Geschichte, was ist das

Fragen und Informationen rund um die Geschichtswissenschaft

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Was ist Geschichte?

Geschichte studieren


Der Beruf des Historikers und seine Geschichte


Geschichtswissenschaft

Historik – Die Theorie der Geschichte
Geschichtsdidaktik
Geschichtsphilosophie
Methoden der Geschichtswissenschaft
Quellenanalyse und die Analyse des historischen Kontext
Die Geschichte der Geschichtswissenschaft
Der Historismus

Geschichtsschreibung
Die Geschichte der Geschichtsschreibung

Die Epochen der Geschichte
Urgeschichte und Frühgeschichte
Alte Geschichte
Mittelalterliche Geschichte
Frühe Neuzeit
Neuere und Neueste Geschichte
Zeitgeschichte

Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft
Politische Geschichte
Sozialgeschichte
Wirtschaftsgeschichte
Rechtsgeschichte
Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte
Kulturgeschichte
Geistesgeschichte
Geschlechtergeschichte
Bildungsgeschichte
Ideengeschichte
Wirtschaftsgeschichte
Technikgeschichte
Sportgeschichte
Sozialgeschichte
Alltagsgeschichte
Mikrogeschichte
Höfische Geschichte
Religionsgeschichte
Kirchengeschichte
Personengeschichte
Mentalitätsgeschichte
Landesgeschichte, Orts-, Stadtgeschichte und Regionalgeschichte

Historische Hilfswissenschaften
Archivkunde
Chronologie
Diplomatik
Epigraphik
Filigranologie
Genealogie
Heraldik
Numismatik
Paläografie
Papyrologie
Phaleristik
Sphragistik


Die Grundfarbe der Geschichte ist grai, in unendlichen Schattierungen. Thomas Nipperdey
Die Grundfarbe der Geschichte … Thomas Nipperdey

Geschichte

Geschichte – das ist ein bisschen wie das Lesen von Gala, Spiegel, Stern und anderen ähnlichen Publikationen. Nur liest man eben keine aktuellen Ausgaben, sondern alte, zum Teil sehr alte, tausende Jahre alte.

„Denn mit den Geistern anderer Jahrhunderte verkehren ist fast dasselbe wie reisen.“ – René Descartes (1596-1650)

Geschichte ist immer auch die Beschäftigung mit Menschen, mit ihren Leben, ihren Ideen, ihren Taten und vor allem mit ihren ganz persönlichen Geschichten.

Geschichte ist faszinierend. Geschichte ist eine Entdeckungsreise. Sie kann schön sein, lustig, aber auch traurig, tragisch, furchteinflößend manchmal ärgerlich und sie kann auch wütend machen.

Aber wie auch immer: Die Beschäftigung mit Geschichte lohnt, sie bildet und vor allem: sie öffnet Horizonte und neue alte Welten, wie ich es in meinem Beitrag „Geschichte – Definition und Gedanken“ bereits eingehender beschrieben habe.


Was ist Geschichte?

Gute Frage! Laut Duden versteht man unter Geschichte Folgendes: „politischer, kultureller und gesellschaftlicher Werdegang, Entwicklungsprozess eines bestimmten geografischen, kulturellen o. ä. Bereichs.“

Lassen Sie mich raten: So ganz befriedigt diese Antwort nicht, bzw. sie deckt sich nicht so ganz mit dem, was Sie sich so unter Geschichte vorgestellt haben.

Also versuche ich mal „Geschichte“ anders zu definieren und zu beschreiben: Geschichte, das ist etwas Vergangenes. Dabei spielt es keine große Rolle, ob es erst kurz vergangen ist oder schon tausende Jahre her. Das Fach „Geschichte“, genauer gesagt „Geschichtswissenschaft“ beschäftigt sich mit dem, was Menschen früher einmal getan, gedacht oder gemacht haben. Das umfasst alle Bereiche des menschlichen Lebens und so gehört die Politik ebenso dazu, wie die Mode oder die Religion. Gerade deshalb ist das Fach auch so spannend und facettenreich. Als Historiker*in muss man vieles können und vieles wissen, braucht Grundkenntnisse in vielen Bereichen und sollte eine Art von „Universaldilettant“ sein, aber im positiven Sinne.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang noch zu wissen, dass sich die Geschichtswissenschaft bei ihrer Arbeit primär auf Schriftquellen stützt, anders als etwa die Kunstgeschichte oder die Archäologie.


Strasburger. "WEltgeschichte steckt voller Komik"
“Weltgeschichte steckt voller Komik …” Strasburger

Geschichte studieren

Viele, die in der Schule, so sie denn überhaupt noch Geschichtsunterricht genießen dürfen, merken, dass sie sich für Geschichte interessieren und dass dieses Fach sie begeistert, stehen irgendwann vor der Frage: Soll ich Geschichte studieren?

Von den allermeisten Menschen wird man die Antwort bekommen: „Nein, auf gar keinen Fall, das ist eine brotlose Kunst.“ – Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich dagegenhalten kann, dann muss ich offen und ehrlich gestehen: Nur bedingt.

Nur bedingt deshalb, weil die Chancen reich und berühmt zu werden tatsächlich eher gering stehen, wenn man Geschichte studiert, obwohl es in der Tat auch Gegenbeispiele gibt, denn man kann zum Beispiel Bundeskanzler werden, wie man an Helmut Kohl sieht oder auch Radio- und Fernsehmoderator, wenn man an Thomas Gottschalk denkt. Nun gut, Sie haben recht, das gelingt sicher nicht jedem, aber auch nicht jeder Anwalt wird reich und nicht jeder BWLer macht eine steile Karriere.

Grundsätzlich bin ich immer eine Verfechterin davon, dass jeder Mensch seinen Neigungen folgen sollte und wenn es ein Herzenswunsch ist, Geschichte zu studieren, dann sollte man es zumindest versuchen, vielleicht stellt sich am Ende ja auch heraus, dass man sich dieses Studium längst nicht so theoretisch vorgestellt hat, wie es tatsächlich ist.


Theodor Mommsen
Theodor Mommsen by Louis Jacoby (1828—1918) (Deutsche Fotothek, Nr. df_0078580) [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Beruf des Historikers und seine Geschichte

Historiker, was sind das eigentlich für Menschen und was tun sie eigentlich? Nun, so wenig wie alle Friseure tatsächlich absolut hipp und gut frisiert sind, so wenig sind alle Historiker*innen verstaubte und introvertierte Menschen, die nur zwischen ihren Büchern und Pergamenten hocken. Wie immer und überall: Es gibt solche und solche.

Grundsätzlich sind Historiker*innen Menschen, die sich auf wissenschaftlicher Basis mit Geschichte beschäftigen und dazu als Basis ein Studium der Geschichtswissenschaft absolviert haben.

Sie stutzen jetzt vielleicht und sagen: „Aber Moment! Herodot nennt man doch auch einen Historiker, aber der hat doch garantiert nicht an einer Uni Geschichte studiert.“ – Korrekt und deshalb ist Herodot, strenggenommen, auch kein Historiker, sondern ein „Geschichtsschreiber“ bzw. ein Historiograph. Auch Ihr pensionierter Nachbar, der sich mit der Geschichte Ihrer Stadt oder Ihres Dorfes beschäftigt ist kein Historiker, sondern ein „Heimatforscher“ oder schlicht jemand, der sich für Geschichte interessiert. Leider geht das oft durcheinander, denn die Bezeichnung „Historiker“ ist in Deutschland nicht rechtlich geschützt und so darf sich eigentlich jeder und jede so nennen, Studium hin, Studium her. Mitglied des Berufsverbandes der Historikerinnen und Historiker Deutschlands kann aber tatsächlich nur werden, wer ein Studium abgeschlossen hat.

Wie ich ganz persönlich den Beruf der Historikerin, bzw. des Historikers verstehe habe ich hier auf meinem Blog im Beitrag „Wissenschaftler, digitaler Wanderer und ein bisschen Romancier – das Leben als Historiker(In)“ genauer beschrieben.


Clio Muse
Die Muse Clio Anonymous, French-Italian, 17th century Clio, ca. 1540–45, Engraving; Sheet (trimmed): 8 11/16 × 6 7/8 in. (22 × 17.4 cm) Mount: 8 11/16 in. × 6 15/16 in. (22 × 17.7 cm)
The Metropolitan Museum of Art, New York, The Elisha Whittelsey Collection, The Elisha Whittelsey Fund, 1949 (49.95.316) https://www.metmuseum.org/Collections/search-the-collections/337122

Geschichtswissenschaft

Geschichtswissenschaft ist die Wissenschaft von der Geschichte, vom Vergangenen, von dem, was Menschen früher einmal taten, dachten, glaubten und fühlten. Sie basiert auf wissenschaftlichen Methoden, die notwendig sind, um die Quellen der Vergangenheit richtig erschließen und verstehen zu können.

Die Geschichtswissenschaft zählt zu den Geisteswissenschaften, bzw. den Kulturwissenschaften, ähnlich wie Philosophie, Romanistik, Anglistik, Germanistik, Kunstgeschichte, Afrikanistik, Byzantinistik, Amerikanistik, Ethnographie und viele andere Fächer.

Anhand von Quellen (primär schriftlichen Quellen, aber auch dinglichen, wie etwa Münzen) und wissenschaftlichen Methoden versucht die Geschichtswissenschaft möglichst rationale, objektivierte und nachprüfbare Aussagen darüber zu treffen, wie die Vergangenheit aussah. Dabei geht es nicht um das reine Tradieren von Wissen, sondern vielmehr um das Finden neuer Erkenntnisse über die Vergangenheit und über das was wirklich geschehen ist.  Daher ist es wichtig nach immer neuen Quellen zu suchen und mit immer neuen Fragestellungen auch an altbekannte Quellen heranzutreten.

Die Aufgabe der Geschichtswissenschaft besteht also darin 1. Quellen zu suchen, zu sammeln und zu sichten; 2. eine passende Fragestellung an diese Quellen zu entwickeln, 3. die Quellen nach den wissenschaftlichen Methoden des Fachs zu interpretieren; 4. die daraus gewonnen Erkenntnisse aufzubereiten und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen und 5. nicht stehenzubleiben und mit immer neuen Fragestellungen immer neue Quellen zu suchen.


Johann Gustav Droysen
Johann Gustav Droysen Foto: unbekannt, vor 1868 [Public Domain] via Wikimedia Commons

Historik – Die Theorie der Geschichte

Historik – ist das nicht eigentlich ein anderes Wort für Geschichte? Nein – unter „Historik“ versteht der Historiker, also der Geschichtswissenschaftler die Grundlagen seines Fachs, respektive seiner Wissenschaft, also die Methode, die er anwendet. Dazu gehören  die Quellenkunde und die Kritik an den Quellen, ebenso die Hermeneutik (das Verstehen, die Auslegung und Interpretation) sowie die Heuristik (das Auffinden wahrscheinlicher Antworten).

Dieser theoretische und wissenschaftliche Unterbau ist notwendig, denn „Die Geschichte ist ein Ergebnis empirischen Wahrnehmens, Erfahrens und Erforschens […].
Die unmittelbare Wahrnehmung, die subjective Auffassung des Wahrgenommenen zu prüfen, zu verficiren, zu objectiver Kenntniss umzuformen, ist die Aufgabe der historischen Wissenschaft.“ wie schon 1868 Johann Gustav Droysen (1808-1884) schrieb.[1] Das bedeutet: „Die Historik umfasst die Methodik des historischen Forschens, die Systematik des historisch Erforschbaren.“[2]


Geschichtsdidaktik

In der Geschichtsdidaktik geht es darum das Wissen um Geschichte und vor allem auch das Bewusstsein für Geschichte zu vermitteln und zu lehren. Es geht um die Frage, wie eben dieses Geschichtsbewusstsein nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen geweckt und vor allem auch gestärkt und ausgeweitet werden kann.

Zu diesem Zweck bedient sich die Geschichtsdidaktik, genau wie jede andere Fachdidaktik auch, der Methoden der Pädagogik, der Psychologie und der Erziehungswissenschaft.

Bereits in den frühen 1970er Jahren wurde die „Konferenz für Geschichtsdidaktik“ gegründet, die den Fachverband der Geschichtsdidaktiker darstellt. Seine Ziele und Aufgaben umreißt der Verband selber wie folgt: „Als Verband der Geschichtsdidakterinnen und Geschichtsdidaktiker Deutschlands hat die KGD die Förderung der wissenschaftlichen Entwicklung der Didaktik der Geschichte als Ziel. Sie versteht sich daher nicht allein als Interessensvertretung einer Fachdisziplin. Sie zeichnet sich vielmehr auch durch ein breites Spektrum wissenschaftlicher Tätigkeiten aus, was auf der Homepage ausführlich dokumentiert wird. Sie nimmt darüber hinaus Stellung zu Fragen des Studiums der Geschichte sowie zu Fragen des Geschichtsunterrichts und fördert die Kommunikation zwischen den Mitgliedern.“

Als Sprachrohr dient dem Fachverband die „Zeitschrift für Geschichtsdidaktik“, die seit 2002 erscheint und sich in jedem Jahrgang einem speziellen Thema zuwendet, wie etwa „Menschenrechtsbildung – Holocaust Education – Demokratieerziehung“ (ZfGD 11 – 2012) oder auch „Historisches Lehren und Lernen in Haupt-, Real- und Gesamtschulen“ (ZfGD 9 – 2010).


