Geschichte, was ist das?
Inhaltsverzeichnis
Fragen und Informationen rund um Geschichte und Geschichtswissenschaft
Geschichte
Geschichte – das ist ein bisschen wie das Lesen von Gala, Spiegel, Stern und anderen ähnlichen Publikationen. Nur liest man eben keine aktuellen Ausgaben, sondern alte, zum Teil sehr alte, ja manchmal tausende Jahre alte.
„Denn mit den Geistern anderer Jahrhunderte verkehren ist fast dasselbe wie reisen.“ – René Descartes (1596-1650)
Geschichte ist immer auch die Beschäftigung mit Menschen, mit ihrem Leben, ihren Ideen, ihren Taten und vor allem mit ihren ganz persönlichen Geschichten.
Geschichte ist faszinierend. Geschichte ist eine Entdeckungsreise. Sie kann schön sein, lustig, aber auch traurig, tragisch, furchteinflößend, manchmal ärgerlich — und sie kann auch wütend machen.
Aber wie auch immer: Die Beschäftigung mit Geschichte lohnt. Sie bildet und vor allem: Sie öffnet Horizonte und neue alte Welten, wie ich es in meinem Beitrag „Geschichte – Definition und Gedanken“ bereits eingehender beschrieben habe.
Und genau deshalb ist die Frage „Was ist Geschichte?“ gar nicht so einfach zu beantworten. Denn Geschichte ist nicht nur das, was früher einmal war. Geschichte ist auch das, was Menschen erinnern, erforschen, erzählen, deuten, verschweigen, umdeuten und manchmal auch für ihre eigenen Zwecke benutzen.
Was ist Geschichte?
Gute Frage! Laut Duden versteht man unter Geschichte unter anderem den „politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Werdegang“ oder den „Entwicklungsprozess eines bestimmten geografischen, kulturellen o. ä. Bereichs“.
Lassen Sie mich raten: So ganz befriedigt diese Antwort nicht, bzw. sie deckt sich nicht so ganz mit dem, was Sie sich unter Geschichte vorgestellt haben.
Also versuche ich mal, „Geschichte“ anders zu definieren und zu beschreiben: Geschichte, das ist zunächst einmal etwas Vergangenes. Dabei spielt es zunächst keine große Rolle, ob etwas erst seit Kurzem vergangen ist oder schon tausende Jahre zurückliegt. Das Fach „Geschichte“, genauer gesagt die „Geschichtswissenschaft“, beschäftigt sich mit dem, was Menschen früher einmal getan, gedacht, geglaubt, gestaltet, entschieden, erlitten oder gemacht haben. Das umfasst alle Bereiche des menschlichen Lebens. Deshalb gehört Politik ebenso dazu wie Mode, Religion, Arbeit, Essen, Wohnen, Reisen, Krankheit, Liebe, Krieg, Kunst oder Wissenschaft. Gerade deshalb ist das Fach auch so spannend und facettenreich. Als Historiker:in muss man vieles können und vieles wissen, braucht Grundkenntnisse in vielen Bereichen und sollte eine Art „Universaldilettant:in“ sein — aber im positiven Sinne.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang noch zu wissen, dass sich die Geschichtswissenschaft bei ihrer Arbeit traditionell stark auf Schriftquellen stützt — anders als etwa die Kunstgeschichte oder die Archäologie.
Wichtig ist aber: Geschichte ist nicht einfach identisch mit Vergangenheit. Vergangenheit ist das, was geschehen ist. Geschichte ist das, was wir aus Spuren, Quellen, Erinnerungen, Fragen und Deutungen daraus machen. Sie ist also immer auch Rekonstruktion, Interpretation und Erzählung.
Und noch etwas gehört dazu: Geschichte wird immer aus der Gegenwart heraus gefragt. Wir stellen unsere Fragen an die Vergangenheit nicht im luftleeren Raum. Was uns interessiert, was wir erforschen, worüber wir streiten und was wir erinnern wollen, hängt immer auch mit unserer eigenen Zeit zusammen.
Kurz gesagt: Geschichte beschäftigt sich mit der Vergangenheit des Menschen. Die Geschichtswissenschaft untersucht diese Vergangenheit anhand von Quellen, stellt Fragen an sie, ordnet sie in ihren historischen Kontext ein und vermittelt daraus hoffentlich nachvollziehbare, überprüfbare Deutungen.
Geschichte studieren
Viele, die in der Schule — so sie denn überhaupt noch Geschichtsunterricht genießen dürfen — merken, dass sie sich für Geschichte interessieren und dass dieses Fach sie begeistert, stehen irgendwann vor der Frage: Soll ich Geschichte studieren?
Von den allermeisten Menschen wird man dann vermutlich die Antwort bekommen: „Nein, auf gar keinen Fall, das ist eine brotlose Kunst.“ – Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich dagegenhalten kann, dann muss ich offen und ehrlich gestehen: nur bedingt.
Nur bedingt deshalb, weil die Chancen, reich und berühmt zu werden, tatsächlich eher gering stehen, wenn man Geschichte studiert. Obwohl es in der Tat auch Gegenbeispiele gibt: Man kann zum Beispiel Bundeskanzler werden, wie man an Helmut Kohl sieht, oder auch Radio- und Fernsehmoderator, wenn man an Thomas Gottschalk denkt. Ein aktuelleres Beispiel wäre Mirko Drotschmann, besser bekannt als MrWissen2go. Er hat Geschichte und Kulturwissenschaft studiert und vermittelt Geschichte heute auf YouTube, bei Terra X und in den sozialen Medien. Nun gut, Sie haben recht, das gelingt sicher nicht jedem. Aber auch mit Jura wird nicht jede:r reich, und auch ein BWL-Studium garantiert keine steile Karriere.
Grundsätzlich bin ich immer eine Verfechterin davon, dass jeder Mensch seinen Neigungen folgen sollte. Und wenn es ein Herzenswunsch ist, Geschichte zu studieren, dann sollte man es zumindest versuchen. Vielleicht stellt sich am Ende ja auch heraus, dass man sich dieses Studium längst nicht so theoretisch vorgestellt hat, wie es tatsächlich ist.
Denn ein Geschichtsstudium bedeutet eben nicht nur, Jahreszahlen zu lernen oder alte Bücher zu lesen. Man lernt vor allem, Fragen zu stellen, Quellen kritisch zu prüfen, Informationen einzuordnen, Texte zu analysieren, Zusammenhänge zu erkennen und verständlich zu schreiben. Das sind Fähigkeiten, die auch außerhalb der klassischen historischen Berufsfelder ausgesprochen nützlich sein können.
Man sollte sich allerdings nichts vormachen: Ein Geschichtsstudium ist kein Studiengang mit einem einzigen klaren Berufsbild am Ende. Wer Geschichte studiert, muss sich oft selbst ein Profil erarbeiten — über Praktika, Nebenfächer, digitale Kompetenzen, Sprachen, Vermittlung, Museumserfahrung, Archivarbeit, Journalismus, Kulturmanagement oder Öffentlichkeitsarbeit.
Gleichzeitig haben sich die Möglichkeiten in den letzten Jahren erweitert. Geschichte findet längst nicht mehr nur an Universitäten, in Archiven oder in Schulbüchern statt. Public History, digitale Geschichtsvermittlung, Museumsarbeit, Social Media, Blogs, Podcasts, Ausstellungen, Datenbanken und digitale Projekte haben neue Räume geschaffen, in denen historisches Wissen gebraucht und vermittelt wird.
Kurz gesagt: Geschichte zu studieren lohnt sich vor allem dann, wenn man wirklich Interesse an Vergangenheit, Quellen, Menschen, Zusammenhängen und historischem Denken hat. Reich wird man damit eher selten, aber man lernt Fähigkeiten, die weit über das Fach hinaus wichtig sind: recherchieren, analysieren, kritisch denken, schreiben, argumentieren und komplexe Zusammenhänge verständlich machen.

Historiker:innen – Beruf und Geschichte
Historiker:innen, was sind das eigentlich für Menschen und was tun sie eigentlich?
Nun, so wenig wie alle Friseur:innen tatsächlich absolut hipp und gut frisiert sind, so wenig sind alle Historiker:innen verstaubte und introvertierte Menschen, die nur zwischen ihren Büchern und Pergamenten hocken.
Wie immer und überall: Es gibt solche und solche.
Grundsätzlich sind Historiker:innen Menschen, die sich auf wissenschaftlicher Basis mit Geschichte beschäftigen und dazu als Basis ein Studium der Geschichtswissenschaft absolviert haben.
Sie stutzen jetzt vielleicht und sagen: „Aber Moment! Herodot nennt man doch auch einen Historiker, aber der hat doch garantiert nicht an einer Uni Geschichte studiert.“ – Korrekt, und deshalb ist Herodot, streng genommen, auch kein Historiker im heutigen beruflichen Sinne, sondern ein „Geschichtsschreiber“ bzw. ein Historiograph. Auch Ihr pensionierter Nachbar, der sich mit der Geschichte Ihrer Stadt oder Ihres Dorfes beschäftigt, ist nicht automatisch Historiker, sondern vielleicht ein „Heimatforscher“ oder schlicht jemand, der sich für Geschichte interessiert. Leider geht das oft durcheinander, denn die Bezeichnung „Historiker:in“ ist in Deutschland nicht rechtlich geschützt. So darf sich eigentlich jede:r so nennen, Studium hin, Studium her. Mitglied im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands kann aber tatsächlich nur werden, wer ein Studium abgeschlossen hat.
Wie ich ganz persönlich den Beruf der Historiker:in verstehe, habe ich hier auf meinem Blog im Beitrag „Wissenschaftler, digitaler Wanderer und ein bisschen Romancier – das Leben als Historiker(In)“ genauer beschrieben.
Historiker:innen arbeiten heute längst nicht nur an Universitäten. Man findet sie in Archiven, Museen, Gedenkstätten, Bibliotheken, Verlagen, Redaktionen, Stiftungen, Kulturverwaltungen, im Journalismus, in der politischen Bildung, in der Wissenschaftskommunikation, im Kulturmanagement und zunehmend auch in digitalen Projekten.
Das Berufsbild hat sich dabei in den letzten Jahren deutlich erweitert. Neben klassischer Forschung und Lehre sind Vermittlung, Projektarbeit, Ausstellungen, digitale Formate, Social Media, Podcasts, Datenbanken, Public History und historische Beratung wichtiger geworden. Geschichte wird eben nicht nur geschrieben, sie wird auch vermittelt, kuratiert, visualisiert, erzählt und öffentlich diskutiert.
Kurz gesagt: Historiker:innen beschäftigen sich wissenschaftlich mit Geschichte. Sie suchen, lesen, prüfen und interpretieren Quellen, ordnen sie in ihren historischen Kontext ein und machen ihre Ergebnisse für Wissenschaft und Öffentlichkeit nachvollziehbar.

