Von Grobianen und von Narren – Sebastian Brant #Tischzucht

Wir haben uns mit den Tischzuchten ein wenig weiter bewegt und sind bei Sebastian Brant gelandet. Es geht hinein ins 15. bzw. 16. Jahrhundert und wir verlassen so langsam das Mittelalter.

Aber es gibt immer noch Tischzuchten und sie sind immer noch sehr lang und ausführlich. Wir sehen also: all die Tischzuchten des Mittelalters haben offenbar nicht viel geholfen, noch immer herrscht der “Grobianismus” vor und die Tischsitten sind nicht wirklich fein.
Sollten Sie gerade etwas essen, dann würde ich auch vorschlagen die nachfolgende Tischzucht nicht unbedingt direkt zu lesen, es sei denn Sie haben einen hartgesottenen Magen.

Sebastian Brant – Autor, Kanzler, Humanist

Der Mann, der uns hier begegnet und der das Bild des „deutschen Grobianismus“ entscheidend mitprägte ist Sebastian Brant. Geboren wurde er im Jahr 1457 oder 1458 in Straßburg im Elsass. Er gilt als einer der produktivsten Autoren seiner Zeit und seine Veröffentlichungsliste ist in der Tat beeindruckend lang.

Der Humanismus prägte ihn und sein „Narrenschiff“ ist bis heute viel gelesen. Kein Wunder, wo die Narren doch nicht weniger werden. Aber wenden wir uns seiner Biographie einmal chronologisch zu:

#Tischzuchten; Porträt Sebastian Brant
Porträt Sebastian Brants, Public Domain, Original: Rijksmusem; via Europeana

Sebastian Brant – Kindheit, Jugend und Beruf

Sebastian Brant ist der erste Autor in der Reihe „Tischzuchten“ über den wir tatsächlich recht viel wissen und von dem wir uns ein recht genaues Bild machen können. Sein Vater war Ratsherr und Gastwirt in Straßburg. Selbst der Mädchenname seiner Mutter Barbara ist bekannt, der lautete Picker und auch sie stammte aus Straßburg. Sebastian war etwa 10 Jahre alt, als sein Vater 1468 starb, mehr wissen wir nicht über seine Kindheit. Wir haben keine Informationen darüber welche Schule oder welche Schulen er besuchte oder was ihn sonst noch so umtrieb. Erst 1475 taucht er aus dem Dunkel auf, da begann er sein Studium in Basel. Zunächst studierte er die Artes, die sieben freien Künste und auch die Rechtswissenschaft.

1477/78 endete der erste Teil seines Studiums mit dem Bakkalaureat der Rechte. Er studierte weiter und erlangte 1484 das Lizenziat. Ein guter Zeitpunkt um zu heiraten. Zur Ehefrau erkor er Elisabeth Burgis (oder Bürgi), die aus Basel stammte und Tochter eines Meisters der Baseler Messerschmiedzunft war. Sieben Kinder gingen aus dieser Ehe hervor.

Doch Brant war lange nicht am Ende seiner Ausbildung. Er studierte weiter und promovierte im Jahr 1489 in Rechtswissenschaften. Wohl sofort wurde er in das Kollegium der Professoren der Universität Basel aufgenommen und lehrte fortan sowohl das kanonische als auch das römische Recht. Außerdem verschrieb er sich der Poesie, die er ebenfalls an der Universität lehrte.

Er muss ein angesehener Mann gewesen sein, denn 1492 machte man ihn für ein Jahr zum Dekan der juristischen Fakultät. Offenbar hielt ihm seine Frau ganz gut den Rücken frei, denn neben seiner Lehrtätigkeit an der Universität arbeitete er auch noch als Richter, Advokat und Rechtsgutachter. Keine Arbeitswut, eher eine schiere Notwendigkeit, denn soweit wir wissen wurde er erst seit 1496 an der Universität tatsächlich besoldet. Kurz darauf, 1497, beschränkte er sich dann in seiner Lehrtätigkeit nurmehr auf das kanonische Recht.

