Baumwolle spinnen in der Frühen Neuzeit – Technik und Arbeitsbedingungen 1

Sich heute die Arbeit in einer frühneuzeitlichen Baumwollspinnerei vorzustellen fällt nicht nur schwer, es ist beinahe unmöglich den Staub, den Schmutz, die Hitze und Schwüle, den Lärm und die Gerüche nachzuvollziehen und nachempfinden zu wollen. Umso wichtiger und auch faszinierender ist es, dass es – zumindest in musealer Form – solche Fabriken noch gibt, die uns einen, wenn auch gereinigten Blick, auf eben diese Verhältnisse erlauben.

Eine dieser musealen Fabriken ist die Textilfabrik Cromford in Ratingen, die gemeinhin als erste mechanisierte Baumwollspinnerei auf dem europäischen Kontinent gilt.

Haus Cromford "Hohe Fabrik"
Herrenhaus – Cromford – Foto: A. Kircher-Kannemann

Die Maschinen, die hier heute zu sehen sind, sind – es mag wohl niemanden überraschen –  Nachbauten und es sind auch längst nicht so viele von ihnen, wie es ursprünglich einmal waren, aber schon diese wenigen Maschinen – in Betrieb genommen – verursachen einen ohrenbetäubenden Lärm, der eine Unterhaltung fast unmöglich macht.

Denken wir uns jetzt noch die ganzen anderen Faktoren, wie Staub, Hitze und eine unglaubliche Menge von Menschen dazu, dann bekommen wir einen ganz vagen Eindruck von dem, was die Arbeiterinnen und Arbeiter hier vor über 200 Jahren erlebt und wohl auch ertragen haben.

Baumwollpflanze by Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen [Public domain], via Wikimedia Commons

Baumwolle – vom edlen Garn zum Massenprodukt

Die Weberei gilt neben der Schmiedetechnik als eines der ältesten Handwerke der Menschheitsgeschichte, dass sie aber im Grunde genommen die Basis für die Industrialisierung darstellte und eben nicht die Stahlindustrie, das ist heute beinahe vergessen.

Dabei war es gerade die Baumwolle, die die Industrialisierung in Europa und somit in der Welt erst in Gang setzte:

Nach dem Dreißigjährigen Krieg gab es in Europa ein enormes Bevölkerungswachstum, das ganz logisch auch eine zunehmende Nachfrage nach Luxus- und Konsumgütern nach sich zog. Die europäischen Kolonien m achten es möglich, dass immer mehr dieser Güter, wie etwa Baumwolle, aber auch Tee und Kaffee auf unseren Kontinent kamen.

Gleichzeitig wurden Energien wie Holzkohle und Wasserkraft immer wichtiger und auch effizienter genutzt. So gab es gegen Ende des 18. Jahrhunderts über 600.000 Wassermühlen in Europa. In Remscheid alleine 120 Mühlen auf gerade einmal 8 km2. Eine fast unvorstellbare Zahl!

Unser Thema ist die Baumwolle, ein Malvengewächs, das ursprünglich in den Subtropen und Tropen beheimatet ist. Baumwolle ist – man mag es glauben oder nicht – eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt. Schon die alten Ägypter kannten sie, erstmals belegt ist sie um ca. 6.000 v. Chr. in Indien. In Europa war sie als Importware über sehr lange Zeit hinweg ein Luxusgut, fast vergleichbar der Seide. Dass sie hier und heute ein echtes Massenprodukt ist, ist ein Ergebnis der Kolonisation und vor allem der Mechanisierung, denn die Herstellung von Baumwollstoffen ist unglaublich schwierig und zeitaufwendig, so verwundert es nicht, das bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die produzierten Baumwollstoffe neben der Seide quasi vollständig dem Adel vorenthalten waren. Alle anderen, Bürger, Handwerker, Bauern und selbst die meisten Geistlichen mussten sich mit mehr oder minder hochwertigen Leinen- und Wollstoffen begnügen.

Flügelspinnrad
älteste Darstellung eines Flügelspinnrades, um 1480 by Anonymous („Im Oberland“, 8. Jg. 1997, Heft 2, S. 39) [Public domain], via Wikimedia Commons

Baumwollgarn – Der Weg zu „Spinning Jenny“, „Waterframe“ und „Mule“

Ursprünglich wurden alle Arbeitsschritte beim Spinnen eines Fadens per Hand und mit ganz einfachen Hilfsmitteln erledigt. Eines dieser Hilfsmittel war die Handspindel, ihr folgte das Handspinnrad bis es dann um 1480 zu einer ersten Revolution kam: Das Flügelspinnrad ward erfunden! Nun konnten Fäden in einem kontinuierlichen Prozess gesponnen und sofort auf eine Spule gewickelt werden. Vielleicht erinnern Sie sich? Irgendwann in den 1980er Jahren waren das ganz furchtbar beliebte Dekoartikel, die in fast jedem deutschen Wohnzimmer herumstanden.