Geschichtswissenschaft
Geschichtswissenschaft ist die Wissenschaft von der Geschichte, vom Vergangenen, von dem, was Menschen früher einmal taten, dachten, glaubten, fühlten, gestalteten, entschieden und erlitten. Sie basiert auf wissenschaftlichen Methoden, die notwendig sind, um die Quellen der Vergangenheit erschließen, prüfen, einordnen und verstehen zu können.
Die Geschichtswissenschaft zählt zu den Geisteswissenschaften bzw. Kulturwissenschaften, ähnlich wie Philosophie, Literaturwissenschaften, Kunstgeschichte, Ethnologie, Byzantinistik, Amerikanistik und viele andere Fächer.
Anhand von Quellen — traditionell vor allem schriftlichen Quellen, aber auch Bildern, Dingen, Münzen, Karten, Bauwerken, Filmen, Tonaufnahmen oder digitalen Überlieferungen — und mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden versucht die Geschichtswissenschaft, möglichst rationale, objektivierte, nachvollziehbare und überprüfbare Aussagen darüber zu treffen, wie Vergangenheit gewesen sein könnte. Dabei geht es nicht um das reine Tradieren von Wissen, sondern vielmehr um das Gewinnen neuer Erkenntnisse über die Vergangenheit und darüber, was geschehen ist — oder zumindest darüber, was sich anhand der Quellen plausibel rekonstruieren lässt. Daher ist es wichtig, nach immer neuen Quellen zu suchen und mit immer neuen Fragestellungen auch an altbekannte Quellen heranzutreten.
Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft besteht also darin:
- Quellen zu suchen, zu sammeln und zu sichten,
- passende Fragestellungen an diese Quellen zu entwickeln,
- die Quellen nach den wissenschaftlichen Methoden des Fachs zu analysieren und zu interpretieren,
- die daraus gewonnenen Erkenntnisse aufzubereiten und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen,
- und nicht stehenzubleiben, sondern mit immer neuen Fragen immer wieder neue Quellen zu suchen.
Geschichtswissenschaft verwaltet also nicht einfach Vergangenes. Sie fragt, prüft, zweifelt, vergleicht, ordnet ein und erzählt. Und sie tut das immer mit dem Wissen, dass neue Quellen, neue Methoden und neue gesellschaftliche Fragen auch zu neuen Antworten führen können.
In den letzten Jahren ist außerdem ein weiterer Bereich immer wichtiger geworden: die digitale Geschichtswissenschaft, oft auch Digital History genannt. Digitale Archive, Datenbanken, Volltextsuchen, digitale Editionen, Netzwerkanalysen, Geoinformationssysteme, 3D-Rekonstruktionen und inzwischen auch KI-Werkzeuge verändern nicht nur, wie Historiker:innen arbeiten, sondern auch, welche Fragen sie überhaupt stellen können.
Zugleich endet Geschichtswissenschaft nicht im Seminarraum, im Archiv oder in einer Fachpublikation. Historisches Wissen wird in Museen, Ausstellungen, Dokumentationen, Podcasts, Blogs, Gedenkstätten, Schulen, sozialen Medien und politischen Debatten aufgegriffen. Genau deshalb ist die Frage, wie Geschichte vermittelt wird, heute mindestens so wichtig wie die Frage, wie sie erforscht wird.
Kurz gesagt: Geschichtswissenschaft ist die wissenschaftliche Erforschung der Vergangenheit des Menschen. Sie arbeitet mit Quellen, stellt Fragen an diese Quellen, prüft sie kritisch, ordnet sie in ihren historischen Kontext ein und entwickelt daraus nachvollziehbare Deutungen von Vergangenheit.
Historik – Die Theorie der Geschichte
Historik – ist das nicht eigentlich ein anderes Wort für Geschichte? Nein – unter „Historik“ versteht man in der Geschichtswissenschaft die theoretischen und methodischen Grundlagen des Fachs. Dazu gehören die Quellenkunde und Quellenkritik, ebenso die Hermeneutik, also das Verstehen, die Auslegung und Interpretation sowie die Heuristik, also das Auffinden und Erschließen von Quellen und möglichen Antworten.
Dieser theoretische und wissenschaftliche Unterbau ist notwendig. Denn, um es mit Johann Gustav Droysen (1808–1884) zu sagen: „Die Geschichte ist ein Ergebnis empirischen Wahrnehmens, Erfahrens und Erforschens […]. Die unmittelbare Wahrnehmung, die subjective Auffassung des Wahrgenommenen zu prüfen, zu verficiren, zu objectiver Kenntniss umzuformen, ist die Aufgabe der historischen Wissenschaft.“ So schrieb der Historiker und Geschichtstheoretiker bereits 1868. [1] Das bedeutet, kurz gesagt: Historik fragt danach, wie historische Erkenntnis überhaupt zustande kommt, welche Methoden Historiker:innen anwenden und was mit diesen Methoden überhaupt erforscht werden kann. [2]
Klingt theoretisch? Ist es auch. Aber diese Theorie ist wichtig. Denn Historiker:innen können die Vergangenheit nicht einfach direkt anschauen. Sie haben es mit Spuren zu tun: mit Texten, Bildern, Dingen, Erinnerungen, Akten, Inschriften, Daten, Ruinen und vielem mehr. Historik fragt danach, wie aus solchen Spuren historische Erkenntnis werden kann.
Heute stellt sich diese Frage noch einmal neu. Denn Quellen sind längst nicht mehr nur Pergamente, Akten oder gedruckte Bücher. Auch Websites, Datenbanken, Social-Media-Posts, Fotos, Filme, Tonaufnahmen oder digitale Archive können historische Quellen sein. Damit verändern sich nicht die Grundfragen der Historik, aber sie bekommen neue Anwendungsfelder.
Kurz gesagt: Historik ist die Theorie der Geschichtswissenschaft. Sie beschäftigt sich mit den Grundlagen historischen Forschens: mit Quellen, Methoden, Verstehen, Interpretation und der Frage, wie aus Spuren der Vergangenheit historisches Wissen entsteht.
Geschichtsdidaktik
In der Geschichtsdidaktik geht es darum, Wissen über Geschichte und vor allem auch ein Bewusstsein für Geschichte zu vermitteln, zu fördern und zu reflektieren. Es geht um die Frage, wie eben dieses Geschichtsbewusstsein nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen geweckt, gestärkt, erweitert und kritisch begleitet werden kann.
Zu diesem Zweck bedient sich die Geschichtsdidaktik, genau wie jede andere Fachdidaktik auch, der Methoden und Erkenntnisse der Pädagogik, der Psychologie, der Erziehungswissenschaft, aber auch der Geschichtswissenschaft, der Geschichtstheorie und der Kulturwissenschaften.
Bereits in den frühen 1970er Jahren wurde die „Konferenz für Geschichtsdidaktik“, kurz KGD, gegründet, die den wissenschaftlichen Fachverband der Geschichtsdidaktiker:innen darstellt.
Die KGD fördert die wissenschaftliche Entwicklung der Didaktik der Geschichte, veranstaltet Tagungen, gibt wissenschaftliche Publikationen heraus, nimmt Stellung zu Fragen des Studiums und des Geschichtsunterrichts und fördert den fachlichen Austausch.
Als wichtiges Fachorgan dient unter anderem die „Zeitschrift für Geschichtsdidaktik“, die seit 2002 erscheint und aktuelle Fragen aus den verschiedenen Bereichen des Faches aufgreift.
Wichtig ist dabei: Geschichtsdidaktik ist nicht einfach nur die Frage, wie man Geschichtsunterricht in der Schule gestaltet. Sie fragt viel grundsätzlicher, wie Menschen Geschichte lernen, verstehen, deuten und nutzen — in der Schule, im Museum, in der Gedenkstätte, in Ausstellungen, in Dokumentationen, auf YouTube, in Podcasts, in Computerspielen oder in sozialen Medien.
Besonders wichtig ist in den letzten Jahren die digitale Geschichtsdidaktik geworden. Denn Geschichte begegnet uns heute längst nicht mehr nur im Schulbuch oder im Museumskatalog, sondern auch in TikToks, Reels, YouTube-Videos, Wikipedia-Artikeln, Online-Archiven, digitalen Ausstellungen und KI-generierten Texten oder Bildern. Damit stellt sich die alte Frage nach Quellenkritik und historischer Urteilskraft noch einmal ganz neu.
Eng verbunden ist die Geschichtsdidaktik mit Begriffen wie Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur. Es geht also nicht nur darum, „Stoff“ zu vermitteln. Es geht darum, wie Menschen Vergangenheit mit Gegenwart und Zukunft verbinden, wie sie historische Erzählungen beurteilen und wie sie Geschichte in ihrer eigenen Lebenswelt wahrnehmen.
Kurz gesagt: Geschichtsdidaktik beschäftigt sich damit, wie Menschen Geschichte lernen, verstehen, deuten und vermitteln. Sie fragt, wie historisches Denken und Geschichtsbewusstsein entstehen — in der Schule, aber auch in Museen, Gedenkstätten, Medien und digitalen Räumen.
Geschichtsphilosophie
Die Geschichtsphilosophie zählt weniger zur Geschichtswissenschaft als vielmehr zur Philosophie. Sie wurde vor allem in der Aufklärung wichtig und ist eng mit Namen wie Voltaire verbunden, der sich mit philosophischen Fragestellungen rund um die menschliche Geschichte beschäftigte.
Grundsätzlich lassen sich in der Geschichtsphilosophie zwei unterschiedliche Zielrichtungen unterscheiden:
1. ein Nachdenken über den Verlauf und ein mögliches Ziel von Geschichte, über Gesetzmäßigkeiten, die sich durch verschiedene Phasen der Geschichte ziehen könnten, und über die Frage, ob Geschichte an sich einem Sinn folgt
2. ein Nachdenken über die Methoden, die Historiker:innen anwenden, und über deren Wirkung auf historische Aussagen.
Einfacher gesagt: Geschichtsphilosophie fragt einerseits, ob Geschichte einen Sinn, eine Richtung oder ein Ziel hat. Andererseits fragt sie, wie wir überhaupt über Geschichte nachdenken, sprechen und urteilen können.
Jacob Burckhardt (1818-1897) schrieb über die Geschichtsphilosophie:
„Was nun die Eigenschaften der bisherigen Geschichtsphilosophie betrifft, so ging sie der Geschichte nach und gab Längendurchschnitte; sie verfuhr chronologisch.
Sie suchte auf diese Weise zu einem allgemeinen Programm der Weltentwicklung durchzudringen, meist in höchst optimistischem Sinne.
So Hegel in seiner Philosophie der Geschichte. Er sagt […], der einzige Gedanke, den die Philosophie mitbringe, sei der einfache Gedanke der Vernunft, der Gedanke, daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei, und das Ergebnis der Weltgeschichte müsse […] sein, daß sie der vernünftige, notwendige Gang des Weltgeistes gewesen sei […].“[3]
Eine Aussage, der heute wohl kaum jemand mehr so einfach folgen möchte. Schon Burckhardt folgte dieser Idee nicht mehr und schloss an:
„Wir sind aber nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht. Dieses kecke Antizipieren eines Weltplanes führt zu Irrtümern, weil es von irrigen Prämissen ausgeht.“[4]
Dieser Gedanke ist bis heute wichtig. Denn die Versuchung ist groß, Geschichte als geradlinige Entwicklung zu erzählen: von der Unwissenheit zum Wissen, von der Barbarei zur Zivilisation, von der Unterdrückung zur Freiheit, vom Dunkel ins Licht. Nur leider ist Geschichte selten so zielstrebig. Sie kennt Fortschritte, Rückschritte, Umwege, Brüche, Katastrophen und Entwicklungen, die für die einen Gewinn und für die anderen Verlust bedeuten.
Geschichtsphilosophie ist deshalb nicht nur eine Sache alter Philosophen. Sie steckt auch in modernen Geschichtsbildern: wenn Geschichte als Fortschrittserzählung, als Verfallsgeschichte, als Kampf der Kulturen, als nationale Erfolgsgeschichte oder als ewige Wiederkehr bestimmter Muster erzählt wird. Solche Deutungen prägen, wie wir Vergangenheit sehen — und manchmal auch, wie wir Gegenwart politisch bewerten.
Kurz gesagt: Geschichtsphilosophie fragt danach, ob Geschichte einen Sinn, eine Richtung oder ein Ziel hat — und wie Menschen überhaupt über Geschichte nachdenken, urteilen und erzählen können.
Methoden der Geschichtswissenschaft
Wie jede Wissenschaft benötigt auch die Geschichtswissenschaft Methoden. Doch was sind diese Methoden? Mal ganz abgesehen davon, dass es durchaus immer wieder böse Zungen gibt, die der Geschichtswissenschaft ihre Wissenschaftlichkeit abzusprechen versuchen — und ihr damit auch gleich die Methoden absprechen. – Nun, selbst diese bösen Zungen gestehen der Geschichtswissenschaft aber eines zu: dass sie sich kritisch mit Quellen auseinandersetzt. Und damit haben wir zumindest schon einmal eine Methode benannt: die Quellenkritik.
Die Quellenkritik ist tatsächlich die Basis jeder historischen Forschung und war ihr schon immer eigen. Aber die Geschichtswissenschaft hat sich entwickelt.
Spätestens seit den Zeiten von Norbert Elias (1897–1990), Werner Sombart (1863–1941) und Max Weber (1864–1920) hat die Geschichtswissenschaft ihre Fühler auch in Richtung anderer Wissenschaften und ihrer Methoden ausgestreckt — und das ist auch gut so.
Schaut man sich die zuvor genannten Namen an, dann stellt man fest, dass alle drei eigentlich keine Historiker waren, sondern Soziologen. Und so ist die Soziologie auch eine jener Wissenschaften, von der sich die Geschichtswissenschaft viele Methoden abgeschaut, übernommen oder adaptiert hat.
Heute ist es zum Beispiel die Soziale Netzwerkanalyse, die auch in historischen Arbeiten Anwendung findet und ursprünglich aus der empirischen Sozialforschung stammt. Und auch aus den Wirtschaftswissenschaften, der Geografie, der Informatik oder den Digital Humanities werden Methoden übernommen und angepasst.
So entwickelt sich die Geschichtswissenschaft immer weiter, verändert sich und ergänzt ihren Strauß an Methoden.
Zu den klassischen Methoden gehören dabei vor allem Quellenkritik, Quelleninterpretation, Kontextualisierung, Vergleich, Chronologie, Begriffsanalyse und die Auswertung von Fachliteratur. Klingt trocken, ist aber letztlich das Handwerkszeug, mit dem Historiker:innen aus einzelnen Spuren der Vergangenheit eine nachvollziehbare historische Darstellung entwickeln.
Inzwischen kommen digitale Methoden hinzu: Volltextsuchen in digitalen Archiven, Datenbanken, digitale Editionen, Netzwerkanalysen, Geoinformationssysteme, 3D-Rekonstruktionen, Text Mining oder Visualisierungen großer Datenmengen. Solche Methoden ersetzen die klassische Quellenkritik nicht. Sie erweitern sie — und sie stellen neue Fragen an alte Quellen.
Und natürlich steht inzwischen auch Künstliche Intelligenz vor der Tür — oder besser gesagt: Sie ist längst eingetreten. KI kann beim Transkribieren, Übersetzen, Strukturieren, Suchen oder Zusammenfassen helfen. Aber sie nimmt Historiker:innen die Quellenkritik nicht ab. Im Gegenteil: Je mehr digitale Werkzeuge genutzt werden, desto wichtiger wird die Frage, woher Informationen stammen, wie sie verarbeitet wurden und welche Fehler, Lücken oder Verzerrungen in ihnen stecken.
Welche Methode sinnvoll ist, hängt immer von der Fragestellung ab. Wer eine mittelalterliche Urkunde untersucht, braucht anderes Handwerkszeug als jemand, der Wahlplakate des 20. Jahrhunderts analysiert, eine Hofgesellschaft rekonstruiert, Handelsnetzwerke untersucht oder TikTok-Videos als Quellen künftiger Zeitgeschichte betrachtet.
Kurz gesagt: Zu den wichtigsten Methoden der Geschichtswissenschaft gehören Quellenkritik, Quellenanalyse, Kontextualisierung, Vergleich, Interpretation und die Arbeit mit Fachliteratur. Hinzu kommen je nach Fragestellung Methoden aus anderen Wissenschaften und zunehmend digitale Verfahren wie Netzwerkanalyse, Datenbanken, Text Mining oder Geoinformationssysteme.
Quellenanalyse und die Analyse des historischen Kontexts
Quellen sind die Basis der Geschichtswissenschaft. Ohne Quellen kann sie nicht arbeiten und nichts Belastbares über die Vergangenheit sagen.
Daher ist, wie schon zuvor gesagt, die Quellenanalyse eine der grundlegenden Methoden der Geschichtswissenschaft.
Die Analyse von Quellen basiert dabei auf drei Säulen:
- Die Beschreibung der Quelle:
Zunächst wird gefragt: Wer hat die Quelle verfasst oder hergestellt? Wann ist sie entstanden? Aus welchem Anlass? Um welche Art von Quelle handelt es sich — etwa um eine Urkunde, eine Akte, einen Brief, ein Tagebuch, ein Bild, eine Fotografie, einen Film, ein Objekt oder einen digitalen Beitrag? Ebenso wichtig ist die Frage, an wen sich die Quelle richtet. Danach schaut man auf Thema, Inhalt, Aufbau und Argumentation. Ist die Quelle sachlich, ironisch, werbend, rechtfertigend, polemisch oder vielleicht sogar demagogisch? Daraus ergeben sich erste Hinweise auf die Absicht, die mit dieser Quelle verbunden war. - Die Einordnung der Quelle:
Die Beschreibung hilft dabei, die Quelle einzuordnen. Dazu gehört vor allem der historische Kontext. Wann und wo ist die Quelle entstanden? In welcher politischen, sozialen, kulturellen, religiösen oder wirtschaftlichen Situation? Handelt es sich um eine zeitgenössische Quelle oder um eine spätere Darstellung? Und welche Ereignisse, Debatten, Konflikte oder Denkweisen muss man kennen, um sie verstehen zu können? - Die Beurteilung der Quelle:
Auf Basis von Beschreibung und Einordnung lässt sich nun beurteilen, welchen Wert die Quelle für die eigene Fragestellung hat. Ist sie relevant? Ist sie glaubwürdig? Welche Perspektive nimmt sie ein? Was sagt sie — und was verschweigt sie vielleicht? Gibt sie Geschehenes tendenziös, verzerrt, interessengeleitet oder nur ausschnitthaft wieder? Gerade diese Fragen sind wichtig, denn keine Quelle spricht einfach „für sich“.
Diese Form der Quellenanalyse bezieht sich in erster Linie auf Schriftquellen, die traditionell zu den wichtigsten Quellen für Historiker:innen gehören. Aber auch auf andere Quellentypen — etwa Bildquellen, Sachquellen, Karten, Filme, Tonaufnahmen, Bauwerke, Webseiten oder Social-Media-Posts — lässt sich diese Form der Quellenanalyse anwenden, natürlich in jeweils angepasster Form. Flankierend zur Quellenanalyse ist es notwendig, sich mit dem historischen Kontext auseinanderzusetzen.
Damit das funktioniert, braucht es Fachliteratur — und die muss erst einmal gefunden werden.
Will heißen: Zu den unbedingt nötigen Fähigkeiten von Historiker:innen zählt auch die des korrekten Bibliographierens — und heute natürlich auch die Fähigkeit, in Bibliothekskatalogen, Fachdatenbanken, digitalen Archiven und Online-Repositorien sinnvoll zu recherchieren.
Gerade im digitalen Zeitalter ist Quellenkritik wichtiger denn je. Denn digitale Quellen sind leicht verfügbar, aber nicht automatisch zuverlässig. Texte können kopiert, verändert, aus dem Zusammenhang gerissen oder von KI erzeugt werden. Bilder können bearbeitet oder künstlich hergestellt sein. Und nur weil etwas online steht, ist es noch lange keine belastbare historische Quelle.
Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen Quelle und Darstellung. Eine Quelle stammt aus der Zeit oder dem Zusammenhang, den man untersucht. Eine Darstellung dagegen ist eine spätere Deutung, Einordnung oder Erzählung über diese Vergangenheit. Beides ist wichtig, aber es ist nicht dasselbe.
Kurz gesagt: Quellenanalyse bedeutet, eine historische Quelle systematisch zu beschreiben, in ihren historischen Kontext einzuordnen und zu beurteilen. Dabei fragt man nach Entstehung, Autor:in oder Urheber:in, Adressat:innen, Inhalt, Absicht, Perspektive, Glaubwürdigkeit und Relevanz für die eigene Fragestellung.
Die Geschichte der Geschichtswissenschaft
Die Geschichte der Geschichtswissenschaft ist nicht so alt wie die Geschichte der Geschichtsschreibung. Denn nicht jedes Aufschreiben von Geschichte ist auch gleich Geschichtswissenschaft — das hatten wir ja bereits zuvor geklärt.
Im Grunde ist die Geschichtswissenschaft als moderne Wissenschaft sogar eine recht junge Disziplin und reicht in dieser Form nur etwa bis ins 19. Jahrhundert zurück.
Als frühe Vertreter einer modernen Geschichtswissenschaft gelten zumeist Johann Gustav Droysen (1808–1884) und Wilhelm Wachsmuth (1784–1866), die sich beide vor allem mit Alter Geschichte beschäftigten und als erste grundlegende methodische Anleitungen für ein auf wissenschaftlicher Basis fußendes Geschichtsstudium entwickelten.
Hieraus entwickelte sich ein wissenschaftliches Konzept, das die Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts stark prägen sollte: der Historismus. Auf den kommen wir gleich noch genauer zu sprechen.
Als einer der „Väter“ des Historismus gilt Barthold Georg Niebuhr (1776–1831). Auch er war Althistoriker und setzte das neue wissenschaftliche Konzept in seiner 1812 erschienenen „Römischen Geschichte“ beispielhaft um.
Als einer der bedeutendsten Vertreter jener Epoche und als wichtiger Theoretiker seines Fachs gilt Leopold von Ranke (1795–1886).
Dabei war Ranke der Historiker, der nicht mehr klassischer Althistoriker war, sondern sich in seinen Werken vor allem mit der Neuzeit – aus seiner Perspektive betrachtet – sogar mit Zeitgeschichte, beschäftigte.
Berühmt geworden ist Ranke vor allem durch den Anspruch, Geschichte so darzustellen, „wie es eigentlich gewesen“. Diese Formel wird bis heute häufig zitiert — und ebenso häufig missverstanden. Denn sie meint nicht, dass Historiker:innen einfach neutral in die Vergangenheit schauen könnten wie durch ein Fenster. Sie steht vielmehr für den Versuch, Geschichte quellenbasiert, kritisch und nicht bloß moralisch oder politisch urteilend zu schreiben.
Wichtig für die Entstehung der modernen Geschichtswissenschaft war aber nicht nur eine neue Art zu schreiben. Wichtig waren auch neue Arbeitsformen und Institutionen: Universitäten, historische Seminare, Archive, Editionen, Quellenpublikationen, Fachzeitschriften und wissenschaftliche Vereine. Geschichte wurde nun immer stärker zu einem Fach mit eigenen Methoden, eigenen Ausbildungswegen und eigenen Regeln.
Zugleich sollte man nicht vergessen: Diese frühe Geschichtswissenschaft war alles andere als neutral im heutigen Sinne. Sie war stark männlich, europäisch, nationalstaatlich und häufig politisch geprägt. Frauen, Alltagsgeschichte, Kolonialgeschichte, Sozialgeschichte, Kulturgeschichte oder die Geschichte nicht-europäischer Räume standen lange nicht im Zentrum. Auch das gehört zur Geschichte der Geschichtswissenschaft.
Kurz gesagt: Die Geschichtswissenschaft als moderne akademische Disziplin entstand vor allem im 19. Jahrhundert. Sie entwickelte eigene Methoden, setzte stark auf Quellenkritik und Archivarbeit und wurde durch Historiker wie Niebuhr, Droysen, Wachsmuth und Ranke geprägt.
Der Historismus
Die meisten Menschen verbinden den Begriff „Historismus“ vermutlich zunächst mit einer Epoche der Architekturgeschichte. Gemeint ist dann meist die Zeit zwischen etwa 1850 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs, als man ältere Stile neu aufgriff und gestaltete: die Zeit der Neogotik, der Neoromanik, der Neorenaissance und anderer „Neo“-Stile. Doch darum geht es nicht beim Historismus in der Geschichtswissenschaft — auch wenn er zeitlich ungefähr in dieselbe Epoche fällt.
Der Historismus als Strömung in der Geschichtswissenschaft basiert auf der Idee, dass alles, was heute existiert und was das heutige Leben des Menschen ausmacht, historisch geworden ist; dass der Mensch in Geschichte und Tradition verankert ist und aus der Historie sein Bewusstsein gewinnt. Der Historismus setzt voraus, dass alles in der Geschichte organisch entstanden ist – dass es gewachsen, geworden und nur aus seiner jeweiligen Zeit heraus zu verstehen ist.
Stefan Jordan hat eine sehr gute und prägnante Definition von „Historismus“ in der Geschichtswissenschaft geliefert, die ich hier kurz zitieren möchte:
„Der Begriff ‚Historismus‘ kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Vereinfachend lassen sich zwei Definitionsansätze unterscheiden: Historismus kann erstens verstanden werden als Epoche der deutschen Geschichtswissenschaft, die etwa von 1800 bis 1960 reichte und dadurch gekennzeichnet ist, dass Historiker in dieser Zeit die Geschichte (1) als fortlaufende Entwicklung sahen, für deren Fortgang (2) sie vor allem Individuen (z.B. die ‚großen Männer‘ der Geschichte) verantwortlich machten und (3) historische Erkenntnis hauptsächlich durch einen (text-)interpretatorisch-verstehenden Zugang zu erlangen versuchten. Zweitens kann der Begriff ‚Historismus‘ als Bezeichnung für eine generelle Historisierung alles Denkens und Tuns benutzt werden. Historismus ist in dieser Bedeutung die Ausdehnung des Geschichtsbewusstseins auf alle denkbaren Sachverhalte und führt zu dem Problem der Relativierung allen Wissens und aller Werte, indem diese als prinzipiell vergänglich ausgewiesen werden.“[5]
Dem ist an dieser Stelle fast nichts hinzuzufügen.
Vereinfacht gesagt: Der Historismus machte Geschichte zum Schlüssel des Verstehens. Dinge, Menschen, Staaten, Ideen, Rechte, Kunst, Religionen oder Institutionen sollten nicht abstrakt und zeitlos beurteilt werden, sondern aus ihrer jeweiligen historischen Entwicklung heraus. Das war ein großer Schritt für die Geschichtswissenschaft — brachte aber auch Probleme mit sich.
Denn wenn alles historisch geworden ist, dann stellt sich sehr schnell die Frage: Gibt es überhaupt noch überzeitliche Maßstäbe? Oder ist am Ende alles nur aus seiner Zeit heraus verständlich und damit irgendwie relativ? Genau an dieser Stelle wurde der Historismus später auch kritisiert.
Wichtige Vertreter der historistischen Geschichtswissenschaft in Deutschland waren Leopold von Ranke (1795–1886), Johann Gustav Droysen (1808–1884), Heinrich von Sybel (1817–1895), Theodor Mommsen (1817–1903), Wilhelm Dilthey (1833–1911), Ernst Troeltsch (1865–1923) und Friedrich Meinecke (1862–1954).
Auffällig ist an dieser Liste natürlich auch: Sie ist ausschließlich männlich. Das liegt nicht daran, dass Frauen nicht historisch gedacht, gesammelt, geschrieben oder geforscht hätten, sondern daran, dass die akademische Geschichtswissenschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Frauen lange weitgehend ausschloss.
Auch wenn der Historismus als geschichtswissenschaftliche Großströmung heute längst Geschichte ist, wirkt vieles von ihm weiter. Die Idee, historische Phänomene aus ihrer jeweiligen Zeit heraus zu verstehen, gehört bis heute zum Grundhandwerk der Geschichtswissenschaft. Nur wird sie heute ergänzt durch Fragen nach Geschlecht, Klasse, Kolonialismus, Alltag, Kultur, Umwelt, Medien, Erinnerung und Macht.
Kurz gesagt: Historismus bezeichnet in der Geschichtswissenschaft eine Denkweise, die alles Menschliche als historisch geworden versteht. Ereignisse, Ideen, Institutionen und Werte sollen aus ihrer jeweiligen Zeit und Entwicklung heraus erklärt werden.
Geschichtsschreibung
Nicht jede Geschichtsschreibung ist auch Geschichtswissenschaft, wie wir bereits am Beispiel von Herodot gesehen haben. An dieser Stelle soll es daher, nachdem wir uns bereits mit der Geschichte der Geschichtswissenschaft beschäftigt haben, um die Geschichte der Geschichtsschreibung gehen. Also um die Frage: Wann haben Menschen eigentlich angefangen, sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen? Und vor allem: Wann haben sie angefangen, das auch aufzuschreiben?
So ganz genau kann man diese Frage eigentlich nicht beantworten — leider, wie so oft in der Geschichte. Was wir wissen, ist, dass es schon im Altertum ein erstes Aufschreiben von Geschichte gab — bei den Ägyptern zum Beispiel oder auch bei den Babyloniern. Es sind Königslisten oder Tatenberichte, die hier überliefert sind. Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne, wie wir sie heute verstehen, ist das noch nicht. Die Art der Geschichtsschreibung, die uns vertraut vorkommt, verdanken wir wohl vor allem den Griechen. Es sind Männer wie Herodot und Thukydides, die uns in Europa die Geschichtsschreibung „beigebracht“ haben, sie entwickelt und populär gemacht haben.
Wichtig ist dabei: Geschichtsschreibung ist nie einfach nur das neutrale Aufschreiben dessen, was war. Wer Geschichte schreibt, wählt aus, ordnet, deutet, gewichtet und erzählt. Schon deshalb lohnt es sich immer zu fragen: Wer schreibt hier? Für wen? Mit welcher Absicht? Und aus welcher Perspektive?
Natürlich ist das vor allem eine europäische Perspektive auf die Geschichte der Geschichtsschreibung. Auch in anderen Weltregionen wurden Vergangenheit, Herrschaft, Abstammung, Ereignisse und Erinnerungen festgehalten — nur eben in anderen Formen, mit anderen Zielen und in anderen Traditionen.
Kurz gesagt: Geschichtsschreibung bedeutet, vergangene Ereignisse, Entwicklungen und Menschen erzählend darzustellen. Sie kann wissenschaftlich sein, muss es aber nicht. Entscheidend ist, dass Vergangenheit nicht nur erwähnt, sondern geordnet, gedeutet und erzählt wird.
Die Geschichte der Geschichtsschreibung
Für eine Geschichtsschreibung braucht es einen Menschen, der nach Spuren und Quellen der Vergangenheit sucht, um sich ein Bild von dieser Vergangenheit zu machen, um dann die Geschichte dieser Vergangenheit aufzuschreiben. Das heißt also, dass nicht jede Geschichte, die mehr oder minder zufällig über vergangene Ereignisse oder Menschen berichtet, auch unweigerlich eine Art der Geschichtsschreibung ist. Die Ilias zum Beispiel oder die Odyssee, sie sind Epen, die in der Vergangenheit spielen aber keine Geschichtsschreibung — auch wenn sie sicherlich einiges beinhalten, das auf tatsächliche Ereignisse oder Erfahrungen zurückgehen könnte.
Der erste große Geschichtsschreiber, den wir in der europäischen Tradition kennen, war Herodot von Halikarnassos, der etwa zwischen 490/480 und 430/420 v. Chr. lebte. Seine „Historien“ beschreiben die Geschichte der ihm bekannten Welt vom ausgehenden 6. Jahrhundert v. Chr. bis hinein ins frühe 5. vorchristliche Jahrhundert. Aber bei ihm ist noch vieles mythisch und mehr eine Geschichte, denn Geschichte in einem, wenn auch frühen, wissenschaftlichen Sinn. Das sieht bei seinem „Nachfolger“ Thukydides (vor 454-ca. 399/96 v. Chr.) schon deutlich anders aus. Der Athener Thukydides betrieb als einer der ersten wirklich Geschichtsforschung — Geschichte also in einem frühen wissenschaftlichen Sinn.
Er suchte nach einer möglichst genauen Darstellung des Geschehenen, arbeitete mit klar erkennbaren Methoden und machte sein Werk dadurch für die Nachwelt zumindest teilweise nachprüfbar.
Zu seiner Methode schrieb er selbst:
„Was aber tatsächlich geschah in dem Krieg, erlaubte ich mir nicht nach Auskünften des ersten besten aufzuschreiben, auch nicht «nach meinem Dafürhalten», sondern bin Selbsterlebtem und Nachrichten von andern mit aller erreichbaren Genauigkeit bis ins einzelne nachgegangen. Mühsam war diese Forschung, weil die Zeugen der einzelnen Ereignisse nicht dasselbe über dasselbe aussagten, sondern je nach Gunst oder Gedächtnis. Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag es so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist es aufgeschrieben.“[6]
Man merkt: Das klingt erstaunlich modern. Thukydides beschreibt hier im Grunde schon Probleme, mit denen Historiker:innen bis heute zu tun haben: widersprüchliche Aussagen, Erinnerungslücken, Interessen, Perspektiven und die Frage, wie man aus unvollständigen Informationen eine möglichst belastbare Darstellung entwickelt.
In diese Reihe der frühen griechischen Geschichtsschreiber gehört auch Xenophon, der mit seiner „Hellenika“ an Thukydides anschloss und mit der „Anabasis“ eines der bekanntesten Werke der antiken Geschichtsschreibung verfasste.
Der Geschichtsschreibung sehr zugetan waren auch die Römer. Einer der ersten römischen Geschichtsschreiber war Quintus Fabius Pictor, der um 254 v. Chr. geboren wurde und um 201 v. Chr. starb. Seine auf Griechisch verfasste Geschichte Roms ist allerdings nur fragmentarisch erhalten.
Ein Geschichtswerk auf Latein zu schreiben, das traute sich als einer der Ersten Marcus Porcius Cato der Ältere (234–149 v. Chr.), auch Censorius genannt.
Wenn Sie jetzt stutzen, dann tun Sie das zurecht, denn das ist genau dieser „spaßige“ Mann, der jede seiner Reden vor dem Senat von Rom mit den Worten „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendet haben soll, was so viel heißt wie: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“ Irgendwann hatte er übrigens auch Erfolg mit diesem Satz — auch wenn er es selbst nicht mehr erlebte. Im Jahr 146 v. Chr. zerstörte Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus, meist kurz Scipio Aemilianus (185-129 v. Chr.) genannt, Karthago im Zuge des Dritten Punischen Krieges tatsächlich.
Weitere wichtige römische Geschichtsschreiber waren Gaius Sallustius Crispus, kurz Sallust genannt (86–35/34 v. Chr.), Titus Livius (ca. 59 v. Chr.–ca. 17 n. Chr.), Velleius Paterculus (um 20/19 v. Chr.–ca. 30 n. Chr.), Publius Cornelius Tacitus (ca. 58–ca. 120 n. Chr.), Ammianus Marcellinus (ca. 330–ca. 395/400 n. Chr.) — und auch den vielen Lateinschüler:innen verhassten Gaius Iulius Caesar (100–44 v. Chr.) darf man getrost dazurechnen.
Im Mittelalter war dann die Geschichtsschreibung eine ausgesprochen beliebte Disziplin: Allüberall sprossen Annalenwerke wie Pilze aus dem Boden, auch Chroniken, Tatenberichte und Biographien komplettierten die Lektüreliste aller historisch interessierten Menschen. Die Zahl ist so groß und beinahe unüberschaubar, dass hier nur einige wenige Beispiele genannt seien, so etwa Einhard (um 770-840), Thietmar von Merseburg (976-1018) oder auch Lambert von Hersfeld (ca. 1028-ca. 1082/85).
In der Frühen Neuzeit, spätestens mit der Erfindung des Buchdrucks, nahm die Zahl der Geschichtsschreiber und ihrer Werke nochmals deutlich zu. Bahnbrechend war dabei das Werk des Christoph Cellarius, eigentlich Christoph Martin Keller (1638-1707). Bahnbrechend war seine „Historia universalis“ deswegen, weil Cellarius wesentlich dazu beitrug, die Einteilung der Geschichte in die drei Epochen „Alte“, „Mittelalterliche“ und „Neue“ Geschichte zu etablieren — eine Einteilung, mit der Historiker:innen bis heute arbeiten.
Soweit ein kurzer Einblick in die Geschichte der Geschichtsschreibung. Es würde zu weit führen, sie an dieser Stelle weiter auszuführen, aber wer weiß, vielleicht widme ich mich an anderer Stelle diesem Thema ausführlicher.
Nun aber kommen wir erst einmal zu den Epochen, jener Einteilung von Geschichte, über deren Entstehung ich gerade berichtet habe.
Was man bei dieser kleinen Reise durch die Geschichte der Geschichtsschreibung nicht vergessen sollte: Wer Geschichte aufschreiben konnte, verfügte meist über Bildung, Zugang zu Schrift, Zeit, Auftraggeber oder Macht. Geschichtsschreibung war deshalb lange vor allem die Geschichte von Herrschern, Kriegen, Reichen, Kirchen und Eliten. Viele andere Stimmen blieben stumm — oder besser gesagt: Sie wurden nicht aufgeschrieben.
Und noch etwas ist wichtig: Nur weil etwas nicht aufgeschrieben wurde, heißt das nicht, dass es keine Erinnerung und keine Geschichte gab. Viele Gesellschaften bewahrten Vergangenheit mündlich, in Liedern, Erzählungen, Genealogien, Ritualen oder Bildern. Für die Geschichtswissenschaft ist das schwieriger zu greifen, aber keineswegs bedeutungslos.
Kurz gesagt: Die Geschichte der Geschichtsschreibung beginnt nicht an einem einzigen Punkt. Schon im Altertum wurden Königslisten, Tatenberichte und Chroniken verfasst. Für die europäische Tradition wurden besonders Herodot, Thukydides, römische Geschichtsschreiber, mittelalterliche Chronisten und frühneuzeitliche Gelehrte wie Christoph Cellarius prägend.
Die Epochen der Geschichte
„Das mit den Epochen ist immer wieder ein leidiges Thema, denn woran soll man sie festmachen? Aber andererseits braucht man ja auch irgendeine Einteilung. So sind wir Menschen nun mal: Wir möchten Kategorien haben, Schubladen, in die wir Dinge hineinstecken können. Das gilt auch für die Geschichte. Aber gerade bei der Einteilung der Geschichte in Epochen ist es schwierig, denn nicht überall verlief Geschichte gleich. Da gibt es deutliche Unterschiede, nicht nur von Kontinent zu Kontinent, sondern teilweise auch von Land zu Land. Zwangsläufig stößt man also auf ein erhebliches Problem, wenn man „die Geschichte“ in Epochen einteilen möchte. Ein Chinese wird die Weltgeschichte wohl kaum genauso sehen und einteilen wie ein Franzose.“ Dies schrieb ich bereits im Artikel „Kultur – Gedanken, Ideen und Fragen“ — und es gilt auch hier, wenn wir uns mit Geschichte bzw. Geschichtswissenschaft beschäftigen. Und auch hier möchte ich allen, die sich intensiver mit der Problematik von Epochengrenzen und Epochenbezeichnungen beschäftigen möchten, den Aufsatz von Achim Landwehr empfehlen: „Absolutismus oder »Gute Policey«? Anmerkungen zu einem Epochenkonzept“.
Und nicht zu vergessen natürlich der Klassiker zum Thema von Jacques Le Goff: „Geschichte ohne Epochen“.
Wichtig ist also: Epochen sind keine natürlichen Einheiten. Die Antike endete nicht an einem Freitagabend und am Montagmorgen begann das Mittelalter. Epochen sind Hilfskonstruktionen. Sie helfen uns, Geschichte zu ordnen, Entwicklungen zu beschreiben und Überblick zu gewinnen. Aber sie sind immer auch Vereinfachungen.
Hinzu kommt: Welche Epoche man wann beginnen oder enden lässt, hängt stark davon ab, worauf man schaut. Politische Geschichte setzt andere Markierungen als Kunstgeschichte, Technikgeschichte, Religionsgeschichte, Sozialgeschichte oder Alltagsgeschichte. Für die einen ist 1492 ein Schlüsseljahr, für andere 1453, 1517, 1789, 1806, 1914, 1945 oder 1989. Und manchmal merkt man erst im Nachhinein, dass eine neue Zeit begonnen hat.
Kurz gesagt: Epochen sind Abschnitte, in die Historiker:innen Geschichte einteilen, um Entwicklungen besser beschreiben und verstehen zu können. Sie sind aber keine festen Naturgegebenheiten, sondern Ordnungssysteme, die je nach Raum, Thema und Perspektive unterschiedlich ausfallen können.
Urgeschichte und Frühgeschichte
Beginnen wir – etwas untypisch für Historiker:innen – mit der Ur- und Frühgeschichte. Untypisch deshalb, weil für uns Historiker:innen die Geschichte klassischerweise mit der Alten Geschichte bzw. Antike beginnt. So ist es zumindest seit den Zeiten von Cellarius.
Die Ur- und Frühgeschichte ist — anders als die gleich folgenden Epochen — vor allem ein Teilgebiet der Archäologie, aber sie überschneidet sich an ihrem Ende mit der Geschichtswissenschaft.
Mit dem Begriff „Urgeschichte“ bezeichnet man in aller Regel die früheste Phase der Menschheitsgeschichte. Sie begann vor etwa 2,5 Millionen Jahren; wir kennen diese Zeit vor allem als „Steinzeit“. Das Ende der Urgeschichte läutet die Erfindung der Schrift ein — und damit kommen dann auch endlich mal die Historiker:innen zum Zug, die ja bekanntlich Geschriebenes brauchen, um ihre Wissenschaft betreiben zu können.
Die ersten Schriftzeugnisse lassen demnach die Frühgeschichte beginnen. Im Süden Europas finden wir sie erstmals in der minoischen Kultur um etwa 2000 v. Chr. und in der mykenischen Kultur Kretas ab etwa 1700 v. Chr. Die Menschen in Mitteleuropa dachten da übrigens noch lange nicht übers Schreiben nach, und deswegen dauert es hier auch ein wenig länger, bis wir uns so richtig aus der Frühgeschichte wegbewegen. Da kann es für Historiker:innen schon mal Frühmittelalter werden, bis die neue Epoche so richtig anbricht.
„Wer das Alphabet erschaffen hat, hat uns den Faden unserer Gedanken und den Schlüssel der Natur in die Hand gegeben.“ – Antoine de Rivarol
Die Schrift verändert für die Geschichtswissenschaft tatsächlich sehr viel. Mit ihr entstehen neue Arten von Quellen: Verwaltungslisten, Verträge, Briefe, Inschriften, Gesetze, religiöse Texte, Erzählungen und vieles mehr. Plötzlich sprechen nicht mehr nur Dinge, Gräber, Werkzeuge oder Siedlungsspuren, sondern auch Texte — wenn auch natürlich immer nur die Texte, die erhalten geblieben sind.
Wichtig ist auch hier wieder: Diese Übergänge verlaufen regional sehr unterschiedlich. Während in manchen Regionen bereits Schriftzeugnisse vorliegen, bleiben andere Räume noch lange schriftlos. Urgeschichte, Frühgeschichte und „eigentliche“ Geschichte beginnen also nicht überall zur gleichen Zeit.
Kurz gesagt: Die Urgeschichte bezeichnet die früheste, schriftlose Phase der Menschheitsgeschichte. Die Frühgeschichte beginnt dort, wo erste Schriftzeugnisse auftauchen, aber archäologische Quellen weiterhin eine besonders große Rolle spielen. Deshalb gehört die Ur- und Frühgeschichte vor allem zur Archäologie, überschneidet sich aber mit der Geschichtswissenschaft.
Alte Geschichte
Die „Alte Geschichte“ — das ist jenes Teilgebiet der Geschichtswissenschaft, das vielen wohl eher unter der Bezeichnung „griechisch-römische Antike“ bekannt ist. Zeitlich reicht sie grob von den frühen Schriftzeugnissen im ägäischen Raum bis in die Spätantike, also ungefähr vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis ins 6. oder frühe 7. Jahrhundert n. Chr. An diesen Zeitangaben sieht man bereits, dass sich die Alte Geschichte durchaus mit dem überschneidet, was Archäolog:innen zumeist als Frühgeschichte bezeichnen.
Ein wahrhaft langer Zeitraum. Deshalb wird die Alte Geschichte zwar als ein gemeinsames Teilgebiet an Universitäten gelehrt, aber die meisten Althistoriker:innen spezialisieren sich im Laufe ihrer Karriere irgendwann auf eines ihrer großen Teilgebiete — als da wären die griechische und die römische Antike. Aber auch diese Einteilungen sind nur ausgesprochen grob und werden zumeist nochmals feiner gegliedert — aber dazu später mehr.
Im Vorfeld sollte noch gesagt werden, dass Althistoriker:innen sich in der klassischen Fächerstruktur in aller Regel vor allem mit der griechischen und der römischen Antike beschäftigen. Die außerhalb dieser geographischen Bereiche liegenden Kulturen und Hochkulturen werden meist von anderen Disziplinen untersucht, etwa von der Ägyptologie, der Assyriologie, der Altorientalistik oder anderen altertumswissenschaftlichen Fächern.
Ganz ausblenden lassen sich diese anderen Kulturen natürlich trotzdem nicht. Die griechische und römische Welt standen schließlich nicht isoliert im Raum. Es gab Kontakte, Handel, Kriege, Wissensaustausch, Migration, Übersetzungen, Aneignungen und gegenseitige Einflüsse. Alte Geschichte ist also griechisch-römisch geprägt, aber nicht völlig losgelöst von Ägypten, dem Alten Orient, Persien, Nordafrika oder anderen Regionen des Mittelmeerraums zu verstehen.
Die Alte Geschichte arbeitet dabei nicht nur mit literarischen Texten antiker Autoren. Wichtig sind auch Inschriften, Münzen, Papyri, archäologische Funde, Bauwerke, Bilder und materielle Kultur. Gerade deshalb ist sie eng mit den sogenannten Altertumswissenschaften und den historischen Hilfswissenschaften verbunden.
Kurz gesagt: Alte Geschichte ist das Teilgebiet der Geschichtswissenschaft, das sich vor allem mit der griechisch-römischen Antike beschäftigt. Sie reicht grob vom 2. Jahrtausend v. Chr. bis in die Spätantike und überschneidet sich stark mit Archäologie, Epigraphik, Numismatik, Papyrologie und anderen Altertumswissenschaften.
Griechische Geschichte
Die Geschichte des antiken Griechenland reicht — je nachdem, wo man beginnt und welche Perspektive man einnimmt — von der mykenischen Zeit im 2. Jahrtausend v. Chr. bis zur Eingliederung des griechischen Mutterlandes in den römischen Herrschaftsbereich im Jahr 146 v. Chr.
Auch dies ist wieder ein riesiger Zeitraum und so macht es Sinn auch diesen erneut zu unterteilen:
- Das archaische Griechenland: Der Begriff mag zunächst etwas wertend und negativ klingen, ist aber nicht so gemeint. „Archaisch“ bezeichnet in diesem Zusammenhang eine frühe Phase der griechischen Geschichte. Und da Historiker:innen ja so auf Quellen fixiert sind, beginnt diese für Althistoriker:innen meist erst im 8. Jahrhundert v. Chr., also ungefähr um 750 v. Chr. Das ist die Zeit Homers, des ersten großen Dichters der europäischen Geschichte oder eben auch nicht, aber mit der Diskussion um Homer wollen wir uns hier erst einmal nicht beschäftigen.
In dieser Zeit entwickelten sich viele jener Strukturen, die wir später mit dem antiken Griechenland verbinden: die Polis, die griechische Kolonisation im Mittelmeer- und Schwarzmeerraum, neue politische Ordnungen und eine zunehmend gemeinsame kulturelle Identität — trotz aller Konkurrenz zwischen den einzelnen Stadtstaaten. - Um das Jahr 480 v. Chr. dann beginnt die Zeit des klassischen Griechenlands. Das ist jene Zeit, die wahrscheinlich auch vielen Nicht-Historiker:innen ein Begriff ist: die Zeit großer Poleis wie Athen, Sparta und Korinth, der Perserkriege, des Peloponnesischen Krieges, der Philosophie — und natürlich der athenischen Demokratie. Wobei „Volk“ hier nicht mit der gesamten Bevölkerung verwechselt werden darf. Politische Rechte hatten in Athen nur freie männliche Bürger. Frauen, Sklav:innen und dauerhaft ansässige Fremde waren ausgeschlossen. Die athenische Demokratie war also für ihre Zeit bemerkenswert — mit unserem heutigen Verständnis von Demokratie aber nicht gleichzusetzen. Diese Phase endet je nach Einteilung mit dem Aufstieg Makedoniens unter Philipp II., der Herrschaft Alexanders des Großen oder spätestens mit dessen Tod im Jahr 323 v. Chr.
- Haben Sie sich die Zahlen angeschaut? Kommt Ihnen gerade der gleiche Spruch in den Kopf wie mir? – „333 – bei Issos Keilerei“! Richtig, da prügelte sich Alexander der Große bei Issos mit dem Heer des persischen Großkönigs Dareios III. — und gewann. Im Hellenismus sind wir damit allerdings noch nicht ganz angekommen. Der beginnt üblicherweise erst mit Alexanders Tod im Jahr 323 v. Chr., als seine Nachfolger sein riesiges Reich unter sich aufteilten und dabei erwartungsgemäß nicht immer besonders friedlich vorgingen. Die Polis ging dabei keineswegs einfach zugrunde. Die einzelnen Stadtstaaten blieben wichtige politische und gesellschaftliche Einheiten, mussten sich nun aber in einer Welt großer hellenistischer Reiche behaupten. Zugleich gewannen Bündnisse wie der Achaiische und der Aitolische Bund an Bedeutung. Zugleich weitete sich die griechische Sprache und Kultur weit über das griechische Mutterland hinaus aus. Hellenistische Königreiche entstanden unter anderem in Ägypten, Vorderasien und Makedonien. Städte wie Alexandria wurden zu Zentren von Wissenschaft, Kunst und Handel. „Griechische Geschichte“ spielte sich nun also längst nicht mehr nur in Griechenland ab. Das Ende des Hellenismus wird üblicherweise auf das Jahr 30 v. Chr. datiert, als das ptolemäische Ägypten als letztes großes hellenistisches Reich unter römische Herrschaft geriet. Das klingt zunächst vielleicht widersprüchlich: Griechenland geriet bereits 146 v. Chr. unter römische Herrschaft, der Hellenismus endete aber erst 30 v. Chr. Der Grund ist einfach: Der Begriff bezeichnet nicht nur die Geschichte des griechischen Mutterlandes, sondern die gesamte hellenistisch geprägte Welt vom Mittelmeerraum bis weit nach Asien.
Kurz gesagt: Die Geschichte des antiken Griechenland wird meist in die archaische, die klassische und die hellenistische Zeit gegliedert. Die archaische Zeit beginnt ungefähr im 8. Jahrhundert v. Chr., die klassische Zeit um 480 v. Chr. und der Hellenismus mit dem Tod Alexanders des Großen 323 v. Chr. Das traditionelle Ende des Hellenismus bildet die römische Eroberung Ägyptens im Jahr 30 v. Chr.
Römische Geschichte
Und da sind wir dann auch schon bei den guten alten Römern, die uns durchaus etwas näher sind als die alten Griechen. Immerhin haben sie sich ja auch bei uns hier in Deutschland herumgetrieben, und wir finden allüberall noch heute ihre Überreste beinahe vor der Haustür.
Und ja, auch die römische Geschichte dauert viel zu lange, als dass man sie nicht unterteilen müsste. Schließlich reden wir — zumindest wenn wir uns auf die Antike konzentrieren — über einen Zeitraum von der sagenhaften Gründung Roms im Jahr 753 v. Chr. bis hinein ins 6. oder 7. Jahrhundert n. Chr.
Gemeinhin wird die römische Geschichte in vier große Abschnitte untergliedert:
- Die römische Königszeit beginnt der Überlieferung nach im Jahr 753 v. Chr.
Und auch hier gibt’s wieder einen kleinen Merkspruch, den Sie
vielleicht schon einmal gehört haben: „753 – Rom schlüpft aus dem Ei!“ Nun fanden die Römer ihre Könige der Überlieferung zufolge irgendwann nicht mehr so toll — in der Hinsicht glichen sie ein wenig den Franzosen — und schmissen den letzten von ihnen nach einer Testphase von knapp 250 Jahren im Jahr 509 v. Chr. kurzerhand hinaus.
Na ja, nicht ganz so endgültig, denn einige Jahrhunderte später holten sie sich dafür gewissermaßen einen „Kaiser“ ins Haus.
Übrigens, merken Sie was? Auch darin waren sie den Franzosen nicht ganz unähnlich, die ja bekanntlich nach einer Weile ihren König ebenfalls gegen einen Kaiser eintauschten — gegen Napoleon. – Da sage noch einer Geschichte könne sich nicht wiederholen … - Aber bevor das alles passiert, gibt es erst einmal eine Republik nach römischer Art — mit Volksversammlungen, gewählten Amtsträgern und einem ausgesprochen einflussreichen Senat.
Irgendwie war aber klar, dass das auf Dauer schwierig werden konnte, wenn politische Mitwirkung, adelige Machtinteressen, militärische Expansion und die Verwaltung eines immer größeren Herrschaftsgebietes miteinander in Einklang gebracht werden sollten. Da gab es einfach viel zu viele unterschiedliche Interessen: Die einen wollten etwas verändern, die anderen vor allem das behalten, was sie bereits besaßen. So endete die Römische Republik reichlich unschön in einer langen Folge politischer Gewalt, innerer Konflikte und Bürgerkriege. Rechnet man vom Tod des Tiberius Gracchus im Jahr 133 v. Chr. bis zur Alleinherrschaft Octavians, zog sich diese Krise tatsächlich mehr als ein Jahrhundert hin. - Im Jahr 27 v. Chr. war dieser Mann schließlich zum unangefochtenen Machthaber geworden — einen Thron bestieg er allerdings offiziell nicht. Er war als Gaius Octavius geboren worden, war Großneffe und später Adoptivsohn Gaius Iulius Caesars und erhielt in diesem Jahr vom Senat jenen Ehrennamen, unter dem Sie ihn wahrscheinlich viel besser kennen: „Augustus“. Mit ihm begann die Zeit des sogenannten Prinzipats, also die erste Phase der römischen Kaiserzeit. Ruhig ging es in ihr längst nicht immer zu, auch wenn die Herrschaft des Augustus zunächst eine längere Phase relativer Stabilität einleitete. Das Prinzipat dauerte, je nach Einteilung, bis zur Regierung Diokletians ab 284 n. Chr.
- Und hier sind wir nun in der Zeit angekommen, die wir Historiker:innen gemeinhin als Spätantike bezeichnen.
Selbst darüber, wann sie genau begann, lässt sich diskutieren. Noch uneiniger ist man sich allerdings darüber, wann sie endete. Traditionell gilt das Jahr 476, in dem der letzte weströmische Kaiser abgesetzt wurde, als Ende des Weströmischen Reiches. Als weitere mögliche Grenze wird häufig der Einfall der Langobarden in Italien im Jahr 568 genannt. Die Spätantike endet also nicht an einem einzigen, unumstrittenen Datum, sondern je nach Fragestellung irgendwann im 5., 6. oder frühen 7. Jahrhundert. Wer dagegen die römische Geschichte bis zum Ende des Oströmischen Reiches weitererzählt, gelangt sogar bis ins Jahr 1453. Als Ende der Antike gilt dieses Datum allerdings nicht im üblichen Sinne. In diesem Jahr eroberten die Osmanen Konstantinopel, und damit endete das Oströmische bzw. Byzantinische Reich. Die Stadt, die einst Byzantion und später Konstantinopel hieß, kennen wir heute als Istanbul. Das Nette an einer bis 1453 reichenden römischen Geschichte ist allerdings nicht, dass wir das Mittelalter einsparen könnten. Vielmehr zeigt sie, dass römische, spätantike und mittelalterliche Geschichte im Osten Europas und im Mittelmeerraum sehr viel enger ineinandergriffen, als unsere ordentlichen Epochenschubladen vermuten lassen.
Und noch etwas sollte man nicht vergessen: Römische Geschichte ist längst nicht nur die Geschichte der Stadt Rom oder der Kaiser. Sie ist auch die Geschichte eines riesigen, kulturell vielfältigen Herrschaftsraumes, der zeitweise von Britannien bis Nordafrika und vom Atlantik bis in den Nahen Osten reichte. Dazu gehören Provinzen, Städte, Soldaten, Händler:innen, Sklav:innen, Frauen, Kinder, Zugewanderte, lokale Eliten und all jene Menschen, die römische Herrschaft auf sehr unterschiedliche Weise erlebten.
Kurz gesagt: Die römische Geschichte wird meist in Königszeit, Republik, Prinzipat bzw. frühe Kaiserzeit und Spätantike gegliedert. Die Königszeit endete traditionell 509 v. Chr., die Republik 27 v. Chr. mit dem Beginn der Herrschaft des Augustus. Ab dem späten 3. Jahrhundert spricht man von der Spätantike, deren Ende je nach Einteilung im 5., 6. oder frühen 7. Jahrhundert angesetzt wird.