Jacob Burckhardt
Jacob Burckhardt um 1840 [Public domain], via Wikimedia Commons

Geschichtsphilosophie

Die Geschichtsphilosophie zählt weniger zur Geschichtswissenschaft als vielmehr zur Philosophie. Sie geht auf die Aufklärung zurück und wurde vor allem von Voltaire betrieben, der sich mit philosophischen Fragestellungen rund um die menschliche Geschichte beschäftigte.

Grundsätzlich geht es in der Geschichtsphilosophie um zwei unterschiedliche Zielrichtungen:
1. ein Nachdenken über den Verlauf und ein eventuelles Ziel von Geschichte, die Frage nach durchgehenden Gesetzmäßigkeiten, die sich durch alle Phasen der Geschichte ziehen und die Frage, ob Geschichte an sich einem Sinn folgt
2. ein Nachdenken über die Methoden, die Historiker*innen anwenden und deren Wirkung auf ihre Aussagen.

Jacob Burckhardt (1818-1897) schrieb über die Geschichtsphilosophie:

„Was nun die Eigenschaften der bisherigen Geschichtsphilosophie betrifft, so ging sie der Geschichte nach und gab Längendurchschnitte; sie verfuhr chronologisch.
Sie suchte auf diese Weise zu einem allgemeinen Programm der Weltentwicklung durchzudringen, meist in höchst optimistischem Sinne.
So Hegel in seiner Philosophie der Geschichte. Er sagt […], der einzige Gedanke, den die Philosophie mitbringe, sei der einfache Gedanke der Vernunft, der Gedanke, daß die Vernunft die Welt beherrsche, daß es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei, und das Ergebnis der Weltgeschichte müsse […] sein, daß sie der vernünftige, notwendige Gand des Weltgeistes gewesen sei […].“[3]

Eine Aussage, der heute wohl niemand mehr so einfach folgen möchte. Schon Burckhardt folgte dieser Idee nicht mehr und schloss an:


„Wir sind aber nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht. Dieses kecke Antizipieren eines Weltplanes führt zu Irrtümern, weil es von irrigen Prämissen ausgeht.“[4]


Methoden der Geschichtswissenschaft

Wie jede Wissenschaft benötigt auch die Geschichtswissenschaft Methoden. Doch was sind diese Methoden? Mal ganz abgesehen davon, dass es durchaus immer wieder böse Zungen gibt, die der Geschichtswissenschaft ja ihre Wissenschaftlichkeit abzusprechen versuchen und ihr damit auch die Methoden absprechen. – Nun, selbst diese bösen Zungen gestehen der Geschichtswissenschaft aber eins zu, nämlich dass sie sich kritisch mit Quellen auseinandersetzt und damit haben wir zumindest schon einmal eine Methode benannt: Die Quellenkritik.

Die Quellenkritik ist tatsächlich die Basis jeder historischen Forschung und war ihr schon immer eigen. Aber man hat sich entwickelt. Spätestens seit den Zeiten von Norbert Elias (1897-1990), Werner Sombart (1863-1941) und Max Weber (1864-1920) hat die Geschichtswissenschaft ihre Fühler auch in Richtung anderer Wissenschaft und ihrer Methoden ausgestreckt und das ist auch gut.

Schaut man sich die zuvor genannten Namen an, dann stellt man fest, dass alle drei eigentlich keine Historiker waren, sondern Soziologen und so ist die Soziologie auch diejenige Wissenschaft von der sich die Geschichtswissenschaft zunächst einmal die meisten Methoden abgeschaut hat, sie übernommen bzw. adaptiert hat. Heute ist es z.B. die „Soziale Netzwerkanalyse“, die häufig Anwendung findet und eine Methode der empirischen Sozialforschung ist und selbst aus den Wirtschaftswissenschaften werden Methoden übernommen. So entwickelt sich die Geschichtswissenschaft immer weiter, verändert und ergänzt ihren Strauß an Methoden.

Manuskript Max Webers über Rechtssoziologie – [Public domain]

Quellenanalyse und die Analyse des historischen Kontexts

Quellen sind die Basis der Geschichtswissenschaft. Ohne Quellen kann sie nicht arbeiten, kann sie nichts über die Vergangenheit sagen. Daher ist, wie schon zuvor gesagt, die Quellenanalyse die grundlegende Methode der Geschichtswissenschaft.

Die Analyse von Quellen basiert dabei auf drei Säulen:

  1. die Beschreibung der Quelle: hierzu gehören: die Frage nach dem Autor, nach dem Entstehungszeitpunkt und dem Anlass zu dem diese Quelle entstanden ist. Weiter wird nach der Art der Quelle gefragt, also ob es sich um eine Urkunde, eine Akte oder ein persönliches Schriftstück handelt. Ebenso wichtig ist es nach dem Adressaten zu fragen an den sich die Quelle richtet. Als nächstes sollten Thema und Inhalt, sowie die Argumentation in der Quelle angesehen werden, sprich ob es vielleicht eine ironische oder auch demagogische Quelle ist. Daraus ergibt sich dann auch bereits ein Hinweis auf die mögliche Absicht, die der Autor mit dieser Quelle verfolgte.
  2. die Einordnung der Quelle: die vorangegangene Beschreibung der Quelle hilft bei ihrer Einordnung. Zur Einordnung gehört zunächst der historische Kontext, sprich die Frage, ob es sich um eine zeitgenössische Quelle handelt oder um eine später entstandene.
  3. die Beurteilung der Quelle: auf Basis der Beschreibung und der Einordnung der Quelle lässt sich nun eine Beurteilung, bzw. Bewertung der Quelle erarbeiten. So ist es möglich sie auf ihre Relevanz zu untersuchen und zu beurteilen, ob sie für die eigene Untersuchung und Fragestellung hilfreich ist oder nicht und vor allem, ob sie Geschehenes ggf. tendenziös oder verzerrt wiedergibt oder eben nicht.

Diese Form der Quellenanalyse bezieht sich in erster Linie auf Schriftquellen, die die bei weitem häufigsten Quellen für Historiker*innen darstellen. Aber auch auf andere Quellentypen, wie etwa Bildquellen wird diese Form der Quellenanalyse (natürlich in angepasster Form) angewandt.


Die Geschichte der Geschichtswissenschaft

Die Geschichte der Geschichtswissenschaft ist nicht so alt wie die Geschichte der Geschichtsschreibung, denn nicht jedes Aufschreiben von Geschichte ist auch gleich Geschichtswissenschaft, das hatten wir ja bereits zuvor geklärt.

Im Grunde ist die Geschichtswissenschaft sogar eine recht junge Wissenschaft und reicht nur bis ins 19. Jahrhundert zurück. Als die ersten „echten“ Geschichtswissenschaftler gelten zumeist Johann Gustav Droysen (1808-1884) und Wilhelm Wachsmuth (1784-1866), die sich beide vor allem mit Alter Geschichte beschäftigten und als erste grundlegende methodische Anleitungen für ein auf wissenschaftlicher Basis fußendes Geschichtsstudium entwickelten.

Hieraus entwickelte sich ein wissenschaftliches Konzept: der Historismus, auf den wir später noch genauer zu sprechen kommen werden. Der „Vater“ des Historismus ist Barthold Georg Niebuhr (1776-1831), auch er war Althistoriker und setzte das neue wissenschaftliche Konzept in seiner 1812 erschienenen „Römischen Geschichte“ erstmals um.

Als bedeutendster Vertreter jener Epoche und vor allem als wichtiger Theoretiker seines Fachs gilt aber vor allem Leopold von Ranke (1795-1886). Dabei war Ranke der Historiker, der nicht mehr klassischer Althistoriker war, sondern sich in seinen Werken vor allem mit der Neuzeit, aus seiner Perspektive betrachtet, sogar mit der Zeitgeschichte, beschäftigte.

Die Historie wird immer umgeschrieben [...] Jede Zeit und ihre hauptsächliche Richtung macht sie sich zu eigen und trägt ihre Gedanken darauf über. Danach wird Lob und Tadel ausgeteilt. Das schleppt sich dann alles so fort bis man die Sache selbst gar nicht mehr erkennt. Es kann dann nichts helfen als Rückkehr zu der ursprünglichen Mitteilung Leopold von Ranke Zettelkasten
Leopold von Ranke “die Historie wird immer umgeschrieben …”

Der Historismus

Die meisten Menschen verbinden den Begriff „Historismus“ mit einer Epoche der Architekturgeschichte. Es war die Zeit zwischen etwa 1850 und dem Beginn des 1. Weltkriegs, als man alte Stile neu gestaltete, die Zeit der Neogotik, der Neoromanik, der Neorenaissance. Doch darum geht es nicht beim Historismus in der Geschichtswissenschaft, auch wenn er etwa in die gleiche Zeitspanne fällt.

Der Historismus als Strömung in der Geschichtswissenschaft basiert auf der Idee, dass alles, was heute existiert und was das heutige Leben des Menschen ausmacht, aus der Geschichte kommt; dass der Mensch in dieser Tradition verankert ist und aus der Historie sein Bewusstsein gewinnt. Der Historismus setzt voraus, dass alles in der Geschichte organisch entstanden ist.

Stefan Jordan hat eine sehr gute und prägnante Definition von „Historismus“ in der Geschichtswissenschaft geliefert, die ich hier kurz zitieren möchte:

„Der Begriff ‚Historismus‘ kann unterschiedliche Bedeutungen haben. Vereinfachend lassen sich zwei Definitionsansätze unterscheiden: Historismus kann erstens verstanden werden als Epoche der deutschen Geschichtswissenschaft, die etwa von 1800 bis 1960 reichte und dadurch gekennzeichnet ist, dass Historiker in dieser Zeit die Geschichte (1) als fortlaufende Entwicklung sahen, für deren Fortgang (2) sie vor allem Individuen (z.B. die ‚großen Männer‘ der Geschichte) verantwortlich machten und (3) historische Erkenntnis hauptsächlich durch einen (text-)interpretatorisch-verstehenden Zugang zu erlangen versuchten. Zweitens kann der Begriff ‚Historismus‘ als Bezeichnung für eine generelle Historisierung alles Denkens und Tuns benutzt werden. Historismus ist in dieser Bedeutung die Ausdehnung des Geschichtsbewusstseins auf alle denkbaren Sachverhalte und führt zu dem Problem der Relativierung allen Wissens und aller Werte, indem diese als prinzipiell vergänglich ausgewiesen werden.“[5]

Dem ist an dieser Stelle nichts hinzuzufügen.

Wichtige Vertreter der historistischen Geschichtswissenschaft in Deutschland waren Leopold von Ranke (1795-1886), Johann Gustav Droysen (1808-1884), Heinrich Sybel (1817-1895), Theodor Mommsen (1817-1903), Wilhelm Dilthey (1833-1911), Ernst Troeltsch (1865-1923) und Friedrich Meinecke (1862-1954).


Geschichtsschreibung

Nicht jede Geschichtsschreibung ist auch Geschichtswissenschaft, wie wir bereits am Anfang am Beispiel von Herodot gesehen haben. An dieser Stelle soll es daher, nachdem wir uns bereits mit der Geschichte der Geschichtswissenschaft beschäftigt haben, um die Geschichte der Geschichtsschreibung gehen, also um die Frage wann haben Menschen eigentlich angefangen sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen und vor allem: Wann haben sie angefangen das auch aufzuschreiben?

So ganz genau kann man diese Frage eigentlich nicht beantworten, leider wie so oft in der Geschichte. Was wir wissen ist, dass es schon im Altertum ein erstes Aufschreiben von Geschichte gab, bei den Ägyptern zum Beispiel oder auch bei den Babyloniern. Es sind Königslisten oder Tatenberichte, die hier überliefert sind. Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne, wie wir sie heute verstehen, ist es nicht. Die Art der Geschichtsschreibung, die uns vertraut vorkommt verdanken wir wohl eindeutig den Griechen. Es sind Männer wie Herodot und Thukydides, die uns die Geschichtsschreibung „beigebracht“ haben, sie entwickelt und populär gemacht haben.


Die Geschichte der Geschichtsschreibung

Für eine Geschichtsschreibung braucht es einen Menschen, der nach Quellen der Vergangenheit sucht, um sich ein Bild von dieser Vergangenheit zu machen, um dann die Geschichte dieser Vergangenheit aufzuschreiben. Das heißt also, dass nicht jede Geschichte, die mehr oder minder zufällig über vergangene Ereignisse oder Menschen berichtet auch unweigerlich eine Art der Geschichtsschreibung ist. Die Ilias zum Beispiel oder die Odyssee, sie sind Epen, die in der Vergangenheit spielen aber keine Geschichtsschreibung, auch wenn sie sicherlich einiges beinhalten, das tatsächlich passiert ist.

