Grenzüberschreitung – Metz, eine Stadt und viele Grenzen – #3. Kulturwoche: Montag

#Kulturwoche Grenzenlos – Vorrede

In den letzten Wochen war ich viel unterwegs. Jedes Ziel barg ein neues Stück Kultur, ein neues Thema, einen anderen Schwerpunkt. Alle Ziele und Themen aber verband eine Gemeinsamkeit: Grenzenlosigkeit.
Dabei waren es viele verschiedene Arten von Grenzen. Ganz naheliegend die Grenzen zwischen Ländern, zwischen Territorien, zwischen Sprachen und Kulturen. Aber auch die Grenzen zwischen Zeiten und Epochen habe ich überschritten oder anderen beim Überschreiten zugeschaut. Gleiches gilt für die Grenzen zwischen U und E, zwischen Unterhaltung und Ernsthaftigkeit, zwischen Kunst und Wissenschaft. Auch neue Grenzen wurden überschritten, vor allem die zum virtuellen Raum – hinein ins Digitale.
Nicht immer war ich es selbst, die diese Grenzen überschritten hat, aber immer konnte ich zuschauen und miterleben. Und genau deshalb ist diese Kulturwoche nun „grenzenlos“ und die Grenzen, die wir überschreiten sind unendlich vielfältig. Immer aber passiert eins: ein roter Faden taucht auf und ganz unterschiedliche Themen treten zueinander in Beziehung – manchmal auf ganz unverhoffte Weise.
In diesem Sinne: Lassen Sie uns unsere grenzenlose Reise beginnen:


Von Ländergrenzen und dem Beginn einer Reise

Beim Thema Grenzen und damit auch „Grenzenlos“ denken wohl die meisten von uns erst einmal an Ländergrenzen. An Grenzen zwischen Staaten und Territorien, die nicht immer einfach zu überschreiten waren und es bis heute oftmals nicht sind.

Mir persönlich fällt da immer ganz besonders eine Stadt ein, die wohl eine ganz besondere Beziehung zu „Grenzen“ hat, einfach weil es hier mehr als eine gab und irgendwie auch noch gibt und weil sie sich im Laufe ihrer Geschichte darin geübt hat Grenzen zu verschieben und auch verschoben zu werden zwischen den Grenzen.

Die Rede ist von Metz – einer Stadt in Lothringen, die im Laufe ihrer Geschichte mal hierhin und mal dorthin gehörte und zeitweise mit einer ganz besonderen Grenze leben musste.

Damit ich heute von meinem Wohnort aus zu dieser Stadt gelange muss ich gleich zwei Ländergrenzen und eine ganz besondere Grenze überwinden. Zunächst überquere ich die Grenze nach Luxemburg (das uns im Laufe der Woche nochmals begegnen wird und ein erster roter Faden ist) und dann von dort die Grenze nach Frankreich. Kurz nach dieser Grenze gibt es noch eine. Heute spielt sie keine Rolle mehr; vor nicht einmal 100 Jahren aber eine sehr wichtige. Dazu aber kommen wir später. Erst einmal kommt die Überwindung einer Zeitgrenze und wir schauen in die Geschichte:


Metz – viele Länder, viele Grenzen

Am Anfang der Metzer Geschichte stehen die Kelten. (Eben die sind ein zweiter roter Faden und werden uns morgen wieder begegnen.)  Divodurum Mediomatricorum hieß die Siedlung damals – “Götterburg der Mediomatriker”. Im Jahr 52. v. Chr. hatte es ein Ende mit der Götterburg der Kelten, denn die Römer kamen und eroberten die Siedlung. Man gehörte nun zum Römischen Reich, lag an einer der wichtigsten Straßenkreuzungen des Reiches, wo die Wege nach Reims, Lyon, Trier, Straßburg und Mainz sich kreuzten und man wuchs. Am Ende war Metz eine der größten Städte Galliens mit 40.000 Einwohnern. Eine echte Metropole und übrigens größer als Paris, aber das nur am Rande.