Mittelalterliche Geschichte
Wir aber sparen uns das Mittelalter nicht, sondern folgen der Mehrheitsmeinung und lassen es stattfinden — jene Epoche, die bis heute gern als „dunkel“ bezeichnet wird. Wobei dieses „dunkel“ weniger über das Mittelalter selbst verrät als über jene, die ihm später dieses Etikett verpassten. Vor allem Humanisten der Renaissance und Denker der Aufklärung sahen die Jahrhunderte zwischen Antike und eigener Gegenwart gern als rückständig, ungebildet und finster an. Die heutige Mittelalterforschung sieht das sehr viel differenzierter. Und da wir uns im deutschsprachigen Raum ja so herrlich in der Mitte des europäischen Kontinents befinden und unsere Vorfahren in den großen Erzählungen der griechisch-römischen Antike meist nur dann auftauchten, wenn sie an irgendeiner Grenze Schwierigkeiten machten, haben wir uns mit dem Mittelalter gewissermaßen selbst in den Mittelpunkt gerückt. Nun spielten die großen Geschichten plötzlich nicht mehr nur in Athen, Rom oder Alexandria, sondern auch in Aachen, Mainz, Regensburg, Köln oder später Nürnberg.
Wobei auch hier wieder gilt: Das Mittelalter ist vor allem eine europäische Epocheneinteilung. Für China, Indien, die islamische Welt, Afrika oder die vorkolumbischen Kulturen Amerikas ergeben dieselben zeitlichen Grenzen und Bezeichnungen nur bedingt Sinn.
Gedauert hat dieses „mittlere Zeitalter“ nach traditioneller Einteilung ungefähr vom 5. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts. Als Beginn wird häufig das Jahr 476 genannt, als der letzte weströmische Kaiser abgesetzt wurde. Für das Ende stehen gleich mehrere mögliche Daten zur Auswahl: die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453, die Entwicklung des europäischen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern durch Johannes Gutenberg um 1450 oder die erste Reise des Kolumbus über den Atlantik im Jahr 1492.
Von der „Entdeckung Amerikas“ sollte man dabei nur mit Vorsicht sprechen. Der Kontinent war selbstverständlich seit Jahrtausenden bewohnt, und auch Europäer hatten ihn bereits vor Kolumbus erreicht. Das Jahr 1492 markiert vielmehr den Beginn einer dauerhaften europäischen Expansion nach Amerika — mit weitreichenden und für die indigene Bevölkerung häufig katastrophalen Folgen.
Wie schon gesagt: Am 31. Dezember 1491 ging niemand als mittelalterlicher Mensch ins Bett und wachte am nächsten Morgen in der Neuzeit auf. Die genannten Daten sind Orientierungspunkte. Die Veränderungen selbst vollzogen sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte — und längst nicht überall gleichzeitig.
Und weil fast tausend Jahre nun einmal selbst für Historiker:innen ein ziemlich großer Brocken sind, wird auch das Mittelalter noch einmal unterteilt: in Frühmittelalter, Hochmittelalter und Spätmittelalter. Ganz einheitlich sind die Grenzen natürlich auch hier nicht. (Wen überrascht das jetzt?)
Das Frühmittelalter reicht grob vom 5. bis ins 10. Jahrhundert und ist geprägt vom Ende weströmischer Herrschaftsstrukturen, von neuen Reichen und von der Christianisierung großer Teile Europas.
Das Hochmittelalter umfasst ungefähr das 10. bzw. 11. bis 13. Jahrhundert und gilt als Zeit des Bevölkerungswachstums, der Stadtentwicklung, des Burgen- und Kathedralenbaus sowie der Kreuzzüge.
Das Spätmittelalter schließlich reicht etwa vom 13. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts und war von Krisen, Kriegen und Pest geprägt — aber auch von wirtschaftlichem Wandel, wachsender Schriftlichkeit und neuen kulturellen Entwicklungen.
Kurz gesagt: Das Mittelalter ist eine vor allem europäische Epoche zwischen Antike und Neuzeit. Traditionell beginnt es im 5. Jahrhundert, häufig mit dem Ende des Weströmischen Reiches 476, und endet im 15. Jahrhundert. Als mögliche Endpunkte gelten unter anderem die Eroberung Konstantinopels 1453, Gutenbergs Buchdruck um 1450 und die erste Reise des Kolumbus nach Amerika 1492.
Frühe Neuzeit
Die Frühe Neuzeit, kurz auch Frühneuzeit genannt, ist meine wissenschaftliche Heimat und die Epoche, mit der ich wohl die meiste Zeit meiner Arbeit verbracht habe. Es ist eine vielfältige Epoche, die sich durch große geografische, wissenschaftliche und technische Entdeckungen auszeichnete: Neue Kontinente rückten in den europäischen Blick, der Himmel wurde neu vermessen, der menschliche Körper genauer untersucht und selbst ein fallender Apfel konnte plötzlich Anlass geben, über die Gesetze des Universums nachzudenken. Ebenso wurden neue Wege im Denken und in der Philosophie beschritten — und selbstverständlich ist die Frühe Neuzeit auch die große Epoche der Schlösser und der höfischen Geschichte. Die Frühe Neuzeit ist die Epoche von Renaissance und Humanismus, Reformation und Konfessionalisierung, Barock, Rokoko und Aufklärung. Eine bunte Epoche, eine Epoche, die wie kaum eine andere alle Bereiche des Lebens wandelte und teilweise auch auf den Kopf stellte.
Am Anfang der Frühen Neuzeit stehen — je nach Perspektive und gewählter Epochengrenze — die Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453, die Entwicklung des europäischen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern um 1450, die erste Reise des Kolumbus über den Atlantik im Jahr 1492 und der Beginn der Reformation 1517. Schon diese Daten markieren weitreichende Umbrüche — wobei ihre Bedeutung nicht überall gleichzeitig und nicht für alle Menschen dieselbe war.
Am Ende der Frühen Neuzeit stehen die Französische Revolution von 1789, der Aufstieg Napoleons und schließlich das Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806. Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 hatte dafür bereits wichtige Vorarbeit geleistet. Durch Säkularisation und Mediatisierung wurde die politische Landkarte des Reiches grundlegend verändert. Drei Jahre später legte Kaiser Franz II. die Reichskrone nieder — und das Heilige Römische Reich war Geschichte. Und wieder änderte die Welt ihr Gesicht grundlegend — und das längst nicht nur in Europa.
Zu den prägenden Strömungen und Entwicklungen der Frühen Neuzeit gehören Renaissance und Humanismus, Reformation und Konfessionalisierung, europäische Expansion und Kolonialismus, Barock und Rokoko, höfische Kultur, neue Formen von Staatlichkeit sowie die Aufklärung. Auch der lange selbstverständlich verwendete Begriff „Absolutismus“ wird inzwischen kritisch diskutiert. Denn selbst ein Ludwig XIV. herrschte nicht völlig „absolut“, sondern war auf Verwaltungen, Gerichte, Stände, Eliten, Geldgeber und zahlreiche gewachsene Rechte angewiesen. Ganz streichen muss man den Begriff deshalb nicht — aber man sollte wissen, dass er eine sehr komplizierte Wirklichkeit stark vereinfacht.
Kaum eine andere Epoche hat die Lebenswelten so vieler Menschen derart sichtbar verändert wie die Frühe Neuzeit. In kaum einer anderen Epoche wurde so sichtbar mit Traditionen gerungen, wurden sie verworfen, umgedeutet, wiederbelebt oder ganz neu erfunden. Und kaum eine andere Epoche brachte so viele Veränderungen hervor, die unsere Welt bis heute prägen.
Bei aller Begeisterung darf man allerdings nicht vergessen: Die Frühe Neuzeit war nicht nur eine Epoche von Aufklärung, Kunst, Wissenschaft und prächtigen Schlössern. Sie war auch eine Zeit von Religionskriegen, Hexenverfolgungen, Kolonialismus, Versklavung, sozialer Ungleichheit, Hunger und Gewalt. Wie so oft in der Geschichte lagen Glanz und Elend ziemlich dicht beieinander.
Und natürlich lässt sich auch die Frühe Neuzeit weiter unterteilen. Häufig unterscheidet man eine frühere Phase von etwa 1450 bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges 1648, eine mittlere Phase bis ungefähr zur Mitte des 18. Jahrhunderts und eine späte Phase, die bis zur Französischen Revolution oder zum Ende des Alten Reiches reicht. Einheitlich ist aber auch diese Gliederung nicht — Sie kennen das inzwischen bereits.
Kurz gesagt: Die Frühe Neuzeit ist die europäische Epoche zwischen Mittelalter und Moderne. Sie beginnt je nach Einteilung im 15. oder frühen 16. Jahrhundert und endet mit der Französischen Revolution, den napoleonischen Umbrüchen oder dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806. Geprägt wurde sie unter anderem von Renaissance, Reformation, europäischer Expansion, höfischer Kultur, Barock, Aufklärung und tiefgreifenden Veränderungen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.