Der erste echte Geschichtsschreiber, den wir in Europa kennen, war Herodot von Halikarnassos (490/80-ca. 430/20 v. Chr.). Seine „Historien“ beschreiben die Geschichte der ihm bekannten Welt vom ausgehenden 6. Jahrhundert v. Chr. bis hinein ins frühe 5. vorchristliche Jahrhundert. Aber bei ihm ist noch vieles mythisch und mehr eine Geschichte, denn Geschichte in einem, wenn auch frühen, wissenschaftlichen Sinn. Das sieht bei seinem „Nachfolger“ Thukydides (vor 454-ca. 399/96 v. Chr.) schon deutlich anders aus. Der Athener Thukydides betrieb als erster wirklich Geschichtsforschung – Geschichte als „Wissenschaft“. Er suchte nach der „objektiven Wahrheit“ mit Hilfe von festgelegten Methoden und diese schrieb er auf und machte so sein Werk für die Nachwelt zumindest teilweise nachprüfbar. Selber schrieb er zu seiner Methode:

„Was aber tatsächlich geschah in dem Krieg, erlaubte ich mir nicht nach Auskünften des ersten besten aufzuschreiben, auch nicht «nach meinem Dafürhalten», sondern bin Selbsterlebtem und Nachrichten von andern mit aller erreichbaren Genauigkeit bis ins einzelne nachgegangen. Mühsam war diese Forschung, weil die Zeugen der einzelnen Ereignisse nicht dasselbe über dasselbe aussagten, sondern je nach Gunst oder Gedächtnis. Zum Zuhören wird vielleicht diese undichterische Darstellung minder ergötzlich scheinen; wer aber das Gewesene klar erkennen will und damit auch das Künftige, das wieder einmal, nach der menschlichen Natur, gleich oder ähnlich sein wird, der mag es so für nützlich halten, und das soll mir genug sein: zum dauernden Besitz, nicht als Prunkstück fürs einmalige Hören ist es aufgeschrieben.“[6]

In diese Reihe der ersten griechischen Geschichtsschreiber gehört auch noch Xenophon, der mit seiner „Anabasis“ quasi die Fortsetzung von Thukydides‘ Werk geschrieben hat.

Der Geschichtsschreibung sehr zugetan waren auch die Römer. Der erste unter ihnen war Quintus Fabius Pictor (um 254-ca. 201 v. Chr.), dessen auf Griechisch verfasste Geschichte Roms allerdings nur fragmentarisch erhalten geblieben ist.

Ein Geschichtswerk auf Latein zu schreiben, das traute sich als Erster Marcus Porcius Cato der Ältere (234-149 v. Chr.), auch Censorius genannt. Wenn Sie jetzt stutzen, dann tun Sie das zurecht, denn das ist genau dieser „spassige“ Mann, der jede seiner Reden vor dem Senat von Rom mit den Worten „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“ beendet haben soll, was so viel heißt wie: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.“ Irgendwann hatte er übrigens auch mal Erfolg mit diesem Satz (auch wenn er es nicht mehr erlebte) und zwar im Jahr 146 v. Chr., als Scipio Aemilianus (korrekt Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus, 185-129 v. Chr.) Karthago tatsächlich im Zuge des 3. Punischen Krieges zerstört hat.

Weitere wichtige römische Geschichtsschreiber waren Gaius Sallustius Crispus (kurz: Sallust genannt, 86-35/34 v. Chr.), Titus Livius (ca. 59 v. Chr.- ca. 17 n. Chr.), Velleius Paterculus (um 20/19 v. Chr. – ca. 30 n. Chr.), Publius Cornelius Tacitus (ca. 58-ca. 120), Ammianus Marcellinus (ca. 330-ca. 395/400) und auch den vielen Lateinschülern verhassten Gaius Iulius Caesar (100-44 v. Chr.) darf man getrost dazurechnen.

Gaius Iulius Caesar
Büste des Gaius Julius Caesar – Original British Museum – Foto: A. Kircher-Kannemann

Im Mittelalter war dann die Geschichtsschreibung eine ausgesprochen beliebte Disziplin: allüberall sprossen Annalenwerke wie Pilze aus dem Boden, auch Chroniken und Tatenberichte und Biographien komplettierten die Lektüreliste aller historisch interessierten Menschen. Die Zahl ist so groß und beinahe unüberschaubar, dass hier nur einige wenige Beispiel genannt seien, so etwa Einhard (um 770-840), Thietmar von Merseburg (976-1018) oder auch Lambert von Hersfeld (ca. 1028-ca. 1082/85).

In der Frühen Neuzeit, spätestens mit der Erfindung des Buchdrucks, nahm die Zahl der Geschichtsschreiber und ihrer Werke nochmals zu. Bahnbrechend war dabei das Werk des Christoph Cellarius, eigentlich Christoph Martin Keller (1638-1707). Bahnbrechend war sein Werk „Historia universalis“ deswegen, weil letztlich er die Einteilung der Geschichte in die drei Epochen „Alte“, „Mittelalterliche“ und „Neue“ Geschichte vornahm mit der wir Historiker*innen noch heute arbeiten.

Soweit ein kurzer Einblick in die Geschichte der Geschichtsschreibung. Es würde zu weit führen sie an dieser Stelle weiter auszuführen, aber wer weiß, vielleicht widme ich mich demnächst an anderer Stelle diesem Thema ausführlicher.

Nun aber kommen wir erstmal zu den Epochen, jener Einteilung von Geschichte über deren Entstehung ich gerade berichtet habe.


Die Epochen der Geschichte

„Das mit den Epochen ist immer wieder ein leidiges Thema, denn woran soll man sie festmachen? Aber andererseits braucht man ja auch irgendeine Einteilung, so sind wir Menschen nun mal: wir möchten Kategorien haben, Schubladen, in die wir Dinge hineinstecken können. Das gilt auch für die Geschichte. Aber gerade bei der Einteilung der Geschichte in Epochen ist es schwierig, denn nicht überall verlief Geschichte gleich, da gibt es deutliche Unterschiede nicht nur von Kontinent zu Kontinent sondern teilweise auch von Land zu Land. Zwangsläufig also stößt man auf ein erhebliches Problem, wenn man „die Geschichte“ in Epochen einteilen möchte. Ein Chinese wird die Weltgeschichte durchaus völlig anders sehen und einteilen als etwa ein Franzose.“ Dies schrieb ich im Artikel „Kultur – Gedanken, Ideen und Fragen“ und dies gilt auch hier, wenn wir uns mit der Geschichte bzw. der Geschichtswissenschaft beschäftigen. Und auch hier möchte ich für alle, die sich intensiver mit der Fragestellung und Problematik der Epochengrenzen und vor allem der Epochenbezeichnung beschäftigen möchten, den Aufsatz von Achim Landwehr empfehlen: „Absolutismus oder »Gute Policey«? Anmerkungen zu einem Epochenkonzept“.
Und nicht zu vergessen natürlich der Klassiker zum Thema von Jacques Le Goff: “Geschichte ohne Epochen”.


Urgeschichte und Frühgeschichte

Beginnen wir – etwas untypisch für Historiker*innen – mit der Epoche der Ur- und Frühgeschichte. Untypisch deshalb, weil für uns Historiker*innen die Geschichte eigentlich klassischerweise mit der Alten Geschichte bzw. Antike beginnt. So ist es seit den Zeiten von Cellarius.

Die Ur- und Frühgeschichte ist – anders als die gleich folgenden Epochen – ein Teilgebiet der Archäologie, aber sie überschneidet sich an ihrem Ende mit der Geschichtswissenschaft.

Mit dem Begriff „Urgeschichte“ bezeichnet man in aller Regel die früheste Phase der Menschheitsgeschichte. Sie begann vor etwa 2,5 Millionen Jahren, wir kennen diese Zeit als „Steinzeit“. Das Ende der Urgeschichte läutet die Erfindung der Schrift ein und damit kommen dann auch endlich mal die Historiker*innen zum Zug, die ja bekanntlich Geschriebenes brauchen, um ihre Wissenschaft betreiben zu können.

Die ersten Schriftzeugnisse lassen demnach die Frühgeschichte beginnen und die finden wir im Süden Europas erstmals in der minoischen Kultur um etwa 2000 v. Chr. und in der mykenischen Kultur Kretas ab etwa 1700 v. Chr. Die Mitteleuropäer dachten da übrigens noch lange nicht übers Schreiben nach und deswegen dauert es hier auch ein wenig länger, bis wir uns so richtig aus der Frühgeschichte wegbewegen, da kann es für den Historiker schonmal Frühmittelalter werden, bis die neue Epoche so richtig anbricht.

„Wer das Alphabet erschaffen hat, hat uns den Faden unserer Gedanken und den Schlüssel der Natur in die Hand gegeben.“ – Antoine de Rivarol


Alte Geschichte

Die „Alte Geschichte“ – das ist das Teilgebiet der Geschichtswissenschaft, das gemeinhin wohl besser unter der Bezeichnung „griechisch-römische Antike“ bekannt ist. Zeitlich reicht sie in etwa von der Einführung der Schrift (um 1900 bis 1450 v. Chr.) bis ca. 600 n. Chr. An diesen Zeitangaben sieht man bereits, dass sich die Alte Geschichte durchaus mit dem überschneidet, was der Archäologe zumeist als Frühgeschichte bezeichnet.

Ein wahrhaft langer Zeitraum und deshalb wird er zwar als ein gemeinsames Teilgebiet an Universitäten gelehrt, aber die meisten Althistoriker*innen spezialisieren sich im Laufe ihrer Karriere irgendwann auf eines der nachfolgenden Teilgebiete der Alten Geschichte, als da wären die griechische und die römische Antike. Aber auch diese Einteilungen sind nur ausgesprochen grob und werden zumeist nochmals feiner gegliedert, aber dazu später mehr.

Im Vorfeld sollte noch gesagt werden, dass Althistoriker*innen sich tatsächlich in aller Regel nur mit der griechischen und der römischen Antike beschäftigen. Die außerhalb dieser geographischen Bereiche liegenden Völker bzw. Hochkulturen treten sie an andere Disziplinen ab, als da wären die Ägyptologie oder die Assyriologie und andere mehr.


Europa auf dem Stier
Europa auf dem Stier Public Domain, via wikimedia commons

Griechische Geschichte

Die Geschichte des antiken Griechenland reicht von etwa 1500 v. Chr. bis 146 v. Chr. Auch dies ist wieder ein riesiger Zeitraum und so macht es Sinn auch diesen erneut zu unterteilen:

  1. Das archaische Griechenland: das mag für den ein oder anderen etwas wertend und negativ klingen, ist aber nicht so gemeint. Archaisch meint in diesem Zusammenhang schlicht die „Vor- bzw. Frühzeit“ und da Historiker*innen ja so auf Quellen fixiert sind fängt die für eine/n Althistoriker*in nicht so ganz früh an, sondern meist erst um etwa das Jahr 750 v. Chr. Das ist die Zeit Homers, des ersten großen Dichters der europäischen Geschichte.
  2. Um das Jahr 500 v. Chr. dann beginnt die Zeit des klassischen Griechenlands. Jene Zeit, die auch dem Nicht-Historiker wahrscheinlich ein Begriff ist, denn es ist die Zeit der großen Stadtstaaten wie Athen, Sparta und Korinth, die Zeit in der die „Demokratie“, die Herrschaft des „Volkes“ begann. Diese Phase endet etwa zwischen 336 und 323 v. Chr.
  3. Haben Sie sich die Zahlen angeschaut? Kommt Ihnen gerade der gleiche Spruch in den Kopf wie mir? – „333 – bei Issos Keilerei“! Richtig, da prügelte sich Alexander der Große mit dem persischen Großkönig Dareios III. und wir kommen n der letzten Phase der griechischen Selbständigkeit (oder fast Selbständigkeit) an: dem Zeitalter des Hellenismus, einer Zeit, die geprägt wurde von den Nachfolgern Alexanders des Großen. Die Polis ging zugrunde und an ihrer Stelle machten sich die griechischen Bünde breit wie der Achaiische und der Aitolische Bund. Geendet ist diese Zeit mit der Einverleibung Griechenlands in das Römische Reich um 30 v. Chr.

Trajan-Statue Xanten
Statue des Kaisers Trajan – Xanten Foto: A. Kircher-Kannemann

Römische Geschichte

Und da sind wir dann auch schon bei den guten alten Römern, die uns durchaus etwas näher sind als die alten Griechen, denn immerhin haben sie sich ja auch bei uns hier in Deutschland herumgetrieben und wir finden allüberall noch heute ihre Überreste vor der Haustür.

Und ja, auch die römische Geschichte dauert viel zu lange, als dass man sie nicht unterteilen müsste, denn wir reden über einen Zeitraum von etwa 753 v. Chr. bis hinein ins 7. nachchristliche Jahrhundert. Gemeinhin wird die Römische Geschichte in vier Teile untergliedert:

  1. Die Römische Königszeit beginnend mit dem Jahr 753 v. Chr. Und auch hier gibt’s wieder einen kleinen Merkspruch, den Sie vielleicht schon einmal gehört haben: „753 – Rom schlüpft aus dem Ei!“. Nun fanden die Römer aber ihre Könige nicht so toll (in der Hinsicht glichen sie ein wenig den Franzosen) und schmissen sie kurzerhand nach einer Testphase von knapp 250 Jahren im Jahr 209 v. Chr. endgültig raus. (Naja, ok, nicht ganz so endgültig, denn irgendwann holten sie sich dafür einen „Kaiser“ ins Haus. Übrigens, merken Sie was? Auch darin waren sie den Franzosen nicht ganz unähnlich, die ja bekanntlich auch nach einer Weile ihren König schlicht gegen Kaiser Napoleon tauschten. – Da sage noch einer Geschichte könne sich nicht wiederholen …).
  2. Aber bevor das alles passiert gibt’s erstmal eine Republik nach römischer Art mit einer Volksversammlung und einem Senat. Irgendwie war aber klar, dass das nicht allzu lange gut gehen konnte, wenn das Volk versucht zusammen mit dem Adel ein Weltreich zu regieren. Da gibt’s einfach viel zu viele verschiedene Ansichten und Interessen, die einen wollen was und die andern wollen was behalten und so endete diese Zeit der Römischen Republik reichlich unschön mit einem Bürgerkrieg, der reichlich unschön beinah 100 Jahre dauerte, wenn man alles zusammen nimmt vom ersten erschlagenen Gracchen bis endlich ein einsamer neuer Mann auf einem Thron saß.
  3. Es war im Jahr 27 v. Chr. als eben dieser mehr oder minder einsame Mann den Thron bestieg. Er hieß Gaius Octavius, war der Großneffe des Gaius Iulius Caesar und erhielt in diesem Jahr vom Senat den Ehrennamen unter dem Sie ihn wahrscheinlich viel besser kennen: „Augustus“. Mit ihm begann die Zeit des sogenannten Prinzipats, bzw. die römische Kaiserzeit in der es nicht weniger turbulent zuging als in den vorangegangenen Zeiten und die bis etwa 285 n. Chr. dauerte.
  4. Und hier sind wir nun in der Zeit angekommen, die wir Historiker*innen gemeinhin als Spätantike bezeichnen. Wir wissen wann sie begann, wann sie jedoch endet, da sind sich die Gelehrten nicht so ganz einig. Die Mehrheit vertritt die Meinung, dass das Römische Reich und damit die Antike, sprich die „Alte Geschichte“ mit dem Untergang des Weströmischen Reiches (das wäre das Jahr 476) endet oder doch zumindest allerspätestens mit dem Einfall der Langobarden im Jahr 568. Einige wenige Unverdrossene aber lassen die Antike grundsätzlich erst im Jahr 1453 enden. Da nämlich ging das oströmische Reich, besser bekannt als byzantinisches Reich, zugrunde, genauer gesagt es wurde von den Osmanen erobert und deswegen heißt Byzanz, bzw. Konstantinopel ja heute auch Istanbul. Das nette an der These ist, dass wir eine Epoche sparen: das Mittelalter.

