Gesäuerte Milch und edles Bier – Zu Tisch in Mesopotamien

Esskultur in Mesopotamien? – Wo liegt Mesopotamien überhaupt? – Gab es irgendwelche Großreiche in Mesopotamien? – Wieso eigentlich Mesopotamien?

Das sind sicherlich nur ein paar Fragen, die einem so durch den Kopf schießen, wenn man sich die Überschrift dieses Beitrags durchliest. Offen gestanden habe ich mich auch gefragt, was es denn wohl so mit der Esskultur in Mesopotamien auf sich haben könnte und wenn ich ganz furchtbar ehrlich bin, dann musste ich auch kurz überlegen, um die Geographie im Kopf klar zu bekommen und mir ins Gedächtnis zu rufen mit welchen (Groß-)Reichen wir es denn in diesem Landstrich so zu tun haben.

 

Mesopotamien – das Zweistromland

Hört man den Begriff Zweistromland, dann ist vielen schon eher klar wo wir uns hier befinden und dass es sich um eine alte und wichtige Kulturlandschaft handelt, die auch Europa maßgeblich beeinflusst hat.

Euphrat und Tigris sind die beiden Ströme, die hier fließen und die das Land und die Menschen prägten und bis heute prägen. Hochkulturen gab es hier früh und zahlreich. Es waren die Sumerer, die Akkader, die Babylonier, die Assyrer, das Königreich Mittani, die Meder, die Perser, die Parther, die Sassaniden, die Osmanen und auch die Makedonier, die hier herrschten und Großreiche gründeten und natürlich mussten sie alle auch essen und gegessen haben die meisten von ihnen sowohl gut als auch gerne. Das wundert auch nicht, wenn man die Fruchtbarkeit vieler Bereiche dieser Landschaft betrachtet.

 

Eine sumerische Monumentalinschrift aus dem 26. Jahrhundert v. Chr.
Eine sumerische Monumentalinschrift aus dem 26. Jahrhundert v. Chr.
Unknown author [Public domain], via Wikimedia Commons

Von Schafhirten, Butter, Käse und Bier

„Ich werde nicht die Gattin eines Schafhirten werden.“ das sagt Innana, ihres Zeichens Göttin der Liebe und die Schwester des Sonnengotts Utu. Utu preist die Qualität der Butter und der Milch des Schafhirten, aber sie will nicht, sie will einen Bauern, der macht immerhin Bier und das scheint die Gute deutlich lieber zu trinken.

Nun tun Götter, gerade in der Antike, ja selten etwas, das die Menschen nicht tun und so kann man die Vorlieben der Götter sicher teilweise auch auf die Vorlieben der Menschen übersetzen und wenn man sich die ungeheure Anzahl der verschiedenen Begriffe für Bier und Milch, bzw. Milchprodukte in der Sprache der Sumerer anschaut, dann wird spätestens klar welch ungeheure Bedeutung diese beiden Nahrungsmittel gehabt haben müssen.

Der „Electronic Text Corpus of Sumerian Literature“ (ETCSL) der Universität Oxford kennt zum Beispiel „bestes Bier“, „edles Bier“, „gebrautes Bier“, ein „Biermischgetränk“ und „bestes gefiltertes Bier“. Bei Milch und Milcherzeugnisse wird es dann noch epischer, da finden sich „gelbe Milch“, „gesäuerte Milch“, „geschlagene Milch“, „Quark“, „kleine Käse“ und „große Käse“. Eine weitere Quelle mit Namen Urra=hubullu, bzw. eine Vorläufertafel davon aus Nippur, hinter der sich eine lexikalische Liste verbirgt, nennt insgesamt 17 verschiedene Milchprodukte und insgesamt drei verschiedene Arten von Butterschmalz. Als Käsesorten finden sich hier Frischkäse, gewürzter Käse, Honigkäse, Senfkäse, cremiger Käse, scharfer Käse, runder Käse, weißer Käse, großer und kleiner Käse.

All die Milch, die man zur Herstellung der Produkte brauchte, kam zunächst in erster Linie von Schafen, erst später kam die Milch von Kühen hinzu, denn ursprünglich wurden sie primär zur Fleischerzeugung gehalten und erst mit der Zeit erkannte man auch den Wert der Kuhmilch und begann sie zu verarbeiten. Das war so um das Jahr 6.500 v. Chr., also ganz schön lange her.