Die nächste Revolution gab es dann im 17. Jahrhundert: Der Bandwebstuhl und der Wirkstuhl wurden erfunden, nachdem etwa um das Jahr 1000 herum die ersten Trittwebstühle mit Schuss und Schiffchen aufgekommen waren.

Als dann im Jahr 1733 der englische Wollweber John Kay den Schnellschützen für den Webstuhl erfand, war eine Entwicklung in Gang gesetzt, die bis heute kein Ende gefunden hat. Dieser besagte Schnellschütze machte es möglich breitere Stoffe zu weben und außerdem doppelt so schnell zu weben wie zuvor. Das führte unweigerlich zu einem deutlich erhöhten Garnbedarf. Brauchte man zuvor etwa 4-10 Spinner, die einen Weber versorgten, waren es durch den Schnellschützen plötzlich 8-20. Europa hatte Garnhunger und der musste irgendwie gestillt werden. Überall schossen Spinnereien aus dem Boden. In Schulen, in Waisenhäusern, in Gefängnissen, überall wo man hinsah wurde plötzlich gesponnen.

Keine Frage also, dass es auch beim Spinnen dringend technischer Neuerungen bedurfte.

Eine erste fand sich im Jahr 1738, als der Engländer Lewis Paul ein Patent für eine Spinnmaschine einreichte.

Spinning Jenny
Die durch Hargrave verbesserte „Spinning Jenny“ etwa 1890, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Die wirkliche technische Revolution aber stellte die „Spinning Jenny“ dar, die im Jahr 1764 vom Engländer James Hargreaves konstruiert wurde. Acht Fäden konnte diese Maschine, die 1770 ihr Patent erhielt gleichzeitig spinnen, später waren es sogar bis zu 100. Und sie konnte eben nicht nur Wolle spinnen die Jenny, sie konnte auch Baumwolle spinnen. Und da sie nur mit Muskelkraft betrieben wurde konnte sie auch gut in Heimarbeit betrieben werden, es brauchte noch keine Fabriken.

Einen Haken allerdings hatte die „Spinning Jenny“: sie konnte das Garn nicht wirklich fest verdrehen. So konnte sie nur Schussgarn herstellen. Es war also nur die Hälfte des Problems gelöst.

Erst Richard Arkwright schaffte es das ganze Problem zu lösen. Seine 1769 zum Patent angemeldete „Waterframe“ ahmte die Arbeit eines Flügelspinnrades nach und wurde außerdem mit Wasserkraft betrieben. Sie war also eine wirkliche Maschine!

Hinzu kam, dass sie alle Fasern zu Garn verarbeiten konnte, vor allem aber Baumwolle. Und sie verdrehte die Fäden so fest, dass auch Kettgarn erzeugt werden konnte.

Der Weg hin zur Massenproduktion von Baumwolle war betreten worden.

Water-Frame – Die Energie für die „Water-Frame“ und die Vorspinnmaschinen liefert das Wasser der nahegelegenen Anger, © LVR-Industriemuseum

 

Die Massenproduktion von Baumwolle

1775 meldete Arkwright weitere Patente für Baumwollverarbeitende Maschinen an. Vor allem für solche, die die Baumwolle vorbereiteten, so etwa ein „Vorwerk“, eine Karde, ein Streckwerk und eine Laternenbank.

Es dauerte nicht lange bis die Entwicklung in die nächste Runde ging. Um das Jahr 1779 meldete der Engländer Samuel Crompton das nächste Patent an. Die „Mule“ war geboren. Sie ist eine Kombination aus „Spinning Jenny“ und „Waterframe“, beinhaltet das Streckwalzensystem der „Water Frame“ und de ausziehbaren Wagen der „Spinning Jenny“, der den Faserstrang streckt und durch eine Drehung verfestigt.

Erst war die „Mule“ nur für Muskelkraftantrieb konzipiert, aber schon sehr bald erhielt sie einen Transmissionsantrieb und konnte so mit Wasserkraft und sogar mit einer Dampfmaschine betrieben werden. Der besondere Hit der Maschine war es, dass sie sowohl fest als auch leicht gedrehte Garne erzeugen konnte und dies auch noch in verschiedenen Stärken. Eine eierlegende Wollmilchsau sozusagen. Damit war die Baumwollherstellung endgültig mechanisiert und die industrielle Revolution konnte beginnen und der Siegeszug der Baumwolle.

Spinning Mule
Spinning Mule oder auch Mule Jenny – Capture from Baines 1835, Illustrations from the History of the Cotton Manufacture in Great Britain .Pub H. Fisher, R. Fisher, and P. Jackson [Public domain] via Wikimedia Commons

Wir kennen nun die Maschinen, die eine industrielle Herstellung von Baumwollgarn erst möglich machten. Schauen wir uns nun im 2. Teil an, was diese Maschinen wirklich taten und wer an ihnen arbeitete.

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