Ansicht von Burg Linn – Foto: A. Kircher-Kannemann

Mittelalterliche Geschichte

Wir aber sparen uns das Mittelalter nicht, sondern folgen der Mehrheitsmeinung und lassen sie stattfinden, jene Epoche, die von vielen als die „dunkle“ bezeichnet wird. Und da wir uns im deutschsprachigen Raum ja so herrlich in der Mitte des europäischen Kontinents befinden und bisher wahrhaftig nur am Rande des Weltgeschehens irgendwie stattgefunden haben mit unseren Vorfahren, die in Hütten hausten, Bärenfälle trugen und sich in Flüssen wuschen, während in Rom der Bär steppte und man sich in luxuriösen Badehäusern traf und es sich gut gehen ließ bevor man dann abends ins Kolosseum ging um sich die Bären anzuschauen, die hier aber zum Kämpfen eingestellt waren, haben wir uns mit dem Mittelalter selbst in den Mittelpunkt gerückt.

Gedauert hat dieses mittlere Zeitalter von etwa 476 bis so ungefähr zur Entdeckung Amerikas (wir meinen die durch Kolumbus im Jahr 1492) oder zur Erfindung des Buchdrucks (natürlich der mit beweglichen Lettern vom Herrn Gutenberg ca. 1450) oder doch bis zur Eroberung Konstantinopels (ja, die hatten wir schon mal).


Schloss Benrath Düsseldorf - Rückansicht
Schloss Benrath Düsseldorf, Rückansicht Foto: A. Kircher-Kannemann

Frühe Neuzeit

Die Frühe Neuzeit oder auch kurz Frühneuzeit, meine wissenschaftliche Heimat und die Epoche mit der ich wohl die meiste Zeit meiner Arbeit verbringe. Eine vielfältige Epoche, die sich durch große Entdeckungen auszeichnete, ebenso wie durch neue Wege, die im Denken und in der Philosophie gegangen wurden und selbstverständlich auch die große Epoche der Schlösser und der höfischen Geschichte. Die Frühe Neuzeit ist die Epoche der Aufklärung, des Barock und des Rokoko. Eine bunte Epoche, eine Epoche, die wie kaum eine andere alle Bereiche des Lebens wandelte und teilweise auch auf den Kopf stellte.

Am Anfang der Frühen Neuzeit stehen die „Entdeckung Amerikas“ durch Christoph Kolumbus (1492), die Reformation (1517) und die Eroberung Konstantinopels (1453). Schon diese Daten markieren Umbrüche, wie sie zuvor nur selten in der Weltgeschichte zu sehe gewesen sind.

Am Ende der Frühen Neuzeit steht die Französische Revolution (1789-1799), der Aufstieg Napoleons und das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation durch den Reichsdeputationshauptschluss des Jahres 1806. Und wieder änderte die Welt ihr Gesicht von Grund auf und das nicht nur in Europa.

Die prägenden Strömungen der Frühen Neuzeit sind die Renaissance und der Humanismus, die Reformation, das Zeitalter der Entdeckungen und die daraus resultierende Veränderung der Weltkarte, der Absolutismus, der Barock, das Rokoko und die Aufklärung. Kaum eine andere Epoche hat die Lebenswelten der Menschen derart verändert wie die Frühe Neuzeit. In kaum einer anderen Epoche hat derart mit Traditionen und mit Geschichte gebrochen wie die Frühe Neuzeit und kaum eine andere Epoche hat derart viel Neues geschaffen und war derart innovativ wie die Frühe Neuzeit.


Karl Marx, fotografiert vom englischen Fotografen John Jabez Edwin Paisley Mayall; Jabez Meal; vor 1875, International Institute of Social History in Amsterdam, Netherlands, [Public domain], via Wikimedia Commons

Neuere und Neueste Geschichte

Es ist ein Kreuz mit der Neuzeit, denn als die Dreiteilung der geschichtlichen Epochen „erfunden“ wurde, da hat wohl niemand darüber nachgedacht, dass die Welt wahrscheinlich doch nicht nach Maya-Prognose am 21. Dezember 2012 untergehen würde. Und selbst bis dahin hätten wir schon ein Problem gehabt, denn irgendwie ist arg viel passiert in dieser Epoche, die sich Neuzeit nennt und so haben wir Historiker*innen heute das Problem, dass wir ständig neue Konstrukte entwickeln müssen, um diese so ereignisreiche und vielfältige Epoche weiter zu untergliedern. Wenn ich mir das alles anschaue, dann bin ich sehr froh, dass ich nicht in 200 Jahren lebe, denn dann dürfte das Wirrwarr der Neuzeiten unüberschaubar geworden sein.

Heute jedenfalls gilt, dass auf die Frühe Neuzeit die Neuere Geschichte folgt, die gelegentlich auch als „langes 19. Jahrhundert“ bezeichnet wird und die Phase zwischen den großen Revolutionen, der Französischen und der Russischen bezeichnet.

Auf die „Neuere Geschichte“ folgt die „Neueste Geschichte“, die folgerichtig den Zeitraum nach dem Ersten Weltkrieg bis – ja bis wann eigentlich – umfasst. Sie wundern sich sicher über diesen etwas uneleganten Satz aber tatsächlich ist es so, dass sich das Ende der „Neuesten Geschichte“ quasi täglich ändert. Warum das so ist, das werden Sie sofort verstehen, wenn Sie den nächsten Abschnitt über die „Zeitgeschichte“ lesen:


Weihnachten im Lazarett im 1. Weltkrieg "Grand Guerre" "Great War"
Weihnachten im Lazarett – 1. Weltkrieg Historische Postkarte

Zeitgeschichte

So und hier kommt die Auflösung des Rätsels bezüglich des Endes der Neuesten Geschichte: Die Zeitgeschichte umfasst nämlich genau den Zeitraum der Geschichte für den es noch Zeitzeugen gibt. Sprich zum Beginn meines Studiums etwa fiel noch der Erste Weltkrieg definitorisch eigentlich unter die Zeitgeschichte, denn es gab noch lebende Menschen, die diesen überall sonst in Europa als „Grand Guerre“ oder „Great War“ bezeichneten Krieg erlebt hatten. Inzwischen sind mit Frank Buckles (1901–2011), dem letzten US-amerikanischer Veteran, Henry Allingham (1896–2009), dem letzten Veteran der Royal Navy und Harry Patch (1898–2009), dem letzten Veteran der British Army wohl wirklich alle verstorben, die diesen Krieg erlebt haben, womit er nun eindeutig ein Teil der Neuesten Geschichte geworden ist. Mit dem Zweiten Weltkrieg wird es wohl in nicht allzu ferner Zukunft ähnlich aussehen und dann wird auch der nicht mehr zur Zeitgeschichte gehören, sondern ein Teil der restlichen langen Neuzeit geworden sein.

Das Ende der Zeitgeschichte bildet übrigens immer der gerade vergangene Tag, womit die Zeitgeschichte zwar ständig nach hinten einen Tag verliert, dafür aber nach vorne einen Tag gewinnt. Und ja: sie überschneidet sich natürlich durch ihre Aktualität mit einige anderen Wissenschaften, wie etwa der Politikwissenschaft. Durch die Tatsache aber, dass Historiker*innen einen anderen methodischen Zugang zu Quellen und Geschehnissen wählen hat sie, auch was aktuelle Geschehnisse angeht, durchaus ihre Berechtigung.


Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft

Neben den Epochen, in die man die Geschichte einteilen kann, kann man sie natürlich auch aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Diese verschiedenen Perspektiven und Fragestellungen (und glauben Sie mir Historiker*innen lieben es Fragen zu stellen) haben im Laufe der Geschichte der Geschichtswissenschaft zu ganz unterschiedlichen Teildisziplinen dieser einzigartigen Wissenschaft geführt.

So kann man sich bei der Beschäftigung mit Geschichte primär auf politische oder kriegerische Ereignisse fokussieren oder auf Verfassung- und Verwaltung von Staatsgebilden. Man kann sich aber auch einen Lebensbereich herausgreifen, so zum Beispiel die Höfe Europas, den Sport, das Essen. Man kann die Geschichte eines einzelnen Ortes über Jahrhunderte hinweg betrachten oder auch die Geschichte einer Kirche oder Religion.

So sind über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft entstanden, die im Folgenden näher vorgestellt werden sollen.


Politische Geschichte

Politische Geschichte oder für Liebhaber von kurzen Worten: Politikgeschichte ist letztlich die Geschichte von Staaten und Politikern. In dieser Teildisziplin der Geschichte geht es um Ereignisse, um Diplomatie, um Kriege und Staatsmänner, gelegentlich auch um Staatsfrauen, aber die sind bekanntlich in der Geschichte eher selten anzutreffen.

Im 19. Jahrhundert und auch noch im beginnenden 20. Jahrhundert war diese Teildisziplin die Hauptdisziplin aller Geschichtswissenschaftler. Man sah die Politische Geschichte als den wichtigsten Teilbereich an und ordnete ihm andere Bereiche wie Wirtschafts- und Kulturgeschichte lange unter.

Heute sieht dies anders aus, was sicherlich auch an einem Methodenwechsel in der gesamten Geschichtswissenschaft liegt. Politische Geschichte ist noch immer wichtig und noch immer wird sie von vielen betrieben, doch den Primat musste sie abtreten und sich in den Reigen der anderen Teildisziplinen als letztlich gleichberechtigt einreihen.


Sozialgeschichte

Die Sozialgeschichte wird oftmals mit der, im folgenden Abschnitt zu behandelnden, Wirtschaftsgeschichte zu einem gemeinsamen Teilbereich zusammengefasst. Dabei behandelt die Sozialgeschichte in erster Linie „um die eine Gesellschaft prägenden Gruppen, Stände, Schichten oder Klassen.“ wie bei Wikipedia nachzulesen ist. In dieser Sichtweise ist sie letztlich eine Geschichte der Gesellschaft und der diese prägenden sozialen Gruppen und Systeme.

Eng verflochten ist die Sozialgeschichte, vor allem in methodischer Hinsicht, mit den Sozialwissenschaften, speziell der der „Historischen Sozialwissenschaft“. Eine Abgrenzung dieser verschiedenen Wissenschaften wird immer wieder mit durchaus wechselndem Erfolg betrieben.

Besonders wichtig für die Sozialgeschichte wurde die „Römische Sozialgeschichte“ von Géza Alföldy, die 1975 erstmals erschien. In diesem Jahr erschien auch erstmals die Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft“ als Sprachrohr der Bielefelder Schule, die seit dem Beginn der 1970er Jahre die Sozialgeschichtsforschung in Deutschland maßgeblich beeinflusste und prägte.


Wirtschaftsgeschichte

Die Wirtschaftsgeschichte ist eine Teildisziplin, die sich nicht entscheiden kann. Sie steht den Wirtschaftswissenschaften mindestens genauso nahe wie der Geschichtewissenschaft und an so mancher Universität kann man sich auch nicht so recht entscheiden wo man sie denn nun unterbringen soll.

Wie der Name schon nahelegt beschäftigt sich die Wirtschaftsgeschichte mit der Geschichte der Wirtschaft, womit aber nicht allein die Geschichte der Industrialisierung und großer Wirtschaftsunternehmen gemeint ist, sondern genauso auch die Geschichte der agrarischen Wirtschaft. Wobei die Agrargeschichte allerdings auch als eigenständiges Fachgebiet auftreten kann.

Sie sehen schon: In der Geschichtswissenschaft ist es, anders als in vielen anderen Wissenschaften teilweise schon reichlich schwierig einzelne Teildisziplinen voneinander abzugrenzen und ihnen eine wirkliche Eigenständigkeit zu verschaffen.

Stark geprägt worden ist die Wirtschaftsgeschichte vor allem von den Ansätzen der „Annales-Schule“ und durch Historiker wie Fernand Braudel (1902-1985) und Marc Bloch (1886-1944). In Deutschland waren es Historiker wie Wilhelm Abel (1904-1985) und Georg von Below (1858-1927), die der Wirtschaftsgeschichte entscheidende Impulse verliehen.