Irgendwie muss der Tag dieses Mannes aber dennoch eher 48 als 24 Stunden gehabt haben, denn neben all diesen Broterwerben hatte er auch noch Zeit für zahlreiche Publikationen. Es war nicht nur Fachliteratur, die er veröffentlichte, auch dichterische Werke, Einblattdrucke und Flugschriften stammten aus seiner Feder. Aus dieser Zeit stammt auch seine wohl berühmteste Dichtung das „Narrenschiff“ (1494).

 

Schedelsche Weltchronik - Ansicht Straßburg
Ansicht Straßburgs aus der Schedelschen Weltchronik

Sebastian Brant – die letzten Jahre

Das Jahr 1500 ließ nicht nur ein neues Jahrhundert beginnen, sondern auch einen neuen Lebensabschnitt für Sebastian Brant. Er beschloss zurückzugehen in seine Geburtsstadt nach Straßburg.

Im Januar kam er hier an und trat die Stelle eines Syndikus an. Schon ein Jahr später änderte sich sein Leben erneut, denn er wurde zum Stadtschreiber und Kanzler in Straßburg ernannt; nun war er der oberste Verwaltungsbeamte seiner Heimatstadt. Offenbar nahm ihn diese Arbeit mehr in Anspruch als die Tätigkeiten in Basel oder aber er hatte einfach nicht mehr so viel kreatives Potential, denn die Zahl seiner Veröffentlichungen sank nun rapide. Statt selbst literarisch tätig zu sein verlegte er sich mehr und mehr darauf andere Literaten und ihre Werke zu fördern.

Brants Bekanntheitsgrad muss hoch gewesen sein und auch sein Ansehen, wie man nicht zuletzt an seiner Korrespondenz sehen kann. Nicht weniger als 128 Briefe haben sich von ihm erhalten. Dabei sind Briefe von und an Maximilian I., Konrad Peutinger, Willibald Pirckheimer, Johannes Reuchlin und Jakob Wimpheling.

Nach einer Reise nach Gent, wo er Kaiser Karl V. für die Reichsstadt Straßburg huldigte, starb er 1521 in seiner Geburtsstadt.

 

Holzschnitt aus Sebastian Brant "Narrenschiff" - passend zur Tischzucht; Bild wohl von Albrecht Dürer
Holzschnitt aus Sebstaian Brants “Narrenschiff” – wahrscheinlich von Albrecht Dürer
[Public domain], via Wikimedia Commons

Von Tischzucht[1]