Aber Gutes währt nie ewig und so kam es auch hier. Um genau zu sein kamen die Hunnen in Form eines Heeres unter Attila (†453). Man schrieb das Jahr 451 und Metz wurde zerstört.

Das Mittelalter brach an. Die Merowinger, die Franken kamen und machten Metz zur Hauptstadt des Ostreichs, das man auch Austrasien nannte. Mit den Karolingern hatte die Stadt ein mächtiges Herrschergeschlecht in ihren Mauern und war quasi Kaiserstadt, zumindest aber kaiserliche Grablege für viele aus dem Geschlecht der Karolinger.

Erst gehörte Metz zum Regnum Lothars (Lotharingien, nicht zu verwechseln mit Lothringen). Man war Reichsstadt (1180) und vertrieb den eigentlichen Stadtherrn, den Bischof (1189). Man erweiterte die eigenen Grenzen durch Zukauf von immer mehr Land und vergrößerte die eigene Einflusssphäre immer weiter, bis man im 14. Jahrhundert die flächenmäßig größte Reichsstadt war.

Wieder allerdings währte auch diese Blüte nicht ewig. Am 10. April 1552 besetzte der französische König Heinrich II. die Stadt. Widerstand war zwecklos, Rückeroberungsversuche scheiterten. Metz war französisch geworden. Das blieb es nun auch eine ganze Weile und weil man ja recht nahe an der Grenze lag und man ja nie wissen konnte, wer demnächst mal wieder ein Auge auf die Stadt werfen würde, kam Vauban (1633-1707), jener berühmte Festungsbaumeister der französischen Könige. Er vergrößerte und modernisierte die Festung Metz. Eine massive Grenze umschloss die Stadt. Die hielt auch, zumindest bis die Preußen kamen in Gestalt von Friedrich Karl Nikolaus von Preußen (1828-1885), Generalfeldmarschall seines Zeichens. Ein paar Wochen Belagerung kostete es, dann gehörte Metz – wieder einmal – zum Deutschen Reich, genau genommen zum „Reichsland Elsaß-Lothringen“.

Und weil man ja schon wieder nicht sicher sagen konnte, wer als nächstes ein Auge auf die Stadt werfen würde, wurde wieder an der Festung gebaut. Diesmal noch massiver als zu Zeiten Vaubans. Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913) war es, der diesmal den Plan ersann, weshalb der dann auch Schlieffen-Plan genannt wurde.

Es kam, wie es kommen musste: 1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Aber entgegen den Vermutungen des Herrn Schlieffen blieb Metz davon recht unberührt Die Frontlinie war ausreichend weit entfernt Richtung Westen. Unter Kämpfen hatte man in der Stadt nicht zu leiden, sehr wohl aber unter den Folgen.

Wie die Geschichte ausging wissen wir alle: 1918 war Metz wieder Französisch.

Wieder einmal aber hat man dem Frieden nicht getraut und fing an eine zusätzliche Grenze zu errichten, die bis heute existiert – die Maginot-Linie. Sie sollte die Deutschen von einem weiteren Überfall auf Frankreich abhalten. Zwischen 1929 und 1936 baute man an ihr. Kurz vor Metz (aus meiner Richtung) existiert sie bis heute. Bei Thionville weisen Schilder auf sie hin.

Geholfen hat sie nichts, diese Grenze aus Bunkern und Befestigungsanlagen. Am 14. Juni 1940 wurde Metz zur offenen Stadt erklärt. Metz war wieder irgendwie deutsch, bis zum November 1944.

Seither gehört Metz wieder zu Frankreich und das bleibt nun hoffentlich auch so. Grenzwechsel hat es ja wirklich mehr als genug gegeben.


Metz – grenzenlos zwischen Stilen und Epochen

So, wie die Stadt im Laufe der Jahrtausende immer mal nach hüben und dann doch wieder nach drüben gehörte und sich dies bis heute in der Mentalität der Metzer widerspiegelt, so spiegeln sich auch die Epochen und die Stile in der Stadt wider.

Von Straßenzug zu Straßenzug und von Platz zu Platz fühlt es sich an wie das Überschreiten einer unsichtbaren Grenze zwischen Zeiten, Stilen und Epochen.

