Vom Benedicite bis zum Gracias – Die Tischzucht der Clara Hätzlerin

Sie war keine Schriftstellerin, keine Dichterin, die Clara Hätzlerin, die uns das Liederbuch überliefert hat aus dem die nachfolgende Tischzucht stammt. Sie war eine Kopistin und damit war sie und ist sie bis heute eine ganz besondere Frau, denn wir kennen keine andere Frau, die als bezahlte Schreiberin arbeitete und nicht, wie vielfach vermutet wurde, Nonne war.
Allerdings wissen wir, abgesehen von ihrer Einzigartigkeit auch nicht viel über sie. Weder ihr Geburts- noch ihr Sterbedatum sind wirklich bekannt. Gemutmaßt wird, dass sie um das Jahr 1430 in Augsburg geboren wurde und dort vermutlich auch um das Jahr 1476 starb.

Darstellung Augsburgs in der Schedelschen Weltchronik, 1493,
Darstellung Augsburgs in der Schedelschen Weltchronik, 1493,
Michel Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff (Text: Hartmann Schedel) [Public domain], via Wikimedia Commons

Clara Hätzlerin – die Kopistin von Augsburg

Dass wir überhaupt einen gewissen Anhalt bzgl. ihrer Lebenszeit haben, verdanken wir den Steuerbüchern der Stadt Augsburg, in denen sie zwischen 1452 und 1476 auftaucht. Sie bezeugen Leben und Arbeit dieser offenbar sehr emanzipierten und auch gebildeten Frau.
Schon ihr Elternhaus gab ihr diese Bildung mit, denn ihr Vater Bartholomäus arbeitete als Notar und Briefschreiber, der reichen Bürgern der Stadt bei der Durchsetzung ihrer Rechtsansprüche half. Er starb, als Clara ein Teenager war, um einmal diesen modernen Begriff zu benutzen. Es war das Jahr 1444 oder 1445. Sein Sohn, der ebenfalls Bartholomäus hieß, übernahm daraufhin wohl die Arbeit des Vaters und arbeitete von 1451 bis 1496 als notarius publicus in Augsburg.
Als Kopistin, bzw. Lohnschreiberin befand sich Clara in Augsburg in zahlreicher Gesellschaft; über 30 waren es Mitte des 15. Jahrhunderts allein Augsburg. Einer von ihnen war Konrad Bollstatter. Auch von ihm ist eine Tischzucht erhalten, die wir uns übrigens in einem der nächsten Beiträge anschauen werden.
Was diese Kopisten vor Erfindung des Buchdrucks herstellten, das war verhältnismäßig preisgünstige Gebrauchsliteratur. Es waren Spruchsammlungen, Codices, Liederbücher, die hier für ein breiteres Publikum vervielfältigt wurden. Ja, und Clara war eine ganz besondere Kopistin, denn ihre Handschrift gilt als eine der besten, sorgfältigsten und schönsten und vor allem als Prototyp der Kanzleibastarda.
Es sind insgesamt acht, nach anderen Zählungen neun, Handschriften, die uns von Clara Hätzlerin überliefert sind. Sie alle stammen aus den Jahren 1467 bis 1473. Es sind Rechtsbücher und Bücher über die Jagd, über Mystik und Magie und das Liederbuch, aus dem die folgende Tischzucht stammt.

Lateinisches Alphabet in Bastarda, aus: Edmund Fry, 1799 [Public domain], via Wikimedia Commons
Lateinisches Alphabet in Bastarda, aus: Edmund Fry, 1799 [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Tischzucht aus dem Liederbuch der Clara Hätzlerin