Neuere und Neueste Geschichte
Es ist ein Kreuz mit der Neuzeit, denn als die Dreiteilung der geschichtlichen Epochen „erfunden“ wurde, hat wohl niemand darüber nachgedacht, dass diese Neuzeit immer länger und länger werden würde. Und da die Welt entgegen einer etwas freien Auslegung des Maya-Kalenders am 21. Dezember 2012 nicht unterging, wächst sie seither munter weiter. Und selbst bis dahin hätten wir schon ein Problem gehabt, denn irgendwie ist arg viel passiert in dieser Epoche, die sich Neuzeit nennt. So haben wir Historiker:innen heute das Problem, immer neue Begriffe und Unterteilungen zu entwickeln, um diese ereignisreiche und vielfältige Epoche wenigstens halbwegs übersichtlich zu ordnen. Wenn ich mir das alles anschaue, bin ich sehr froh, dass ich nicht in 200 Jahren lebe, denn dann dürfte das Wirrwarr der Neuzeiten endgültig unüberschaubar geworden sein.
Heute jedenfalls folgt auf die Frühe Neuzeit zunächst die Neuere Geschichte. Sie beginnt, je nach Einteilung, mit der Französischen Revolution von 1789 oder mit den politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen um 1800 und reicht bis zum Ersten Weltkrieg bzw. zur Russischen Revolution von 1917.
Ein großer Teil dieser Epoche wird häufig auch als das „lange 19. Jahrhundert“ bezeichnet. „Lang“ ist dieses Jahrhundert deshalb, weil es sich nicht an die ordentlichen Kalendergrenzen von 1800 bis 1900 hält, sondern meist von 1789 bis 1914 bzw. 1917 reicht. Historische Jahrhunderte sind eben manchmal länger — oder auch kürzer — als einhundert Jahre. Warum sollte es bei den Epochenbezeichnungen auch einmal einfach sein?
Geprägt wurde diese Zeit von Revolutionen und Restauration, Industrialisierung und Urbanisierung, Nationalismus und Nationalstaatsbildung, Liberalismus, Sozialismus, Imperialismus und Kolonialismus. Die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Arbeit und der Alltag der Menschen veränderten sich grundlegend — allerdings weder überall gleichzeitig noch für alle Menschen in gleicher Weise.
Auf die Neuere Geschichte folgt die Neueste Geschichte, die folgerichtig den Zeitraum seit dem Ende des Ersten Weltkriegs bzw. seit den Revolutionen der Jahre 1917 und 1918 umfasst — aber bis wann eigentlich? Sie wundern sich sicher über diesen etwas uneleganten Satz, aber tatsächlich ist das Ende der Neuesten Geschichte nicht so einfach festzulegen. Denn anders als Antike, Mittelalter oder Frühe Neuzeit reicht sie bis in unsere Gegenwart hinein — und diese Gegenwart verändert sich nun tatsächlich täglich.
Wo wir übrigens gerade bei der Länge von Jahrhunderten waren: Dem „langen 19. Jahrhundert“ steht das „kurze 20. Jahrhundert“ gegenüber. Es reicht in einer bekannten Einteilung nämlich nur von 1914 bzw. 1917 bis zum Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und zum Ende der Sowjetunion 1989/91. Das 20. Jahrhundert war nach dieser Rechnung also tatsächlich bemerkenswert kurz — auch wenn es sich für die Menschen, die seine Kriege, Diktaturen und Krisen erleben mussten, vermutlich ganz und gar nicht so anfühlte.
Warum das mit dem Ende der Neuesten Geschichte so schwierig ist, das werden Sie sofort verstehen, wenn Sie den nächsten Abschnitt über die „Zeitgeschichte“ lesen, aber kurz gesagt: Die Neuere Geschichte beginnt üblicherweise mit der Französischen Revolution oder den Umbrüchen um 1800 und reicht bis zum Ersten Weltkrieg bzw. zur Russischen Revolution. Die Neueste Geschichte schließt daran an und reicht bis in die Gegenwart. Die genauen Grenzen unterscheiden sich allerdings je nach Forschungstradition und Fragestellung.
Zeitgeschichte
So, und hier kommt die Auflösung des Rätsels bezüglich des Endes der Neuesten Geschichte — wobei die Sache leider doch wieder etwas komplizierter ist: Zeitgeschichte wird klassisch als die „Epoche der Mitlebenden“ bezeichnet. Kurz gesagt: Zeitgeschichte ist die wissenschaftliche Erforschung der jüngsten Vergangenheit, die noch in die Gegenwart hineinwirkt und teilweise von lebenden Generationen erinnert wird. Ihre zeitlichen Grenzen sind beweglich und werden in der Forschung unterschiedlich gesetzt. Zu Beginn meines Studiums lebten tatsächlich noch Menschen, die den Ersten Weltkrieg erlebt hatten. Damit gehörte er ganz unmittelbar noch zur Erinnerung lebender Generationen — wobei der Krieg in Frankreich als Grande Guerre und im englischsprachigen Raum als Great War bezeichnet wird. Und selbst wenn die letzten unmittelbar Beteiligten verstorben sind, verschwinden ihre Erfahrungen natürlich nicht schlagartig aus der Gegenwart. Sie leben in Familienerinnerungen, Interviews, Briefen, Fotografien, Filmen, Denkmälern und politischen Debatten weiter. Auch deshalb lassen sich die Grenzen der Zeitgeschichte nicht einfach am Tod einzelner Zeitzeug:innen festmachen. Inzwischen sind selbstverständlich auch die letzten bekannten Veteran:innen des Ersten Weltkriegs verstorben. Zu ihnen gehörten Frank Buckles (1901–2011), der letzte bekannte US-amerikanische Veteran, Henry Allingham (1896–2009), einer der letzten britischen Marine- und Luftwaffenveteranen, und Harry Patch (1898–2009), der letzte überlebende britische Soldat, der in den Schützengräben der Westfront gekämpft hatte. Auch die Zahl der Menschen, die den Zweiten Weltkrieg bewusst erlebt haben, wird immer kleiner. Damit verändert sich der Zugang zu diesem Ereignis: Unmittelbare Gespräche mit Zeitzeug:innen werden seltener, während Interviews, Aufzeichnungen, Briefe und andere überlieferte Zeugnisse an Bedeutung gewinnen. Aus der Zeitgeschichte fällt der Zweite Weltkrieg dadurch aber nicht an einem bestimmten Tag einfach heraus.
Das vordere Ende der Zeitgeschichte bildet übrigens tatsächlich immer der gerade vergangene Tag. Sie wächst also täglich weiter — eine Eigenschaft, die sie mit diesem Beitrag offenbar teilt. Nach hinten verliert sie allerdings nicht ebenso ordentlich jeden Tag einen Tag. So einfach machen es uns die Epochen bekanntlich nie.
Und ja: Sie überschneidet sich durch ihre besondere Gegenwartsnähe natürlich mit einigen anderen Wissenschaften, etwa mit der Politikwissenschaft, der Soziologie, der Wirtschaftswissenschaft, den Medienwissenschaften oder der Rechtswissenschaft. Weil Historiker:innen jedoch mit eigenen Fragestellungen und Methoden an Quellen, Entwicklungen und Ereignisse herangehen, hat die Zeitgeschichte auch dort ihre Berechtigung, wo ihre Themen unmittelbar an die Gegenwart heranreichen.
Gerade die Zeitgeschichte verfügt über eine ungeheure Fülle unterschiedlicher Quellen: staatliche Akten, Zeitungen, Fotografien, Filme, Radio- und Fernsehaufnahmen, Wahlplakate, persönliche Briefe, Interviews, Statistiken, Websites, E-Mails und inzwischen natürlich auch Social-Media-Beiträge. Das klingt zunächst nach paradiesischen Zuständen für Historiker:innen. Tatsächlich kann aber auch ein Zuviel an Quellen zum Problem werden.
Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft
Neben den Epochen, in die man Geschichte einteilen kann, lässt sie sich natürlich auch aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Diese verschiedenen Perspektiven und Fragestellungen — und glauben Sie mir, Historiker:innen lieben es, Fragen zu stellen — haben im Laufe der Geschichte der Geschichtswissenschaft zu ganz unterschiedlichen Teildisziplinen geführt.
Dabei sind diese Teildisziplinen keine sauber voneinander getrennten Schubladen. Im Gegenteil: Sie überschneiden sich, ergänzen sich und stellen häufig unterschiedliche Fragen an dieselben Quellen. Eine Untersuchung kann also gleichzeitig zur Politikgeschichte, Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte und Kulturgeschichte gehören.
So kann man sich bei der Beschäftigung mit Geschichte vor allem auf politische oder kriegerische Ereignisse konzentrieren oder auf Verfassung und Verwaltung von Staaten und anderen Herrschaftsgebilden. Man kann sich aber auch einen bestimmten Lebensbereich herausgreifen, zum Beispiel die Höfe Europas, den Sport, das Essen, die Arbeit, die Familie, die Medizin oder den Alltag. Man kann die Geschichte eines einzelnen Ortes über Jahrhunderte hinweg betrachten oder die Geschichte einer Kirche, einer Religion, eines Unternehmens, einer Institution oder einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe.
Und immer wieder entstehen neue Perspektiven. Themen, die früher kaum beachtet wurden, rücken stärker in den Mittelpunkt: die Geschichte von Frauen und marginalisierten Gruppen, Kolonialismus und globale Verflechtungen, Umwelt und Klima, Medien, Gefühle, Körper, Wissen oder digitale Kulturen. Die Geschichtswissenschaft verändert sich also auch deshalb, weil jede Generation neue Fragen an die Vergangenheit stellt.
So sind im Laufe der Zeit zahlreiche Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft entstanden, von denen im Folgenden zumindest einige näher vorgestellt werden sollen.
Kurz gesagt: Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft untersuchen Vergangenheit aus unterschiedlichen thematischen Perspektiven. Dazu gehören unter anderem Politikgeschichte, Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Kulturgeschichte, Geschlechtergeschichte, Religionsgeschichte, Militärgeschichte, Umweltgeschichte und Globalgeschichte. Die einzelnen Bereiche überschneiden sich häufig.
Politische Geschichte
Politische Geschichte oder, für Liebhaber:innen kurzer Worte, Politikgeschichte ist die Geschichte von Macht, Herrschaft, Staaten und politischem Handeln. In dieser Teildisziplin der Geschichte geht es um politische Ereignisse, Diplomatie, Kriege, Verfassungen, Parlamente, Parteien und Regierungen — und natürlich auch um die Menschen, die Politik machten, beeinflussten, unterstützten oder bekämpften.
Lange konzentrierte sich die Politikgeschichte allerdings tatsächlich vor allem auf Herrscher, Staatsmänner, Kriege, Verträge und diplomatische Beziehungen. Nicht ohne Grund wurde sie später etwas spöttisch als Geschichte der „großen Männer und großen Taten“ bezeichnet.
Im 19. Jahrhundert und noch weit in das 20. Jahrhundert hinein war die Politische Geschichte die dominierende Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Man sah die Politische Geschichte lange als den wichtigsten Teilbereich an und behandelte Wirtschafts-, Sozial- oder Kulturgeschichte häufig eher als Ergänzung.
Heute sieht das anders aus, was sicherlich auch mit den methodischen und thematischen Erweiterungen der Geschichtswissenschaft zusammenhängt. Politische Geschichte ist noch immer wichtig und wird weiterhin von vielen Historiker:innen betrieben. Ihren früheren Vorrang musste sie jedoch abgeben und sich als eine Teildisziplin neben vielen anderen einreihen.
Dabei hat sich die Politikgeschichte selbst stark verändert. Die sogenannte Neue Politische Geschichte fragt nicht mehr nur danach, welche Entscheidungen Regierungen trafen oder welche Verträge geschlossen wurden. Sie interessiert sich auch für politische Sprache, Rituale und Symbole, Öffentlichkeit und Medien, politische Kulturen, Protestbewegungen, Netzwerke, Geschlechterrollen und die Frage, wie Macht im Alltag wahrgenommen und ausgehandelt wurde.
Politik findet außerdem nicht nur in Parlamenten, Ministerien oder an Fürstenhöfen statt. Sie zeigt sich auch in Vereinen, Gewerkschaften, Bürgerinitiativen, sozialen Bewegungen, Demonstrationen, Flugblättern, Zeitungen, Talkshows und heute natürlich in digitalen Netzwerken. Auch wer von politischer Macht ausgeschlossen ist, kann politisch handeln.
Kurz gesagt: Politische Geschichte untersucht Macht, Herrschaft und politisches Handeln in der Vergangenheit. Dazu gehören Staaten, Regierungen, Verfassungen, Diplomatie und Kriege, aber auch Parteien, politische Bewegungen, Öffentlichkeit, Medien, Protest und politische Kultur.
Sozialgeschichte
Die Sozialgeschichte wird häufig gemeinsam mit der im folgenden Abschnitt behandelten Wirtschaftsgeschichte betrachtet und zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte zusammengefasst.
Dabei beschäftigt sich die Sozialgeschichte vor allem mit den Gruppen, Ständen, Schichten und Klassen, die eine Gesellschaft prägen. In dieser Sichtweise ist sie letztlich die Geschichte einer Gesellschaft, ihrer sozialen Gruppen, ihrer Strukturen und der Beziehungen zwischen ihnen.
Sozialgeschichte fragt zum Beispiel danach, wie Menschen lebten und arbeiteten, wie Familien organisiert waren, welche sozialen Unterschiede bestanden, welche Aufstiegschancen Menschen hatten und wie sich Armut, Reichtum, Bildung, Krankheit, Alter oder Migration auf ihr Leben auswirkten.
Kurz gesagt: Sozialgeschichte untersucht die sozialen Strukturen und Lebensbedingungen vergangener Gesellschaften. Sie beschäftigt sich mit Gruppen, Klassen, Ständen, Familien, Arbeit, Ungleichheit, Mobilität und dem Wandel gesellschaftlicher Beziehungen.
Eng verflochten ist die Sozialgeschichte, vor allem in methodischer Hinsicht, mit den Sozialwissenschaften und insbesondere mit dem Ansatz der „Historischen Sozialwissenschaft“. Eng verflochten ist die Sozialgeschichte, vor allem in methodischer Hinsicht, mit den Sozialwissenschaften und insbesondere mit dem Ansatz der „Historischen Sozialwissenschaft“.
Ein einflussreiches Werk für die Sozialgeschichte der Antike war Géza Alföldys „Römische Sozialgeschichte“, die 1975 erstmals erschien und später mehrfach überarbeitet und neu aufgelegt wurde.
Ebenfalls 1975 erschien erstmals die Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft“, die eng mit der Bielefelder Schule und ihrem Programm einer theoriegeleiteten Sozialgeschichte verbunden war.
Die Bielefelder Schule richtete ihren Blick weniger auf einzelne Herrscher:innen und politische Ereignisse als auf langfristige Strukturen, gesellschaftliche Gruppen, Machtverhältnisse und soziale Prozesse. Geschichte sollte erklärender, theoretischer und stärker mit den Sozialwissenschaften verbunden werden.
Später geriet diese stark struktur- und gesellschaftsgeschichtliche Sichtweise allerdings auch in die Kritik. Kulturhistorische und alltagsgeschichtliche Ansätze fragten stärker nach Erfahrungen, Wahrnehmungen, Sprache, Symbolen und individuellen Handlungsmöglichkeiten. Die Sozialgeschichte verschwand dadurch nicht, sondern öffnete sich und verband sich mit neuen Perspektiven.
Wirtschaftsgeschichte
Die Wirtschaftsgeschichte ist eine Teildisziplin, die sich nicht so recht entscheiden kann. Sie steht den Wirtschaftswissenschaften mindestens genauso nahe wie der Geschichtswissenschaft, und an so mancher Universität kann man sich ebenfalls nicht so recht entscheiden, wo man sie denn nun unterbringen soll.
Genau diese Zwischenstellung macht sie aber auch besonders spannend. Wirtschaftsgeschichte verbindet historische Fragestellungen mit wirtschaftswissenschaftlichen Modellen, statistischen Methoden und sozialwissenschaftlichen Ansätzen.
Wie der Name schon nahelegt, beschäftigt sich die Wirtschaftsgeschichte mit der Geschichte der Wirtschaft. Gemeint ist damit aber nicht allein die Geschichte der Industrialisierung und großer Unternehmen, sondern ebenso die Geschichte von Landwirtschaft, Handel, Geld, Arbeit, Konsum, Märkten, Krisen und wirtschaftlichen Verflechtungen. Wobei die Agrargeschichte natürlich auch als eigenständiges Forschungsfeld auftreten kann.
Dabei geht es keineswegs nur um Preise, Produktionszahlen oder Handelsbilanzen. Wirtschaftsgeschichte fragt auch danach, wie Menschen arbeiteten, was sie konsumierten, wie Besitz verteilt war, wer von wirtschaftlichem Wandel profitierte und wer die Kosten dafür trug.
Kurz gesagt: Wirtschaftsgeschichte untersucht wirtschaftliche Entwicklungen in der Vergangenheit. Dazu gehören Produktion, Handel, Arbeit, Landwirtschaft, Unternehmen, Konsum, Geld, Märkte, Krisen, Globalisierung und wirtschaftliche Ungleichheit.
Sie sehen schon: In der Geschichtswissenschaft ist es — anders als vielleicht in manchen anderen Wissenschaften — teilweise reichlich schwierig, einzelne Teildisziplinen sauber voneinander abzugrenzen und ihnen eine wirkliche Eigenständigkeit zu verschaffen.
Stark geprägt wurde die Wirtschaftsgeschichte unter anderem von den Ansätzen der Annales-Schule und von Historikern wie Marc Bloch (1886–1944) und Fernand Braudel (1902–1985). Die Annales-Schule rückte langfristige Strukturen, wirtschaftliche Räume, soziale Prozesse und den Alltag stärker in den Mittelpunkt. Statt nur einzelne Ereignisse zu betrachten, fragte sie danach, welche Entwicklungen sich über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hinweg vollzogen.
In Deutschland waren es unter anderem Historiker wie Georg von Below (1858–1927) und Wilhelm Abel (1904–1985), die der Wirtschaftsgeschichte wichtige Impulse verliehen.
Später gewann zudem die sogenannte Cliometrie an Bedeutung. Sie versucht, wirtschaftshistorische Fragen mit quantitativen Methoden, Statistik und ökonomischen Modellen zu untersuchen. Das klingt zunächst ziemlich zahlenlastig — und ist es auch. Aber gerade für Fragen nach Wachstum, Preisen, Löhnen, Bevölkerung oder Handel kann dieser Zugang ausgesprochen aufschlussreich sein.
Heute beschäftigt sich Wirtschaftsgeschichte außerdem verstärkt mit Globalisierung, Kolonialismus, Umweltfolgen, Konsum, Finanzkrisen, Ungleichheit und den historischen Voraussetzungen unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Damit ist sie keineswegs nur ein Blick zurück auf Fabriken, Handelshäuser und Getreidepreise, sondern hilft auch dabei, aktuelle wirtschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen.
Rechtsgeschichte
Die Rechtsgeschichte ist eine jener historischen Teildisziplinen, die deutlich machen, dass man als Historiker:in tatsächlich eine Art universeller „Dilettant“ sein sollte — natürlich im besten Sinne. Denn die Rechtsgeschichte ist ausgesprochen interdisziplinär. Sie ist nicht nur für Historiker:innen ein wichtiges Forschungsfeld, sondern ebenso für Rechtswissenschaftler:innen.
Kurz gesagt: Rechtsgeschichte untersucht die historische Entwicklung von Recht, Gesetzen, Gerichten, juristischen Begriffen und Rechtsordnungen. Sie fragt danach, wie Recht entstanden ist, wie es angewendet wurde und wie es Gesellschaft, Politik und Alltag geprägt hat.
In Deutschland ist die Rechtsgeschichte institutionell meist an den juristischen Fakultäten angesiedelt und gehört dort zu den sogenannten Grundlagenfächern. Nichtsdestoweniger kommen auch Historiker:innen kaum umhin, sich mit ihr zu beschäftigen.
Dabei beschäftigt sich Rechtsgeschichte nicht nur mit alten Gesetzbüchern. Sie untersucht auch Gerichte und Verfahren, Rechtspraxis und Rechtsvorstellungen, Verträge und Privilegien, Verbrechen und Strafen, Eigentum und Erbrecht, Ehe und Familie oder die Frage, wer überhaupt als rechtsfähig galt.
Umso bedauerlicher ist es, dass rechtsgeschichtliche und rechtsphilosophische Grundlagen in der juristischen Ausbildung immer wieder unter Rechtfertigungsdruck geraten. Helmut Kramer formulierte diese Sorge 2006 sehr zugespitzt:
„Was ist von Juristen zu erwarten, die von rechtshistorischen Kenntnissen unbeschwert sind, die in keinem rechtsphilosophischen Seminar über „Gerechtigkeit“, „Rechtsgeltung“ oder den Unterschied zwischen Recht und Moral nachdenken konnten? Auch nicht darüber, dass in jedem Staat, auch in der Demokratie bisweilen auch Widerspruch angemeldet werden muss? Werden diese Juristen den Zumutungen eines neuen autoritären Regimes widerstehen?“
Das ist zugespitzt formuliert, berührt aber einen wichtigen Punkt: Recht entsteht nicht im luftleeren Raum. Gesetze können Freiheit sichern, aber auch Unrecht organisieren. Wer Recht nur als bestehende Vorschrift kennt, ohne seine historischen Voraussetzungen und politischen Folgen zu verstehen, sieht möglicherweise nicht, wie wandelbar — und wie missbrauchbar — Recht sein kann.
Recht, Gesetze und Rechtspraxis sind nun einmal wichtige Bestandteile der Geschichte — nicht nur der Politik- und Verfassungsgeschichte, sondern ebenso der Sozial-, Wirtschafts-, Kirchen-, Geschlechter- und Alltagsgeschichte. Beschäftigt man sich mit solchen Themen, wird die Rechtsgeschichte schnell zu einem notwendigen Bestandteil der Untersuchung. Der Austausch zwischen Geschichtswissenschaft und Rechtswissenschaft funktioniert allerdings nicht immer so gut, wie man es sich wünschen würde. Unterschiedliche Fachsprachen, Methoden, Publikationsorte und Fragestellungen können dazu führen, dass einschlägige Arbeiten im jeweils anderen Fach nur begrenzt wahrgenommen werden.
Das liegt auch daran, dass beide Fächer häufig unterschiedlich fragen. Jurist:innen interessieren sich oft dafür, wie eine Norm entstand, sich entwickelte und dogmatisch einordnen lässt. Historiker:innen fragen stärker nach ihrem gesellschaftlichen Kontext, ihrer tatsächlichen Anwendung, ihren Machtwirkungen und den Erfahrungen der betroffenen Menschen. Gerade zusammen können beide Perspektiven besonders ergiebig sein.
Wer sich intensiver mit Rechtsgeschichte beschäftigt, kommt um die einschlägige Fachliteratur natürlich nicht herum.
Zu den ältesten und bis heute bedeutendsten rechtshistorischen Fachzeitschriften gehört die Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, kurz ZRG oder Savigny-Zeitschrift.
Sie erscheint in mehreren Abteilungen: einer romanistischen, einer germanistischen und einer kanonistischen. Schon daran sieht man, wie breit Rechtsgeschichte angelegt ist — vom römischen Recht über die deutsche und europäische Rechtsentwicklung bis zur Geschichte des Kirchenrechts.
Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte
Wie im vorangegangenen Abschnitt bereits angedeutet, ist die Verfassungsgeschichte ohne die Rechtsgeschichte kaum zu denken. Beide hängen eng miteinander zusammen. So ist auch die Verfassungsgeschichte sowohl eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft als auch ein wichtiges Forschungsfeld der Rechtswissenschaft. Überdies beschäftigt sich auch die Politikwissenschaft mit der Entstehung, Funktionsweise und Veränderung politischer und verfassungsrechtlicher Ordnungen. Die Verfassungsgeschichte ist also ein ausgesprochen interdisziplinäres Forschungsfeld.
Kurz gesagt: Verfassungsgeschichte untersucht die historische Entwicklung politischer Ordnungen. Sie beschäftigt sich mit Herrschaft, Institutionen, Ämtern, Rechten, politischer Teilhabe und den Regeln, nach denen ein Gemeinwesen organisiert war — unabhängig davon, ob diese Regeln in einer modernen Verfassungsurkunde festgehalten wurden.
Die Verfassungsgeschichte beschäftigt sich nicht nur mit modernen, meist schriftlich fixierten Verfassungen. Sie untersucht ebenso die politischen und rechtlichen Ordnungsstrukturen der Antike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sowie die Vorstellungen und Theorien, mit denen Herrschaft und Gemeinwesen erklärt oder gerechtfertigt wurden.
Eine Verfassung muss historisch betrachtet also nicht unbedingt ein einzelnes Dokument sein. Auch Gewohnheitsrechte, Privilegien, Verträge, Herrschaftspraktiken, Ämter und ständische Mitwirkungsrechte konnten gemeinsam die politische Ordnung eines Gemeinwesens bilden.
Eine der wichtigsten Überblicksdarstellungen der deutschen Verfassungsgeschichte stammt von Hans Boldt (1930–2024), der lange an meiner Alma Mater, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, lehrte — da darf an dieser Stelle natürlich ein wenig Lokalpatriotismus mitschwingen.
Die Verfassungsgeschichte ist allerdings längst nicht bei einer rein nationalen Entwicklungsgeschichte stehen geblieben. Neuere Forschungen vergleichen politische Ordnungen über Ländergrenzen hinweg und beziehen zunehmend europäische und globale Perspektiven ein.
Die Verwaltungsgeschichte beschäftigt sich — der Begriff legt es nahe — mit der Geschichte von Verwaltungen, Verwaltungsstrukturen und administrativen Praktiken. Sie ist also im Grunde auch die Geschichte der Bürokratie — aber längst nicht nur das.
Sie fragt danach, wer verwaltete, welche Ämter und Behörden bestanden, wie Entscheidungen getroffen und weitergegeben wurden, welche Informationen gesammelt wurden und wie Vorschriften vor Ort tatsächlich umgesetzt wurden. Und natürlich geht es auch um jene Menschen, die mit Verwaltung zu tun bekamen — als Untertan:innen, Bürger:innen, Steuerpflichtige, Bittsteller:innen oder Antragsteller:innen.
Damit ist die Verwaltungsgeschichte nicht nur für die Geschichtswissenschaft relevant, sondern ebenso für die Rechtswissenschaft, die Verwaltungswissenschaft und die Politikwissenschaft.
Auch sozialwissenschaftliche Forschung beschäftigt sich mit Verwaltung, Bürokratie, Organisationen und dem Verhältnis zwischen Institutionen und Gesellschaft.
Kurz gesagt: Verwaltungsgeschichte untersucht, wie Herrschaft und öffentliche Aufgaben in der Vergangenheit praktisch organisiert wurden. Sie beschäftigt sich mit Ämtern, Behörden, Personal, Verfahren, Akten, Informationswegen und dem Kontakt zwischen Verwaltung und Bevölkerung.
In der Geschichtswissenschaft werden Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte deshalb häufig gemeinsam behandelt.
Das ist durchaus sinnvoll: Die Verfassungsgeschichte untersucht die grundlegende politische Ordnung, die Verwaltungsgeschichte ihre praktische Umsetzung. Vereinfacht gesagt fragt die eine danach, wie Herrschaft geordnet sein sollte — und die andere danach, wie sie im Alltag tatsächlich funktionierte.
Kulturgeschichte
„Als Historikerin bin ich vor allem der Kulturgeschichte verpflichtet, der Disziplin also, die sich mit der Erforschung und Darstellung sowohl des geistigen als auch des kulturellen Erbes beschäftigt, das unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Regionen und zu unterschiedlichen Zeiten hervorgebracht haben.
Dies umfasst sowohl Kunst, als auch Sprache, Wissenschaft, Architektur, Brauchtum und in der Tat auch den Alltag von Menschen vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende. Politische Geschichte und auch Staatengeschichte treten in dieser Teildisziplin der Geschichte in den Hintergrund, lassen sich aber nie ganz ausblenden.“
Dies schrieb ich in einem Beitrag zu der Frage, was Kultur und Kulturgeschichte eigentlich sind.
Man sieht: Die Kulturgeschichte ist ein sehr weites Feld, das nahezu alle Lebensbereiche des Menschen in sich aufnimmt.
Kurz gesagt: Kulturgeschichte untersucht, wie Menschen ihre Welt wahrnahmen, deuteten und gestalteten. Sie fragt nach Vorstellungen, Werten, Symbolen, Ritualen, Sprache, Wissen, Kunst, Religion, Alltag und den Bedeutungen, die Menschen den Dingen und Handlungen ihrer Zeit gaben.
Der Mensch wird in dieser Teildisziplin keineswegs nur in seiner Privatheit betrachtet. Auch das Öffentliche — etwa Kunst, Wissenschaft, Religion, Bildung, Medien und gesellschaftliche Repräsentation — ist ein wichtiger Bestandteil. Am ehesten abgrenzen lässt sich die Kulturgeschichte vielleicht noch von der klassischen politischen Geschichte. Wobei selbstverständlich auch Politik, Recht, Verfassung und Verwaltung Ausdruck und zugleich Teil einer Kultur sind.
Eine wirklich scharfe Grenze lässt sich deshalb kaum ziehen. Kulturgeschichte überschneidet sich mit Alltagsgeschichte, Sozialgeschichte, Geschlechtergeschichte, Wissensgeschichte, Religionsgeschichte, Mediengeschichte und vielen weiteren Forschungsfeldern. Gerade diese Offenheit macht sie so spannend — und gelegentlich auch ein wenig unübersichtlich.
Da die Kulturgeschichte ein derart umfassendes und facettenreiches Teilgebiet der Geschichtswissenschaft ist — und außerdem meine wissenschaftliche Heimat — begegnet sie Ihnen auf diesem Blog natürlich an vielen Stellen und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Für einen ersten Einstieg in dieses breit gefächerte Thema empfehle ich Ihnen das entsprechende Kapitel im Beitrag „Kultur – Gedanken, Ideen und Fragen“.
Ein schönes Beispiel für ein kulturgeschichtliches Thema ist die Geschichte der Badekultur und der Bäderreisen. Hier fallen viele Themen in eins: Es geht um Hygiene, Krankheit und Gesundheit, ums Reisen, um Kleidung und Architektur, um Verhaltensweisen, gesellschaftliche Regeln und Moden aller Art.
Hier fallen viele Themen in eins: Es geht um Hygiene, Krankheit und Gesundheit, ums Reisen, um Kleidung und Architektur, um Verhaltensweisen, gesellschaftliche Regeln und Moden aller Art.
Ein schier unerschöpfliches Thema also.
Wer mehr über diesen spannenden und vielseitigen Aspekt der Kulturgeschichte erfahren möchte, kann gern auf dem Projektblog „Kurstädte und Bädergeschichten“ vorbeischauen.
Seit den 1980er und 1990er Jahren spricht man häufig auch von einer „Neuen Kulturgeschichte“. Sie fragt besonders nach Wahrnehmungen, Deutungen, Symbolen, Sprache und kulturellen Praktiken. Nicht nur das, was Menschen taten, ist also von Interesse, sondern auch, welche Bedeutung sie ihrem Handeln gaben und wie sie ihre Welt verstanden.
Geistesgeschichte
Geistesgeschichte – die Geschichte des Geistes? Das klingt als Bezeichnung im ersten Moment vielleicht ein wenig verwirrend — und tatsächlich ist die Geistesgeschichte manchmal auch etwas verwirrend.
Kurz gesagt: Geistesgeschichte untersucht die Geschichte von Ideen, Denkweisen, Weltbildern und geistigen Strömungen. Sie fragt danach, wie solche Vorstellungen entstanden, wie sie sich verbreiteten und wie sie das Handeln, die Kunst, die Wissenschaft, die Religion oder die Politik beeinflussten.
Die Geistesgeschichte beschäftigt sich weniger mit einem einzelnen, klar begrenzten Thema als mit einer besonderen Perspektive auf Geschichte. Es geht darum, geistige Strömungen, Ideen und Vorstellungen nachzuvollziehen und zu verstehen. Zugleich fragt die Geistesgeschichte danach, wie sie sich verbreiteten, wie sie sich veränderten und worin sie sich manifestierten — also was sie hervorbrachten und auslösten.
Ideen schweben dabei natürlich nicht irgendwo frei im Raum. Sie werden von Menschen gedacht, ausgesprochen, aufgeschrieben, weitergegeben, verändert oder bekämpft. Sie entstehen in bestimmten gesellschaftlichen, politischen, religiösen und kulturellen Zusammenhängen — und genau diese Zusammenhänge gehören ebenfalls zur Geistesgeschichte.
So berührt die Geistesgeschichte letztlich zahlreiche geistes- und kulturwissenschaftliche Fachbereiche, etwa Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Philosophiegeschichte und selbstverständlich auch Religionsgeschichte.
Eng verwandt ist sie außerdem mit der Ideen-, Begriffs- und Wissensgeschichte. Diese Ansätze fragen etwa danach, wie sich die Bedeutung von Begriffen verändert, wie Wissen entsteht und geordnet wird oder wie bestimmte Vorstellungen überhaupt denkbar und gesellschaftlich wirksam werden.
In der Geistesgeschichte geht es um die Weltbilder, Denkweisen und Weltanschauungen von Menschen. Es geht um die Frage, welche Ideen sich wie manifestierten — und welche Vorstellungen, Werte oder Weltbilder hinter bestimmten Texten, Bildern, Gebäuden, Ritualen oder Handlungen standen.
So kann man zum Beispiel fragen, welche Ideen dahinterstanden, als Nicolas de Pigage im 18. Jahrhundert die Gartenmoschee im Schwetzinger Schlossgarten errichtete. Oder warum er bei Schloss Benrath repräsentative Pracht mit dem Gedanken des Rückzugs, der Privatheit und des naturnahen höfischen Lebens verband.
Welcher Wandel im Denken steckte dahinter? Wie kam es zu diesem Wandel, und wie entwickelte sich dieses Denken anschließend weiter? Woher kamen diese Ideen, wie gelangten sie in die Welt — und wer trug dazu bei, sie zu verbreiten?
Damit geraten auch die Wege in den Blick, auf denen sich Ideen verbreiteten: Bücher, Briefe, Reisen, Universitäten, Akademien, Höfe, Kirchen, Salons, Bilder, Bauwerke oder persönliche Netzwerke. Geistige Strömungen bestehen schließlich nicht nur aus Gedanken, sondern brauchen Medien, Orte und Menschen, die sie weitertragen.