Wie genau man den Käse herstellte ist nicht bekannt. Ob Lab verwendet wurde ist ebenfalls nicht eindeutig zu klären. Erstmals wirklich belegt ist es um 1.400 v. Chr. in einem hethitischen Text.

 

Karte von Mesopotamien
Mesopotamien;
William Robert Shepherd [Public domain] via Wikimedia Commons

Mesopotamien, das Land, in dem Milch und Honig fließen

Aber immer nur Milch, Käse und Bier ist ja auf Dauer auch ein wenig langweilig. Das Leben braucht auch eine gewisse Süße und natürlich gab es auch die schon im alten Mesopotamien und zwar vor allem in Form von Honig. Und für alle begeisterten Süßmäuler: Kuchen gab es auch und die waren auch gleich richtig süß.

In einem literarischen Text aus der Zeit der Sumerer heißt es: „Gebt meinem kleinen Kerlchen süße Kuchen […] denn er mag süße Kuchen.“ (naja, wer nicht?) Liest man de Text weiter, dann findet man die Bitte um Honig und Wein, der Stadt Ur den Wohlstand würden.[1]

Neben dem Honig gab es auch Dattelsirup und auch dieser diente zum Süßen. Wahrscheinlich war der Dattelsirup sogar das häufigste Süßungsmittel, das in Mesopotamien verwendet wurde, denn in den überlieferten Texten aus der Frühzeit findet sich die Biene und auch die Bienenzucht nur ausgesprochen selten angesprochen. Das sah in Ägypten ganz anders aus, wo man die Biene häufig in Malereien findet und auch später im Reich der Hethiter, wo der Diebstahl von Bienenvölkern unter Strafe gestellt wurde.

 

Darstellung der Honigernte aus Röhrenstöcken. Grab des Pabasa in Theben
Darstellung der Honigernte aus Röhrenstöcken. Grab des Pabasa in Theben
John -Andrew Ginsbury
[Copyrighted free use], via Wikimedia Commons
Konrad Volk erwähnt in seinem Aufsatz über die Imkerei in Mesopotamien eine Steleninschrift des Statthalters von Mari und Suhu mit Namen Samaresusur. Sie stammt aus der Mitte des 8. Jahrhunderts und hier gibt es Bienen und natürlich auch Honig. Der Statthalter ließ dazu schreiben:
„Ich, Samasresusur, Statthalter des Landes Suhu und Mari, habe Bienen (wörtl.: „summerinnen“), die Honig sammeln (und) die seit meinen Vätern und Vorfahren niemand gesehen hat und sie zum Land Suhu nicht hat herunterbringen lassen – ich habe sie vom Gebirge der Habha-Leute herunterbringen lassen und habe sie in den Garten der Stadt Algabbaribani heimisch gemacht. Honig und Wachs (wörtl. Rückstand (des) Honig(s)) bringen sie zusammen. Das Auskochen des Honigs und des Wachses beherrsche ich und die Gärtner können es auch.“[2]

Das spricht schwer dafür, dass Honig in der Tat in Mesopotamien bis hinein ins letzte vorchristliche Jahrtausend eher Seltenheitswert besaß und die „süßen Kuchen“ eher mit Dattelsirup gesüßt wurden. Wenn überhaupt, dann gab es ihn bis zu diesem Zeitpunkt wohl primär als Importware. Damit war er teuer und für den normalsterblichen Mesopotamier wohl eher nicht das Süßungsmittel der Wahl, sondern eben ein Luxusartikel der Schönen und Reichen.

Neben dem Dattelsirup gab es auch Trockenfrüchte, die zum Süßen von Speisen benutzt wurden, vor allem bei Brot und Kuchen.

Von Geflügel, Fleisch und aromatischen Pflanzen – Die ältesten Kochrezepte der Welt

Und es gab noch viel mehr in Mesopotamien als diese Lebensmittel, es gab vor allem erstmals in der Geschichte der Menschheit (zumindest soweit wir wissen und sie erhalten geblieben sind) Kochrezepte! Und um die Geschichte so richtig rund zu machen sind die natürlich von einem Franzosen übersetzt und veröffentlicht worden (wer sonst hätte dies auch tun können?).[3]

Monsieur Botéro jedenfalls schreibt, dass es zum einen sowohl ausführliche Rezepte auf den Keilschrifttafeln gibt, als auch kurzgefasste Anweisungen, die wohl nicht mehr sind als „Exzerpte“ einer längeren Rezeptversion. Rezepte finden sich für Geflügelgerichte ebenso wie für Getreidebrei. Vor allem das Garen in Wasser wird beschrieben.