Bei Tisch begeht man Grobheit viel:
Das zählt wohl auch zum Narrenstil,
Wovon zuletzt ich sagen will.
Hab ich die Narrheit all durchsucht,
So werden billig noch gebucht
Die auch für Narren hält die Welt,
Obgleich mein Buch sie nicht enthält;
Denn wenn sie mancher Unart pflegen
Und aller Hofzucht thun entgegen,
Auch grob und ungezogen sind,
Sind sie doch nicht so gänzlich blind,
Daß sie die Ehrbarkeit verletzten
Wie Die wir in dieß Buch schon setzten;
Sie haben auch nicht Gott vergeßen,
Sie sind im Trinken und im Eßen
So bäurisch nur und ländlich grob,
Daß sie unflätig heißen drob:
Wie Die nicht erst die Hände waschen,
Wenn sie am Tisch sich niederlaßen;
Oder die sich zu Tische setzen
Und Andre durch den Platz verletzen
Die höher sollten sein geseßen;
Vernunft und Hofzucht so vergeßen,
Daß man laut rufen muß: hoho!
Auf, guter Freund, das geht nicht so:
Laß diesen Herrn an deine Statt!
Oder der nicht gesprochen hat
Den Segen über Brot und Wein
Eh er will Tischgenoße sein;
Oder zuerst greift in die Schüßel
Und stößt das Eßen in den Rüßel
Vor ehrbarn Leuten, Herrn und Frauen;
Auf die er wartend sollte schauen
Bis sie die ersten dreingegriffen:
So gält‘ er nicht für ungeschliffen;
Der auch so eilends eßen muß,
Daß er so bläst in Kraut und Mus
Und sich zerbläst die Backen so
Wie man Scheunen ansteckt oder Stroh.
Mancher beträuft Tischtuch und Kleid,
Legt in die Schüßel ungescheut
Zurück was gröblich ihm entfallen,
Daß es den Gästen widert allen.
Andere wieder sind so faul,
Wenn sie den Löffel thun ins Maul,
So henken sie den offnen Rüßel
Gleich über Teller, Mus und Schüßel,
Daß Alles was da fällt hernieder
In die große Schüßel muß hinwieder.
Etliche sind so naseweise,
Daß sie erst riechen an die Speise
Und machen scheu die andern Leute,
Die sonst wohl mit zu eßen freute.
Etliche kann das Fleisch im Munde
Und werfens wieder aus zur Stunde
Auf Tischtuch, Schüßel oder Erde,
Ob Manchem übel drüber werde.
Wer den Mund jetzt voll gegeßen hatte,
Legt es wohl wieder auf die Platte,
Oder lehnt vorn über auf den Tisch
Zu schaun wo noch gut Fleisch und Fisch:
Was näher vor dem Andern lag
Nimmt er für sich nun in Beschlag,
Oder schließt was vor ihm liegt sich ein,
Daß es keinem Andern sei gemein
Was man wohl einen Schlingrab nennt,
Der sich bei Tisch allein nur kennt,
Und darauf wendet Müh und Fleiß,
Daß Er allein eß alle Speis,
Den Magen selber füllen könne,
Den Andern nicht das Gleich gönne.
Solch Einen nenn ich Räumenhagen,
Leersnäpfli, Schmierwanst, Füllenmagen.
Ein böser Tischgesell ist das,
Der billig heißen mag ein Fraß,
Wenn er die Unart nicht vermeidet,
Wo das Glück ihm gute Kost bescheidet,
Daß er dem Tischfreund sie verleidet,
Oder die Backen vollstopft so
Als steckten sie ihm voller Stroh,
Beim Eßen um sich pflegt zu gaffen
In alle Winkel wie die Affen,
Und jedem zusehn will ob der
Einen Bißen mehr wohl eß als er,
Und eh der einen Bißen zuckt,
Hat er vier, fünfe schon verschluckt.
Und weil ihm nicht entgehen soll,
Häuft er den Teller übervoll
Und eilt die Platte dann zu räumen
Inzwischen ja nichts zu versäumen.
Auch pflegt er vor dem Niederschlucken
Tief in den Becher erst zu gucken,
Macht eine Suppe sich von Wein,
Und schwenkt damit die Backen rein,
Was er mit solcher Gier vollbringt,
Daß es ihm halb zur Nas aus springt,
Oder spritzt es Dem daneben dicht
Ins Tringlas oder Angesicht.
Neun Taubenzüge für einen Deut,
Das ist die Art zu trinken heut.
Den schmutzgen Mund wischt man nicht mehr:
Im Becher schwimmt das Fett umher.
Schmatzen beim Trinken läßt nicht sein;
Auch wird’s den Nachbarn widrig sein,
Wenn man so schlürft durch alle Zähne:
Solch Trinken giebt ein bös Getöne.
Mancher trinkt mit solchem Geschrei
Als ob eine Kuh käm aus dem Heu.
Zutrinken war sonst ehrenvoll;
Jetzt läuft der Weinschlauch erst sich voll,
Dann will er Andern trinken vor:
Er hebt das Trinkglas hoch empor,
Und bringt ihm freundlich einen Trunk,
