Über Adelbert von Chamisso, ein Museum und die Zufälle des Lebens

Manchmal gibt es ja Zufälle, die schon beinahe keine Zufälle mehr sind …

Vor ein paar Wochen habe ich mal wieder mein Bücherregal durchgeforstet, bei mehr als tausend Büchern (ja, ich weiß, es gibt Bibliotheken, die kleiner sind) ist das immer mal nötig. Beim Durchstöbern stieß ich auf eine schon recht alte Biographie über Adelbert von Chamisso und da mein Lesetisch gerade eh recht leer war und ich der festen Überzeugung war, dass ich dringend mal wieder ein irgendwie germanistisches Thema brauchte, habe ich mich vertieft. Zugegeben, die Biographie war jetzt nicht unbedingt die Beste, auch wenn sie durchaus ein paar Highlights hatte, dennoch habe ich sie recht zügig gelesen und dabei festgestellt, dass Herr Chamisso ja ursprünglich aus Lothringen stammte. Okay, zugegeben: Ich hatte eine Bildungslücke. Die war übrigens gleich doppelt peinlich, denn zum einen habe ich ja irgendwann mal Germanistik studiert und zum anderen stammt meine Oma aus Lothringen.

Was jetzt aber den Zufall betrifft: Kaum hatte ich die Biographie zu Ende gelesen stolperte ich bei Twitter über die Nachricht, dass nun gerade ein Chamisso-Museum eröffnet hat, in Kunersdorf. Also habe ich schnell mal bei Google nachgeschaut. Was ich dort fand las sich recht interessant, denn das Museum ist nicht etwa von einer Stadt oder dem Land initiiert worden, sondern von einem Förderverein mit Hilfe einer Crowdfunding-Aktion. Inzwischen hat man 131 Unterstützer*innen und immerhin über 30.000 Euro zusammen.

Außerdem hat sich der Förderverein zur Errichtung des Museums namhafte Hilfe geholt. So gehören zu den Unterstützern und Förderern nicht nur die Chamisso-Gesellschaft, sondern auch die Staatsbibliothek Berlin, das Gerhart-Hauptmann-Museum und das Museum Viadrina in Frankfurt/Oder.

 

 

Die Webseite des Museums sollte sicher noch etwas überarbeitet werden, so ist die Seite nicht responsive und manche Links laufen ins Leere bzw. sind veraltet. Überhaupt scheint der Stand mancher Seiten schon einige Jahre alt. Für eine erste Idee davon, was der Förderverein hier auf die Beine stellen möchte bzw. schon auf selbige gestellt hat, reicht sie allerdings aus. So erfährt man, dass sich das Museum in einer in den 1920er Jahren erbauten Villa befindet und man sich an den ehemaligen Cunersdorfer Musenhof von Henriette Charlotte und Peter Alexander von Itzenplitz anlehnen möchte, an dem Adelbert von Chamisso zu Gast war.

 

Musenhof von Cunersdorf
Der Musenhof von Cunersdorf
Fotos: Saeed Pirkeh – Chamisso Museum

Der Musenhof von Cunersdorf

Der heutige „Kunersdorfer Musenhof“ ist seit 2007 ein Ort für kulturelle und musikalische Veranstaltungen. Über den ursprünglichen Musenhof schrieb der Komponist und Freund Goethes Carl Friedrich Zelter (1758-1832) im Jahr 1821:

„Hier in Kunersdorf ist es der Mühe wert, die Landwirtschaft zu beobachten. Was darüber im Wilhelm Meister vorkommt, findest Du hier vollkommen real, in Bewegung eines guten Uhrwerks. Die gräflich Itzenplitz´sche Familie bringt den größten Teil des Jahres hier zu. Bekannte Gäste sind stets willkommen und niemals zu viele, weil auf viele gerechnet ist. Man ist nicht fremd, man befindet sich in einer Aisance (Ungezwungenheit) wie in eigenen Wänden, ja wer es will, wird auch als Gast nicht eher bemerkt als bei Tische, wo denn der Nachmittag besprochen wird, indem etwa die in der Nähe liegenden Vorwerke besucht werden, bei welcher Gelegenheit der Gast sich unterrichtend erfreut und die Herrschaft ihr Geschäft verrichtet, weil nichts verpachtet ist und alles aus dem Centro bewirtschaftet wird […]. Man freut sich, wenige Meilen von der Residenz einen schönen Schlag zufriedener Menschen zu finden […]. Man hört nicht schreien, man sieht nicht rennen, alles ist beschäftigt nach seiner Art, und doch ist Dienstfertigkeit und guter Wille gegen Fremde einheimisch..”[1]

 

Erstausgabe Peter Schlemihl
Erstausgabe von Peter Schlemihls wundersamer Geschichte aus dem Jahr 1814
Fotos: Saeed Pirkeh – Chamisso Museum

Adelbert von Chamisso in Cunersdorf

Am Musenhof von Cunersdorf war neben vielen anderen auch Adelbert von Chamisso zu Gast. Er weilte hier im Jahr 1813 und schrieb eben hier seinen berühmten „Peter Schlemihl“. Über sein Leben  in Cunersdorf schrieb Chamisso am 27. Mai 1813 an Varnhagen:

„Lieber Varnhagen, thun und lassen war für mich gleich schmerzhaft; durch den Machtspruch von Ehrenmännern in Unthätigkeit gebannt, bring’ ich den Sommer bei dem Herrn von Itzenplitz auf seinen Gütern zu, in Cunersdorf bei Wriezen, und beschäftige mich allein mit Botanik, wozu ich die herrlichsten Hülfen habe. Ich helfe hier übrigens auch den Landsturm exerziren und kommt es zu einem Bauernkrieg, so kann ich mich wohl darein mischen – pro aris et focis. – Mit euch unterzugehen, will ich nicht verneinen.“

An seinen Verleger Hitzig schrieb er nur kurze Zeit später:

„Ich arbeite immer an meinen Pflanzen, gehe mit meinem Gärtner botanisiren, vergleiche meine Kataloge, corrigire die französischen Aufsätze der jungen Leute, unterweise sie etwas in der Botanik… Das war ein schwerer Mai (Lützen und Bautzen). Wie klingt doch so seltsam mit einem Male in mir das Wort Fouqués:
Im Mai, im Mai, im jüngsten Mai,
Wo alles Leben sonst geht auf,
Da ist des jungen Helden Lauf
Ganz wider Blumenart vorbei.
 O Gott, möchte er es nicht von sich selber gesungen haben! Grüß mir die Bekannten und Freunde, die Dir in den Wurf kommen. Gott verzeihe mir meine Sünden; aber es ist wahr:
Das ist die schwere Zeit der Noth,
Das ist die Noth der schweren Zeit,
Das ist die schwere Noth der Zeit,
Das ist die Zeit der schweren Noth.

 Da hast Du ein Thema.“

Auch über seine Arbeit am „Schlemihl“ berichtete Chamisso an seinen Freund und Verleger Hitzig:

„Du hast nichts weniger von mir erwartet als ein Buch! Lies das Deiner Frau vor, heute Abend, wenn Du Zeit hast. Wenn sie neugierig wird zu erfahren, wie es Schlemihl weiter ergangen und besonders, wer der Mann im grauen Kleide war, so schick mir gleich morgen das Heft wieder, auf daß ich daran schreibe; – wo nicht, so weiß ich schon, was die Glocke geschlagen hat. Vom dritten Kapitel ist das erst der Anfang; dies und das folgende sind mir sehr beschwerlich – es stehen die Ochsen am Berge.“ […] Mein viel gefürchtetes viertes Kapitel habe ich mir, nach vielem Kauen, gestern aus einem Stücke, wie eine Offenbarung, aus der Seele geschnitten und heute abgeschrieben. Es ist auch schon eher Morgen als Nacht, darum ade. Das Blitz-Prosa-schreiben wird mir ungeheuer sauer, mein Brouillon sieht toller aus als alle Verse, die ich je gemacht.“[2]

Insoweit macht es also durchaus Sinn ein Chamisso-Museum in Kunersdorf aufzubauen.

 

Weltreise Chamisso
Die Weltreise des Adelbert von Chamisso
Fotos: Saeed Pirkeh – Chamisso Museum

Das Museum – Adelbert von Chamisso und der Musenhof

Es sind insgesamt fünf Räume, die sich Chamisso und dem Musenhof widmen. Im Vordergrund steht das in Cunersdorf entstandene Werk „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Über 100 verschiedene Ausgaben dieses Buchs befinden sich im Museum, darunter auch eine Erstausgabe aus dem Jahr 1814.

Aber auch das übrige Werk Chamissos findet sich in der Ausstellung wieder und zeigt die Vielseitigkeit und den Facettenreichtum dieses Dichters und Naturforschers. Dementsprechend ist natürlich auch seiner Tätigkeit als Botaniker, der er, wie man aus seinen Briefen entnehmen kann, auch hier in Kunersdorf einst nachging.

Darüber hinaus wird auch die Geschichte seiner Weltreise dargestellt, die er im Jahr 1815 antrat und zwar als Botaniker. Bis 1818 nahm er an der „Rurik Expedition“ teil. Diese Expedition stand unter dem Kommando Ottos von Kotzebue (1787-1846), dem Sohn des Dichters August von Kotzebue (1761-1819).

 

 

Chamisso-Museum im Kunersdorfer Musenhof

Dorfstraße 1
16269 Bliesdorf/OT Kunersdorf

 

Öffnungszeiten April bis Oktober

Freitag 14.00 – 18.00 Uhr
Sonnabend 11.00 – 18.00 Uhr
Sonntag 11.00 – 18.00 Uhr
Feiertags 11.00 – 18.00 Uhr

 

Webseite: https://www.kunersdorfer-musenhof.de/

 

Ich bedanke mich an dieser Stelle beim Förderverein des Chamisso-Museums, der mir freundlicherweise die in diesem Beitrag enthaltenen Bilder zur Verfügung gestellt hat.

Die Urheberrechte der Bilder liegen mit Ausnahme des Beitragsbildes bei Saeed Pirkeh – Chamisso Museum.

 

[1] Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in 4 Bänden, Leipzig 1915, Band 2, S. 124-126.

[2] Leben und Briefe von Adelbert von Chamisso, hg. v. Julius Eduard Hitzig, Bd. 1, Leipzig 1839.

 

Beitragsbild:
Adelbert von Chamisso
Bild aus “Leben und Briefe des Adelbert von Chamisso”, hg. v. Julius Eduard Hitzig, Leipzig 1839

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