Auch Gewürze scheinen in der mesopotamischen Küche recht wichtig gewesen zu sein und so finden sich Hinweise auf etwa 36 verschiedene aromatisierende Zutaten. Vor allem Knoblauch findet sich in nahezu jedem Rezept, aber auch Lauch und Zwiebeln fand man wohl ausgesprochen wohlschmeckend. Bei so manchem Wort fällt es bis heute schwer die richtige Übersetzung zu finden, so dass manches mehr geahnt und gereimt erscheint, als wirklich gewusst, aber man arbeitete in der Küche Babyloniens wohl auch mit Minze, Kreuzkümmel, Dill, Koriander und Rauke.

 

Modell des Ischtar-Tores, Babylon
Modell des Ischtar-Tores; Gryffindor [Public domain], from Wikimedia Commons

Vom Brot und vom Rausch im Lande Babylonien

Wir bleiben im Zweistromland und wenden uns einer ganz besonderen Stadt zu, die berühmt wurde durch ihren Turm und die unglaubliche Sprachenverwirrung, die uns ja bis heute vor das ein oder andere Problem stellt, denn der Universaltranslator ist ja leider immer noch nicht erfunden.

Klar, die Rede ist von Babylon, jener Stadt, die im Laufe ihrer Geschichte das ein oder andere Großreich hervorbrachte Das erste so um das Jahr 1.900 v. Chr., das zweite dann so etwa 620 v. Chr., da begegnet uns dann auch der hochberühmte Nebukadnezar, der zum einen als Erbauer des Ischtar-Tores und zum anderen als Zerstörer des Tempels in Jerusalem in die Geschichte einging.

Aber wir wollten uns ja mit dem Essen beschäftigen und nicht mit irgendwelchen Königen oder Bauwerken, also zurück zum Thema und damit zurück zum Brot!

 

Tafel mit Gilgamesch-Epos
Tafel mit Gilgamesch-Epos
gemeinfrei via Wikimedia Commons

 

Brot war ein enorm wichtiges Lebensmittel bei den Babyloniern, das hatten sie eindeutig mit den alten Ägyptern gemein. Im Gilgamesch-Epos zum Beispiel findet sich folgende Passage: „Iss das Brot, Enkidu, das gehört zum Leben! Trink den Rauschtrank, wie’s Brauch ist im Lande! […] Brot aß Enkidu, bis er gesättigt war, trank den Rauschtrank – der Krüge sieben! Frei ward sein Inneres und heiter, es frohlockte sein Herz, und sein Antlitz erstrahlte! – Mit Wasser wusch er ab seinen haarigen Leib, er salbte sich mit Öl und wurde dadurch ein Mensch.“ Das muss ein ganz schön zähes Bürschlein gewesen sein mit einer reichlich großen Leber oder der „Rauschtrank“ war lange nicht so berauschend, wie ich mir das gerade vorstelle …

Was genau sich im Gilgamesch-Epos hinter dem Rauschtrank verbirgt ist übrigens nicht ganz klar. Auf jeden Fall gab es Bier in Babylon und auch Wein, wenn der auch lange nicht den Stellenwert des Bieres hatte, das war noch in römischer Zeit so, da nannte Sextus Julius Africanus die Babylonier „unverbesserliche Biertrinker“. Sie hatten also wohl eher die Mentalität der Deutschen, denn die der Italiener oder Franzosen.

Oder sie hatten vielleicht auch die Mentalität der Ägypter, die wir ja bereits als begnadete Biertrinker und Brotesser kennengelernt haben, denn auch im babylonischen Reich wurden offenbar Unmengen von Brot gegessen. Nicht weniger als 200 Brotarten finden sich in den lexikalischen Listen. Hergestellt wurde das Brot vielfach aus Gerste aber auch aus Emmer, so wie in Ägypten.

Ich wünsche Ihnen nun einen möglichst kulinarischen Resttag und wir lesen uns wieder im alten Griechenland!

 

 

[1] A. J. Ferrara: Nanna-Suens Journey to Nippur, Studia Pohl SM 2, Rom 1973.

[2] http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/propylaeumdok/865/1/Volk_Imkerei_im_Alten_Mesopotamien_1999.pdf

[3] Jean Bottéro: Textes culinaires mésopotamiens, Winona Lake Indiana 1995 und ders.: La plus vieille cuisine du monde, Paris 2002.

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