Geschlechtergeschichte
Nach solch facettenreichen und teilweise auch schwierig zu fassenden Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft ist es ganz schön, einmal zu einer Teildisziplin zu kommen, die sich auf den ersten Blick deutlich leichter umreißen lässt: die Geschlechtergeschichte.
Wie die Bezeichnung schon vermuten lässt, geht es in der Geschlechtergeschichte um Geschlecht — allerdings nicht nur um Frauen und Männer. Sie untersucht auch historische Vorstellungen von Intergeschlechtlichkeit, nichtbinären Identitäten und anderen Lebensweisen, die sich nicht ohne Weiteres in eine einfache Zweiteilung einordnen lassen.
Kurz gesagt: Geschlechtergeschichte untersucht, wie Vorstellungen von Weiblichkeit, Männlichkeit und anderen Geschlechtsidentitäten historisch entstanden und verändert wurden. Sie fragt nach Geschlechterrollen, Machtverhältnissen, Handlungsmöglichkeiten und danach, wie Geschlecht das Leben von Menschen prägte.
In der Geschlechtergeschichte geht es um die Frage, welche Geschlechterrollen und Geschlechterverhältnisse es gab, wie sie entstanden, vermittelt und durchgesetzt wurden und wie sie sich auf Gesellschaft und Alltag auswirkten.
Dabei wird Geschlecht nicht als etwas betrachtet, das zu allen Zeiten überall gleich gewesen wäre. Was als „männlich“ oder „weiblich“ galt, welche Aufgaben, Eigenschaften und Rechte damit verbunden wurden und wie streng solche Grenzen gezogen waren, konnte sich von Epoche zu Epoche und von Gesellschaft zu Gesellschaft erheblich unterscheiden.
Hier kann sich dann die Geschichtswissenschaft im Grunde gleich selbst zum Thema machen, denn über lange Zeit war sie stark androzentrisch, also männlich geprägt. Nicht nur, dass die akademische Geschichtswissenschaft lange fast ausschließlich von Männern betrieben wurde, sie behandelte männliche Erfahrungen und männliches Handeln häufig auch als historischen Normalfall. Und wenn doch einmal eine Frau auftauchte, wurde sie nicht selten auf wenige stereotype Rollen reduziert oder negativ bewertet — man denke nur an Xanthippe oder an das lange nachwirkende Bild Marie Antoinettes. Zu den Frauen, die dennoch einen festen Platz in der traditionellen Geschichtsschreibung erhielten, gehörten etwa Jeanne d’Arc oder die heilige Mathilde — meist allerdings gerade deshalb, weil sie als außergewöhnlich galten.
Es wundert also nicht, dass die Frauen- und Geschlechtergeschichte als etabliertes Forschungsfeld vergleichsweise jung ist. Ihre Anfänge liegen international in den 1960er- und 1970er-Jahren, im engen Zusammenhang mit der Frauenbewegung und der Öffnung der Universitäten. Ihren Ausgangspunkt nahm sie zunächst in der Frauengeschichte, die Frauen als historische Akteurinnen sichtbar machen und die großen Lücken der bisherigen Forschung schließen wollte. Seit den 1980er- und 1990er-Jahren wurde der Blick breiter: Nun rückten nicht nur Frauen, sondern auch Männlichkeiten, Geschlechterverhältnisse, Sexualität, Körper, Intergeschlechtlichkeit sowie die historische Veränderlichkeit der Kategorie Geschlecht selbst stärker in den Mittelpunkt. Geprägt wurde und wird die Frauen- und Geschlechtergeschichte stark von Wissenschaftlerinnen. Heute ist sie jedoch kein ausschließlich weibliches Forschungsfeld, sondern eine etablierte Perspektive, die grundsätzlich von Historiker:innen aller Geschlechter betrieben wird.
In den vergangenen Jahren hat besonders die öffentliche Beschäftigung mit Frauen, die Geschichte schrieben, einen deutlichen Aufschwung erlebt. Zahlreiche Social-Media-Accounts, Blogs, Podcasts, Archive und Websites beschäftigen sich mit Frauen, deren Leben und Leistungen lange übersehen oder vergessen wurden — und machen dabei immer wieder beeindruckende Geschichten sichtbar. WWichtig in diesem Zusammenhang war auch die 2020 von der Monacensia im Hildebrandhaus, einem Teil der Münchner Stadtbibliothek, veranstaltete Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur“ unter dem Hashtag #FemaleHeritage. Hier kamen mehr als 150 Beiträge zusammen — und die Blogparade klingt bis heute nach.
Das Wiederentdecken vergessener Frauen ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit. Geschlechtergeschichte geht aber noch weiter: Sie fragt nicht nur, welche Frauen fehlten, sondern auch, warum sie fehlten, welche Machtverhältnisse dieses Vergessen hervorbrachten und wie Vorstellungen von Geschlecht historische Überlieferung bis heute prägen.
Auch auf diesem Blog finden sich zwei Beiträge, die im Rahmen der Blogparade entstanden sind:
- „Kurtisane“, Freundin, Fernsehstar – Charlotte Sophie von Bentinck
- Sophie von Hatzfeldt – die „rote Gräfin“
Heute fragt Geschlechtergeschichte außerdem verstärkt danach, wie Geschlecht mit anderen Kategorien zusammenwirkt — etwa mit sozialer Herkunft, Hautfarbe, Religion, Alter, Behinderung oder sexueller Orientierung. Denn Menschen erleben Geschichte nie nur als Frau, Mann oder nichtbinäre Person, sondern immer in mehreren, sich überschneidenden sozialen Zusammenhängen.
Bildungsgeschichte
Historiker*innen und auch Erziehungswissenschaftler*innen beschäftigen sich gemeinhin mit der historischen Bildungsforschung, kurz Bildungsgeschichte genannt. Dabei geht es sowohl um die Frage, wie, wo und von wem im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende Bildung vermittelt wurde, als auch darum, welche Vorstellungen und Konzepte hinter den verschiedenen Vermittlungsmethoden standen.
Kurz gesagt: Bildungsgeschichte untersucht, wie Menschen in der Vergangenheit lernten und lehrten. Sie beschäftigt sich mit Schulen, Universitäten, Unterricht, Erziehung, Alphabetisierung, Bildungszugängen und den Vorstellungen davon, was Menschen wissen und können sollten.
Historiker:innen und Erziehungswissenschaftler:innen nähern sich der Bildungsgeschichte häufig mit unterschiedlichen Fragestellungen. Während historische Arbeiten etwa stärker nach konkreten Institutionen, Praktiken und Lebensbedingungen fragen können, interessieren sich bildungshistorische und erziehungswissenschaftliche Untersuchungen oft besonders für pädagogische Ideen, Theorien und Konzepte.
Eine besonders wichtige Frage lautet dabei: Wer erhielt überhaupt Zugang zu Bildung — und wer nicht? Geschlecht, soziale Herkunft, Religion, Vermögen, Herkunftsort oder körperliche Voraussetzungen konnten darüber entscheiden, ob ein Mensch lesen lernte, eine Schule besuchte oder gar studieren durfte.
Zu den Themen der Bildungsgeschichte gehören sowohl Schulsysteme als auch die Entwicklung und Geschichte von Universitäten. Hinzu kommen Kloster-, Dom- und Lateinschulen, Akademien, Berufsausbildung, private Erziehung, Hausunterricht, Bibliotheken, Volksbildung und zahlreiche Formen informellen Lernens. Außerdem beschäftigt sich die Bildungsgeschichte mit den Ideen und Methoden wichtiger Pädagog:innen, Philosoph:innen und Bildungsreformer:innen, etwa Platon, Johannes Comenius, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, August Hermann Francke, Johann Heinrich Pestalozzi oder Wilhelm von Humboldt. Ergänzen ließen sich beispielsweise Mary Wollstonecraft, die sich für die Bildung von Frauen einsetzte, oder Helene Lange, die die deutsche Frauenbildungsbewegung maßgeblich prägte. Darüber hinaus untersucht die Bildungsgeschichte die Entwicklung der Alphabetisierung sowie die Geschichte der Erwachsenen-, Berufs- und Weiterbildung.
Dabei interessiert nicht nur, was unterrichtet wurde, sondern auch, wie gelernt wurde: mit welchen Büchern und Materialien, in welchen Räumen, unter welchen Regeln und mit welchen Formen von Belohnung, Prüfung oder Strafe. Selbst das Klassenzimmer, der Stundenplan oder das Schulzeugnis haben schließlich eine Geschichte.
Das macht deutlich, dass Bildungsgeschichte tatsächlich alle Epochen umfasst — von der Antike bis in die unmittelbare Gegenwart.
Inzwischen gehört auch die Geschichte digitaler Bildung dazu: vom Sprachlabor und Schulfernsehen über Computerunterricht und Lernsoftware bis zu Online-Kursen, digitalen Klassenzimmern und KI-gestützten Lernangeboten. Auch das, was uns heute hochmodern erscheint, wird irgendwann Bildungsgeschichte sein — oder ist es teilweise bereits.
Ideengeschichte
Wie dachten Menschen eigentlich in vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden? Welche Vorstellungen hatten sie von Wissenschaft, Politik, Gesellschaft, Freiheit, Recht oder Gerechtigkeit? Welche Wissenschaften betrieben sie, welche politischen Ordnungen entwickelten sie — und wie wirkten ihre Ideen auf ihr Handeln und ihre Gesellschaften zurück? Das sind einige der Fragen, mit denen sich die Ideengeschichte beschäftigt.
Kurz gesagt: Ideengeschichte untersucht, wie politische, gesellschaftliche, wissenschaftliche, religiöse und philosophische Ideen entstanden, sich veränderten, verbreiteten und historisch wirksam wurden. Sie fragt dabei nicht nur nach den Ideen selbst, sondern auch nach den Menschen, Texten, Medien und Zusammenhängen, in denen sie formuliert und verstanden wurden.
Dabei fällt schnell auf, dass sie sich in vielen Fragen mit der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte, der Geistes-, Begriffs- und Wissensgeschichte, aber auch mit der Politik-, Sozial- und Kulturgeschichte überschneidet.
Ideen werden dabei nicht einfach aus der Gegenwart heraus bewertet. Entscheidend ist vielmehr, was Begriffe und Vorstellungen in ihrer jeweiligen Zeit bedeuteten, auf welche Probleme sie antworteten und welche sprachlichen Möglichkeiten den Menschen überhaupt zur Verfügung standen. Ein Begriff wie „Freiheit“, „Volk“ oder „Natur“ konnte im 18. Jahrhundert schließlich etwas anderes bedeuten als heute.
Lange beschäftigte sich Ideengeschichte vor allem mit großen Denkern und berühmten Texten. Heute fragt sie stärker auch danach, wie Ideen zirkulierten, wer sie aufgriff, veränderte oder bekämpfte und wie sie in Zeitungen, Briefen, Predigten, politischen Vereinen, Schulen, Bildern oder alltäglicher Sprache verbreitet wurden.
Im deutschsprachigen Raum gibt es mit der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ eine eigene Fachzeitschrift, die sich ganz unterschiedlichen Themen, Begriffen, Denkfiguren und Persönlichkeiten widmet.
Schon ihre Themenvielfalt zeigt, wie breit Ideengeschichte heute angelegt ist. Sie kann sich mit einzelnen Begriffen, politischen Schlagworten, philosophischen Entwürfen, wissenschaftlichen Konzepten oder ganzen intellektuellen Milieus beschäftigen.
Wer sich intensiver mit der Ideengeschichte beschäftigen möchte, findet in dem 2017 von D. Timothy Goering herausgegebenen Band „Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven“ einen guten Überblick über Traditionen, Methoden und neuere Ansätze des Faches. Als kompakte allgemeine Einführung eignet sich außerdem Andreas Dorschels 2010 erschienener Band „Ideengeschichte“.
Ideengeschichte ist dabei keineswegs nur eine Beschäftigung mit längst vergangenen Gedankengebäuden. Viele Begriffe und Vorstellungen, mit denen wir heute Politik und Gesellschaft beschreiben, haben eine lange Geschichte. Wer verstehen möchte, warum Menschen heute über Freiheit, Nation, Demokratie, Fortschritt, Eigentum oder Gerechtigkeit streiten, kommt an ihrer Ideengeschichte kaum vorbei.
Technikgeschichte
Nicht nur ein Männerthema: die Technikgeschichte. Und überdies: Es sind ausgerechnet Geisteswissenschaftler:innen, die sich damit beschäftigen. Die Technikgeschichte ist also eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, die gleich gegen mehrere Vorurteile verstößt.
Ganz allein sind Historiker:innen dabei allerdings nicht. Technikgeschichte überschneidet sich unter anderem mit Wissenschaftsgeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Archäologie, Ingenieurwissenschaften, Umweltgeschichte und der Geschichte der Arbeit.
In der Technikgeschichte geht es um die Frage, welche Techniken wann und vor allem wie entstanden, wie sie sich entwickelten und unter welchen Bedingungen sie genutzt wurden.
Kurz gesagt: Technikgeschichte untersucht die Entstehung, Entwicklung, Nutzung und Wirkung von Technik in der Vergangenheit. Sie fragt nicht nur nach Erfindungen, sondern auch danach, wie Technik Arbeit, Alltag, Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt und Machtverhältnisse veränderte.
Dabei meint Technikgeschichte keinesfalls nur die moderne, ach so komplizierte Hochtechnologie. Sie beschäftigt sich ebenso mit frühen Werkzeugen, Bewässerungssystemen, dem Rad, Hebevorrichtungen, Mühlen, Schiffen, Straßen oder den ersten Kränen, die zur Errichtung großer Gebäude genutzt wurden. Technik ist dabei nicht nur ein einzelnes Gerät oder eine Maschine. Zu ihr gehören auch Wissen, Materialien, Arbeitsabläufe, Infrastruktur, Energieversorgung und die Menschen, die eine Technik herstellen, bedienen, warten oder reparieren. Technik ist dabei nicht nur ein einzelnes Gerät oder eine Maschine. Zu ihr gehören auch Wissen, Materialien, Arbeitsabläufe, Infrastruktur, Energieversorgung und die Menschen, die eine Technik herstellen, bedienen, warten oder reparieren. Denken wir nur an die tiefgreifenden Veränderungen, die mit der Weiterentwicklung und Verbreitung der Dampfmaschine verbunden waren, etwa in der Baumwollindustrie, aber auch in anderen Bereichen. Denken wir an Fabriken, Bergbau, Eisenbahnen und neue Produktionsweisen — und daran, wie sich all dies auf Arbeit, Alltag und Lebensbedingungen der Menschen auswirkte.
Technik wird dabei gern als Fortschrittsgeschichte erzählt: Eine Erfindung folgt auf die nächste, und alles wird immer besser. So einfach ist es natürlich nicht. Neue Technik kann das Leben erleichtern, Wohlstand schaffen und neue Möglichkeiten eröffnen. Sie kann aber auch Arbeitsplätze vernichten, Menschen kontrollieren, Kriege verändern, Umwelt zerstören oder bestehende Ungleichheiten verschärfen.
Von Interesse für die Technikgeschichte sind natürlich auch die Menschen, die technische Neuerungen entwickelten — etwa James Watt — oder die sie auf besondere Weise einsetzten, wie beispielsweise Johann Gottfried Brügelmann.
Dabei sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, technische Neuerungen entstünden ausschließlich im Kopf eines einzelnen genialen Erfinders. Meist beruhen sie auf Vorarbeiten, Experimenten, handwerklichem Wissen und der Zusammenarbeit vieler Menschen — von denen längst nicht alle namentlich bekannt wurden.
Und tatsächlich war Technik selbstverständlich nie nur Männersache. Frauen arbeiteten in Werkstätten und Fabriken, nutzten und verbesserten technische Verfahren, erfanden, programmierten, organisierten und vermittelten Wissen. Dass sie in älteren Darstellungen oft kaum vorkamen, sagt daher mehr über die Geschichtsschreibung als über die Geschichte der Technik aus.
Auch auf diesem Blog begegnet Ihnen die Technikgeschichte an vielen Stellen — etwa dort, wo es um Industrialisierung, Fabriken, Verkehr, Architektur, Bädertechnik oder die Veränderung von Arbeits- und Lebenswelten geht.
Spannend sind übrigens nicht nur erfolgreiche Erfindungen. Auch Techniken, die sich nicht durchsetzten, wieder verschwanden oder ganz anders genutzt wurden als ursprünglich geplant, können viel über die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen einer Gesellschaft verraten.