Damit der Becher macht glunk glunk.
Sie meinen Andre so zu ehren,
Wenn sie das Glas zuletzt umkehren.
Ich halte nichts auf solche Sitte,
Daß man vor mir das Glas umschütte,
Oder man mich zu trinken bitte.
Ich trinke selbst, doch Keinem zu:
Wer sich gern füllt ist eine Kuh.
Solch Einer schwatzt auch immerfort,
Läßt Niemand über Tisch zu Wort.
Die Andern müßen Mann für Mann
Zuhören wie er schwatzen kann.
Ausreden läßt er Keinen je,
Und thut mit Worten Allen weh
Und verleumdet auch zu jeder Frist
Manchem, der nicht zugegen ist.
Auch kratzt sich Einer wohl den Grund
Und lugt, ob er kein Wildbrät find
(Mit sechs Füßen und dem Ulmer Schild),
Das er dann auf dem Teller knüllt,
In die Platte drauf die Finger taucht,
Weil er eine Nägleinbrühe braucht.
Wenn er die Nase sich gewischt,
Streicht er die Finger an den Tisch.
Viele sind so höflich auch erzogen,
Daß sie auf Arm und Ellenbogen
Sich lehnen und den Tisch bewegen,
Gar drauf mit allen Vieren legen
Wie jene Braut von Geisptzheim,
Die auf den Teller legt‘ ihr Bein
Und niederglitt: da bei dem Sturz
Entfuhr ihr auf dem Tisch ein –,
Ein Rülpsen ließ sie sich entwischen,
Wenn man zur Zeit nicht kam dazwischen
Mit Kübeln, sie aufthat das Maul,
Ihr würden alle Zähne faul.
Einige sieht man so hofieren,
Daß sie das Brot sich ganz beschmieren
Mit schmutzger Hand im Pfefferbrei,
Damit es wohl gesalbet sei.
Wer vortheilhaft weiß vorzulegen,
Rückt dem Besten nur verzagt entgegen;
Was mir dann selber nicht will munden,
Das geb ich einem andern Kunden:
So wird der Weg allmählich offen,
Der mich das Beste läßt erhoffen.
Einem Andern wird was ich nicht will,
Das Beste mir: so schweig ich still.
Mir hat schon Mancher so hofiert;
Ich wollt, er hätts nicht angerührt:
So hätt er das nicht weggeschleckt
Was vor mir lag und beßer schmeckt.
Mancher mit Schlendrianums Weisen
Ließ auf dem Tisch die Schüßel kreisen
Bis das Beste vor ihn war gekommen;
Ich hab es öfter wahrgenommen,
Daß Mancher trieb solch Abenteuer,
Das ihm zum Zweck lieh gute Steuer:
Er füllte lecker sich den Bauch.
So giebts bei Tisch seltsamen Brauch,
Wenn ich es all erzählen sollte,
Ein ganzes Buch ich schreiben wollte,
Wie sie wohl in den Becher pfiffen,
Mit den Fingern in das Salzfaß griffen,
Daß Mancher dacht es wär zu grob;
Und doch verdient es eher Lob
Als daß man Salz nimmt mit dem Meßer.
Gewachsne Hand ist immer beßer
Und sauberer als jene Klingen,
Die wir in der Scheide bei uns bringen,
Da man nicht weiß zu welchen Stunden
Eine Katze ward damit geschunden.
Für übeln Brauch wird auch gehalten
Eier zu schlagen und zu spalten,
Und ander solches Gaukelspiel,
Wovon ich hier nicht schreiben will,
Denn es geschieht aus Höflichkeit
Und ich schreibe hier von Grobheit,
Nicht von höflichen, feinen Sachen.
Ich müst auch eine Bibel machen,
Sollt ich den Mussbrauch all beschreiben,
Den man beim Eßen pflegt zu treiben.
Ich acht auch das nicht für zu viel,
Falls etwas in das Trinkglas fiel,
Wenn man das mit dem Mund abbläst,
Oder darein das Meßer stößt,
Oder des Brotes eine Schnitte;
Doch hält man dieß für feinre Sitte.
Ich laße Solches gern beruhn,
Man mag dieß oder jenes thun;
Nur hält mans nach dem Brauch für gut,
Daß man Alles aus dem Becher thut,
Ein frisches Trinkglas lieber nimmt,
Wie das bei Herren wohl sich ziemt:
Denn Niemand mag mit Glimpf das schelten;
Doch geschiehts bei armen Leuten selten.
Ein armer Mann läßt sich genügen:
Was Gott ihm giebt, ist sein Vergnügen;
Er kann nicht aller Hofzucht pflegen.
Zum Schluße spreche man den Segen:
Wenn man genugsam trank und aß,
So sage man Deo gratias.
Für einen Weisen gilt mir nicht,
Wer übergeht so leichte Pflicht;
Weshalb ich unbedenklich sage,
Daß er die Narrenkappe trage.

 

 

[1] Übersetzung von Karl Joseph Simrock: Sebastian Brands Narrenschiff. Ein Hausschatz zur Ergetzung und Erbauung, 1872, S. 298-305.

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