Seit uns Gott gesammelt hat,
so merkt ein Mensch früh und spät
und vernimmt die Lehre von der Tischzucht,
denn Speise ist immer eine edle Gabe,
Sie wird mit Recht geehrt
und mit Anstand verzehrt.
Damit so beginnen wir:
Es sei Frau oder Mann,
wer nicht schamrot sitzen will,
der mache zuvor, was ihm nötig ist.
Schneide die Nägel ordentlich,
dennoch sollst du nicht zu Tisch gehen,
die Hände sollst du noch waschen.
Sprich dann das Benedicite,
oder schlicht das Pater Noster;
das ist gut und gerecht.
Vor Ehrbaren wasch dich nicht.
Ist es denn, das es so geschieht,
das du kein Handtuch zur Hand hast,
wisch die Hände nicht an deiner Kleidung ab,
du sollst sie selber trocknen lassen.
Bitte dann, wie ich angewiesen habe,
dass Gott dich behüten wolle
vor Unreinem durch seine Güte.
Niemand soll zu Tisch sitzen,
den nicht der Wirt wohl einweist.
Der Wirt soll seine Gäste setzen,
niemand weiß, wer da der Beste ist.
Wenn man nach der Zucht leben will,
Frommen, Ehrbaren soll man geben
den Vortritt und sie oben sitzen lassen.
Doch ist man jetzt bedrängt
mit denen, die nach der Welt leben,
die da haben Gut und Geld,
sie seien verleumdet oder nicht.
Wirt, sieh selbst in die Geschichte,
ob Übermut davon kommt,
das man dich nicht verunglimpft.
Ein Wirt soll auch versorgt sein
mit Getränken, Bier, Wasser und Wein.
Was den Gästen gefällt,
das soll man rasch da haben.
Auf den Tisch setz auch nicht
Einschenkgeschirr, das ist Sitte.
Die Trinkbecher fülle die dastehen,
und man soll eingeschenkt haben
wenn die ersten Gerichte eingenommen werden,
Wenn es der Zucht auch wohl ziemt,
das man nicht vor der Speise trinkt.
Der ist auch nicht unweise,
der nicht vom Brot isst,
bis er die ersten Gerichte sieht.
Es ist auch rechte Zucht,
dass man nicht hastig stopft
beide Backen voll, das gehört sich nicht.
Auf dem Haupt soll man nichts haben,
mach ein freundliches Gesicht.
Richte den Rücken aufrecht.
Du sollst dich nicht zusammenkauern
und nicht immer hin- und herbiegen.
Hüte dich allezeit
und leg beiderseits nicht in den Mund,
wie ich’s zuvor erwähnt hab.
Noch eins will ich dich wissen lassen:
Es ist sehr unfein –
doch mancher hält es für keck -,
dass man nicht nach Verlangen zu essen wagt.
Das ist eine Schmach.
willst du bei Hofe Brot schneiden,
so sollst du stets vermeiden,
das Brot an deine Brust zu setzen
nach der schwachen Weiber Art,
die die Notwendigkeit dazu zwingt;
es wäre eine große Schande.
Beiß auch kein Stück ab von dem,
mit dem du essen willst.
Nimm’s statt dessen in die Hand,
so vermeidest du wohl die Schmach.
Als einzelner vor den Gesellen
iss nicht, das ist meine Lehre.
Man soll sich daran halten,
dass man mit beiden Händen isst.
Sitzt dir jemand zur rechten,
so sei an den Anstand gemahnt
und iss mit der Linken, das ist fein,
oder sonst wie es sich schickt.
Kommst du mit Trinken an die Reihe,
wisch dir vorher deinen Mund ab.
Du sollst den Mund angemessen
in das Trinkgefäß lassen.
Wenn dein Nachbar trinken soll,
so iss nicht, das ist fein.
Wer sich über die Schüssel beugt
und gar unzüchtig schnaubt,
mit dem Mund wie ein Schwein,
der soll bei dem anderen Viehzeug sein.
Wer schnauft wie ein Dachs
und trinkt wie aus einem Bach
und redet, wenn er essen will –
solche Dinge geziemen sich nicht.
Sich in das Tischtuch zu schnäuzen,
das gehört sich nicht, sprech ich fürwahr.
Wenn du etwas schneiden musst,
leg nicht die Finger auf das Messer,
sondern an die Klinge.
Wenn du Schnittlauch haben willst,
so sei klug und weise,
lass es nicht auf die Speise fallen,
die in der Schüssel vor dir steht,
es wäre eine grobe Missetat.
Leg die Kräuter nach dem Abschneiden
mit Sorgfalt neben den Teller.
Du sollst davon nicht zuviel abschneiden
und die Krümel nicht herumstreuen.