Rechtsgeschichte

Die Rechtsgeschichte ist eine der historischen Teildisziplinen, die klar machen, dass man als Historiker*in tatsächlich ein universeller „Dilettant“ sein sollte, denn die Rechtsgeschichte ist interdisziplinär. Nicht nur für Historiker*innen zählt sie zu den wichtigen Teilgebieten ihres Faches, sondern auch für Rechtswissenschaftler*innen.

In Deutschland zählt die Rechtsgeschichte realiter auch unter die Rechtswissenschaften und ist Teil der juristischen Fakultät. Nichtsdestoweniger kommt kaum ein|e Historiker*in umhin sich mit ihr zu beschäftigen. Dies umso mehr, als die Rechtsgeschichte unter Juristen und Juristinnen immer mehr an Bedeutung verliert, was Helmut Kramer 2006 wie folgt kommentierte:
„Was ist von Juristen zu erwarten, die von rechtshistorischen Kenntnissen unbeschwert sind, die in keinem rechtsphilosophischen Seminar über „Gerechtigkeit“, „Rechtsgeltung“ oder den Unterschied zwischen Recht und Moral nachdenken konnten? Auch nicht darüber, dass in jedem Staat, auch in der Demokratie bisweilen auch Widerspruch angemeldet werden muss? Werden diese Juristen den Zumutungen eines neuen autoritären Regimes widerstehen?“

Recht und Gesetze sind nun einmal ein wichtiger Bestandteil der Geschichte, vor allem der politischen Geschichte und der Verfassungsgeschichte. Beschäftigt man sich also mit diesen Teildisziplinen, so ist die Rechtsgeschichte ein notwendiger Bestandteil. Leider allerdings steht es mit dem Informations- und Wissensaustausch mit den Rechtswissenschaften nicht zum Besten, so dass Publikationen zum Thema nur selten gegenseitig zur Kenntnis genommen werden.

Wer sich mit der Rechtsgeschichte beschäftigt, der kommt um einschlägige Publikationen nicht herum. Die älteste und bis heute wohl auch bedeutendste rechtshistorische Zeitschrift ist die Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte.


Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte

Wie im vorangegangenen Abschnitt bereits angedeutet ist die Verfassungsgeschichte ohne die Rechtsgeschichte nicht zu denken und beide hängen eng miteinander zusammen. So ist auch die Verfassungsgeschichte eine Teildisziplin sowohl der Geschichtswissenschaft als auch der Rechtswissenschaft. Überdies beschäftigt sich auch die Politikwissenschaft mit dieser Teildisziplin. Es ist also ein ausgesprochen interdisziplinärer Zweig.

Die Verfassungsgeschichte beschäftigt sich nicht nur mit den neuzeitlichen Verfassungen, die tatsächlich als solche bezeichnet wurden, sondern auch mit den Verfassungsstrukturen der Antike und des Mittelalters, sowie mit den seit der Antike entstandenen Staatstheorien.

Bis heute eine der wichtigsten Überblicksdarstellungen der deutschen Verfassungsgeschichte stammt von Hans Boldt (*1930):
Hans Boldt: Deutsche Verfassungsgeschichte, 2 Bde.
Bd. 1: Von den Anfängen bis zum Ende des älteren deutschen Reiches 1806, 2. Aufl., München 1990,
Bd. 2: Von 1806 bis zur Gegenwart, München 1993.

Die Verwaltungsgeschichte beschäftigt sich – der Begriff legt es nahe – mit der Geschichte der Verwaltung eines Staatsgebildes und seiner Teile. Es ist also im Grunde die Geschichte der Bürokratie. So ist auch die Verwaltungsgeschichte nicht nur relevant für die Geschichtswissenschaft, sondern vor allem auch für das Verwaltungsrecht. Auch die Sozialforschung setzt sich mit dieser Teildisziplin auseinander.

Oftmals werden in der Geschichtswissenschaft die beiden Bereiche Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte gemeinsam behandelt.


Kulturgeschichte

„Als Historikerin bin ich vor allem der Kulturgeschichte verpflichtet, der Disziplin also, die sich mit der Erforschung und Darstellung sowohl des geistigen als auch des kulturellen Erbes beschäftigt, das unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Regionen und zu unterschiedlichen Zeiten hervorgebracht haben.
Dies umfasst sowohl Kunst, als auch Sprache, Wissenschaft, Architektur, Brauchtum und in der Tat auch den Alltag von Menschen vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende. Politische Geschichte und auch Staatengeschichte treten in dieser Teildisziplin der Geschichte in den Hintergrund, lassen sich aber nie ganz ausblenden.“


Dies schrieb ich in einem Beitrag zur Frage was Kultur und Kulturgeschichte eigentlich seien.

Man sieht: Die Kulturgeschichte ist ein sehr weites Feld, das nahezu alle Lebensbereiche des Menschen in sich aufnimmt. Der Mensch wird in dieser Teildisziplin nicht nur in seiner Privatheit betrachtet. Auch das Öffentliche im Sinn von Kunst und Wissenschaft sind wichtige Bestandteile. Am besten abgrenzen lässt sich die Kulturgeschichte noch gegen die politische Geschichte, wobei selbstredend auch die Politik, das Recht und die Verfassung und Verwaltung letztlich ein Ausdruck von Kultur sind.

Da die Kulturgeschichte ein derart umfassendes und facettenreiches Teilgebiet der Geschichtswissenschaft ist, wird sie auf diesem Blog bald ausführlicher behandelt. Um einen ersten Einstieg in diesem breitgefächerte Thema zu erhalten empfehle ich das entsprechende Kapitel im Artikel „Kultur – Gedanken, Ideen und Fragen“ zu lesen.


Geistesgeschichte

Geistesgeschichte – die Geschichte des Geistes? Das klingt im ersten Moment als Bezeichnung vielleicht ein wenig verwirrend und tatsächlich ist die Geistesgeschichte auch manchmal etwas verwirrend.

Inhalt der Geistesgeschichte ist auch weniger ein spezielles Thema wie bei den bisherigen Teildisziplinen, die wir uns angeschaut haben, als mehr eine Methodik. Es geht darum geistige Strömungen, Ideen und Vorstellungen nachzuvollziehen und zu verstehen und zu schauen, wie sie sich manifestierten, sprich, was sie hervorgebracht und ausgelöst haben.

So tangiert die Geistesgeschichte letztlich alle geisteswissenschaftlichen Fachbereiche, wie etwa die Literaturgeschichte, die Kunstgeschichte, die Wissenschaftsgeschichte, aber auch die Philosophiegeschichte und selbstredend auch die Religionsgeschichte.

In der Geistesgeschichte geht es um Weltbilder und Weltanschauungen von Menschen. Es geht um die Frage, welche Ideen sich wie manifestierten oder auch hinter welcher Manifestation welches Weltbild stand. So kann man die Frage stellen welche Idee dahinter steckte, als ein Architekt wie Nicolas de Pigage im 18. Jahrhundert auf den Gedanken kam eine Moschee in einen Schlosspark zu bauen oder warum eben jener Architekt in einem neu zu bauenden Schloss zwei ganz verschiedene Stile miteinander kombinierte – das prunkvoll Repräsentative und das Zurückgenommene und Private. Welcher Umbruch im Denken steckte dahinter? Wie kam es zu diesem Umbruch und wie entwickelte sich dieses Denken dann weiter? Wo kamen diese Ideen in die Welt?


Geschlechtergeschichte

Nach solch facettenreichen und teilweise auch schwierig zu fassenden Teildisziplinen der Geschichtswissenschaften ist es ganz schön einmal zu einer Teildisziplin zu kommen, die deutlich leichter zu umreißen ist: die Geschlechtergeschichte.

Wie die Benennung schon vermuten lässt geht es in der Geschlechtergeschichte um Frauen, Männer und das sogenannte „Dritte Geschlecht“, sprich Menschen, die sich nicht in dieses binäre Geschlechtssystem einordnen lassen.

In der Geschlechtergeschichte geht es um die Frage welche Geschlechterrollen es gab, wie sie ausgeprägt wurden und wie sich diese Ausprägungen auf die Gesellschaft auswirkten. Dabei kann sich die Geschichtswissenschaft im Grunde gleich selber zum Thema machen, denn über Jahrhunderte hinweg war sie „androzentrisch“, sprich ganz klar männlich geprägt. Nicht nur, dass sie quasi nur von Männern betrieben wurde, sie kümmerte sich im Grunde auch nur um Männer. Und wenn denn doch einmal eine Frau auftauchte, dann wurde sie vorzugsweise negativ konnotiert, man denke nur an die gute alte Xantippe oder auch an das Bild von Marie Antoinette. Eine seltene Ausnahme dürften Gestalten wie Jeanne d’Arc und die Heilige Mathilde sein.

Es wundert also nicht, dass die Geschlechtergeschichte als Teilgebiet der Geschichtswissenschaft eher jung ist und erst in den 1960er Jahren entstand. Dabei nahm sie ihren Ausgangspunkt von der Frauengeschichte. Seit den 1990er Jahren entwickelte sich die Geschlechtergeschichte dann breiter. Betrieben allerdings wird sie primär von Frauen.


Bildungsgeschichte

Historiker*innen und auch Erziehungswissenschaftler*innen beschäftigen sich gemeinhin mit der historischen Bildungsforschung, kurz Bildungsgeschichte genannt. Dabei geht es sowohl um die Frage wie, wo und vom wem im Laufe der Jahrtausende Bildung vermittelt worden ist, als auch um die Frage welche Konzepte hinter den verschiedenen Vermittlungsmethode standen.

Während die Historiker*innen naturgemäß die Praxis mehr interessiert, beschäftigen sich die Erziehungswissenschaftler*innen verstärkt mit der Theorie, sprich den Ideen und Konzepten, die hinter verschiedenen Vermittlungsmethoden standen.

Themen der Bildungsgeschichte sind also sowohl Schulsysteme, als auch die Entwicklung und Geschichte von Universitäten. Hinzu kommen die Ideen und Methoden wichtiger Pädagogen und Philosophen, wie etwa Rousseau, Platon, Johannes Comenius, John Locke, Johann Heinrich Pestalozzi, August Hermann Francke und auch Wilhelm von Humboldt. Außerdem wird die Frage nach der Geschichte der Alphabetisierung gestellt und auch die Geschichte und Entwicklung der Erwachsenenbildung werden untersucht. Das macht deutlich, dass die Bildungsgeschichte tatsächlich alle Epochen der Geschichte umfasst von der Antike bis hinein in die Neuzeit.


Ideengeschichte

Wie dachten Menschen eigentlich in vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden, welche Ideen von Wissenschaft und Politik hatten sie? Welche Wissenschaften betrieben sie und welche politischen Systeme entwickelten sie daraus? Das sind die Fragen mit denen sich die Ideengeschichte beschäftigt. Dabei fällt schnell auf, dass sie sich in vielen Fragen mit der Wissenschaftsgeschichte aber auch mit der Philosophiegeschichte, der Geistesgeschichte und in Teilen auch mit der Sozialgeschichte überschneidet.

In Deutschland gibt es für die Teildisziplin der Ideengeschichte eine eigene Fachzeitschrift, die schlichtweg „Zeitschrift für Ideengeschichte“ heißt und sich mit ganz unterschiedlichen Themen, wie etwa Widerstand, Intelligenz, Ästhetik, Autorität, Exil oder Think Tanks beschäftigt, aber auch mit einzelnen für die Ideengeschichte wichtige Personen, wie Spinoza, Rousseau, Humboldt, Burckhardt oder Marx beschäftigt.

Wer sich intensiver mit der Ideengeschichte beschäftigen möchte, der sollte das 2017 erschienene und von Timothy Goering herausgegeben Buch „Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven“ lesen, das einen guten Einstieg bildet. Als allgemeine Einführung eignet sich auch das (leider nur noch antiquarisch zu erhaltende) Buch von Andreas Dorschel „Ideengeschichte“ aus dem Jahr 2010.


Haus Cromford - Ratingen
Cromford, die erste “Fabrik” auf dem europäischen Kontinent – Herrenhaus – Foto: A. Kircher-Kannemann

Wirtschaftsgeschichte

Auch in der Wirtschaftsgeschichte sind die Historiker*innen nicht allein, sie teilen sich die Disziplin mit den Wirtschaftswissenschaftler*innen. An Universitäten pflegt man die Wirtschaftsgeschichte aber tatsächlich zumeist an den Instituten für Betriebs- oder Volkswirtschaftslehre anzugliedern, wobei auch angehende Historiker*innen hier zumeist studieren dürfen.

Das Themengebiet der Wirtschaftsgeschichte ist weit gefächert und reicht von der Entwicklung und Organisation von Wirtschaftssystemen bis hin zur Personen- und Firmengeschichte. Auch umfasst sie die Ideen und Theorien, die hinter einzelnen Wirtschaftssystemen stehen. Dabei ändern sich die Methoden und Konzepte der Wirtschaftsgeschichte stetig und waren gerade in den letzten Jahrzehnten starken Wandlungen unterworfen.

Die Bandbreite der Wirtschaftsgeschichte bedingt es, dass sie sich mit vielen anderen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft überschneidet, so etwa der Alltags- und Sozialgeschichte, der Agrargeschichte, der Geldgeschichte, der Umweltgeschichte und selbstredend auch der Unternehmensgeschichte.

Einige der bedeutendsten Wirtschaftsgeschichtler waren Marc Bloch (1886-1944), Fernand Braudel (1902-1985), Georges Duby (1919-1996), Milton Friedman (1912-2006) Wilhelm Abel (1904-1985) und Georg von Below (1858-1927). Die wenigsten von ihnen haben sich übrigens nur mit Wirtschaftsgeschichte beschäftigt.


