturen verändert.“[6] Auch die Grenzen der Regierungsbezirke sind letztlich identisch geblieben.

Meyer‘s Zeitungsatlas 053 – Provinz Westphalen
Meyer‘s Zeitungsatlas 053 – Provinz Westphalen gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Das Königreich Westfalen

Das kurzlebige Königreich Royaume de Westphalie „reichte von Wiedenbrück und Salzkotten im Westen bis nach Magdeburg an der Elbe und bis nach Halle an der Saale und umfaßte von Westfalen im herkömmlichen Sinne lediglich das Hochstift Paderborn und das Corveyer Stiftsgebiet, die Grafschaft Rietberg und das Amt Reckenberg (Wiedenbrück), Minden-Ravensberg und das Hochstift Osnabrück, nicht aber Lippe und das 1808 zum Großherzogtum Berg geschlagene Rheda.“[7] Die Hauptstadt dieses so kurzlebigen Königreichs war das so gar nicht westfälische Kassel.

Atlas des Königreichs Westphalen bestehend aus acht Departements▴ und einer General▴Charte auf höchsten Königl. Befehl nach Official▴Quellen entworfen / Entworfen von Smalian, und gezeichnet von Smalian, Ilse, Jahn und Gockel Teil: [X] 1809
gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Externsteine historische Postkarte
Externsteine historische Postkarte

Der Naturraum Westfalen

Um sie vollständig zu verwirren: es gibt auch noch einen naturräumlichen Westfalenbegriff und – sie ahnen es wahrscheinlich – der ist nicht wirklich deckungsgleich mit irgendeinem der schon definierten Westfalen-Begriffe.
Der naturräumliche bzw. geografische Begriff von Westfalen umfasst insgesamt drei äußerst verschiedene Landschaften: da ist das mittelgebirgige Süder- bzw. Sauerland, dann das doch eher flache Münsterland mit der Westfälischen Bucht und zum guten Schluss das Weserbergland oder auch Ostwestfalen. Drei ganz unterschiedliche Regionen, die dennoch eine Einheit bilden und sich bis heute als Westfalen verstehen.[8]


[1] Harm KLUETING: Geschichte Westfalens. Das Land zwischen Rhein und Weser vom 8. bis zum 20. Jahrhundert, Paderborn 1998, S. 16.
[2] ebd., S. 13.
[3] ebd. S. 13.
[4] ebd., S. 16.
[5] ebd., S. 17.
[6] ebd., S. 17.
[7] ebd., S. 17.
[8] ebd., S. 19ff.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.