Vom Meister und einem gegebenen Pfennig #Tischzuchten

Im 13. Jahrhundert entstand die gleich folgende Tischzucht. Ihr Verfasser war ein Meister Konrad von Haslau, wer der genau war, das wird wohl für immer im dunkel der Geschichte verborgen bleiben, denn wirkliche Quellen haben wir nicht über ihn, wir können nur mutmaßen und versuchen ein paar Hinweise zu einem wenn auch löchrigen Bild zusammenzusetzen:

„Der Jüngling“ heißt das aus 1264 Reimversen bestehende Lehrgedicht, das uns vom Meister erzählt. Nur ein anderes Gedicht, das unter dem Namen „Seifried Helbling“ bekannt ist, verrät uns letztlich des Meisters Namen. Den Worten können wir entnehmen, dass Konrad aus Österreich stammte und nimmt man noch seine eigenen Worte hinzu, dann entstammte er wohl der Gruppe der fahrenden Dichter und Literaten, die eher zu den Besitzlosen zu rechnen waren und sich so manches Mal auch an dem ein oder anderen adligen Hof als Knabenerzieher verdingten.[1]

Die Sprache des Meisters ist derb, sie ist volkstümlich und in einem österreichischen Dialekt gehalten, so dass die Angaben bei Seifried wohl stimmen, was die Herkunft Konrads anbelangt. Sehen wir uns den Inhalt der Dichtung an, so war der Meister wohl so manches Mal am Rande der Verzweiflung was die Jugend seiner Zeit anging (es hat sich also in beinah 800 Jahren nicht wirklich etwas verändert). Dass dem so war, das zeigt das Motiv dessen sich Meister Konrad bedient: es ist das Motiv der „Pfennigbuße“; will heißen der Meister wünscht sich von jedem mit moralischem Makel behafteten Knaben, der gegen eine Anstands- bzw. Verhaltensregel verstößt einen Pfennig (wahrscheinlich wäre er reich geworden).

Hans Friedrich Rosenfeld[2] fasste den Inhalt des gesamten Gedichts und seine Umstände so zusammen:

„Kritisch tritt er seiner Zeit mit ausgeprägter Neigung und Fähigkeit zu lebensvoller satirischer Zustandsschilderung und einer scharfen Beobachtungsgabe gegenüber […]. Sein Pessimismus beruht auf dem kulturellen Wandel der Epoche: die sittlichen Normen der höfischen Zeit sind bereits verblaßt; Minnedienst und ritterliche Waffenübung spielen bei ihm ebenso wenig mehr eine Rolle wie der erzieherische Wert der höfischen Literatur. Gutes Benehmen bei Tisch […] und auf dem Ritt, maßvolle Sorgfalt in Kleidung und Pflege der äußeren Erscheinung und Warnung vor Trunk und Würfelspiel stehen im Vordergrund, daneben moralische Forderungen allgemein menschlicher Art und fast ganz ohne Bezug auf das öffentliche Leben: rechter Gebrauch des Reichtums, Wahrheit und Aufrichtigkeit.“

Küche im Mittelalter
Küchendarstellung, Tacuinum sanitatis, 15. Jahrhundert, by unknown master (book scan) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

 

Die folgende „Tischzucht“ findet sich in den Zeilen 529-708 in der Textausgabe von Moritz Haupt in der Zeitschrift für deutsches Altertum, Bd. 8, 1851:

Am Tische sitzt so mancher Mann,
der keine Zucht erkennen lässt.
Einer spielt mit sich selber,
damit die Unzucht ihm nicht befiehlt;
oder liegen Schachfiguren vor ihm,
dann klopft und spielt er
und vergnügt sich wie ein Kind.
So gießt einer vor sich Wein hin
und malt Sicheln und Beile[3]
er schnitzt, er schneidet, er macht Scharten
in den Tisch: das ist unhöfisch;
das ist den guten Gastgebern leid,
dass er die Unzucht nicht lässt
in seinen Tisch zu schneiden.
Denn das habe ich oft gesehen,
er schnitzt, er ritzt, er macht Striche
oder malt einen Tatermann[4]:
da wird der Tisch nicht schöner von.
Wenn ein Jüngling den Tisch unehrt,
dann gebe er mit einen Pfennig.
Der Tisch hat auf manche Weise Wertigkeit,
wenn man Tuch und Brot darauf gelegt hat
und wenn Getränke und Speisen darauf stehen.
er sitzt, wenn auch sein Genosse zu ihm geht;
Dass er doch zu essen aufhörte,
wenn er vom Tisch aufsteht.
Deshalb soll ein edler Mann
sich gern der Tugend annehmen
und sich züchtig satt essen.
So sitzt mancher wie ein Pflug:
er lässt Beine und Arme hängen,
als hätten ihn Regengüsse herbeigeschwemmt.
es kümmert ihn nicht, wie seine Hände liegen;
er sitzt, als täten ihm die Lenden weh.
Den nächsten schabt er mit der Achsel;
er beugt den Rücken,
durch die Essensgier über die Schüssel.
Wer ihm nun eine Sprosse unter die Gurgel setzt,
damit er aufrecht sitzt,
auch nur solange er isst,
der hat nicht übel an ihm gehandelt.
Mancher wandert durch die Schüssel
und drückt das Beste in seinen Mund:
Dem ist Geselligkeit unbekannt,
der seinen Genossen übervorteilt.
Der Diener, der den Becher so füllt,
dass es ihm über die Hand rinnt
und er sich sein Gewand begießt,
der tut des Dienstes zu viel,
und wer das Getränk seinem Genossen reichen will
das kann ich ungestraft sagen,
als wolle er es ihm in den Busen stoßen,
und macht es nicht zur rechten Zeit.
Wer also so heftig übertreibt
wahrhaftig, der selbe Jüngling,
der gebe mir einen Pfennig.
Auch erkenne ich einen besseren Tadel.
Wer gerne über das Maß hinaus redet,
und über den Becher sieht, während er trinkt
der ist deshalb nicht kühner.
Und antwortet er, so man einen anderen fragt,
dann verdrießt mich das von ihm.
er sei Herr oder Knappe.
Er spähe, er breche, er schnippe, er schnappe!
Wer ohne Grund übel redet,
den sieht man als Krawallmacher an.
Unzüchtige Rede und (Nicht)Wohlverhalten
können den Mann seine Ehre kosten.
Solches Gebaren verscheucht die Leute.
Wer die Augen nicht wieder wenden kann,
wo er zuerst hinsah,
dem muss man Unzucht nachsagen,
und der pfeift wie ein Orkan,
der den Mund offen lässt.
So bläst der seine Wangen zum Mond auf,
als wenn er Posaune blasen wollte.
Ihm gehen Auge und Zunge hin und her;
er sieht hin und her
und benimmt sich wie ein Vogel,
der giert und mehr essen will;
er isst wie ein Kornschneider
und trinkt wie ein Bader.
Das heißt alles Unmäßigkeit.
So erkennt man auch seine Unzucht,
kommt ihm etwas Seltenes auf den Tisch,
es sei Wildbret, Geflügel oder Fisch,
will er es essen und nicht teilen.
Damit kann er seine Tugend beflecken.
Wer das Austrinken verdammt,
und die Unzucht nicht mäßigt,
wer Brot bricht und fallen lässt
und ohne Erlaubnis das Getränkt vermehrt
und das Brot zu seinen Füssen schüttet,
der soll mit das billigerweise büßen.
Wer zur Unzeit vom Tisch geht
und nicht darauf achtet, wie er das Tischtuch liegen lässt,
er esse schlecht oder gut,
derselbe soll mir einen Pfennig geben.
Wenn irgendein edler Knecht dienen wollte,
willig, wie er sollte,
der beachte höfische Zucht.
So trägt mancher seinem Herren
das Getränk richtig hin.
Er steht ein Stück von ihm weg,
dass er länger die Weisung abwartet,
so dass er sieht, wann er zugießen soll!
Er kniet auf keine Weise nieder.
Er rennt auch nicht von dannen,
dadurch geht es ihm schlecht von der Hand.
So wird auch dies Unzucht genannt.
Spricht der Herr zu seinem Knecht:
„Trink selbst!“ und er trinkt, so tut er recht.
Heißt ihn aber ein anderer Knecht trinken,
so ist dies großes Unrecht,
oder sonst soll man ihn einen Possenreißer schimpfen.
Davon verliert man seine Würde.
So hat mancher Herr auch die Art und Weise,
dass er seinen Knecht so lange damit stehen lässt,
dass er auf den Beinen wanken muss.
Das sollen die Alten auch bedenken.
Wer einem Kind das Licht lässt,
so lang, bis es ohnmächtig wird,
das ist eine sehr unkluge Art,
damit verleidet man ihm den Dienst.
So denkt mancher Knecht an einen Witz,
wenn ihn der Herr sitzen heißt;
so sagt er: „Ich will stehen.“:
Der macht auch nicht, was er soll.
Mancher Junge ist von dem Dienst
und er wird groß wie ein Baumstamm.
Wenn er so vor dem Herrn steht
so wie eine Vorratskammer,
die der Winter geleert hat
damit er Schmerz und Alter zeigt,
so stünde ihm bei seinem Wuchs besser ein Speer in der Hand,
der die Feinde in Bedrängnis bringt.
Doch habe ich einen großen Mann gesehen,
dem man Zucht und Anstand nachsagt,
und einen kleinen so beschaffenen
dass alle Welt zufrieden ist.
Wenn der Große kindlich tut
und der Junge hat den Mut des Alters,
bedeutet das das Hintere nach Vorne gekehrt.
Das mehr mir mein Geld einfach.
Wenn der Junge im Dienst träge ist,
dann ist das unangemessen,
so dass mir derselbe Jüngling
einen Pfennig geben soll.

Kalocsa-Codex
Sammlung kleinerer mittelhochdeutscher Reimpaardichtungen (Kalocsa-Kodex) Cologny, Fondation Martin Bodmer, Cod. Bodmer 72, f. 2r – Sammlung kleinerer mittelhochdeutscher Reimpaardichtungen (Kalocsa-Kodex) (https://www.e-codices.ch/de/list/one/fmb/cb-0072)
Lizenz: CC-by-NC Wetzel René, Deutsche Handschriften des Mittelalters in der Bodmeriana, Cologny-Genève 1994, S. 81-129. Hier: Beschreibung durch Dr. Karin Schneider, München.

 

[1] Vgl. hierzu auch die ältere Ansicht von Karl Bartsch: https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Konrad_von_Haslau

[2] Rosenfeld, Hans-Friedrich, “Konrad von Haslau” in: Neue Deutsche Biographie 12 (1979), S. 541 f. [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd103138773.html#ndbcontent

[3] Im Text: „barten“ dies kann sowohl Beil als auch Streitaxt bedeuten.

[4] „Tatermann“: Kobold, Gliederpuppe.

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