Webstühle
Dampfbetriebene Webstühle by E.L. Hoskyn [Public domain], via Wikimedia Commons

Technikgeschichte

Nicht nur ein Männerthema: die Technikgeschichte. Und überdies: es sind ausgerechnet Geisteswissenschaftler*innen, die sich damit beschäftigen, sprich die Technikgeschichte ist eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft die komplett gegen alle Vorurteile steht.

In der Technikgeschichte geht es um die Frage welche Techniken wann und vor allem wie entstanden sind und wie sie sich entwickelt haben. Dabei meint Technikgeschichte keinesfalls nur die moderne, ach so komplizierte Hochtechnologie, sondern auch und vor allem die Anfänge der Technik, die Erfindung des Rads zum Beispiel, ohne die alles andere nur schwerlich denkbar gewesen wäre oder auch die ersten Kräne, die zur Errichtung großer Gebäude genutzt wurden. Vor allem aber geht es um die Frage welche Auswirkungen diese Techniken auf die Menschen hatten. Denken wir nur an die soziale Revolution, die die Erfindung der Dampfmaschine mit sich brachte, an die Entstehung der ersten Fabriken, etwa in der Baumwollindustrie und wie sich dies auf die Menschen, ihr Leben und insbesondere auf ihre Lebensbedingungen auswirkte.

Von Interesse für die Technikgeschichte sind aber auch die Personen, die Technik erfunden haben – ein Mann wie James Watt etwa oder auch die Menschen, die diese Technik auf besondere Art angewendet haben – ein Man wie Johann Gottfried Brügelmann zum Beispiel.

Auf diesem Blog wird auch der Technikgeschichte ein breiter Raum eingeräumt.


Damentennis Olympia 1912
Damentennis bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm – Olympiasiegerin Marguerite Broquedis aus Frankreich und Silber- und Bronzemedaillengewinnerin Sigrid Fick aus Schweden – Historische Postkarte

Sportgeschichte

Überraschung! Ja, Historiker*innen beschäftigen sich selbstredend auch mit der Geschichte des Sports, denn so oft im Laufe der Weltgeschichte hat Sport so viel mehr bedeutet als pure Körperertüchtigung oder purer Wettkampf.

Sport konnte sogar Kriege unterbrechen, wie etwa im antiken Olympia. Sport ist also durchaus ein erheblicher kultureller und historischer Faktor. Damit haben wir auch schon geklärt, dass die Sportgeschichte letztlich ein Teilgebiet der Kulturgeschichte darstellt. Ja und selbstredend sind vor allem die Olympischen Spiele hier immer wieder gerne als Thema genommen, sowohl die antiken wie die der Neuzeit. Aber auch andere besondere Sportereignisse, wie die Tour de France werden im Rahmen der Sportgeschichte behandelt.

Insbesondere aber widmet sich die Sportgeschichte der Geschichte der Körperkultur und dem dahinterstehenden Menschenbild, ebenso wie der dahinterstehenden Ideologie. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an Sparta, an Turnvater Jahn und vor allem auch an die Bedeutung des Sports im Nationalsozialismus.

Ein immer wichtiger werdendes Thema im Bereich der Sportgeschichte ist auch die Stellung der Frau und die von ihr ausgeübten Sportarten.


Mädchen in Baumwollfabrik
Viele Maschinen wurden vor allem von kleinen Mädchen bedient By Lewis W. Hine for the National Child Labor Committee [Public domain], via Wikimedia Commons

Sozialgeschichte

Der Begriff Sozialgeschichte tauchte ja in den vorangegangenen Abschnitten mehrfach auf. Ursprünglich wurde die Sozialgeschichte mit der Wirtschaftsgeschichte zusammengefasst und der Politischen Geschichte als Gegengewicht entgegengestellt. Heute allerdings werden beide Bereiche zunehmend getrennt voneinander betrachtet.

Entscheidende Impulse hat die Sozialgeschichte vor allem von der Sozialwissenschaft und der französischen Annales-Schule. „Der Name leitet sich her von ihrem publizistischen Sprachrohr, der 1929 von Marc Bloch und Lucien Febvre gegründeten geschichtswissenschaftlichen Fachzeitschrift Annales d’histoire économique et sociale (die Zeitschrift besteht – nach einigen Namensänderungen – bis heute und heißt seit 1994 Annales. Histoire, Sciences sociales).“[7]

Für die deutsche Sozialgeschichte prägend war und ist bis heute die Bielefelder Schule mit ihrer „Historischen Sozialwissenschaft“. „Als Bielefelder Schule der deutschen Geschichtswissenschaft wird eine sozialwissenschaftlich geprägte Schulrichtung bezeichnet, welche die Anfang der 1970er Jahre an die neu gegründete Universität Bielefeld berufenen Historiker Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka (inzwischen Berlin) prägten.“[8]


Küche Jagdschloss Linn
Die historische Küche im Jagdschlösschen von Krefeld Linn – Foto: A. Kircher-Kannemann

Alltagsgeschichte

Neben der Kulturgeschichte ist wohl die Alltagsgeschichte eines der umfassendsten und auch spannendsten Teilgebiete der Geschichtswissenschaft. Wie der Begriff schon deutlich macht geht es dabei um den Alltag von Menschen, es geht um Lebenswelten und um Mentalitäten.

Dabei ist die Alltagsgeschichte erstaunlicherweise (oder auch nicht) eine recht neue Teildisziplin der Geschichte und ihrer Wissenschaft. In Deutschland betreibt man sie erst seit den 1980er Jahren. Entstanden ist sie aus dem Willen heraus eine „Geschichte von unten“ zu betreiben. Einer ihrer Urheber war der Schwede Sven Lindqvist (1932-2019). Es ging dieser Bewegung vor allem darum die Geschichte der Arbeiterbewegung nicht mehr nur anhand von Theorien à la Marx darzustellen, sondern auf Basis der Kultur, die eben diese Arbeiterbewegung hervorgebracht hatte. Man fokussierte sich stärker auf die „normalen“ Menschen, auf deren „Alltag“ und ihr Leben.

Nachdem die Alltagsgeschichte ihren Ausgangspunkt also in der Erforschung der Arbeiter und des 19. und frühen 20. Jahrhunderts genommen hatte, entwickelte sie sich rasch weiter. Heute wird in allen Epochen der Weltgeschichte auch Alltagsgeschichte betrieben, vielfach vor allem im Zusammenhang mit der Archäologie, die noch immer besonders viele und wichtige Details, gerade zur antiken und mittelalterlichen Alltagskultur liefert.

Auch der Alltagsgeschichte widmet dieses Blog einen breiten Raum.


Modell Colonia Ulpia Traiana - Xanten
Modell der Colonia Ulpia Traiana – Xanten Foto: A. Kircher-Kannemann

Mikrogeschichte

Nein, es geht in der Mikrogeschichte weder um die Geschichte der Mikrowelle noch um die des Mikroskops. Die Mikrogeschichte beschäftigt sich mit historischen Details – mit einer Geschichte im Mikroformat sozusagen. Damit aber ist noch nicht alles über Mikrogeschichte gesagt. Indem man viele dieser „Mikrogeschichten“ zusammenträgt, detailliert erforscht und diese dann zusammenträgt, wird es möglich ein größeres und komplexeres Bild einer Epoche, eines Raumes oder eines sozialen Gefüges zu erzielen. So macht es die Mikrogeschichte möglich ein sehr viel genaueres Bild in vielen Bereichen zu zeichnen, als es ein grobes Überblickswerk tun könnte.

Die Mikrogeschichte ist dabei kein Ersatz für die „Makrogeschichte“, aber sie ergänzt sie sinnvoll und liefert ihr neue Erkenntnisse mit denen die Makrogeschichte in ihrer Forschung weiter vorangetrieben werden kann. Mit jedem Dorf, dessen Geschichte erforscht wird, mit jedem einzelnen Menschen, dessen Biographie aufgezeichnet wird, mit jedem Hof, der erforscht wird, wird es so möglich ein umfassenderes Bild von der Geschichte im Großen zu erlangen.


Burg Linn und Jagdschloss - Mittelalter trifft Frühneuzeit in Krefeld
Burg Linn und Jagdschloss – Mittelalter trifft Frühneuzeit in Krefeld Foto: A. Kircher-Kannemann

Höfische Geschichte

Der Begriff klang hier schon mehrfach an: „Höfische Geschichte“ – die Geschichte der Höfe des Mittelalters, der Frühen Neuzeit, der Neuzeit und ja, auch der Antike. Seit Jahren ist eben diese höfische Geschichte eines meiner Hauptforschungsgebiete, sie war Thema meiner Dissertation, sie ist Thema meines wissenschaftlichen Blogs und sie begleitet meine Arbeit beinahe Tag für Tag. „Höfische Geschichte“, das ist ein kleine wenig wie Gala lesen, nur eben in der Vergangenheit und um noch so viel mehr. Höfe, das sind und waren komplizierte und zum Teil mehrere tausend Menschen umfassende soziale Gebilde.

An Höfen ging es um Menschen, um die Organisation von Alltag, um Moden, um Intrigen, ums Essen und Trinken, aber auch um hohe Politik. Es gab eigene Gesetze und Vorschriften, die für entwickelt wurden, wie etwa die Hofordnungen oder auch die Burgfriedensordnungen. Und ja, es geht auch um diese Aura von Luxus, von Pracht und Glanz. Sie begeistert die Menschen letztlich seitdem es Höfe gibt und sie zieht sie bis in unsere heutige Zeit in ihren Bann (die Yellow-Press wäre sonst arbeitslos).


Moschee
Moschee im Schlosspark Schwetzingen Foto: A. Kircher-Kannemann

Religionsgeschichte

„Religionsgeschichte ist ein universitäres Fach – eine Wissenschaft, die sich mit der historischen und gegenwärtigen Entwicklung der Religionen und der Religiosität hinsichtlich ihrer jeweiligen Entwicklung im historischen Kontext befasst. Hierbei werden die entsprechende [sic!] Religionen zunächst in der ihr eigenen Geschichte und Tradition untersucht, um diese später zum Beispiel anhand funktionaler oder typologischer Kriterien einzuordnen, zu klassifizieren und schließlich eine Systematik der Glaubenssysteme zu erarbeiten. So entsteht eine Basis, die für das glaubensunabhängige Vergleichen verschiedener Religionen (komparative Religionswissenschaft) essentiell ist.“[9]

Die Religionsgeschichte ist im Grunde kein Teilgebiet der Geschichtswissenschaften, sondern der Religionswissenschaft. Allerdings beschäftigen sich Historiker*innen selbstredend auch mit der Religion und sind daher auf die Ergebnisse der Forschung auch in diesem Wissenschaftsgebiet angewiesen und beeinflussen diese dadurch natürlich auch. Es gibt eben keine wirklich klaren Trennlinien zwischen den verschiedenen Geisteswissenschaften. In nahezu allen Bereichen fließen sie ineinander und beeinflussen sich gegenseitig. Geisteswissenschaften ohne interdisziplinäres Arbeiten gehen eben nicht.


Luther
Porträt Luthers von Johann Michael Püchler – ca. 1680-1702 – Public Domain Metropolitan Museum New York

Kirchengeschichte

Wo wir gerade beim interdisziplinären Arbeiten sind: auch die Kirchengeschichte ist ein solche interdisziplinäres Teilgebiet. Sie wird sowohl von Historiker*innen als auch von Theolog*innen betrieben.

Die Kirchengeschichte beschäftigt sich in ihrer Arbeit übrigens ausschließlich mit christlichen Kirchen, also evangelischen, orthodoxen und der katholischen. Dabei ist sie sehr umfassend in ihren Themengebieten, denn es geht nicht nur um Kirchenrecht, um Dogmen oder theologisches Gedankengut. Auch Aspekte der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte werden einbezogen, wenn es zum Beispiel um den Landbesitz der Kirche geht und um dessen Verwaltung und Bewirtschaftung. Das schließt auch Bereiche der Siedlungsgeschichte ein, etwa rund um Klöster oder Bischofskirchen.

Drei besonders wichtige Themengebiete der Kirchengeschichte sind jedoch die Konzilsgeschichte, die Geschichte der verschiedenen Schismen, insbesondere die des Großen Schismas 1054 zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche und selbstredend die Reformationsgeschichte.

Wer sich für Kirchengeschichte interessiert, der findet einen guten Einstieg ins Thema mit dem Buch „Einführung in das Studium der Kirchengeschichte“ von Lenelotte Möller und Hans Ammerich, das 2014 erschienen ist.


Johann Wolfgang von Goethe - die Lebendmaske im Goethe-Museum Düsseldorf
Johann Wolfgang von Goethe – die Lebendmaske im Goethe-Museum Düsseldorf Foto: A. Kircher-Kannemann

Personengeschichte

Menschen, also Personen machen Geschichte und haben sie immer gemacht. Geschichte ohne Menschen, ohne Personen geht nicht (zumindest nicht in unserem geisteswissenschaftlichen Verständnis; Naturwissenschaftler sehen das Naturgemäß anders, aber das ist ein anderes Thema).

Dabei ist es unerheblich, ob die Person nun von herausragender historischer Bedeutung war, ob sie Kaiser*in war oder Handwerker*in, Bauer oder Bäuerin. Eine Geschichtsdarstellung ohne die Darstellung von Menschen ist letztlich unmöglich. Die Frage aber ist: mit welchen Personen beschäftigt man sich und vor allem in welchem Zusammenhang tut man das?