Sportgeschichte
Überraschung! Ja, Historiker:innen beschäftigen sich selbstverständlich auch mit der Geschichte des Sports, denn im Laufe der Weltgeschichte bedeutete Sport sehr viel mehr als reine Körperertüchtigung oder bloßer Wettkampf.
Kurz gesagt: Sportgeschichte untersucht, wie sich Sport, Körperkultur, Wettkämpfe und Bewegungsformen historisch entwickelten. Sie fragt zugleich danach, welche gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutungen Sport besaß.
Sport konnte sogar dafür sorgen, dass man die Waffen zumindest vorübergehend ruhen ließ — jedenfalls theoretisch und im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen der Antike. Sport ist also durchaus ein bedeutender kultureller, gesellschaftlicher und historischer Faktor. Damit haben wir auch schon geklärt, dass die Sportgeschichte enge Verbindungen zur Kulturgeschichte besitzt — sich aber ebenso mit Sozial-, Politik-, Wirtschafts-, Geschlechter- und Körpergeschichte überschneidet. Und selbstredend sind die Olympischen Spiele ein immer wieder gern behandeltes Thema — sowohl die antiken als auch die modernen. Aber auch andere bedeutende Sportereignisse wie die Tour de France, Fußballweltmeisterschaften, Wimbledon oder große Boxkämpfe können zum Gegenstand der Sportgeschichte werden.
Sportgeschichte beschäftigt sich allerdings nicht nur mit den großen Wettbewerben und berühmten Sieger:innen. Ebenso interessant sind Vereine, Schulsport, Arbeitersport, Freizeitsport, Fankulturen, Trainingsmethoden und die Frage, wer überhaupt Zugang zu bestimmten Sportarten hatte.
Insbesondere widmet sich die Sportgeschichte der Entwicklung von Körperkultur und Körperbildern sowie den Vorstellungen vom Menschen, von Leistung, Gesundheit, Disziplin und Schönheit, die dahinterstanden. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an das Ideal körperlicher Erziehung in Sparta, an Friedrich Ludwig Jahn, den berühmten beziehungsweise berüchtigten „Turnvater“ und die deutsche Turnbewegung oder an die politische und propagandistische Bedeutung des Sports im Nationalsozialismus.
Sport konnte Gemeinschaft stiften, nationale Identität erzeugen und politische Systeme repräsentieren. Er konnte aber ebenso zur Ausgrenzung, Disziplinierung und propagandistischen Inszenierung genutzt werden. Spätestens bei den Olympischen Spielen von 1936 wird deutlich, dass Sport und Politik keineswegs getrennte Welten sind.
Ein wichtiges Thema der Sportgeschichte ist außerdem die Frage, welche Sportarten Frauen ausüben durften, welche ihnen verwehrt wurden und welche Vorstellungen von Weiblichkeit, Körper und Leistungsfähigkeit dabei eine Rolle spielten.
Inzwischen richtet sich der Blick breiter auf Geschlecht und Sport. Untersucht werden Frauen- und Männersport, Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, die Geschichte nichtbinärer und intergeschlechtlicher Sportler:innen sowie die Regeln, mit denen Körper kategorisiert und zu Wettbewerben zugelassen oder von ihnen ausgeschlossen wurden.
Und natürlich ist Sportgeschichte auch eine Geschichte sozialer Teilhabe. Nicht jede Sportart war für alle zugänglich. Vermögen, Herkunft, Geschlecht, Religion, Hautfarbe oder eine Behinderung konnten darüber entscheiden, wer mitspielen, einem Verein beitreten oder an Wettkämpfen teilnehmen durfte.
Hinzu kommen Kommerzialisierung und Medien. Aus lokalen Wettkämpfen wurden globale Ereignisse, aus Sportler:innen Marken und aus Vereinen mitunter millionenschwere Unternehmen. Radio, Fernsehen, Werbung und heute digitale Plattformen haben nicht nur verändert, wie Sport wahrgenommen wird, sondern teilweise auch den Sport selbst.
Alltagsgeschichte
Neben der Kulturgeschichte ist wohl die Alltagsgeschichte eines der umfassendsten und auch spannendsten Teilgebiete der Geschichtswissenschaft. Wie der Begriff schon deutlich macht, geht es dabei um den Alltag von Menschen, um ihre Lebenswelten, Erfahrungen, Wahrnehmungen und Mentalitäten.
Kurz gesagt: Alltagsgeschichte untersucht, wie Menschen in der Vergangenheit lebten, arbeiteten, wohnten, aßen, feierten, litten und ihre Umwelt wahrnahmen. Sie fragt danach, wie große politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen im konkreten Leben einzelner Menschen erfahrbar wurden.
Alltag meint dabei keineswegs nur das Banale oder scheinbar Unwichtige. Gerade im Alltäglichen zeigt sich, wie Herrschaft, soziale Unterschiede, Geschlechterrollen, Religion, Arbeit oder technische Veränderungen tatsächlich wirkten. Ein Gesetz ist schließlich das eine — wie Menschen damit lebten, es befolgten, umgingen oder sich widersetzten, etwas ganz anderes.
Dabei ist die Alltagsgeschichte erstaunlicherweise — oder vielleicht auch nicht — eine vergleichsweise junge Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. In der deutschen Geschichtswissenschaft etablierte sie sich vor allem seit den frühen und mittleren 1980er-Jahren. Sie entstand unter anderem aus dem Wunsch, eine „Geschichte von unten“ zu schreiben. Ein wichtiger Impulsgeber war der schwedische Schriftsteller und gesellschaftskritische Autor Sven Lindqvist (1932–2019). Sein 1978 erschienenes Buch „Grabe, wo du stehst“ ermutigte Menschen dazu, die Geschichte ihres eigenen Arbeitsplatzes und Lebensumfeldes zu erforschen. Geschichte sollte nicht nur von Professor:innen über große Persönlichkeiten geschrieben werden, sondern auch von jenen, deren Alltag bis dahin kaum als geschichtswürdig gegolten hatte.
Dieser Bewegung ging es unter anderem darum, die Geschichte von Arbeiter:innen und Arbeitswelten nicht nur anhand abstrakter Theorien, Organisationen und politischer Programme zu erzählen, sondern auch aus ihren Erfahrungen, Erinnerungen, Lebensformen und kulturellen Praktiken heraus. Man richtete den Blick stärker auf Menschen, die in der traditionellen Geschichtsschreibung kaum vorkamen, auf ihren Alltag, ihre Erfahrungen und ihre Handlungsmöglichkeiten.
Für die wissenschaftliche Alltagsgeschichte in Deutschland wurden insbesondere Historiker wie Alf Lüdtke und Hans Medick wichtig. Alf Lüdtke war übrigens einige Semester lang einer meiner Professoren — auch deshalb ist mir sein Ansatz besonders vertraut. Gemeinsam mit anderen Vertreter der Alltagsgeschichte fragte er danach, wie Menschen gesellschaftliche Vorgaben nicht einfach nur erduldeten, sondern sie im Alltag deuteten, veränderten, umgingen oder sich aneigneten.
Nachdem die Alltagsgeschichte wichtige Impulse zunächst aus der Erforschung von Arbeiter:innen, Arbeitswelten und der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erhalten hatte, weitete sie sich rasch auf andere Themen und Epochen aus. Heute wird Alltagsgeschichte für nahezu alle Epochen und Regionen betrieben. Besonders für schriftarme Zeiten ist die Archäologie unverzichtbar, denn Gegenstände, Gebäude, Gräber, Abfälle, Werkzeuge oder Speisereste können viel über Wohnen, Arbeiten, Essen, Kleidung, Gesundheit und soziale Unterschiede verraten.
Je nach Epoche arbeitet die Alltagsgeschichte außerdem mit Briefen, Tagebüchern, Gerichtsakten, Haushaltsbüchern, Fotografien, Interviews, Zeitungen, Werbeanzeigen oder mündlichen Erinnerungen. Gerade Quellen, die ursprünglich gar nicht für die Nachwelt bestimmt waren, können dabei besonders aufschlussreich sein.
Eng verbunden ist die Alltagsgeschichte mit der Mikrogeschichte. Diese richtet den Blick auf kleine Räume, einzelne Orte, Familien, Konflikte oder Personen und versucht gerade durch die genaue Untersuchung des Kleinen größere historische Zusammenhänge sichtbar zu machen.
Auch auf diesem Blog begegnet Ihnen die Alltagsgeschichte an vielen Stellen — etwa dort, wo es um Wohnen, Kleidung, Essen, Reisen, Gesundheit, Arbeit, Feste oder das Leben an Höfen und in Städten geht.
Mikrogeschichte
Nein, es geht in der Mikrogeschichte weder um die Geschichte der Mikrowelle noch um die des Mikroskops. Die Mikrogeschichte beschäftigt sich mit bewusst klein gewählten historischen Untersuchungsgegenständen — mit Geschichte im Mikroformat sozusagen.
Kurz gesagt: Mikrogeschichte untersucht einen kleinen historischen Ausschnitt besonders genau, um daran größere gesellschaftliche, kulturelle oder politische Zusammenhänge sichtbar zu machen. Im Mittelpunkt können einzelne Menschen, Familien, Orte, Ereignisse oder Konflikte stehen.
Damit aber ist noch längst nicht alles über Mikrogeschichte gesagt. Indem man einen solchen kleinen Ausschnitt besonders detailliert untersucht, wird es möglich, größere und komplexere Zusammenhänge einer Epoche, eines Raumes oder eines sozialen Gefüges sichtbar zu machen. Entscheidend ist dabei der Wechsel des Maßstabs. Statt aus großer Entfernung auf Staaten, Gesellschaften oder ganze Jahrhunderte zu schauen, rückt die Mikrogeschichte ganz nah heran. Und manchmal erkennt man aus der Nähe Dinge, die im großen Überblick schlicht verschwinden. So kann die Mikrogeschichte ein sehr viel genaueres und häufig auch widersprüchlicheres Bild zeichnen, als es ein großes Überblickswerk vermag.
Die Mikrogeschichte ist dabei kein Ersatz für die Makrogeschichte. Beide Perspektiven ergänzen sich: Der große Überblick macht langfristige Entwicklungen und Strukturen sichtbar, während die genaue Nahaufnahme zeigen kann, wie Menschen diese Strukturen erlebten, nutzten, veränderten oder unterliefen. Die Mikrogeschichte ist dabei kein Ersatz für die Makrogeschichte. Beide Perspektiven ergänzen sich: Der große Überblick macht langfristige Entwicklungen und Strukturen sichtbar, während die genaue Nahaufnahme zeigen kann, wie Menschen diese Strukturen erlebten, nutzten, veränderten oder unterliefen. Ein Dorf, ein einzelner Mensch, eine Familie, ein Hof oder auch ein Gerichtsfall können so zum Ausgangspunkt einer Untersuchung werden. Durch die genaue Analyse des Kleinen lässt sich fragen, was dieser einzelne Fall über größere historische Strukturen, soziale Beziehungen, Handlungsmöglichkeiten und Konflikte verrät.
Berühmte mikrohistorische Untersuchungen widmen sich deshalb mitunter scheinbar sehr kleinen Gegenständen: einem Müller, einem Dorf, einer Familie oder einem ungewöhnlichen Gerichtsverfahren. Gerade aus solchen Fällen können sich überraschende Einblicke in Religion, Herrschaft, soziale Beziehungen, Wissen und Alltagskultur ergeben.
Damit steht die Mikrogeschichte der Alltagsgeschichte sehr nahe, ist aber nicht mit ihr identisch. Alltagsgeschichte bestimmt ihren Gegenstand über das alltägliche Leben von Menschen. Mikrogeschichte beschreibt dagegen zunächst den gewählten Maßstab und die intensive Untersuchung eines kleinen Ausschnitts. Eine mikrohistorische Studie kann Alltagsgeschichte sein — muss es aber nicht.
Höfische Geschichte
Der Begriff klang hier schon mehrfach an: „Höfische Geschichte“ – die Geschichte der Höfe des Mittelalters, der Frühen Neuzeit, der Neuzeit und, ja, auch der Antike. Seit Jahren ist eben diese höfische Geschichte eines meiner Hauptforschungsgebiete. Sie war Thema meiner Dissertation, sie ist Thema meines wissenschaftlichen Blogs und sie begleitete meine Arbeit beinahe Tag für Tag.
Heute nimmt sie nicht mehr ganz so viel Raum in meiner Arbeit ein, denn andere Themen sind in meiner Arbeit als Kuratorin und Autorin in den Vordergrund getreten: Doch mein ganz besonderes Steckenpferd ist sie noch immer.
Denn „Höfische Geschichte“, das ist ein klein wenig wie Gala lesen nur eben in der Vergangenheit — und zugleich noch so viel mehr. Denn natürlich gab es an Höfen Beziehungen, Affären, Eifersucht, Gerüchte, Rivalitäten und spektakuläre Auftritte. Aber hinter all dem standen politische Interessen, soziale Ordnungen, familiäre Strategien und genaue Regeln darüber, wer wem wie nahekommen durfte.
Höfe sind und waren komplizierte soziale Gebilde, die zum Teil mehrere Tausend Menschen umfassen konnten.
Kurz gesagt: Höfische Geschichte untersucht Fürstenhöfe als politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zentren. Sie beschäftigt sich mit Herrschaft und Verwaltung, Zeremoniell und Repräsentation, Alltag und Festen, Kunst und Architektur sowie mit den Menschen, die an einem Hof lebten und arbeiteten.
An Höfen ging es um Menschen, um die Organisation des Alltags, um Moden und Intrigen, ums Essen und Trinken — aber ebenso um hohe Politik. Zum Hof gehörten dabei keineswegs nur Fürst:innen, ihre Familien und einige besonders glänzend gekleidete Adelige. Dort arbeiteten auch Bedienstete, Köch:innen, Gärtner:innen, Musiker:innen, Künstler:innen, Handwerker:innen, Geistliche, Erzieher:innen, Soldaten und Verwaltungsangehörige. Ohne sie hätte der ganze höfische Glanz ziemlich schnell im Dunkeln gestanden. Ein Hof war zugleich Haushalt und Herrschaftszentrum, Arbeitsplatz und Bühne, Wohnort und Verwaltungsapparat. Hier wurden Entscheidungen vorbereitet, Beziehungen gepflegt, Ämter vergeben, Ehen ausgehandelt, Gäste empfangen und Macht sichtbar gemacht. Es gab eigene Regeln und Vorschriften, die für das Leben am Hof entwickelt wurden, etwa Hofordnungen oder Burgfriedensordnungen. Solche Ordnungen regelten zum Beispiel Zuständigkeiten, Rangfolgen, Versorgung, Löhne, Verhalten, Zugang zum Herrscher oder zur Herrscherin und mitunter selbst die Frage, wann gegessen, getrunken oder die Tore geschlossen werden sollten. Ob sich im Alltag immer alle daran hielten, ist selbstverständlich eine ganz andere Frage. Und ja, es geht natürlich auch um diese Aura von Luxus, Pracht und Glanz. Diese Pracht war allerdings nicht nur dekorativer Überschuss oder höfische Verschwendung. Architektur, Kleidung, Feste, Kunstsammlungen, Zeremoniell und kostbare Geschenke waren Mittel der Repräsentation. Sie sollten Rang, Macht, Ordnung und den Anspruch einer Dynastie sichtbar machen. Sie begeistert die Menschen letztlich, seit es Höfe gibt, und zieht sie bis heute in ihren Bann — die Yellow Press wäre sonst schließlich arbeitslos.
Was früher durch Gesandtenberichte, Briefe, Flugschriften, Porträts und öffentliche Zeremonien verbreitet wurde, übernehmen heute Presse, Fernsehen und soziale Medien. Die Formen haben sich verändert — das Interesse an höfischem Glanz, privaten Beziehungen und dynastischen Dramen ist erstaunlich beständig geblieben.
Höfische Geschichte ist außerdem immer auch Geschlechtergeschichte. Fürstinnen, Königinnen, Mätressen, Hofdamen oder Witwen konnten erheblichen politischen und kulturellen Einfluss ausüben — selbst dann, wenn sie offiziell kein Amt besaßen. Zugleich bestimmten Geschlechterrollen, wer Zugang zu welchen Räumen, Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten erhielt.
Und natürlich gab es Höfe nicht nur in Europa. Auch in Asien, Afrika, im Nahen Osten oder im vorkolonialen Amerika bestanden komplexe höfische Kulturen. Ihre Strukturen, Zeremonien und politischen Funktionen unterschieden sich teilweise erheblich — und bieten damit noch einmal ganz andere Perspektiven auf das Phänomen Hof.
Religionsgeschichte
„Religionsgeschichte ist ein universitäres Fach – eine Wissenschaft, die sich mit der historischen und gegenwärtigen Entwicklung der Religionen und der Religiosität hinsichtlich ihrer jeweiligen Entwicklung im historischen Kontext befasst. Hierbei werden die entsprechende [sic!] Religionen zunächst in der ihr eigenen Geschichte und Tradition untersucht, um diese später zum Beispiel anhand funktionaler oder typologischer Kriterien einzuordnen, zu klassifizieren und schließlich eine Systematik der Glaubenssysteme zu erarbeiten. So entsteht eine Basis, die für das glaubensunabhängige Vergleichen verschiedener Religionen (komparative Religionswissenschaft) essentiell ist.“[9]
Kurz gesagt: Religionsgeschichte untersucht, wie Religionen, Glaubensvorstellungen, religiöse Praktiken und Institutionen entstanden, sich veränderten und auf Gesellschaft, Politik und Alltag einwirkten.
Die Religionsgeschichte ist sowohl ein wichtiges Forschungsfeld der Religionswissenschaft als auch ein Teilgebiet der Geschichtswissenschaft. Die Religionswissenschaft vergleicht Religionen häufig systematisch und fragt nach religiösen Vorstellungen, Praktiken und Funktionen. Historiker:innen untersuchen dagegen vor allem ihre Entstehung und Veränderung in konkreten Zeiten, Räumen und Gesellschaften. In der Praxis lassen sich beide Perspektiven natürlich kaum sauber voneinander trennen. Historiker:innen beschäftigen sich selbstredend ebenfalls mit Religion und sind daher auf die Ergebnisse religionswissenschaftlicher, theologischer und anderer benachbarter Forschungen angewiesen. Umgekehrt bringen sie ihre eigenen Methoden, Quellen und historischen Fragestellungen in dieses Forschungsfeld ein. Religionsgeschichte untersucht dabei keineswegs nur persönliche Glaubensüberzeugungen. Sie beschäftigt sich ebenso mit Kirchen, Klöstern und religiösen Gemeinschaften, mit Ritualen, Festen, Bildern und heiligen Orten, mit Mission, Reformation, Konfessionalisierung, religiösen Konflikten und dem Verhältnis von Religion und Staat. Besonders spannend ist die Frage, wie Religion tatsächlich gelebt wurde. Was offizielle Lehren vorschrieben, musste mit der religiösen Praxis der Menschen keineswegs vollständig übereinstimmen. Wallfahrten, Hausandachten, Heiligenverehrung, Aberglaube, persönliche Gebete oder der Umgang mit Krankheit und Tod erzählen deshalb oft eine etwas andere Geschichte als theologische Lehrbücher. Religionsgeschichte darf außerdem nicht mit Kirchengeschichte gleichgesetzt werden. Kirchengeschichte untersucht vor allem die Geschichte christlicher Kirchen und Institutionen. Religionsgeschichte richtet den Blick dagegen grundsätzlich auch auf Judentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus, antike Religionen, indigene Glaubenssysteme und zahlreiche weitere Formen religiösen Lebens.
Es gibt eben keine wirklich scharfen Trennlinien zwischen den verschiedenen Geistes- und Kulturwissenschaften. In nahezu allen Bereichen greifen sie ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Geisteswissenschaften ohne interdisziplinäres Arbeiten gehen eben nicht.
Zur Religionsgeschichte gehört schließlich auch die Geschichte von Säkularisierung, Religionskritik und neuen religiösen Bewegungen. Denn selbst dort, wo Religion vermeintlich an Bedeutung verliert, bleibt die Frage spannend, welche alten Vorstellungen fortwirken, welche neuen Formen entstehen und wie Gesellschaften das Verhältnis von Glauben und Nichtglauben aushandeln.

Kirchengeschichte
Wo wir gerade beim interdisziplinären Arbeiten sind: Auch die Kirchengeschichte ist ein solches interdisziplinäres Forschungsfeld. Sie wird sowohl von Historiker:innen als auch von Theolog:innen betrieben.
Kurz gesagt: Kirchengeschichte untersucht die historische Entwicklung des Christentums, seiner Kirchen, Gemeinschaften, Lehren, Institutionen und religiösen Praktiken. Sie fragt danach, wie sich christlicher Glaube organisierte, veränderte und auf Politik, Gesellschaft und Alltag auswirkte.
Die Kirchengeschichte beschäftigt sich mit der Geschichte des Christentums und seiner unterschiedlichen Kirchen, Gemeinschaften und Traditionen. Häufig wird deshalb inzwischen auch von „Christentumsgeschichte“ gesprochen. Der Begriff macht deutlicher, dass nicht nur die großen kirchlichen Institutionen untersucht werden, sondern auch religiöse Bewegungen, kleinere Gemeinschaften, theologische Strömungen und die gelebte christliche Religion. Dabei ist sie sehr umfassend in ihren Themengebieten, denn es geht nicht nur um Kirchenrecht, Dogmen oder theologisches Gedankengut. Auch Aspekte der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte gehören dazu, wenn es beispielsweise um kirchlichen Landbesitz, dessen Verwaltung und Bewirtschaftung oder um die soziale und wirtschaftliche Bedeutung von Kirchen und Klöstern geht. Das schließt auch Bereiche der Siedlungs- und Stadtgeschichte ein, etwa die Entwicklung von Orten rund um Klöster, Stifte, Bischofssitze oder Wallfahrtsstätten.
Kirchengeschichte beschäftigt sich außerdem mit Gottesdienst und Frömmigkeit, Mission und Bildung, Armenfürsorge und Krankenpflege, Kirchenbau und Kunst, religiösen Festen, Konflikten, Verfolgungen und dem Verhältnis von Kirche und Staat. Sie untersucht also nicht nur, was Kirchen lehrten, sondern auch, wie Christentum gelebt wurde.
Zu den besonders wichtigen Themengebieten der Kirchengeschichte gehören die Geschichte der Konzilien, der kirchlichen Spaltungen und selbstverständlich die Reformationsgeschichte.
Besonders bekannt ist die Trennung zwischen der lateinischen Westkirche und den orthodoxen Kirchen des Ostens, die traditionell mit dem Jahr 1054 verbunden wird. Ganz so einfach war es allerdings nicht: Die Entfremdung hatte lange zuvor begonnen und setzte sich auch danach über Jahrhunderte fort. Das Jahr 1054 ist deshalb eher ein markanter Punkt in einem langen Prozess als ein plötzliches, an einem einzigen Tag vollzogenes Schisma.
Und 1054 war keineswegs die einzige Kirchenspaltung. Auch frühchristliche Lehrstreitigkeiten, die Trennung der orientalisch-orthodoxen Kirchen, das Abendländische Schisma mit mehreren konkurrierenden Päpsten oder die zahlreichen Spaltungen infolge der Reformation gehören in diesen Zusammenhang.
Wer sich näher mit Kirchengeschichte beschäftigen möchte, findet in Lenelotte Möllers und Hans Ammerichs 2014 erschienener „Einführung in das Studium der Kirchengeschichte“ einen gut zugänglichen Einstieg in Themen, Methoden und Arbeitsweisen des Faches.
Da das Buch inzwischen mehr als zehn Jahre alt ist, sollte es für aktuelle Forschungsdebatten allerdings durch neuere Literatur ergänzt werden.
Kirchengeschichte ist außerdem längst nicht nur europäische Geschichte. Das Christentum entstand im Nahen Osten und verbreitete sich früh nach Afrika und Asien. Heute richtet sich die Forschung deshalb stärker auf globale Verflechtungen, Mission, Kolonialismus, indigene Aneignungen und die vielfältigen Formen des Christentums außerhalb Europas.
Lange wurde Kirchengeschichte stark aus der Perspektive der jeweils eigenen Konfession geschrieben. Katholische, evangelische und orthodoxe Darstellungen erzählten dieselben Ereignisse mitunter erstaunlich unterschiedlich. Heute bemüht sich die Forschung stärker um ökumenische, vergleichende und konfessionsübergreifende Perspektiven — völlig voraussetzungslos ist historische Forschung allerdings auch hier nicht.
Personengeschichte
Menschen, also Personen, machen Geschichte und haben sie immer gemacht. Geschichte ohne Menschen, ohne Personen, geht nicht — zumindest nicht in unserem geisteswissenschaftlichen Verständnis. Naturwissenschaftler:innen sehen das naturgemäß anders, aber das ist ein anderes Thema.
Allerdings handeln Menschen nie im luftleeren Raum. Sie bewegen sich innerhalb politischer Ordnungen, sozialer Hierarchien, wirtschaftlicher Möglichkeiten, kultureller Vorstellungen und ganz persönlicher Zwänge. Personengeschichte fragt deshalb nicht nur danach, was ein Mensch tat, sondern auch danach, unter welchen Bedingungen er oder sie überhaupt handeln konnte.
Kurz gesagt: Personengeschichte untersucht das Leben und Handeln einzelner Menschen oder ganzer Personengruppen in ihrem historischen Zusammenhang. Sie fragt danach, welche Handlungsmöglichkeiten Menschen besaßen, wie sie ihre Zeit prägten und wie ihre Lebenswege von gesellschaftlichen Bedingungen beeinflusst wurden.
Streng genommen ist die Personengeschichte allerdings weniger eine klar abgegrenzte Teildisziplin als eine historische Perspektive. Sie begegnet uns in Biografien, mikrohistorischen Untersuchungen, Familiengeschichten oder Studien über bestimmte soziale und berufliche Gruppen.
Für die Personengeschichte ist es unerheblich, ob die Person nun von herausragender historischer Bedeutung war, ob sie Kaiser:in war oder Handwerker:in, Bauer oder Bäuerin. Eine Geschichtsdarstellung, in der Menschen überhaupt nicht vorkommen, ist letztlich kaum vorstellbar. Die Frage aber ist: Mit welchen Personen beschäftigt man sich — und vor allem, in welchem Zusammenhang tut man das?
Über Jahrhunderte — eigentlich sogar über Jahrtausende — hinweg beschäftigte sich die Geschichtsschreibung vor allem mit den Reichen, Mächtigen und vermeintlich Bedeutenden. Es waren meist jene Menschen, die im Zusammenhang mit politisch oder militärisch bedeutenden Ereignissen auftauchten — Herrscher, Feldherren, Staatsmänner und gelegentlich auch eine Staatsfrau. Die Lebensgeschichte einer Bäuerin oder eines Handwerkers interessierte dagegen kaum jemanden, denn in der traditionellen Geschichtsschreibung waren sie ja „Niemand“.
Das hatte allerdings nicht nur mit dem Interesse der Geschichtsschreibenden zu tun, sondern auch mit der Überlieferung. Wer schreiben konnte, Besitz hatte, ein Amt ausübte oder mit Behörden und Gerichten in Berührung kam, hinterließ eher Spuren. Andere Menschen werden in den Quellen oft nur für einen kurzen Moment sichtbar — und manchmal überhaupt nicht.
Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zum Glück geändert, und die vermeintlich „unbedeutenden“ Menschen sind stärker ins Blickfeld der historischen Forschung gerückt. Dabei stellt sich etwas ausgesprochen Interessantes heraus: So unbedeutend waren diese vermeintlichen „Niemande“ oftmals gar nicht.
Historische Bedeutung muss schließlich nicht heißen, dass jemand einen Krieg gewann, ein Reich regierte oder eine Revolution auslöste. Auch ein einzelner Lebensweg kann zeigen, wie Menschen arbeiteten, liebten, glaubten, litten, reisten, Grenzen überwanden oder mit gesellschaftlichen Erwartungen umgingen.
Eine historische Biografie ist dabei mehr als ein ausführlicher Lebenslauf. Sie zählt nicht einfach Geburtsdatum, Ausbildung, Ämter und Todesjahr auf, sondern setzt einen Menschen in Beziehung zu seiner Zeit. Gute Personengeschichte erzählt deshalb immer zugleich etwas über Gesellschaft, Kultur, Politik und Handlungsmöglichkeiten.
Manchmal stehen nicht einzelne Personen, sondern ganze Gruppen im Mittelpunkt. Die sogenannte Prosopografie untersucht beispielsweise die Lebenswege, Herkunft, Karrieren und Netzwerke einer größeren Zahl von Menschen, um darin gemeinsame Muster zu erkennen. Das klingt zunächst nach einer gewaltigen Menge Karteikarten — und war es früher vermutlich auch.
Auch dieser Blog widmet sich immer wieder bekannten und unbekannten Personen, die vielleicht eine Rolle in der sogenannten großen Geschichte spielten — und vielleicht auch nicht. Den Biographien ist auf diesem Blog deshalb eine eigene Kategorie gewidmet.

Mentalitätsgeschichte
Der Begriff Mentalitätsgeschichte ist in den vorangegangenen Abschnitten bereits mehrfach aufgetaucht.
Auch sie ist gewissermaßen ein Kind der französischen Annales-Schule. Als wichtiges Pionierwerk der Mentalitäts- und Kulturgeschichte gilt Johan Huizingas (1872–1945) „Herbst des Mittelalters“. Und ja: Dieses Buch gehört für mich zu den absoluten „Must-reads“, die ich wirklich nur allen ans Herz legen kann.
Kurz gesagt: Mentalitätsgeschichte untersucht die Vorstellungen, Wahrnehmungsmuster, Werte und selbstverständlichen Annahmen vergangener Gesellschaften. Sie fragt danach, wie Menschen ihre Welt deuteten und was sie etwa über Liebe, Tod, Religion, Glück, Familie, Körper oder gesellschaftliche Ordnung dachten.
Dabei geht es weniger um die ganz persönliche Meinung eines einzelnen Menschen als um Vorstellungen und Deutungsmuster, die von größeren Gruppen geteilt wurden. Vieles davon wurde gar nicht ausdrücklich ausgesprochen, weil es für die Zeitgenoss:innen vollkommen selbstverständlich erschien. Gerade solche Selbstverständlichkeiten sind für Historiker:innen allerdings besonders schwer zu greifen.
Dabei geht es weniger um die ganz persönliche Meinung eines einzelnen Menschen als um Vorstellungen und Deutungsmuster, die von größeren Gruppen geteilt wurden. Vieles davon wurde gar nicht ausdrücklich ausgesprochen, weil es für die Zeitgenoss:innen vollkommen selbstverständlich erschien. Gerade solche Selbstverständlichkeiten sind für Historiker:innen allerdings besonders schwer zu greifen. Zu nennen sind etwa Briefe, Tagebücher, Grabinschriften, Predigten, Testamente, Gerichtsakten, Bilder, Lieder oder — seit dem 19. Jahrhundert — Postkarten.
Ganz einfach ist das allerdings nicht. Ein Tagebuch verrät zunächst, was eine bestimmte Person zu einem bestimmten Zeitpunkt aufschrieb — nicht automatisch, was „die Menschen“ einer ganzen Epoche dachten. Mentalitätshistoriker:innen müssen deshalb viele unterschiedliche Quellen vergleichen und genau prüfen, für welche Gruppen eine Aussage überhaupt gelten kann.
Tischsitten und unterschiedliche Formen des Feierns — etwa Hochzeiten, Geburtstage oder Beerdigungen — sind typische Themen der Mentalitätsgeschichte. Auch Vorstellungen von Liebe, Glück, Tod, Leid und Trauer werden in der Mentalitätsgeschichte immer wieder untersucht. An dieser Stelle überschneidet sich die Mentalitätsgeschichte stark mit der Emotionsgeschichte. Diese fragt danach, wie Gefühle wahrgenommen, benannt, gezeigt oder unterdrückt wurden — und ob Menschen vergangener Zeiten unter „Liebe“, „Angst“, „Trauer“ oder „Glück“ tatsächlich dasselbe verstanden wie wir.
Selbst Mode, Spielzeug und der Umgang mit Tieren interessieren Mentalitätshistoriker:innen. Besonders aufschlussreich ist außerdem, was eine Gesellschaft als normal, ehrenhaft, schön, sündhaft, gefährlich oder lächerlich empfand. Solche Wertungen sagen oft sehr viel darüber aus, wie Menschen ihre Welt ordneten und wo sie Grenzen zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung zogen.
Grundsätzlich geht es in dieser Teildisziplin der Geschichtswissenschaft darum, mehr über die Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erfahrungshorizonte von Menschen vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende zu erfahren.
Dabei geht es nicht darum, Menschen vergangener Zeiten nach heutigen Maßstäben zu beurteilen oder ihre Gedanken nachträglich zu diagnostizieren. Vielmehr soll verständlich werden, warum bestimmte Vorstellungen und Verhaltensweisen innerhalb ihrer historischen Welt sinnvoll, selbstverständlich oder sogar zwingend erscheinen konnten.
Auch auf diesem Blog begegnet Ihnen die Mentalitätsgeschichte an vielen Stellen. So finden Sie hier unter anderem eine Reihe zu Tischzuchten, aber auch zur Mode, zur Esskultur und ähnlichen Themen.
Landesgeschichte, Ortsgeschichte, Stadtgeschichte und Regionalgeschichte
Landes-, Orts-, Stadt- und Regionalgeschichte — wenn man es genau nimmt, sind das eigentlich vier verschiedene Forschungsfelder. Aufgrund ihrer ähnlichen Fragestellungen und zahlreichen Überschneidungen kann man sie hier aber durchaus gemeinsam behandeln.
Kurz gesagt: Orts-, Stadt-, Regional- und Landesgeschichte untersuchen Geschichte innerhalb bestimmter räumlicher Zusammenhänge. Im Mittelpunkt können ein Dorf, eine Stadt, eine Landschaft, eine Region oder ein historisches Territorium stehen. Dabei geht es nicht nur um politische Grenzen, sondern auch um Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Alltag und die Beziehungen zu anderen Räumen.
Alle vier Forschungsfelder untersuchen Geschichte innerhalb räumlich begrenzter Zusammenhänge. Es geht also um Menschen und soziale Gefüge in bestimmten räumlichen Zusammenhängen — wobei diese Räume keineswegs immer klar definiert oder dauerhaft begrenzt waren. Die Ortsgeschichte nimmt meist einen einzelnen Ort, ein Dorf oder eine kleinere Gemeinde in den Blick. Ortsgeschichte fragt etwa danach, wie eine Siedlung entstand, wer dort lebte, wovon die Menschen arbeiteten, wie Besitz verteilt war, welche Gebäude und Institutionen das Leben prägten und wie überregionale Entwicklungen vor Ort erfahrbar wurden. Die Stadtgeschichte beschäftigt sich dagegen mit urbanen Gemeinschaften und ihren besonderen politischen, rechtlichen, sozialen, wirtschaftlichen und baulichen Strukturen. Was eine Stadt eigentlich zur Stadt macht, ist historisch nämlich gar nicht immer so leicht zu beantworten. Stadtrecht, Markt, Befestigung, politische Selbstverwaltung, besondere Gerichte, Bevölkerungszahl oder eine zentrale wirtschaftliche Funktion können wichtige Merkmale sein — müssen aber keineswegs immer gemeinsam auftreten. Stadtgeschichte untersucht deshalb nicht nur Rat, Stadtrecht und Verwaltung, sondern ebenso Märkte und Handwerk, Wohnverhältnisse und soziale Gruppen, Kirchen und Schulen, Migration, Infrastruktur, Umwelt, Feste, Konflikte und das Zusammenleben auf engem Raum.
Einen größeren räumlichen Zusammenhang untersuchen Landes- und Regionalgeschichte — wobei „Land“, „Territorium“, „Region“ und „Staat“ keineswegs dasselbe bedeuten. Landesgeschichte beschäftigt sich häufig mit historisch gewachsenen Territorien und Landschaften, etwa Westfalen, dem Rheinland, Bayern oder Sachsen. Sie untersucht deren politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung — und keineswegs nur ihre heutigen Verwaltungsgrenzen. Regionalgeschichte ist meist noch etwas offener. Eine Region kann durch Landschaft, Sprache, Wirtschaft, Verkehrswege, Religion, gemeinsame Erfahrungen oder ein bestimmtes Selbstverständnis verbunden sein. Ihre Grenzen müssen nicht mit politischen Grenzen übereinstimmen — und manchmal streiten sich die Menschen sogar darüber, ob es die betreffende Region überhaupt gibt.
Solche Länder, Territorien und Regionen entstanden meist über lange Zeiträume hinweg — durch Herrschaftsbildung, Erbteilungen, Kriege, Verträge, wirtschaftliche Verbindungen oder gemeinsame kulturelle Entwicklungen. Sie entwickelten sich häufig über viele Jahrhunderte hinweg. Dabei veränderten sich ihre Grenzen, sie wurden größer oder kleiner, aufgeteilt, zusammengelegt oder neu benannt.
Landes- und Regionalgeschichte betrachten solche Räume heute allerdings nicht mehr als abgeschlossene kleine Welten. Sie fragen ebenso nach Migration, Handel, Wissenstransfer, Verkehrswegen und politischen oder kulturellen Beziehungen über die jeweiligen Grenzen hinweg.
In diesen Forschungsfeldern kann es folglich um nahezu alles gehen, was wir bisher angesprochen haben — nur eben bezogen auf einen bestimmten Ort, eine Stadt, ein historisches Land oder eine Region.
Der Projektblog „Bad Nauheim – Jugendstil zwischen Sprudelhof und Trinkkuranlage“ ist ein Beispiel für digital vermittelte Orts- und Stadtgeschichte. Mit digitalen Methoden wie etwa 360-Grad-Rundgängen wird die Geschichte des Ortes dort anschaulich und unmittelbar erfahrbar.
Gerade Orts- und Regionalgeschichte eignen sich hervorragend für digitale Vermittlungsformen. Historische Karten, Fotografien, virtuelle Rundgänge, Zeitzeug:inneninterviews und georeferenzierte Quellen können Geschichte direkt mit den Orten verbinden, an denen sie stattgefunden hat.
Historische Hilfswissenschaften — oder besser: Historische Grundwissenschaften?
Historische Hilfswissenschaften — das klingt immer ein wenig herabwürdigend und degradierend, so als seien diese Wissenschaften eigentlich gar keine richtigen und eigenständigen Wissenschaften, sondern nur eine Art Appendix. Kein Wunder also, dass viele Wissenschaftler:innen dieser Teilgebiete schon seit Längerem eine andere Bezeichnung fordern. „Historische Grundwissenschaften“ wäre zum Beispiel eine Möglichkeit. Und in der Tat würde die Bezeichnung „Grundwissenschaften“ sehr viel besser treffen, worum es geht, denn ohne diese Wissenschaften und wenigstens grundlegende Kenntnisse in ihnen wären Historiker:innen schlichtweg aufgeschmissen.
Kurz gesagt: Historische Hilfs- oder Grundwissenschaften vermitteln die Methoden, mit denen historische Quellen erschlossen, gelesen, datiert, geprüft und eingeordnet werden. Dazu gehören unter anderem Paläografie, Diplomatik, Chronologie, Archivkunde, Heraldik, Genealogie, Numismatik und Sphragistik.
Wie soll man sich mit Urkunden und Akten beschäftigen und wichtige Informationen aus ihnen herausfiltern, wenn man nicht weiß, wie sie aufgebaut sind, und ihre Schrift nicht lesen kann? Wie soll man eine Urkunde korrekt datieren, wenn man nicht weiß, was etwa „an den Iden“ bedeutet? Wie soll man überhaupt eine Urkunde finden, wenn man nicht weiß, wo genau man danach suchen soll?
Und die Digitalisierung macht diese Kenntnisse keineswegs überflüssig. Im Gegenteil: Auch ein digitalisiertes Dokument muss gelesen, datiert, eingeordnet und auf seine Echtheit und Aussagekraft geprüft werden. Eine hochauflösende Aufnahme ersetzt keine Quellenkritik — sie macht nur den Zugriff bequemer.
Das sind nur einige Fragen, die deutlich machen, wie wichtig es für Historiker:innen ist, sich mit Wissenschaften wie Archivkunde, Diplomatik, Chronologie und vielen weiteren auszukennen. Diese Wissenschaften sind unser Handwerkszeug, unsere Basis, von der aus wir arbeiten. Sie herabzuwürdigen oder gar zu vernachlässigen, wäre sträflich und würde dazu führen, dass wir Geschichtswissenschaft nicht mehr angemessen betreiben könnten.
Dabei liefern die Grundwissenschaften nicht nur vorbereitende Dienstleistungen für andere historische Forschungen. Sie entwickeln eigene Fragen, Methoden und Erkenntnisse. Eine Untersuchung von Schrift, Siegeln, Münzen oder Urkunden kann selbst neue Einsichten in Herrschaft, Kommunikation, Verwaltung, soziale Ordnung und kulturelle Praktiken hervorbringen.
Diese Forderung wurde und wird von zahlreichen Historiker:innen erhoben. Zu ihnen gehört Eva Schlotheuber, die von 2016 bis 2021 Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands war — und außerdem meine Co-Doktormutter.