Vom ältesten Metz der Kelten- und Römerzeit ist wenig übriggeblieben. Übrig ist im Grunde nur das wohl älteste Kirchengebäude Frankreichs, die ehemalige Kirche Saint-Pierre-aux-Nonnains. Sie stammt aus dem 4. Jahrhundert und wurde im 7. Jahrhundert zur Kirche eines Benediktinerinnen-Klosters. Heute dient sie als Ausstellungs- und Konzertsaal.

Deutlich mehr ist da schon aus dem Mittelalter geblieben. Der Place Saint-Louis etwa oder auch der Place Sainte-Croix und der Place Saint-Jacques. Sie alle stammen aus der Zeit zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert und haben sich ihr mittelalterliches Flair bis heute erhalten. Das berühmteste Überbleibsel des Mittelalters aber ist die Porte des Allemands – das Tor der Deutschen, besser gesagt das Tor der Deutschherren. Benannt wurde es nach dem Hospital des Deutschen Ordens, das direkt nebenan lag und erbaut um 1230.

Dass sich in Metz die Epochen der Stadtgeschichte baulich erhalten haben liegt in weiten Teilen daran, dass man hier zumeist nicht Altes abriss, um Neues zu bauen. Man suchte sich einfach einen freien Platz und baute neu. So blieb das Alte erhalten und hat sich vielfach bis heute erhalten. Dem heutigen Besucher der Stadt bietet das die Gelegenheit sich im wahrsten Sinne des Wortes durch die Stadtgeschichte bewegen zu können.

Besonders eindrucksvoll erhalten haben sich im Stadtbild das 17. und 18. Jahrhundert. Der Name Vauban war bzgl. der Festungsbauten der Stadt schon gefallen. Viel wichtiger aber für das Aussehen der Stadt wurden Männer wie der 1695 in Straßburg geborene Louis de Cormontaigne und vor allem Jacques François Blondel (1705-1774). Auf ihn geht einer der wichtigsten Plätze der Stadt zurück, der Place d’Armes an dem auch das Hôtel de Ville liegt, ebenso wie die ehemalige Hauptwache.

Eine große Veränderung architektonischer Natur erlebte die Stadt auch zwischen 1871 und 1918.

„Metz erstickt in seinem steinernen Gürtel. Sprengt die Fesseln und die verjüngte Stadt wird sich ausdehnen! Sie wird ihre Stadtmauern in die Gräben stoßen, den Boden einebnen, sich auf das Umland ausdehnen und mit großen Vororten umgeben, die ihr Territorium verdoppeln. Dann wird es die alte Stadt und die neue Stadt geben.“[1]

So beschrieb Benoît Feller 1869 die Situation von Metz, einer Stadt in den Grenzen ihrer Festungsmauern eingezwängt war.

Die Lösung des Problems ließ allerdings noch auf sich warten. 1901, nach dem Abriss weiter Teile der alten Befestigungsanlagen erhielt die Stadt das Recht auf 36 Hektar des frei gewordenen Geländes eine „neue Stadt“ zu bauen. Die Idee, die Stadtbaumeister Conrad Wahn (1851-1927) verfolgte, war die Idee einer Gartenstadt, wie sie damals modern war. Im Stil des Historismus wurde dieses neue Metz errichtet und gleichzeitig zu einem „Labor des Städtebaus des 20. Jh., das zwei Strömungen und scheinbar widersprüchliche Theorien vereint: Effizienz und Ästhetik, Funktionalität und Schönheit, Fortschrittsdenken und Übernahme der Gestaltungsprinzipien alter Städte“.[2] Bewundern kann man diesen Clou des Städtebaus bis heute und zwar in nahezu unveränderter Form.

Ins hier und heute des Städtebaus springt man, wenn man sich ein wenig abseits der historischen Stadt aufmacht zum Centre Pompidou, das 2010 errichtet wurde. Nach den Plänen der Architekten Shigeru Ban und Jean de Gastines entstand hier ein Museumsbau, der mit seinen runden Formen und der Membranhaut von weitem wie eine Mischung aus Zirkuszelt und Hobbithaus anmutet.