Über Jahrhunderte (eigentlich sogar über Jahrtausende) hinweg waren die Personen mit denen man sich beschäftigte immer die Reichen, die Schönen und die Bedeutenden. Es waren die Menschen, die im Zusammenhang mit weltpolitisch bedeutenden Ereignissen auftauchten. Die Lebensgeschichte der Bäuerin oder des Handwerkers interessierte niemanden, denn sie waren ja Niemand.

Das hat sich in den letzten Jahrzehnten zum Glück geändert und die „unbedeutenden“ Menschen treten vermehrt ins Blickfeld der Personengeschichte. Dabei stellt sich etwas Interessantes heraus: so unbedeutend waren diese „Niemande“ oftmals gar nicht.

Auch dieses Blog widmet sich immer wieder einzelnen bekannten und auch unbekannten Personen, die vielleicht eine Rolle in der großen Geschichte spielten und vielleicht auch nicht. Den Biographien ist auf diesem Blog eine eigene Kategorie gewidmet.


Hilfegesuch Wallensteins
Hilfegesuch von Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein (1583–1634) (private.addcom.de) [Public domain], via Wikimedia Commons Wallensteins Hilfegesuch an Pappenheim 16. Nov. 1632. Volltext auf de.wikisource.org

Mentalitätsgeschichte

Der Begriff Mentalitätsgeschichte tauchte in den vorangegangenen Abschnitten schon mehrfach auf. Auch sie ist ein Kind der französischen Annales-Schule. Als Pionierwerk der Mentalitätsgeschichte gilt bis heute Johann Huizingas (1872-1945)„Herbst des Mittelalters“, das ich als absolutes „Must-Read“ nur jedem ans Herz legen kann.

Als Quellen eignen sich für die Mentalitätsgeschichte vor allem sonst in der Geschichtswissenschaft eher selten genutzte Quellentypen. Zu nennen sind da vor allem Briefe, Tagebücher, Grabinschriften oder auch (ab dem 9. Jahrhundert) Postkarten.

Tischsitten, verschiedene Arten von Feierlichkeiten, wie Hochzeiten, Geburtstagsfeiern oder auch Beerdigungen sind typische Themen der Mentalitätsgeschichte. Auch Begriffe wie Liebe, Glück, Tod, Leid, Trauer werden in der Mentalitätsgeschichte immer wieder untersucht. Selbst die Mode, das Spielzeug und der Umgang mit Haustieren interessieren Mentalitätshistoriker*innen. Grundsätzlich geht es n dieser Teildisziplin der Geschichtswissenschaft darum mehr über die Menschen vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende zu erfahren und ihre ganz individuellen Lebenserfahrungen und deren psycho-sozialen Hintergrund zu beleuchten.

Auch auf diesem Blog wird der Mentalitätsgeschichte ein breiter Raum gegeben. So gibt es eine Reihe zu Tischzuchten, aber auch zur Mode, zur Esskultur und ähnlichen Themen.


Stadtansicht Metz
Stadtansicht von Metz – François de Nomé [Public domain], via Wikimedia Commons

Landesgeschichte, Orts-, Stadtgeschichte und Regionalgeschichte

Landes-, Orts-, Stadt- und Regionalgeschichte – wenn man es genau nimmt, dann sind das eigentlich vier verschiedene Teilgebiete, allerdings kann man sie aufgrund der sehr ähnlichen Themen mit denen sie sich beschäftigen durchaus zusammenfassen.

Alle drei Teilgebiete der Geschichtswissenschaft haben es sich zur Aufgabe gemacht menschliche Ansiedlungen zu untersuchen. Es geht also um soziale Gefüge auf definierten territorialen Gebieten. Der Ort, bzw. das Dorf ist dabei die kleinste Einheit. Es folgt die Stadt, die sich per definitionem durch ihre Verfassung ihr Recht, ihr Gesetz vom Dorf unterscheidet und die – anders als ein Dorf – im Regelfall eine Gründungs- bzw. Erhebungsurkunde besitzt. Der größte Raum ist das Land, man kann auch sagen das Territorium oder der Staat. Das Land oder das Territorium sind anders als die Stadt nur in den seltensten Fällen gegründet oder erhoben worden. Sie sind entstanden, über viele Jahrhundert der Entwicklung hinweg. Dabei haben sie ihre Grenzen verändert, haben sich vergrößert oder auch verkleinert und haben so manches mal auch ihren Namen geändert.

In der Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, die sich mit diesen regionalen Gebilden beschäftigt geht es um all das, was bis hierhin angesprochen wurde.


Historische Hilfswissenschaften

Historische Hilfswissenschaften – das klingt immer so ein wenig herabwürdigend und degradierend, so als seien diese Wissenschaften eigentlich gar keine richtigen und eigenständigen Wissenschaften, sondern nur so eine Art von Appendix. Kein Wunder also, das viele Wissenschaftler dieser Teilgebiete schon seit einiger Zeit eine andere Bezeichnung fordern. Historische Grundwissenschaften wäre zum Beispiel eine Möglichkeit und in der Tat würde die Bezeichnung „Grundwissenschaften“ auch eher zutreffen, denn ohne diese Wissenschaften und Grundkenntnisse in ihnen wäre jede*r Historiker*in schlichtweg aufgeschmissen.

Wie soll man sich mit Urkunden und Akten beschäftigen und wichtige Informationen aus ihnen filtern, wenn man nicht weiß wie sie aufgebaut sind und die Schrift nicht lesen kann? Wie soll man eine Urkunde korrekt datieren, wenn man nicht weiß was etwa „in den Iden“ bedeutet? Wie soll man überhaupt eine Urkunde finden, wenn man nicht weiß wo genau man danach suchen soll?

Nur ein paar Fragen, die wohl deutlich machen wie wichtig es für Historiker*innen ist, sich mit Wissenschaften wie Archivkunde, Diplomatik, Chronologie und vielen anderen auszukennen. Diese Wissenschaften sind unser Handwerkszeug, unsere Basis, von der aus wir arbeiten. Sie herabzuwürdigen oder gar zu vernachlässigen wäre sträflich und führte unweigerlich dazu, dass wir die Geschichtswissenschaft nicht mehr adäquat betreiben könnten.

Es ist also an der Zeit diese Grundwissenschaften zu stärken, sie wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken und vor allem auch sie verstärkt wieder zu lehren. Dies fordern bereits seit einiger Zeit mehrere Historiker*innen, unter ihnen die Vorsitzende des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands, Eva Schlotheuber.


Kriegserklärung
By Wilhelm II. (vollständig: Friedrich Wilhelm Albert Victor von Preußen), Deutscher Kaiser und König von Preußen (Scan) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Archivkunde

Beschriebenes Papier ist das Futter für jede*n Historiker*in und wenn man bedenkt seit wann die Menschheit schreibt, dann sind das unglaublich viele Seiten geworden im Laufe der Jahrtausende und selbst wenn mehr verloren gegangen ist als erhalten blieb, so muss doch all dies Papier und Pergament und was es sonst so an Beschreibstoffen gibt irgendwo hin. Für diesen zweck hat man dann gleich mal – und das schon recht früh – Archive erfunden, wo all das Beschriebene gesammelt wurde. Nun sammelt aber nicht jedes Archiv die gleichen Sachen und auch nicht auf die gleiche Art. Und vor allem: Das Sammeln ist das Eine, das Wissen, was man eigentlich hat und vor allem das Wiederfinden hingegen ist das Andere und eigentlich viel Wichtigere dabei.

Sammeln und Wiederfinden ist eine ganz eigene Wissenschaft und zwar die von der Archivkunde. Sie beschäftigt sich in erster Linie mit der Frage, wie verschiedene Medien, wie etwa Schriftquellen, Tonträger, Bilder oder in unserer heutigen Zeit vermehrt auch elektronische Datenträger, die von Wert zu sein scheinen für die Nachwelt, dauerhaft bewahrt werden können.

Damit allein aber ist es nicht getan, denn vor der Archivierung müssen all diese Medien inhaltlich erschlossen und bewertet werden, um sie auch einer Systematik zuführen zu können, damit man eine wirkliche Chance hat sie anschließend auch wiederzufinden und das, wenn’s geht noch in hunderten von Jahren.

Diesen oft als trocken bezeichneten Job machen Archivare, dabei ist der Beruf überhaupt nicht trocken, sondern eher ausgesprochen spannend und vielseitig und Archivare sind auch beileibe nicht die verstaubten Typen mit Ärmelschonern, als die sie vielfach beschrieben werden, wie ein spätestens ein Blick auf die vielfältige Blogosphäre der Archive zeigt.

Bis heute eines der Standardwerke, in das jede*r Historiker*in einmal seine Nase gesteckt haben sollte ist übrigens das Buch von Eckhart G. Franz: Einführung in die Archivkunde.


Astronomische Kalenderuhr (Abb.) aus Uppsala (Schweden)
Astronomische Kalenderuhr aus Uppsala (Schweden) – gemeinfrei

Chronologie

„Kalender, Kalender, Kalender“ lautet die Überschrift eines Artikels auf diesem Blog und eben diese Kalender sind schon ein wichtiger Teil der Chronologie, dieser Wissenschaft, die sich mit Zeit und ihrer Messung beschäftigt und den verschiedenen Einteilungen, die Menschen irgendwann einmal zu diesem Thema entwickelt haben.

Das physikalische Phänomen der Zeit ist übrigens bzgl. der Chronologie für Historiker*innen ein eher nebensächliches Problem. Primär interessant ist für die Chronologie der Geschichtswissenschaftler*innen das Zählen der Zeit, die allgemeine Chronologie also. Darunter fallen Kalendersysteme, Jahreszählungen und unterschiedliche Benennungen von Tagen. Selbstredend gibt es auch hierfür zahlreiche Hilfsmittel, um etwa die Datumsangaben in mittelalterlichen Urkunden „übersetzen“ und verstehen zu können. Jedes Fach hat ja so seine Bibel und die „Chrono-Bibel“ für Historiker*innen ist und bleibt sicherlich der gute alte Grotefend.

Ein indirekt mit der Chronologie zusammenhängendes Thema ist die „Idee der Zeit“, die durchaus im Laufe der Jahrtausende einer Wandlung unterlag. In den letzten Jahren gibt es hierzu zahlreiche Neuerscheinungen, die sich mit den gewandelten Zeitkonzepten und Zeitideen befasst, so etwa das Buch von Achim Landwehr „Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert“ oder auch „Zeitkonzepte. Zur Pluralisierung des Zeitdiskurses im langen 18. Jahrhundert“ eine Aufsatzsammlung herausgegeben von Stefanie Stockhorst.


Diplomatik

Diplomatik ist schon ein komisches Wort und man könnte meinen, dass es sich hier um eine Wissenschaft der Diplomatie handelt. Dem allerdings ist nicht so, vielmehr geht es um „Gefaltetes“.

Ähm, wie jetzt, um „Gefaltetes“?

Ja, aber ich sollte wohl aufklären warum: Die Diplomatik, das ist die Wissenschaft, die sich mit „Diploma“ beschäftigt und dieses Wort kommt aus dem Griechischen (δίπλωμα) und wörtlich übersetzt handelt es sich dabei um „Gefaltetes“, denn Urkunden wurden nun einmal früher gefaltet. Sie haben es also wohl schon erraten: es geht hier um Urkunden. Dabei befasst sich die Diplomatik vor allem mit den Merkmalen einer Urkunde, wie sie von wem und wann ausgestellt wurde. Aber auch die Frage des Überlieferungsweges und des historischen Wertes ist für den Diplomatiker von Interesse.

Übrigens gibt es natürlich auch für diesen grundwissenschaftlichen zweig eine Bibel, die in keinem Bücherregal eines Historikers oder einer Historikerin fehlen sollte und das ist Leo Santifaller: Urkundenforschung. Methoden, Ziele, Ergebnisse. Für einen ersten Einstieg ist aber auch Ahasver von Brandt „Werkzeug des Historikers“ zu empfehlen, wo der Aufbau der wichtigsten Urkundentypen detailliert erläutert wird.


Grundstein Kaiser Wilhelms für den Wiederaufbau der Saalburg – Foto: A. Kircher-Kannemann

Epigraphik

Epigraphik, das ist die „Inschriftenkunde“, abgeleitet vom altgriechischen ἐπιγραφή, also epigraphē, was so viel bedeutet wie Inschrift oder Aufschrift. Es sind also steinerne, hölzerne oder auch metallische Gegenstände mit denen sich diese Wissenschaft primär auseinandersetzt. Aber auch Inschriften auf Metall oder Leder kommen durchaus vor und werden von den entsprechenden Wissenschaftlern, die man Epigraphiker nennt, untersucht.

Solche Inschriften auf Materialien, die nicht Papierähnlich sind gibt es im Grunde in allen Epochen und in nahezu allen Regionen. Besonders relevant aber ist die Epigraphik für die Alte Geschichte. Der Grund hierfür ist ganz einfach: es sind nur wenige Texte erhalten, die auf Papier oder Pergament geschrieben wurden, da diese Beschreibmaterialien leider längst nicht so haltbar sind, dass sie unter europäischen Klima- und Bodenbedingungen lange überdauern. Steinerne Inschriften hingegen haben da schon eine deutlich längere Halbwertzeit und sind somit wichtige Quellen, um ein vollständigeres Bild dieser Epoche zu erhalten.

Aber auch für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit sind Inschriften eine wichtige Quelle, die Lebensbereiche beleuchtet, die sonst eher im Dunkeln bleiben. Gerade diesem zeitlichen Schwerpunkt widmet sich zum Beispiel die „Epigraphica Europea“, die an der Universität München angesiedelt ist.