Archivkunde
Beschriebenes Papier ist das Futter für Historiker:innen. Und wenn man bedenkt, seit wann die Menschheit schreibt, sind im Laufe der Jahrtausende unglaublich viele Seiten zusammengekommen. Selbst wenn weit mehr verloren gegangen ist, als erhalten blieb, müssen all dieses Papier und Pergament — und was es sonst noch an Beschreibstoffen gibt — schließlich irgendwohin. Für diesen Zweck hat man dann gleich einmal — und das schon recht früh — Archive eingerichtet, in denen all das Beschriebene verwahrt wurde. Ganz so einfach ist es allerdings nicht: Archive bewahren keineswegs alles auf, was jemals beschrieben wurde. Sie übernehmen Unterlagen von Behörden, Unternehmen, Kirchen, Vereinen, Familien oder Privatpersonen und entscheiden im Rahmen der sogenannten Bewertung, was dauerhaft erhalten bleiben soll — und was nicht. Nun übernimmt nicht jedes Archiv dieselben Unterlagen und auch nicht nach denselben Kriterien. Staatsarchive übernehmen andere Unterlagen als Stadt- oder Kreisarchive, Kirchenarchive andere als Unternehmens-, Partei-, Vereins-, Familien- oder Literaturarchive. Wer etwas sucht, muss deshalb zunächst wissen, welche Institution oder Person die betreffenden Unterlagen ursprünglich hervorgebracht hat.
Und vor allem: Das Übernehmen ist das eine. Zu wissen, was man eigentlich hat, und es später wiederzufinden, ist das andere — und mindestens ebenso wichtig.
Bewerten, übernehmen, ordnen, erschließen, erhalten und wiederfinden — all das gehört zur Archivkunde.
Kurz gesagt: Archivkunde beschäftigt sich mit der Entstehung, Bewertung, Übernahme, Ordnung, Erschließung, Erhaltung und Nutzung von Archivgut. Sie untersucht außerdem die unterschiedlichen Archivtypen, ihre Zuständigkeiten und die Methoden, mit denen Unterlagen dauerhaft zugänglich bleiben.
Sie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie Schriftgut, Fotografien, Filme, Tonaufnahmen und digitale Unterlagen dauerhaft bewahrt und nutzbar gehalten werden können.
Gerade digitale Unterlagen stellen Archive vor neue Herausforderungen. Dateiformate veralten, Software verschwindet, Datenträger gehen kaputt und ganze Verwaltungsprozesse existieren mitunter nur noch in Datenbanken. Digital bedeutet deshalb keineswegs automatisch dauerhaft.
Damit allein ist es aber nicht getan. Zunächst muss entschieden werden, welche Unterlagen überhaupt dauerhaft archivwürdig sind. Nach ihrer Übernahme werden sie geordnet und erschlossen, damit ihr Inhalt, ihre Herkunft und ihre Zusammenhänge nachvollziehbar bleiben — und damit man sie möglichst auch in Hunderten von Jahren noch wiederfindet.
Archive ordnen ihre Bestände dabei in der Regel nicht einfach nach Themen. Entscheidend ist vielmehr das sogenannte Provenienzprinzip: Unterlagen bleiben in dem Zusammenhang erhalten, in dem sie bei einer Behörde, einem Unternehmen, einer Familie oder einer anderen Stelle entstanden sind.
Ein Archiv funktioniert deshalb nicht wie eine Bibliothek. Bücher werden meist nach Autor:innen, Titeln oder Sachgebieten katalogisiert. Archivgut wird dagegen über Bestände, Herkunftszusammenhänge und Findmittel erschlossen. Wer im Archiv sucht, muss also häufig erst lernen, ein wenig um die Ecke zu denken.
Diesen oft als trocken bezeichneten Beruf üben Archivar:innen aus. Dabei ist er überhaupt nicht trocken, sondern ausgesprochen spannend und vielseitig. Und Archivar:innen sind beileibe nicht die verstaubten Gestalten mit Ärmelschonern, als die sie gern dargestellt werden — spätestens ein Blick in die vielfältige Archiv-Blogosphäre zeigt das.
Archivar:innen entscheiden, welche Unterlagen dauerhaft erhalten bleiben, erschließen Bestände, beraten Forschende, beantworten Anfragen, organisieren Ausstellungen, digitalisieren Quellen und kümmern sich um Bestandserhaltung und digitale Langzeitarchivierung. Der Beruf bewegt sich also irgendwo zwischen Forschung, Verwaltung, Technik, Vermittlung und Detektivarbeit.
Zu den Standardwerken, in die Historiker:innen wenigstens einmal ihre Nase gesteckt haben sollten, gehört die „Einführung in die Archivkunde“ von Eckhart G. Franz, ergänzt und fortgeführt von Thomas Lux.

Chronologie
„Kalender, Kalender, Kalender“ lautet die Überschrift eines Artikels auf diesem Blog und eben diese Kalender sind schon ein wichtiger Teil der Chronologie, dieser Wissenschaft, die sich mit Zeit und ihrer Messung beschäftigt und den verschiedenen Einteilungen, die Menschen irgendwann einmal zu diesem Thema entwickelt haben.
Kurz gesagt: Die historische Chronologie beschäftigt sich mit Kalendern, Zeitrechnungen und Datierungsformen. Sie hilft Historiker:innen dabei, historische Datumsangaben zu verstehen, umzurechnen und in unsere heutige Zeitrechnung einzuordnen.
Das physikalische Phänomen der Zeit ist für Historiker:innen im Rahmen der Chronologie übrigens eher nebensächlich. Für die historische Chronologie ist vor allem das Zählen und Ordnen der Zeit interessant — also die sogenannte allgemeine Chronologie. Dazu gehören Kalendersysteme, Jahreszählungen, Monats- und Tagesbezeichnungen, Festkalender, Regierungsjahre und zahlreiche weitere Formen der Datierung. Ein Datum konnte sich beispielsweise auf einen kirchlichen Festtag, den Regierungsbeginn eines Herrschers, eine römische Tageszählung oder ein lokal gebräuchliches Kalenderjahr beziehen. Und selbstverständlich begann das neue Jahr historisch auch nicht immer und überall am 1. Januar. Warum sollte Zeitrechnung auch einmal unkompliziert sein?
Selbstredend gibt es auch hierfür zahlreiche Hilfsmittel, mit denen sich etwa Datumsangaben in mittelalterlichen Urkunden „übersetzen“ und in unsere heutige Zeitrechnung übertragen lassen. Jedes Fach hat ja so seine Bibel, und die „Chrono-Bibel“ für Historiker:innen ist und bleibt sicherlich der gute alte Grotefend.
Gemeint ist Hermann Grotefends „Taschenbuch der Zeitrechnung des deutschen Mittelalters und der Neuzeit“, mit dessen Hilfe sich Festtage, Herrscherjahre und andere historische Datierungsformen auflösen lassen. Wer häufiger mit mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Quellen arbeitet, kommt an diesem Werk kaum vorbei.
Ein mit der Chronologie verwandtes, aber doch eigenständiges Thema ist die Geschichte der Zeitvorstellungen. Denn auch die Frage, was Zeit eigentlich ist, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zueinander stehen und wie Menschen ihren Alltag zeitlich ordnen, hat sich im Laufe der Jahrhunderte erheblich verändert. Zeit bedeutete dabei keineswegs immer dasselbe. Sie konnte sich an Natur und Jahreszeiten, religiösen Festen, Arbeitsabläufen, Gebetszeiten, Glockenschlägen, Kalendern oder schließlich immer genauer gehenden Uhren orientieren. Zeit wurde also nicht nur gemessen, sondern auch erlebt, gedeutet, organisiert und zunehmend diszipliniert.
Dazu gehört Achim Landwehrs „Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert“. Achim Landwehr war übrigens mein Doktorvater — eine persönliche Verbindung, die meine Empfehlung dieses Buches natürlich nicht völlig unverdächtig macht. Ebenso gehört dazu der Band „Zeitkonzepte. Zur Pluralisierung des Zeitdiskurses im langen 18. Jahrhundert“, herausgegeben von Carsten Zelle und zusammengestellt von Stefanie Stockhorst.
Und immer wieder die Zeit: Wer sie nicht nur historisch, sondern auch literarisch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachten möchte, dem sei außerdem Alan Lightmans „Einstein’s Dreams — Und immer wieder die Zeit“ empfohlen.
Diplomatik
Diplomatik ist schon ein komisches Wort, und man könnte meinen, dass es sich dabei um eine Wissenschaft der Diplomatie handelt.
Dem ist allerdings nicht so. Vielmehr geht es zunächst einmal um „Gefaltetes“.
Ähm, wie jetzt — um „Gefaltetes“?
Ja, aber ich sollte wohl aufklären, warum: Die Diplomatik ist die Wissenschaft, die sich mit Diplomata beschäftigt. Das Wort geht auf das griechische δίπλωμα (díplōma) zurück und bezeichnete ursprünglich etwas Gefaltetes beziehungsweise ein gefaltetes Schriftstück.
Mit heutiger Diplomatie hat das Ganze also nur sprachlich entfernt zu tun. Beide Begriffe gehen letztlich auf amtliche Schriftstücke zurück: Diplomat:innen waren ursprünglich Personen, die mit solchen Dokumenten arbeiteten oder durch sie ausgewiesen wurden.
Sie haben es also vermutlich schon erraten: Es geht um Urkunden.
Kurz gesagt: Diplomatik ist die historische Urkundenlehre. Sie untersucht Entstehung, Aufbau, Sprache, äußere und innere Merkmale, Überlieferung und Echtheit von Urkunden und fragt danach, welchen rechtlichen und historischen Aussagewert sie besitzen.
Dabei befasst sich die Diplomatik mit den äußeren und inneren Merkmalen einer Urkunde sowie mit der Frage, von wem, wann, wo und unter welchen Umständen sie ausgestellt wurde. Urkunden folgen dabei häufig bestimmten formalen Mustern. Je nach Urkundentyp können etwa Anrufung, Aussteller:innenname, Empfänger:innen, Rechtsinhalt, Datierung, Zeugenliste und Beglaubigung vorkommen. Gerade solche wiederkehrenden Bestandteile helfen dabei, eine Urkunde einzuordnen und zu prüfen. Auch der Überlieferungsweg, die Echtheit und der historische Aussagewert einer Urkunde sind für Diplomatiker:innen von Interesse.
Überliefert sein kann eine Urkunde als Original, als spätere Abschrift, in einem Kopialbuch oder nur in gekürzter Form innerhalb eines Registers. Eine Abschrift muss dabei keineswegs wertlos und eine Fälschung nicht uninteressant sein. Selbst eine gefälschte Urkunde kann viel darüber verraten, welche Rechte jemand beanspruchte und welche Vorstellungen von Glaubwürdigkeit in einer bestimmten Zeit bestanden.
Eine Urkunde ist dabei nicht einfach jedes alte Schriftstück. Im diplomatischen Sinn handelt es sich um ein unter bestimmten Formen ausgefertigtes und beglaubigtes Schriftstück über einen rechtlich bedeutsamen Vorgang. Ein privater Brief ist also keine Urkunde — auch wenn er historisch mindestens ebenso spannend sein kann.
Übrigens gibt es natürlich auch für diesen grundwissenschaftlichen Zweig eine Art Bibel, die in keinem gut sortierten Bücherregal von Historiker:innen fehlen sollte: Leo Santifallers „Urkundenforschung. Methoden, Ziele, Ergebnisse“. Übrigens gibt es natürlich auch für diesen grundwissenschaftlichen Zweig eine Art Bibel, die in keinem gut sortierten Bücherregal von Historiker:innen fehlen sollte: Leo Santifallers „Urkundenforschung. Methoden, Ziele, Ergebnisse“. Das Werk ist allerdings inzwischen selbst schon ein Stück Wissenschaftsgeschichte. Als klassischer Überblick bleibt es lesenswert, für aktuelle Methoden und Forschungsfragen sollte es jedoch durch neuere Literatur ergänzt werden.
Für einen ersten Einstieg ist außerdem Ahasver von Brandts „Werkzeug des Historikers. Eine Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften“ zu empfehlen. Dort werden zentrale Grundlagen der Diplomatik und der Aufbau wichtiger Urkundentypen verständlich erläutert.
Auch die Digitalisierung hat die Diplomatik übrigens keineswegs überflüssig gemacht. Digitale Editionen und hochauflösende Aufnahmen erleichtern zwar den Zugriff, doch Aufbau, Überlieferung, Echtheit und historischer Kontext einer Urkunde müssen weiterhin fachkundig geprüft werden. Hinzu kommt inzwischen sogar die Frage, wie sich diplomatische Methoden auf genuin digitale Dokumente übertragen lassen.
Epigraphik
Epigraphik, das ist die „Inschriftenkunde“, abgeleitet vom altgriechischen ἐπιγραφή, also epigraphē, was so viel bedeutet wie Inschrift oder Aufschrift.Es sind also Inschriften auf steinernen, hölzernen, metallenen oder anderen dauerhaften Trägern, mit denen sich diese Wissenschaft primär auseinandersetzt. Auch Inschriften auf Leder, Textilien, Glas, Keramik, Glocken, Waffen, Geräten, Gebäuden oder Wandmalereien können dazugehören und werden von Epigraphiker:innen untersucht.
Kurz gesagt: Epigraphik ist die historische Inschriftenkunde. Sie untersucht Inschriften auf Stein, Metall, Holz, Glas, Keramik, Textilien und anderen Trägern und fragt nach ihrem Text, ihrer Schrift, ihrem Material, ihrer Datierung, ihrem Ort, ihrer Funktion und ihrem historischen Aussagewert.
Inschriften sind Texte, die auf oder in einen meist dauerhaften Träger angebracht wurden — und solche Inschriften gibt es im Grunde in allen Epochen und in nahezu allen Regionen. Besonders relevant aber ist die Epigraphik für die Alte Geschichte. Der Grund hierfür ist ganz einfach: Es sind vergleichsweise wenige antike Texte auf vergänglichen Beschreibstoffen wie Papyrus, Pergament oder Holz erhalten, da diese Materialien unter europäischen Klima- und Bodenbedingungen meist deutlich schlechter überdauern als Stein oder Metall. Steinerne und metallene Inschriften haben da schon eine deutlich längere Halbwertzeit und sind deshalb wichtige Quellen, um ein vollständigeres Bild antiker Gesellschaften zu gewinnen.
Inschriften nennen Herrscher:innen und Amtsträger, ehren Wohltäter:innen, erinnern an Verstorbene, markieren Grenzen, dokumentieren Bauvorhaben, Weihungen, Gesetze, Verträge oder militärische Erfolge. Sie stehen also häufig genau dort, wo Menschen öffentlich sichtbar machen wollten, wer sie waren, was sie taten oder woran erinnert werden sollte.
Aber auch für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit sind Inschriften wichtige Quellen, die Lebensbereiche beleuchten, die sonst häufig eher im Dunkeln bleiben. Gerade Grabinschriften, Bauinschriften, Glockeninschriften, Hausinschriften, Stifterinschriften oder Inschriften auf liturgischen Geräten können viel über Frömmigkeit, Erinnerungskultur, soziale Zugehörigkeit, Handwerk, Bildung, Sprache und Repräsentation verraten.
Vor allem diesem zeitlichen Schwerpunkt widmet sich zum Beispiel „Epigraphica Europea“, das Epigraphische Forschungs- und Dokumentationszentrum an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Auch hier spielt die Digitalisierung inzwischen eine große Rolle. Digitale Inschriftendatenbanken, Fotografien, 3D-Modelle und online zugängliche Editionen erleichtern die Recherche erheblich. Lesen, datieren, ergänzen und historisch einordnen müssen Epigraphiker:innen die Inschriften allerdings weiterhin selbst — die Datenbank nimmt ihnen die Quellenkritik nicht ab.
Ein zentrales Editionsunternehmen im deutschsprachigen Raum ist außerdem „Die Deutschen Inschriften“, das Inschriften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit sammelt, erschließt und veröffentlicht.
Filigranologie
Filigranologie – okay, interessantes Wort. Das klingt irgendwie nach filigran, also also nach etwas Feinem, Dünnem und Ziseliertem. Das Wort Filigran geht auf das italienische filigrana zurück und setzt sich letztlich aus den lateinischen Wörtern filum für Faden oder Draht und granum für Korn zusammen. Und damit kommen wir, anders als man vielleicht zunächst denkt, unserem Thema sogar schon ziemlich nahe.
Die Filigranologie beschäftigt sich nämlich tatsächlich mit etwas Feinem. Ihre Bezeichnung leitet sich vom französischen Wort filigrane ab — und das bedeutet „Wasserzeichen“. Die Filigranologie ist also die historische Wasserzeichenkunde.
Kurz gesagt: Filigranologie ist die historische Wasserzeichenkunde. Sie untersucht Wasserzeichen in handgeschöpftem Papier und nutzt sie unter anderem zur Datierung und Herkunftsbestimmung von Papier, Handschriften, Urkunden, Drucken, Karten, Zeichnungen und anderen historischen Dokumenten.
Wasserzeichen finden sich nicht eigentlich auf, sondern im Papier von Urkunden, Handschriften, Büchern, Drucken, Karten, Zeichnungen und anderen historischen Dokumenten. Bei handgeschöpftem Papier wurde eine aus Draht geformte Figur auf dem Schöpfsieb befestigt. Dort lagerte sich beim Schöpfen weniger Papiermasse ab. Hält man den fertigen Bogen gegen das Licht, erscheint das betreffende Motiv deshalb heller als das übrige Papier.
Auch digitale Bilder und Dokumente können heute sichtbare oder unsichtbare Wasserzeichen tragen. Mit der historischen Filigranologie haben diese modernen Kennzeichnungen allerdings nur den Namen gemeinsam.
Historische Wasserzeichen können wertvolle Hilfsmittel sein, um Papier zeitlich einzuordnen, seine mögliche Herkunft zu bestimmen und die Überlieferung eines Dokuments genauer zu untersuchen. Findet sich dasselbe Wasserzeichen in einem sicher datierten und in einem undatierten Papierbogen, lässt sich dessen Herstellungszeit häufig recht gut eingrenzen. Ganz auf den Tag genau funktioniert das natürlich nicht: Papier konnte gelagert, verkauft, weitertransportiert und erst einige Zeit nach seiner Herstellung beschrieben werden.
Wasserzeichen verraten aber nicht nur etwas über Daten. Sie können auch Hinweise auf Papiermühlen, Papiermacher:innen, Handelswege, Produktionszusammenhänge und die wirtschaftliche Geschichte des Papiers liefern. Aus einem scheinbar kleinen Zeichen kann damit plötzlich eine erstaunlich große Geschichte werden.
Wer sich näher mit dieser beinahe unbekannten und doch ausgesprochen spannenden Wissenschaft beschäftigen möchte, findet inzwischen mehrere umfangreiche digitale Wasserzeichendatenbanken.
Einen guten Einstieg bietet „WZMA — Wasserzeichen des Mittelalters“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Das Forschungsinstrument ermöglicht die Recherche in Wasserzeichen mittelalterlicher Handschriften und enthält nach dem Stand von 2025 mehr als 21.000 Wasserzeichen aus rund 2.000 Manuskripten.
Ebenfalls sehr hilfreich ist das internationale Portal „Bernstein — The Memory of Paper“. Es führt verschiedene Wasserzeichensammlungen, eine papierhistorische Bibliografie und Werkzeuge für die digitale Wasserzeichenforschung zusammen.
Hinzu kommt das Wasserzeichen-Informationssystem WZIS, in das unter anderem die umfangreiche Wasserzeichenkartei Gerhard Piccards eingegangen ist.
Genealogie
Genealogie — das ist ein Begriff, den sicher die meisten schon einmal gehört haben. Denn bei der Genealogie geht es um etwas, das viele Menschen interessiert und das sie betreiben, selbst wenn sie gar nicht wissen, dass sie sich damit auf das Gebiet einer historischen Grundwissenschaft begeben. Kurzum: Die Genealogie erforscht Abstammungs-, Verwandtschafts- und Familienbeziehungen.
Kurz gesagt: Genealogie ist die Erforschung von Abstammung, Verwandtschaft und Familiengeschichte. Sie untersucht, wie Menschen miteinander verwandt waren, aus welchen Familien sie stammten und wie sich familiäre Beziehungen über mehrere Generationen entwickelten.
Der Begriff geht über das Lateinische auf das griechische γενεαλογία (genealogía) zurück. Darin steckt γενεά (geneá) für Geburt, Abstammung oder Geschlecht — wörtlich bedeutet Genealogie also eher Abstammungs- oder Geschlechterkunde als einfach nur „Stammbaum“.
Lange richtete sich genealogisches Interesse besonders auf Adels-, Fürsten- und Herrscherfamilien. Stammbäume waren dabei keineswegs nur hübsche Übersichten darüber, wer mit wem verwandt war. Sie konnten Herrschaft legitimieren, Erbansprüche begründen, den gesellschaftlichen Rang einer Familie belegen oder deutlich machen, mit wem man sich tunlichst nicht verheiraten sollte, weil die Verwandtschaft vielleicht doch ein wenig zu eng war.
Heute beschäftigen sich Historiker:innen ebenso mit den Familiengeschichten von Menschen jenseits der gesellschaftlichen Eliten. Besonders interessant sind solche Untersuchungen beispielsweise für die Migrationsforschung, weil sich familiäre Netzwerke, Herkunftsorte und über mehrere Generationen reichende Wanderungsbewegungen rekonstruieren lassen.
Dabei sollte Genealogie nicht bei Namen sowie Geburts-, Heirats- und Sterbedaten stehen bleiben. Familiengeschichte kann ebenso Berufe, Besitzverhältnisse, Wohnorte, Krankheiten, Migration, soziale Aufstiege und Abstiege oder die Beziehungen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern untersuchen.
Auch familiäre Beziehungen innerhalb bestimmter Berufsgruppen, Institutionen oder gesellschaftlicher Milieus können untersucht werden. So lässt sich beispielsweise fragen, ob bestimmte Ämter, Handwerke oder Unternehmen über Generationen hinweg innerhalb derselben Familien weitergegeben wurden. Auch Heiratsbeziehungen konnten berufliche, wirtschaftliche oder politische Netzwerke festigen.
Eng mit der Genealogie verbunden ist die Namenforschung, auch Onomastik genannt. Sie ist allerdings kein bloßer Teilbereich der Genealogie, sondern ein eigenständiges Forschungsgebiet. Vor- und Familiennamen können Hinweise auf Sprache, Herkunft, Beruf, Wohnort oder regionale Verbreitung geben. Für sich allein beweist ein Name allerdings noch keine konkrete Abstammung. Er ist eine Spur — aber eben nur eine von vielen.
Seit einigen Jahrzehnten erlebt die private Familienforschung einen erheblichen Aufschwung. Digitale Plattformen wie Ancestry, MyHeritage oder FamilySearch ermöglichen es, historische Dokumente zu durchsuchen, Stammbäume anzulegen und mögliche Verwandtschaftsbeziehungen zu entdecken. So praktisch diese Plattformen sind: Ein automatisch vorgeschlagener Treffer ist noch kein Beweis. Auch online übernommene Stammbäume können Fehler enthalten, die anschließend von einem Stammbaum in den nächsten wandern. Jede Angabe sollte deshalb möglichst anhand der ursprünglichen Quelle überprüft werden.
Wie schnell ein Fehler entstehen und sich anschließend hartnäckig durch genealogische Datenbestände ziehen kann, zeigt ein Beispiel aus meiner eigenen Familie. Mütterlicherseits stammt sie aus Frankreich, genauer gesagt aus Lothringen. Dort wurde 1915 eine Tante von mir geboren.
Meine Familie war französischsprachig, der zuständige Standesbeamte jedoch Deutscher. Offenbar standen meine Verwandten mit einem Zettel vor ihm, auf dem der erste Vorname „Irmgard“ vermerkt war, und erklärten ihm, dass das Kind als zweiten Vornamen „Simone“ erhalten sollte — natürlich französisch ausgesprochen. Der Standesbeamte verstand jedoch „Simon“ und trug den Namen tatsächlich ohne das entscheidende „e“ ein.
Damit stand in den Unterlagen nun „Irmgard Simon“. Spätere französischsprachige Bearbeiter konnten vermutlich mit dem deutschen Frauennamen Irmgard wenig anfangen, lasen dafür aber den eindeutig männlichen Namen Simon — und aus der Tochter meiner Urgroßmutter wurde in genealogischen Verzeichnissen kurzerhand ein Sohn.
Es kostete mich schließlich einige Überzeugungsarbeit, entfernten Verwandten zu erklären, dass der vermeintliche Sohn tatsächlich eine Tochter und meine Tante war. Ein einziges fehlendes „e“ hatte gereicht, um das Geschlecht eines Menschen in Teilen der Familienüberlieferung zu verändern.
Das Beispiel zeigt deutlich, warum auch amtliche Einträge und genealogische Datenbanken niemals ungeprüft übernommen werden sollten. Sprachliche Missverständnisse, Hörfehler, spätere Übertragungen und fehlende Kenntnisse regionaler Namensformen können Fehler erzeugen, die sich über Jahrzehnte hinweg fortpflanzen.
Zu den weltweit größten frei zugänglichen genealogischen Angeboten gehört FamilySearch International, ein Dienst, der von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bereitgestellt wird.
Hinzu kommt inzwischen die genetische Genealogie. DNA-Tests können Hinweise auf biologische Verwandtschaft und geografische Herkunft geben. Sie können aber auch unerwartete Familienverhältnisse sichtbar machen und werfen Fragen nach Datenschutz, Einwilligung und dem Umgang mit sensiblen persönlichen Informationen auf. Auch hier gilt deshalb: spannend, aber nicht völlig harmlos.
Heraldik
Bunt ist sie und vielgestaltig, die Heraldik, die auf Deutsch auch Wappenkunde genannt wird.
Kurz gesagt: Heraldik ist die historische Wappenkunde. Sie untersucht die Entstehung, Gestaltung, Beschreibung, Verwendung und Bedeutung von Wappen sowie die Regeln, nach denen sie aufgebaut und überliefert wurden.
Genau wie die Filigranologie leitet sich auch die Bezeichnung Heraldik aus dem Französischen ab: héraldique bedeutet ursprünglich so viel wie „Heroldskunst“ und geht auf héraut, den Herold, zurück.
Herolde waren Fachleute für Wappen, Rangordnungen und höfisches Zeremoniell. Bei Turnieren prüften und erkannten sie die Wappen der Teilnehmer, kündigten sie an und konnten die Ritter auf diese Weise auch dann zuordnen, wenn deren Gesichter unter Helm und Rüstung verborgen blieben.
Wappen waren also keineswegs nur bunte Bildchen, sondern vielmehr ein ausgeklügeltes visuelles Erkennungssystem.
Die Heraldik beschäftigt sich mit Wappen, wie sie auf Schilden, Siegeln, Grabmälern, Gebäuden, Urkunden, Handschriften und in Wappenbüchern überliefert sind. Wappen waren und sind dabei keineswegs ausschließlich eine Angelegenheit des Adels. Auch Städte, Staaten, geistliche Institutionen, Zünfte, Universitäten, Vereine und bürgerliche Familien führten und führen Wappen.
Dabei geht es um die Frage, wann und unter welchen Umständen Wappen entstanden, wie sie sich entwickelten, wer sie führte und welche sozialen, politischen, familiären oder rechtlichen Aussagen sie transportierten.
Außerdem untersuchen Heraldiker:innen , wie ein Wappen aufgebaut ist und wie es fachgerecht beschrieben wird. Diese Beschreibung nennt man Blasonierung (schon wieder so ein Fachbegriff, der sich zunächst nicht so recht erschliesst).
Dabei spielen Schildteilungen, Figuren, Helme, Helmzier und die sogenannten Tinkturen — also die heraldischen Farben und Metalle — eine wichtige Rolle.
Und Vorsicht: „Heraldisch rechts“ liegt aus Sicht der betrachtenden Person links. Heraldik ist also sogar in ihren Richtungsangaben ein wenig eigenwillig.
Und nun wird es überraschend: Zu den Begründern der wissenschaftlichen Heraldik im deutschsprachigen Raum gehörte weder ein Herold noch ein Adeliger oder Historiker, sondern der evangelische Theologe Philipp Jacob Spener (1635-1705)Derselbe Mann, der zu den wichtigsten Vertretern des Pietismus zählt, beschäftigte sich also auch mit Wappen und Genealogien. Interdisziplinarität ist also definitiv keineswegs eine Erfindung unserer Zeit.
Dabei gibt es zahlreiche Hilfsmittel, die Heraldiker:innen dabei helfen, Wappen zu bestimmen, fachgerecht zu beschreiben, zeitlich einzuordnen und historisch zu deuten. Gerade bei vermeintlichen Familienwappen ist allerdings Vorsicht geboten. Ein gleicher Nachname bedeutet noch lange nicht, dass zwei Familien miteinander verwandt sind oder dass jede Person mit diesem Namen dasselbe Wappen führen darf. Auch hier gilt also: Erst die Quellen prüfen, dann den Wappenschild über den Kamin hängen.
Mein persönliches Lieblingsbuch zum Thema Heraldik ist Ottfried Neubeckers „Wappenkunde. Die Geschichte der Heraldik von den frühen Adelswappen bis zu den Etiketten der Neuzeit“, München 1991.
Für einen aktuelleren methodischen Überblick sollte man eher Georg Scheibelreiters Heraldik oder das Handbuch der Heraldik wählen.
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Numismatik
Money makes the world go round … und damit sind wir bei der Numismatik angekommen. Numismatik, das ist die Münzkunde, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Münzen, Geld und Geldgeschichte. Der Begriff geht über das Lateinische auf das altgriechische νόμισμα (nómisma) zurück, das zunächst so viel wie „das durch Sitte oder Gebrauch Anerkannte“ und später auch „Münze“ oder „gültiges Geld“ bedeutete.
Kurz gesagt: Die Numismatik untersucht Münzen und verwandte Objekte als historische Quellen. Sie fragt nach ihrer Herstellung, Datierung, Gestaltung, Verbreitung und Verwendung sowie danach, was sie über Wirtschaft, Herrschaft, Religion und Gesellschaft verraten.
Die Numismatik begleitet uns durch nahezu alle Epochen seit der Einführung des Münzgeldes. Besonders wichtig ist sie für frühe historische Epochen und vor allem für die Antike, weil Münzen die oftmals nur spärlich erhaltenen Schriftquellen ergänzen. Münzen waren schließlich nicht nur Zahlungsmittel. Ihre Porträts, Titel, Symbole und Inschriften transportierten politische und religiöse Botschaften und verbreiteten sie über große Räume hinweg.
Insbesondere als Hilfsmittel zur Datierung archäologischer Befunde eignen sich Münzen hervorragend. Ihre Fundorte und Verbreitung können außerdem Hinweise auf Geldumlauf, Handelswege, militärische Versorgung und die Mobilität von Menschen geben. Ganz auf den Tag genau funktioniert das natürlich nicht. Eine Münze konnte viele Jahre oder sogar Jahrzehnte im Umlauf bleiben, gesammelt und erst sehr viel später verloren oder niedergelegt werden.
Spannend wird es zum Beispiel, wenn man auf einer Grabung am Niederrhein plötzlich auf Münzen stößt, die in Syrien geprägt wurden. Ein solcher Fund zeigt zunächst, dass Münzen und mit ihnen Menschen, Waren oder Zahlungen über erstaunlich weite Entfernungen zirkulieren konnten. Welche konkrete Verbindung dahinterstand, lässt sich allerdings erst gemeinsam mit dem Fundkontext und weiteren Quellen beurteilen.
Die Numismatik ist für mich übrigens nicht nur irgendeine historische Grundwissenschaft. Während meines Studiums an meiner Alma Mater, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, habe ich im numismatischen Bereich der Alten Geschichte intensiv studiert und gearbeitet. Aus dieser Zeit stammt auch das hier gezeigte Bild mit Abgüssen römischer Fundmünzen aus Gelduba.