Metz und Saint Etienne – eine Kathedrale ohne Grenzen

Das Herz der Stadt ist bis heute die Kathedrale Saint Etienne. Wie kein anderes Gebäude der Stadt überwindet sie Grenzen – Grenzen zwischen Zeit, Raum und Stilepochen. Errichtet wurde sie zwischen 1220 und 1520, zumindest der größte Teil von ihr. Eine klassische gotische Kathedrale mit einer Gewölbehöhe von 41 Metern, womit sie insgesamt die dritthöchste Kathedrale ist (wenn man den Innenraum betrachtet).

6.500 Quadratmeter umfasst die Fläche der Glasmalereien, mehr hat keine andere französische Kathedrale zu bieten. Kein Wunder also, dass die Metzer sie liebevoll „La lanterne du Bon Dieu“ (Die Laterne des lieben Gottes) nennen. Die Fenster, die so charakteristisch für diese Kathedrale sind reichen zeitlich vom Mittelalter bis hin zu Jacques Villon (1875-1963) und Marc Chagall (1887-1985).

Wirkt Saint Etienne auf den Blick wie eine typische gotische Kathedrale, dann schaut man durchaus verwirrt, wenn man näher herankommt. Jacques François Blondel hatte der Kathedrale ab 1764 ein neues Eingangsportal verpasst. Ein klassizistisches, damit es sich besser in seinen Plan des neu geschaffenen Place D’Armes einfügte. Zur gotischen Kathedrale allerdings passte es nicht so richtig.

1877 ereilte Saint Etienne das Schicksal, das wir nur zu gut von Notre Dame frisch vor Augen haben: Der Dachstuhl brannte aus, die Kathedrale schwer beschädigt. Ein guter Grund für den neuen Dombaumeister Paul Tornow (1848-1921) die Kathedrale insgesamt umzugestalten. Schon lange konnten die Metzer Bürger*innen den Stilbruch an ihrer Laterne Gottes nicht mehr sehen und nun ging man daran ein „stilechtes“ Portal in historistisch neogotischer Manier der Kirche vorzusetzen.

Noch heute prangt die Einweihungsinschrift am Hauptportal. Übersetzt steht auf ihr:

„Unter der allerhöchsten Schirmherrschaft Wilhelms II., erhabenster Kaiser der Germanen, als Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg Statthalter des Kaisers in Elsaß-Lothringen war, Willibrord Benzler, vom Orden des heiligen Benedikt, Bischof von Metz, und nach dem Abbruch des früheren Portals, welches das Kapitel dieser Kirche im Jahre 1764, zur Erinnerung an König Ludwig XV., hatte errichten lassen, wurde dieses neue Portal, der Stilart der Kathedrale entsprechend, feierlich eingeweiht im Jahre des Herrn 1903, im 15. Jahr der Herrschaft des Kaisers Wilhelm II., im 26. Jahr des Pontifikates des Papstes Leo XIII. Es wurde erbaut durch Paul Tornow, Meister des Werkes.“[3]

Viele Grenzen waren es, die wir hier überschritten haben und viele Fäden, die wir aufgenommen haben. Die Kelten, Luxemburg, die Römer, Preußen und auch der Historismus werden uns im Laufe der Woche immer wieder begegnen. Sie verbinden die Themen über alle Grenzen hinweg miteinander.

Mein Lieblingsdetail am Seiteneingang der Kathedrale Saint Etienne – Foto: A. Kircher-Kannemann

Morgen kehren wir zurück zum Ausgangspunkt der Metzer Geschichte. Es geht um die Kelten und ihr grenzenloses Europa.


[1] Zitiert nach C. Pignong-Feller: Metz 1900-1939. Eine imperiale Architektur für eine neue Stadt, Paris 2014, S. 2.
[2] ebd., S. 6.
[3] Übersetzung nach Wikipedia, Art. Kathedrale von Metz.

Beitragsbild:
Metz – Lothringen mit dem Temple Neuf und der Kathedrale Saint Etienne –
Foto: A. Kircher-Kannemann

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