Die Kost sollst du auch nicht anblasen,
heb sie über den Teller mit Anstand
und lass sie schön erkalten.
Willst du dann Salz haben,
so nimm das nicht mit der Hand.
Erinnere dich an das gute Benehmen,
dass du es mit dem Messer nimmst
und deine Hände beherrschst,
damit sie nichts umwerfen.
Und lass sie auch nicht berühren
dein Gesicht oder dein Gewand,
es sei denn mit der linken Hand
und davon mit dem kleinen Finger.
Der Nächste dabei ist auch weniger geschickt
zu der Arznei als die andern.
Du sollst vom Tisch nicht aufstehn
es sei denn aus großer Not,
denn es wäre große Schande.
Bei Tisch sollst du nicht geschwätzig sein,
wenn du meiner Lehre folgen willst.
Auch sag ich, dass es schlecht ist,
wenn man gar nicht spricht.
Rede wahr und sprich höflich,
dass nicht Unfreude und Ungemach
jemandem davon geschieht.
Du sollst nicht hin- und hersehen
am Tisch, das gehört sich nicht.
Auch rate ich, dass niemand
in andere Schüsseln schauen soll,
damit man nicht von Makel spricht.
Du sollst über die Speise nicht sprechen,
wenn sie nicht nach deinem Geschmack ist.
Wer oben am Tisch sitzt,
der pflegt wohl die feine Sitte,
denn die Aufmerksamkeit richtet sich auf ihn,
dass man seiner Erziehung gewahr wird.
Er soll die Kost auch angreifen,
zu allererst, es sei denn,
dass ehrbare Frauen bei ihm sitzen
oder ein Mann, dem dies geziemt,
dann soll er diese beginnen lassen;
das ist höfisch und wohlgetan.
Man nehme nur wenig,
wenn einem die Speise widerstrebt,
weil man nicht wohl essen kann.
Darum sag ich fürwahr, man soll nicht viel vor sich haben,
weder Krümel noch Rinden,
noch von keiner Kost zu viel.
Auch meine ich und will,
dass du nicht in die Schüssel legst,
was vor dir ist und was du benagt hast.
Leg die Kost auf deinen Teller
und beschmutze nicht das Tischtuch.
Schneide von der Kost nach Bedarf,
dass du nicht zuschanden kommst.
Leg das andere wieder
in die Schüssel hinein.
Auch sollst du daran gemahnt sein:
Trink nicht zum Gemüse (das ist bekannt)
und auch nicht nach Äpfeln, so ist es recht,
doch nach Birnen soll man trinken.
Du sollst nicht UNgekautes schlingen,
und hab kein Essen im Mund,
wenn du trinkst, so ist es recht.
Wenn man die Teller aufheben soll,
so heb deinen Teller nicht,
bis die Würdigen – dem Brauch gemäß –
ihre Teller erhoben haben
und in die Schüsseln gelegt,
dann leg deinen dazu.
Bietet man dir dann den Wein,
so wende dich dem zu,
empfange ihn nicht mit zwei Händen.
Erinnere dich:
Überm Tisch bietet niemand den Wein.
Willst du ihn weitergeben,
so sollst du auch auf das acht haben:
Biete ihn mit einer Hand.
Und sei auch daran erinnert:
Sitzt man dir zur rechten Seite,
betätige dich nicht mit dieser Hand,
sondern biete ihn mit der linken.
Auch tu ich dir kund:
Iss von allen Speisen ohne Unterschied,
nicht nur von einer oder zweien.
Willst du dann Eier essen,
so sollst du nicht vergessen,
das Brot vorher aufzuschneiden,
eh das Ei aufgeschnitten wird.
Rühre es dann mit einem Stück Brot,
mit dem Messer bringt es dir Hohn.
Nach der Mahlzeit sei nicht faul,
sprich Gott zu Dank das Gracias.

 

Nach der Textfassung von Carl Haltaus: Liederbuch der Clara Hätzlerin, Quedlinburg-Leipzig 1840, S. 276-278.

 

Beitragsbild: Burgundischer Schreiber (Portät von Jean Miélot, Sekretär, Kopierer und Übersetzer von Herzog Philipp (III.) dem Guten von Burgund, von einer Kopie seiner Zusammenstellung der Miracles de Notre Dame ANMERKUNG: Tatsächlich weder ein Mönch! trotz eines Domherr/Kanon? von Lille Kathedrale [Frankreich].), 15. Jahrhundert. Das Bild ist sehr detailliert in der Wiedergabe der Einrichung, dem Material des Schreibers, Ausrüstung und Tätigkeit.

Jean Le Tavernier [Public domain] via Wikimedia Commons

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