Von Vielfraßen und höfischem Brauch – Tischzucht aus Bollstatters Spruchsammlung

Wir sind noch einmal in Augsburg und wir sind bei einem Kollegen von Clara Hätzlerin, mit deren Tischzucht wir uns ja schon beschäftigt haben.

Der Mann, der uns die folgende Tischzucht überliefert hat hieß Konrad. Man kennt ihn als Konrad Müller, aber auch als Konrad Bollstatter. Geboren wurde er um das Jahr 1420 bis etwa 1430, so genau weiß man das nicht (aber das kennen wir ja auch schon). Sein Geburtsort war Oettingen, eine kleine Gemeinde in Bayern, die heute zum Landkreis Donau-Ries gehört, im Regierungsbezirk Schwaben.

Konrads Vater hieß ebenfalls Konrad (genannt der Ältere) und schon er war Schreiber gewesen, genau wie viele seiner Vorfahren. Er stammte aus Deiningen, nicht so sehr weit von Oettingen entfernt, ebenfalls im heutigen Landkreis Donau-Ries gelegen. Verdingt hat er sich zur Zeit der Geburt seines Sohnes wohl als Kanzleischreiber der Grafen von Oettingen.

Bei einer solch langen Tradition von Schreibern, auf die Konrad junior zurückblicken konnte, war es naheliegend, dass auch er Schreiber wurde und irgendwie lag es auch nahe, dass er dort anfing, wo auch sein Vater gearbeitet hatte, nämlich bei den Grafen von Oettingen. Dort findet man ihn in dieser Position in den Jahren 1446 bis 1453. Offenbar gefiel es ihm dort aber nicht oder er bekam ein besseres Angebot oder vielleicht gab es auch einen ganz anderen Grund, wer weiß das schon noch. Klar ist nur, er verließ diese Schreibstube und begab sich nach Höchstädt. Auch in diesem kleinen Städtchen an der Donau, im heutigen Landkreis Dillingen gelegen, arbeitete er als Schreiber. Nachweisbar ist er hier zwischen 1455 und 1458. Dann jedoch zog es ihn erneut in neue Gefilde und er kam in die Stadt der Schreiber, wo auch Clara arbeitete, nach Augsburg. Hier verfasste er zahlreiche illustrierte Handschriften, von denen 15 bis heute bekannt sind.

Gestorben ist Konrad Müller, den man Bollstatter nannte hier in Augsburg, wohl irgendwann in den Jahren 1482 bis 1483.

Stundenbuch
Johann von Valois bei einem großen Mahl. Illustration von Très Riches Heures (Das Stundenbuch des Herzogs von Berry), ca. 1410 [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Tischzucht aus Bollstatters Spruchsammlung

Wenn du dich zu Tisch gesetzt hast,
sollst du Gott und die Armen nicht vergessen.
Wer bei Tisch höflich sein will,
der beachte meine Lehre.
Geh zum Essen nirgends hin,
wo man dich nicht eingeladen hat.
Lass die Ehrbaren und die Weisen
vor dir zu Tische gehen.
An keinen Platz setzte dich selbst,
außer dort, wo dich der Wirt hin bittet.
Mit Essen soll sich niemand bedienen,
es sei denn der Segen ist vorangegangen.
Bei der ersten Schnitte Brot vom Teller
denke an die Not der Armen.
Den Wein und das Brot lass stehen,
bis man das Essen bringt,
dass niemand denkt: “Sieh, der Vielfraß!
Der leidet Hunger über alle Maßen.“
Du sollst vom Brot nicht abbeißen
und damit in die Schüssel greifen.
Lass das Salz sauber bleiben,
indem du nicht hineintunkst.
Trägt man einen Teller von dir weg,
fordere ihn nicht zurück, weiser Mann.
Lass eine Schnitte vor dir liegen,
darauf sollst du den Löffel legen.
Deine Hände sollen sauber sein
und Nase und Ohren nicht anrühren.
Deine Nägel sollen geschnitten sein
nach höfischem Brauch.
Du sollst keinesfalls trinken,
wenn du Essen im Mund hast,
und dazu soll dein Mund
auch zuvor abgewischt werden.
Wirf nicht nach bäurischer Art
den Speichel über den Tisch.
Du sollst niemand zuraunen,
was sich bei Tisch gehört.
Der Gast soll fröhlich sein und sich wohlfühlen,
das gefällt dem Wirt gut.
Wer Hofzucht lernen will,
der rede bei Tisch nicht zu viel.
Nach dem Tisch soll man reden
von schönen Dingen, das ist gut.
Was dir vom Essen herunterfällt,
das achte geringer als Galle.
Einen Apfel schäle von oben,
am Stiel beginne bei der Birne.
Teilt man dir Nüsse zu,
schlag sie nicht auf dem Tisch auf.
Wenn man nach Tisch das Wasser reicht,
begehre nicht, den Anfang zu machen.
Sitz aufrecht und nicht gebogen,
leg den Ellbogen nicht auf den Tisch.
Wenn dann der Tisch abgeräumt wird,
so sollst du Gott geziemend danken
und für alle bitten,
dass sie der Hölle ledig werden.
Danach trink den goldnen Trank;
viele sagen, er sei gesund.
An diese Tischlehre sollst du dich halten
und die Unklugen daraus belehren.
Amen.

 

Die Textgrundlage für die obige Tischzucht aus der Spruchsammlung Konrad Bollstatters ist: Andreas Winkler: Selbständige deutsche Tischzuchten des Mittelalters, Maburg 1982, S. 427-428.

 

Intensiv mit Konrad Bollstatter beschäftigt hat sich vor allem Klaus Graf, s. zum Beispiel: https://archivalia.hypotheses.org/9298

Auch der Artikel in der Neuen Deutschen Biographie (NDB) über Konrad Müller, gen. Bollstatter, stammt von Klaus Graf: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118513087.html#ndbcontent

 

Beitragsbild:
Konrad Bollstatter [Public domain], via Wikimedia Commons
Berlin, Staatsbibliothek , Mgf 564, Bl. 7v;  1472; Quelle: Aderlaß und Seelentrost, 2003, S. 189 – Konrad Bollstatter

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