Übrigens berichtet bereits der römische Schriftsteller Sueton, Kaiser Augustus (63 v. Chr.–14 n. Chr.) habe zu den Saturnalien unter anderem alte königliche und ausländische Münzen verschenkt. Ob ihn das bereits zu einem Münzsammler im heutigen Sinne macht, sei dahingestellt. Ein gewisses Interesse an alten und ungewöhnlichen Münzen darf man ihm aber wohl unterstellen.
Der Hang der Menschen, Geld zum Hobby zu machen, ist also offenbar beinahe so alt wie das Münzgeld selbst.
Scheint also doch etwas dran zu sein an pecunia non olet — „Geld stinkt nicht“.
Womit wir allerdings von Augustus bei Kaiser Vespasian gelandet wären. Der soll seinem Sohn eine Münze aus den Einnahmen einer Abgabe auf Urin unter die Nase gehalten haben. Und nein: Sie stank offenbar nicht.

Paläografie
Der Begriff Paläografie setzt sich aus den altgriechischen Wörtern παλαιός (palaiós) für „alt“ und γραφή (graphḗ) für „Schrift“ oder „Aufzeichnung“ zusammen. Wörtlich übersetzt bedeutet Paläografie also ungefähr „Lehre von den alten Schriften“.
Kurz gesagt: Paläografie ist die historische Schriftkunde. Sie untersucht alte Handschriften und Schriftformen, ihre Entstehung, Entwicklung, Datierung und regionale Verbreitung.
Das Ziel der Paläografie ist es nicht nur, historische Schriften zu lesen und zu transkribieren, sondern auch ihre Entwicklung, Verwendung und Geschichte nachzuvollziehen. Dabei interessiert nicht nur, was geschrieben wurde, sondern auch, wie. Buchstabenformen, Abkürzungen, Ligaturen, Schreibwinkel, Zeilenführung und die Gestaltung eines Textes können wichtige historische Hinweise liefern. Durch den Vergleich von Schriftmerkmalen kann es möglich werden, Handschriften, Urkunden oder Papyri zeitlich und räumlich einzuordnen und unterschiedliche Schreiberhände voneinander zu unterscheiden. Auf diese Weise können sich zum Beispiel Hinweise darauf ergeben, dass ein Schriftstück nicht aus der Zeit oder von der Person stammt, der es zugeschrieben wird. So ist die Paläographie durchaus auch eine Wissenschaft, bei der es auf beinahe kriminalistischen Spürsinn ankommt.
Nicht nur beim Lesen und Transkribieren, sondern auch beim Vergleichen, Klassifizieren, Datieren und Lokalisieren historischer Schriften ist die Digitalisierung inzwischen zu einem wichtigen Faktor geworden. Sie ermöglicht es Forschenden, sich besser zu vernetzen, digitalisierte Schriftzeugnisse über große Entfernungen hinweg miteinander zu vergleichen und computergestützte Verfahren zur Erkennung historischer Handschriften einzusetzen.
Ganz ohne paläografische Kenntnisse funktioniert das allerdings weiterhin nicht. Die Ergebnisse automatischer Handschriftenerkennung hängen von Schrift, Sprache, Bildqualität und verwendetem Modell ab und müssen fachlich überprüft werden.
Außerdem sollte man zwischen dem Erkennen historischer Handschriften und dem Entschlüsseln eines unbekannten Schriftsystems unterscheiden. Eine künstliche Intelligenz kann beispielsweise Kurrentschrift transkribieren, weil Schrift und Sprache grundsätzlich bekannt sind. Eine bislang unverstandene Schrift oder Sprache zu „entschlüsseln“, ist eine sehr viel weitergehende Aufgabe.
Digitale Aufnahmen eröffnen enorme Vergleichsmöglichkeiten, ersetzen das Original aber nicht vollständig. Farbe, Material, Beschädigungen oder dreidimensionale Eigenschaften können im Digitalisat verändert oder nur unzureichend sichtbar sein. Auch die Digitalisierung selbst benötigt deshalb eine reflektierte Methode.
Wie sich Paläografie und Kodikologie mit der Digitalisierung auseinandersetzen und durch sie verändern, lässt sich in der inzwischen vierbändigen Reihe „Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter“ nachlesen. Die von Dir genannten ersten beiden Bände stehen vollständig digital zur Verfügung.
Malte Rehbein, Patrick Sahle und Torsten Schaßan (Hrsg.): Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter. Codicology and Palaeography in the Digital Age, Norderstedt 2009. Bd. 1
Franz Fischer, Christiane Fritze und Georg Vogeler (Hrsg.): Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter 2. Codicology and Palaeography in the Digital Age 2, Norderstedt 2010. Bd. 2.
Ergänzt wurde die Reihe später durch:
Oliver Duntze, Torsten Schaßan und Georg Vogeler (Hrsg.): Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter 3, Norderstedt 2015.
Hannah Busch, Franz Fischer und Patrick Sahle (Hrsg.): Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter 4, Norderstedt 2017.

Papyrologie
Sie wurde gerade schon erwähnt: die Papyrologie. Hört man das Wort, kann man sich bereits leicht vorstellen, worum es geht — um Papyri eben.
Kurz gesagt: Papyrologie ist die Wissenschaft von den auf Papyrus und verwandten mobilen Schriftträgern überlieferten Texten. Sie entziffert, ediert, übersetzt und interpretiert diese Zeugnisse und fragt danach, was sie über Sprache, Literatur, Verwaltung, Wirtschaft, Recht und Alltag vergangener Gesellschaften verraten.
Die griechische und lateinische Papyrologie gehört vor allem zu den Klassischen Altertumswissenschaften und bewegt sich an der Schnittstelle von Alter Geschichte und Klassischer Philologie. Die klassische Papyrologie konzentriert sich besonders auf die Antike und Spätantike. Andere Zweige reichen jedoch erheblich weiter: Die arabische Papyrologie untersucht beispielsweise auch Dokumente auf Papyrus, Pergament und Papier aus dem Mittelalter.
Übrigens sei an dieser Stelle ein ACHTUNG mit auf den Weg gegeben: Wenn in den Klassischen Altertumswissenschaften ohne weiteren Zusatz von Papyrologie gesprochen wird, ist häufig die griechische Papyrologie gemeint!
Das heißt aber keineswegs, dass die Papyrologie grundsätzlich keine ägyptischsprachigen Texte untersucht.
Wir reden allerdings im Rahmen der klassischen griechischen Papyrologie normalerweise nicht über hieroglyphische, hieratische oder demotische Texte — diese werden vor allem von der Ägyptologie untersucht.
Die Trennung beruht jedoch eher auf unterschiedlichen Sprachen und Fachtraditionen als auf dem Beschreibstoff selbst.
Die klassische beziehungsweise griechisch-römische Papyrologie beschäftigt sich vor allem mit griechischen und lateinischen Texten. Im weiteren Sinne umfasst die Papyrologie jedoch auch demotische, koptische, hebräische, aramäische und arabische Schriftzeugnisse. Unterschieden wird außerdem zwischen literarischen und dokumentarischen Papyri. Während die einen etwa Werke der antiken Literatur überliefern, ermöglichen Briefe, Verträge, Steuerlisten, Quittungen, Eingaben oder private Abrechnungen oft einen unmittelbaren Blick in den Alltag.
Dabei beschäftigt sich die Papyrologie nicht nur mit Texten auf Papyrus. Je nach fachlicher Tradition werden auch Texte auf Ostraka, also beschrifteten Tonscherben, sowie auf Holztafeln, Wachstafeln, Pergament oder Papier in papyrologischen Sammlungen und Editionen berücksichtigt.
Die Bezeichnung Papyrologie ist also ein wenig irreführend: Namensgebend ist der Papyrus, die tatsächliche Arbeit richtet sich aber auf ein breiteres Spektrum mobiler Schriftzeugnisse.
Wichtige Voraussetzungen der Papyrologie entstanden im 18. Jahrhundert, etwa mit der Entdeckung der verkohlten Papyrusrollen von Herculaneum. Als moderne wissenschaftliche Disziplin etablierte sie sich jedoch vor allem im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als große Mengen von Papyri aus Ägypten erschlossen, ediert und in europäischen Sammlungen zusammengeführt wurden.
Auch der Papyrologie eröffnet die Digitalisierung zahlreiche neue Möglichkeiten.
Digitalisierte Abbildungen ermöglichen es Forschenden, weit voneinander entfernte Sammlungen miteinander zu vergleichen. Datenbanken wie Papyri.info, das Heidelberger Gesamtverzeichnis oder das Papyrusportal führen Texte, Metadaten, Übersetzungen und Bilder zusammen. Digitale Werkzeuge helfen außerdem beim Vergleich von Schriften, beim Zusammensetzen von Fragmenten und bei der Erstellung wissenschaftlicher Editionen.
Ganz automatisch lesen sich die häufig beschädigten, verblassten und fragmentarischen Texte deshalb allerdings noch lange nicht. Auch die beste Aufnahme und Datenbank ersetzt weder Sprachkenntnisse noch Paläografie, Materialkenntnis und historische Einordnung.
Phaleristik
Phaleri, phalera, phalerae — ja, „phalerae“! Von diesem lateinischen Wort leitet sich nämlich die Bezeichnung Phaleristik ab. Mit phalerae bezeichnete man glänzende Schmuckscheiben, die als Brust- oder Pferdeschmuck und besonders im römischen Militär als sichtbare Auszeichnungen verwendet wurden.
Und was jetzt ein klein wenig so klingt, als würde sich hier jemand mit Swarovski und Co. beschäftigen, bezeichnet tatsächlich die Wissenschaft von den Orden und Ehrenzeichen. Diese schmückten lange überwiegend die Brust von Männern — wobei natürlich auch Frauen schon in früheren Jahrhunderten Auszeichnungen erhielten, wenn auch keineswegs immer unter gleichen Bedingungen.
Kurz gesagt: Phaleristik oder Ordenskunde untersucht Orden, Ehrenzeichen und andere Auszeichnungen. Sie beschäftigt sich mit ihrer Entstehung, Gestaltung, Herstellung, Verleihung, Trageweise und gesellschaftlichen Bedeutung sowie mit den zugehörigen Urkunden, Statuten und Verzeichnissen.
Zum Gegenstand der Phaleristik gehören allerdings auch Verleihungsurkunden, Statuten und jene Vorschriften, nach denen Orden und Ehrenzeichen gestiftet, verliehen und getragen wurden oder werden. Auch Ordensbänder, Spangen, Miniaturen, Etuis, Abzeichen und zeremonielle Gegenstände können zum phaleristischen Untersuchungsfeld gehören.
Die Phaleristik ist also keineswegs nur eine schmückende Wissenschaft, sondern besitzt auch eine ausgesprochen soziale, politische und kulturgeschichtliche Dimension. An einem Orden lässt sich deshalb nicht nur erkennen, wer ausgezeichnet wurde. Ebenso interessant ist, wer auszeichnete, wofür die Auszeichnung verliehen wurde, welche Privilegien mit ihr verbunden waren und welche Vorstellungen von Ehre, Verdienst, Loyalität oder Heldentum sie sichtbar machen sollte.
Geistliche und weltliche Ritterorden, Haus- und Verdienstorden, Damenorden, militärische Ehrenzeichen und zivile Auszeichnungen gehören zu ihren Themen — zumindest, soweit ihre Abzeichen, Verleihungssysteme und gesellschaftlichen Funktionen untersucht werden.
Besonders eng ist ihre Verbindung zur Mentalitätsgeschichte dort, wo es um Vorstellungen von Ehre, Verdienst, Loyalität und gesellschaftlicher Anerkennung geht.
Erstaunlicherweise ist die Phaleristik als eigenständiges wissenschaftliches Fachgebiet noch vergleichsweise jung.
Als eigenständiges Fachgebiet profilierte sich die Phaleristik vor allem im 20. Jahrhundert und grenzte sich dabei deutlicher von verwandten Grundwissenschaften wie der Heraldik und der Numismatik ab.
Dass das Fach jung ist, bedeutet allerdings nicht, dass seine Gegenstände jung wären. Auszeichnungen gab es bereits in der Antike; die europäischen Ordens- und Belohnungssysteme entwickelten sich besonders seit dem Mittelalter und veränderten sich im 18. und 19. Jahrhundert grundlegend.
Einen umfassenden Einstieg bietet Eckart Henning und Dietrich Herfurth: „Orden und Ehrenzeichen. Handbuch der Phaleristik“, Köln 2010.
Sphragistik
Wir sind mal wieder bei einem griechischen Wort angelangt: σφραγίς (sphragís) bedeutet schlichtweg „Siegel“. Damit landen wir zugleich beim Lateinischen, denn das deutsche Wort „Siegel“ geht auf das lateinische sigillum zurück. Das Wort bezeichnete ein kleines Bild oder Zeichen, aber ebenso den Siegelabdruck. Kleine Bildchen und Zeichen sind es ja tatsächlich, die sich auf solchen Siegeln finden — ebenso wie auf den Siegelstempeln und Siegelringen, mit denen sie erzeugt wurden.
Kurz gesagt: Sphragistik ist die historische Siegelkunde. Sie untersucht Siegel und Siegelstempel, ihre Bilder und Inschriften, ihre Materialien, Herstellung, Befestigung, Verwendung und rechtliche Funktion sowie die Menschen und Institutionen, die sie führten.
Dabei sagen diese Bilder und Zeichen oftmals sehr viel über ihre Siegelführer:innen aus.
Da Siegelbilder und Wappen häufig ähnliche oder sogar gleiche Motive zeigen, überschneidet sich die Sphragistik in vielen Bereichen mit der Heraldik.
Ein Siegel war damit keineswegs nur ein praktisches Beglaubigungsmittel. Es war zugleich eine kleine Bühne der Selbstdarstellung. Wer ein Siegel führte, zeigte darauf, wer er oder sie war — oder zumindest, als wer beziehungsweise was man wahrgenommen werden wollte.
Sphragistiker:innen interessieren sich allerdings nicht nur für das Bild auf einem Siegel. Sie untersuchen ebenso seine Form, Größe, Farbe, Inschrift, Erhaltung und das Material, aus dem es besteht.
Besonders verbreitet waren Wachssiegel. Daneben gab es jedoch auch Metallsiegel, sogenannte Bullen: päpstliche Bullen bestanden häufig aus Blei, besonders repräsentative Herrscherurkunden konnten sogar mit Goldbullen versehen sein.
Sphragistiker:innen fragen danach, wie das Siegel beziehungsweise der Siegelstempel hergestellt wurde und auf welche Weise das Siegel an einem Schriftstück angebracht war.
Untersucht wird außerdem, welche Funktion das Siegel erfüllte. Es konnte eine Urkunde beglaubigen, einen Brief oder Behälter verschließen, einen Boten ausweisen oder die Autorität und Anwesenheit einer Person symbolisch vertreten.
Dadurch steht die Sphragistik selbstredend auch der Diplomatik sehr nahe, denn gerade im Mittelalter waren Siegel eines der wichtigsten Beglaubigungsmittel für Urkunden.
ABER! – Sie erinnern sich? In den historischen Wissenschaften ist nie irgendetwas einfach und deshalb ist es ganz wichtig zu wissen, dass ein Siegel noch lange nicht beweist, dass eine Urkunde echt ist! – Schade, aber wahr!
Siegel konnten beschädigt, wiederverwendet, vertauscht oder sogar gefälscht werden. Bild, Material, Befestigung und Urkundentext müssen deshalb stets gemeinsam untersucht werden — auch hier ist also wieder kriminalistischer Spürsinn gefragt.
Wer sich näher für Siegel interessiert, sollte sich Marie-Luise Heckmanns „Kleines Repertorium zur Sphragistik anschauen.
Dort finden sich zahlreiche Texte, Literaturhinweise und Links zu Siegelabbildungen, die einen guten Einstieg in die Sphragistik ermöglichen.
Ergänzend bieten das Onlinetutorium „Ad fontes“, das „Siegelblog“ und die Bibliografie der Historischen Grundwissenschaften aktuelle Einführungen, Beispiele und weiterführende Literatur.
Zum guten Schluss …
Geschichte ist weder nur die Vergangenheit noch eine bloße Sammlung von Jahreszahlen. Sie entsteht aus Fragen, Quellen, Methoden und immer neuen Perspektiven. Jede Generation betrachtet Vergangenes anders, entdeckt neue Stimmen und stellt andere Fragen. Gerade deshalb wird die Geschichte niemals endgültig fertiggeschrieben sein — auch wenn diese Seite nun tatsächlich an ihr Ende gelangt ist.
Selbst eine derart ausführliche Übersicht kann nicht alle historischen Forschungsfelder erfassen. Neue Fragestellungen entstehen, ältere Ansätze verändern sich und viele Teildisziplinen überschneiden sich so stark, dass eindeutige Grenzen kaum möglich sind.
So fehlen hier beispielsweise Abschnitte zu:
Globalgeschichte und Verflechtungsgeschichte, Umwelt- und Klimageschichte, Public History beziehungsweise Erinnerungskultur, Digital History und so weiter und so fort.
Mir bleibt an dieser Stelle Ihnen viel Spaß an der Geschichte zu wünschen, an der Detektivarbeit und manchmal auch an der Erbsenzählerei.
Ihre Dr. Anja Kircher-Kannemann
[1] Johann Gustav Droysen: Grundriss der Historik, Leipzig 1868, S. 8.
[2] ebd. S. 12.
[3] Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, erläuterte Ausgabe hg. v. Rudolf Marx, Stuttgart 1978, S. 4.
[4] ebd. S. 5.
[5] Stefan Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009, S. 40.
[6] Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, eingel. u. übertragen v. Georg Peter Landmann, Zürich/Stuttgart 1960, S. 35f.
[7] Wikipedia, Annales-Schule
[8] Wikipedia, Bielefelder Schule
[9] Wikipedia, Religionsgeschichte

Dr. Anja Kircher-Kannemann
Promovierte Historikerin, Autorin, Kulturvermittlerin und Bloggerin.
Themen: digitale Kulturvermittlung – #digKV – Social Media – Storytelling – Geschichte(n) erzählen
Kultur-News KW 38-2019
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![Die Historie wird immer umgeschrieben [...] Jede Zeit und ihre hauptsächliche Richtung macht sie sich zu eigen und trägt ihre Gedanken darauf über. Danach wird Lob und Tadel ausgeteilt. Das schleppt sich dann alles so fort bis man die Sache selbst gar nicht mehr erkennt. Es kann dann nichts helfen als Rückkehr zu der ursprünglichen Mitteilung Leopold von Ranke Zettelkasten](https://tour-de-kultur.de/wp-content/uploads/2018/11/Die-Historie-wird-immer-umgeschrieben-Ranke-1024x576.jpg)














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