Filigranologie

Filigranologie – ok, interessantes Wort, klingt irgendwie nach filigran, also etwas Feines, Dünnes, Ziseliertes. Filigran setzt sich zusammen aus den lateinischen Worten „filum“ für Faden oder Draht und „granum“, was so viel bedeutet wie Korn. Damit kommen wir an dieser Stelle nicht weiter.

Die Filigranologie beschäftigt sich nämlich durchaus mit etwas Feinem, aber sie leitet ihre Bezeichnung von einem französischen Wort ab und zwar von „filigrane“ und das bedeutet (da sieht man mal wie anders die Bedeutung von Worten in verschiedenen Sprachen sein kann) „Wasserzeichen“. Die Filigranologie ist also die Wasserzeichenkunde.

Wasserzeichen finden sich vor allem auf Papier, in Urkunden, Handschriften und auch in Büchern. Heutzutage gibt es Wasserzeichen auch in digitalisierten Fotos, um eine unrechtmäßige Nutzung und Vervielfältigung zu verhindern.

Solche Wasserzeichen in Papier aus mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Zeit können gute Hilfsmittel sein, um etwa die Echtheit von Urkunden zu überprüfen oder aber auch deren Entstehungsort und den Entstehungszeitpunkt. Wer sich einmal näher mit dieser beinahe unbekannten und doch so spannenden Wissenschaft beschäftigen möchte, der sollte sich unbedingt die Seiten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zum Thema Filigranologie anschauen.


Genealogie

Genealogie – das ist ein Begriff, den sicher die meisten schon einmal gehört haben, denn bei der Genealogie geht es um etwas, dass viele Menschen interessiert und das sie betreiben, selbst dann, wenn sie nicht wissen, dass sie damit eine Wissenschaft betreiben. Kurzum: die Genealogie ist die Erforschung der Familiengeschichte. Abgeleitet wird der Begriff vom griechischen γενεαλογία (genealogía) was soviel wie „Stammbaum“ heißt.

Solch genealogische Forschungen fanden ursprünglich vor allem natürlich für Adels- und Königsfamilien statt. Heute beschäftigen sich Historiker*innen jedoch auch vielfach mit der Genealogie von „Otto Normalverbraucher“, vor allem wenn es zum Beispiel um Migrationsforschung geht, um die Bedeutung von Auswanderergruppen etwa in die USA.

Aber auch die Erforschung von familiären Zusammenhängen in bestimmten Berufsgruppen findet heute in der Forschung immer größere Aufmerksamkeit.

Bedingt mit zur Genealogie gehört der Teilbereich der Namenforschung, die vor allem wertvolle Hinweise in Bezug auf Herkunft und Verbreitung bestimmter Bevölkerungsgruppen liefert.

Bereits seit einigen Jahrzehnten ist die Genealogie auch eine Art von Modetrend, der durch Plattformen wie ancestry oder myheritage, die sogar mit Fernsehwerbung ihre Verbreitung fördern, weiter angeheizt wird. Die größte genealogische Datenbank mit drei Milliarden Personendaten haben übrigens Mormonen zusammengetragen. Das Portal trägt den Namen „Family Search“


Wappen Kurfürst
kurfürstliches Wappen an der Fassade von Schloss Benrath; Foto: A. Kircher-Kannemann

Heraldik

Bunt ist sie und vielgestaltig, die Heraldik, die zu Deutsch Wappenkunde genannt wird. Genau wie die Filigranologie leitete sie sich von einem französischen Wort ab „héraldique“, was eigentlich „Heroldskunst“ bedeutet. Die Herolde, das waren diese Männer, die sich mit den Wappen auskannten, die sie bei Turnieren erkannten und so jeden Ritter anhand der bunten Bildchen auf dem Schild sofort beim Namen nennen konnte.

Die Wissenschaft der „Heraldik“ beschäftigt sich mit eben diesen Wappen, die auf Schilden, an Häusern oder in Büchern zu finden sind. Dabei geht es um die Frage, wie sich diese Wappen entwickelt haben, wie sie entstanden sind und welche Aussage sie in sich tragen.

Der Begründer der wissenschaftlichen Heraldik ist übrigens nicht, wie man vielleicht meinen könnte ein Herold gewesen, ein Adeliger oder auch ein Historiker – es ist Philipp Jacob Spener (1635-1705), der als ihr Begründer gilt und der war erstaunlicherweise evangelischer Theologe und der wohl bedeutendste Pietist seiner Zeit.

Dabei gibt es zahlreiche Hilfsmittel, die dem Heraldiker helfen sich den Wappen anzunähern und sie zu deuten. Mein persönliches Lieblingsbuch zum Thema Heraldik ist Ottfried Neubecker: Wappenkunde. Die Geschichte der Heraldik von den frühen Adelswappen bis zu den Etiketten der Neuzeit, München 1991.


Numismatik

Money makes the world go round … und damit sind wir bei der Numismatik angekommen. Numismatik, das ist die Münzkunde, also letztlich die wissenschaftliche Beschäftigung mit Geld bzw. Münzen. Abgeleitet ist das Wort vom altgriechischen νομισματική – nómisma, was so viel bedeutet wie „Münze“ bzw. „das Gesetzmäßige“.

Die Numismatik als Wissenschaft zieht sich durch alle Epochen und durch alle Phasen der Geschichte. Besonders wichtig aber ist sie für die frühen Phasen, die Antike etwa, als Ergänzung zu den oftmals nur spärlichen Schriftquellen. Insbesondere als Hilfsmittel zur Datierung eignen sich Münzen hervorragend und auch, um die Bewegung von Bevölkerungsgruppen nachvollziehen zu können. Es ist spannend zu sehen, wenn man plötzlich auf einer Grabung am Niederrhein etwa syrische Münzen findet. So wird deutlich, dass es schon in antiker Zeit offenbar recht enge Verbindungen zwischen diesen beiden doch recht weit voneinander entfernten Kulturräumen gab.

römische Fundmünzen
Abgüsse römischer Fundmünzen aus Gelduba; Foto: A. Kircher-Kannemann

Übrigens soll schon Kaiser Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.) ein begeisterter Münzsammler gewesen sein. Der Hang von Menschen Geld zum Hobby zu machen ist also offenbar beinahe genauso alt wie das Geld selbst. Scheint also doch etwas dran zu sein an „pecunia non olet“ (Geld stinkt nicht.)


Eine sumerische Monumentalinschrift aus dem 26. Jahrhundert v. Chr.
Eine sumerische Monumentalinschrift aus dem 26. Jahrhundert v. Chr. Unknown author [Public domain], via Wikimedia Commons

Paläografie

παλαιός – palaiós ist das alte griechische Wort von dem sich diese Wissenschaft ihren Namen abgeleitet hat. Es bedeutet nichts anderes als „alt“ und „-grafie“ bedeutet „schreiben“ – die Paläographie ist also schlichtweg die Wissenschaft oder Lehre von „alten Schriften“.

Das Ziel der Paläografie ist es nicht nur diese alten Schriften zu entziffern, sondern vor allem auch ihre Entwicklung und ihre Geschichte nachzuvollziehen. Durch dieses Nachvollziehen wird es möglich Inschriften oder auch Papyri zu datieren oder sie bestimmten Personen zuweisen zu können. Auf diese Weise lassen sich zum Beispiel Fälschungen entlarven. So ist die Paläographie durchaus auch eine Wissenschaft bei der es auf beinahe kriminalistischen Spürsinn ankommt.

Nicht nur beim Entziffern, sondern auch bei der Datierung und Zuweisung von Schriftarten wurde in den letzten Jahren die Digitalisierung ein immer wichtigerer Faktor. Sie ermöglicht es den Forschern sich besser zu vernetzen, mehr Schriftzeugnisse zum Vergleich heranzuziehen und in gar nicht mehr so ferner Zukunft wohl auch zuverlässig bisher nicht entzifferte Schriften zu entschlüsseln.

Wie sich die Paläographie mit der Digitalisierung auseinandersetzt und wie sie sich durch diese verändert, kann man in zwei Bänden nachlesen, die als Volltext ebenfalls digitalisiert zur Verfügung stehen:
Malte Rehbein, Patrick Sahle, Torsten Schaßan (Hrsg.): Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter. = Codicology and Palaeography in the Digital Age. BoD, Norderstedt 2009, Bd. 1
Franz Fischer, Christiane Fritze, Georg Vogeler (Hrsg.): Kodikologie und Paläographie im digitalen Zeitalter 2 = Codicology and Palaeography in the Digital Age 2. BoD, Norderstedt 2010, Bd. 2.


Papyri
Papyri Fragments Date: 7th century Geography: Made in Thebes, Byzantine Egypt Public Domain – Metropolitan Museum New York Culture: Coptic

Papyrologie

Sie wurde gerade schon erwähnt: die Papyrologie. Hört man das Wort, so kann man sich bereits leicht vorstellen worum es geht – um Papyri eben. Und wenn man sich überlegt, wann es diese Papyri vor allem gab, dann ist klar, dass die Papyrologie ein Teilgebiet der Klassischen Altertumswissenschaften ist, also der Alten Geschichte und der Klassischen Philologie. Übrigens sei an dieser Stelle ein ACHTUNG mit auf den Weg gegeben: die Papyrologie ist nicht die Wissenschaft, die sich mit den in Ägypten beschriebenen Papyri beschäftigt! Wir reden also nicht über Hieroglyphen-Texte!

Die Papyrologie beschäftigt sich ausschließlich mit Texten, die entweder in griechischer oder lateinischer Sprache niedergeschrieben wurden. Dabei geht es der Papyrologie nicht nur um Texte, die tatsächlich auch auf Papyrus geschrieben wurden, sondern auch um Texte, die auf Holz, Pergament, Wachstäfelchen oder auch Bleitäfelchen, auf Ostraka, also Scherben oder anderen Stoffen niedergeschrieben wurden.

Entstanden ist die Papyrologie so etwa im 18. Jahrhundert, als man anfing die ersten größeren Mengen Papyri aus Ägypten und Italien näher zu untersuchen und entziffern zu wollen. Auch dieser Wissenschaft bieten sich durch die Digitalisierung zahlreiche neue Möglichkeiten.


Phaleristik

Phaleri, phalera, phalerae – ja, „phalerae“! Von diesem lateinischen Wort nämlich leitet sich die Phaleristik ab. „Phalerae“ bedeutet „Brustschmuck“ und was jetzt so ein klein wenig klingt, als wenn sich hier jemand mit Swarovski und Co. beschäftigen würde ist tatsächlich die Wissenschaft, die sich mit Orden- und Ehrenzeichen beschäftigt, die ja bekanntlich zumeist – zumindest in früherer Zeit – die Brust der Herren schmückten und bis heute schmücken, wobei auch hier ja nun die Gleichberechtigung Einzug gehalten hat.

Zur Phaleristik gehören allerdings überdies auch noch die Verleihungsurkunden hinzu und die Regelungen nach denen sie verliehen wurden und werden. Es ist also nicht unbedingt nur eine schmückende Wissenschaft, sondern auch eine, die einen stark soziologischen Aspekt in sich birgt. Da vor allem geistliche und weltliche Ritterorden, sowie Verdienstorden und Damenorden ihr Kernthema ausmachen, wird die Phaleristik zumeist in Verbindung mit der Mentalitätsgeschichte betrieben.

Erstaunlicherweise ist die Phaleristik keine wirklich alte Wissenschaft. Erst im 20. Jahrhundert etablierte sich die Phaleristik wirklich und grenzte sich von anderen historischen Grundwissenschaften, wie etwa der Heraldik deutlicher ab.


Sphragistik

Wir sind mal wieder bei einem griechischen Wort angelangt: σφραγίς – sphragis bedeutet schlichtweg „Siegel“. Damit sind wir dann im Grunde bei einem lateinischen Wort angekommen, denn „Siegel“, das hieß auf Latein „sigillum“ und lässt sich am besten mit „Bild“ oder „Bildchen“ übersetzen. Kleine Bildchen sind es ja auch, die sich auf solchen Siegeln finden und natürlich auch auf den entsprechenden Siegelringen.

Dabei sagen diese Bildchen oftmals sehr viel über ihre Träger bzw. Besitzer aus und da oftmals Siegel und Wappen ähnliche oder sogar gleiche Motive tragen, ist es selbstverständlich, dass sie Sphragistik sich in vielen Bereichen mit der Heraldik überschneidet.

Allerdings interessiert den Wissenschaftler, der sich mit der Sphragistik beschäftigt nicht nur das Bildchen auf dem Siegel, er fragt auch nach der Beschaffenheit des Siegels, nach dem Material aus dem es besteht. Er fragt danach, wie das Siegel hergestellt wurde und wie es angebracht wurde. Dadurch steht die Sphragistik selbstredend auch der Diplomatik sehr nahe, denn es sind vor allem Urkunden, die Siegel tragen.

Wer sich übrigens für Siegel interessiert, der sollte sich unbedingt die Internetseite von Marie-Luise Heckmann anschauen. Hier gibt es endlos viele Links und Texte, die sehr gut in die Sphragistik einführen.


[1] Johann Gustav Droysen: Grundriss der Historik, Leipzig 1868, S. 8.
[2] ebd. S. 12.
[3] Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, erläuterte Ausgabe hg. v. Rudolf Marx, Stuttgart 1978, S. 4.
[4] ebd. S. 5.
[5] Stefan Jordan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, Paderborn/München/Wien/Zürich 2009, S. 40.
[6] Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, eingel. u. übertragen v. Georg Peter Landmann, Zürich/Stuttgart 1960, S. 35f.
[7] Wikipedia, Annales-Schule
[8] Wikipedia, Bielefelder Schule
[9] Wikipedia, Religionsgeschichte

7 Antworten auf „Geschichte, was ist das“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.