Dr. Anja Kircher-Kannemann – Historikerin, Kuratorin und Autorin
Mein Name: Dr. Anja Kircher-Kannemann
Mein Beruf: Historikerin, Kuratorin und Autorin
Meine Arbeit: historisch forschen, kuratorisch denken, analog und digital vermitteln
Mein Antrieb: Neugier auf Geschichte, Menschen, Dinge und Räume – und die Freude daran, daraus gut erzählte Geschichte(n) zu machen.
Inhaltsverzeichnis
Geschichte erforschen, einordnen und erzählen
Geschichte ist für mich mehr als Vergangenheit. Sie steckt in Archivalien und Büchern, aber ebenso in Gebäuden, Landschaften und Städten, in Museumsobjekten und Alltagsgegenständen, in Bildern, Kleidern, Fliesen, Werbeanzeigen oder alten Fotografien.
Mich interessiert, was diese unterschiedlichen Spuren über Menschen und Gesellschaften erzählen – und wie sie sich miteinander verbinden lassen.
Ich arbeite deshalb an der Schnittstelle von historischer Forschung, kuratorischer Praxis sowie analoger und digitaler Geschichtsvermittlung. Für mich sind das keine voneinander getrennten Arbeitsbereiche. Eine Forschungsfrage kann zu einem wissenschaftlichen Aufsatz führen, zu einer Ausstellung, einem Vortrag oder einem ausführlichen Blogbeitrag. Ein unscheinbares Museumsobjekt kann Ausgangspunkt einer größeren historischen Recherche werden. Und manches, was in einem Archiv beginnt, endet schließlich in einer Ausstellung oder in einem digitalen Vermittlungsformat. Genau diese Verbindung prägt meine Arbeit.
Meine Forschungsschwerpunkte
Meine historischen Interessen sind breit – aber keineswegs beliebig. Im Laufe meiner Arbeit haben sich drei größere Forschungsfelder herausgebildet, die sich immer wieder überschneiden.
Kulturgeschichte der Moderne um 1900
Ein Schwerpunkt meiner heutigen Arbeit liegt auf der Kulturgeschichte der Zeit zwischen etwa 1870 und 1930.
Mich beschäftigen Jugendstil und Art Nouveau, Belle Époque und Art déco ebenso wie Lebensreform, Kunstgewerbe und Design, materielle Kultur, Architektur und Technik, Mode und Werbung, Konsum und Alltagsgeschichte oder die Veränderungen von Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Lebenswelten.
Dabei interessiert mich weniger eine Geschichte der schönen Formen als die Frage, was diese Formen über ihre Zeit erzählen.
Die Jahrzehnte um 1900 waren geprägt von enormem technischem und gesellschaftlichem Wandel, von Aufbruch und Reform ebenso wie von sozialen Ungleichheiten, Nationalismus, Antisemitismus, Kolonialismus und politischen Radikalisierungen. Gerade diese Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit macht die Epoche für mich so spannend.
Die Kunst jener Zeit und vor allem der Jugendstil ist deshalb für mich nicht einfach Ornament – und Moderne nicht automatisch Fortschritt.
Kur-, Bäder- und Tourismusgeschichte
Aus meiner langjährigen Beschäftigung mit Bad Nauheim hat sich zunehmend ein eigenständiger Schwerpunkt auf der Geschichte europäischer Kurorte und Bäder entwickelt.
Historische Bäder sind faszinierende Beobachtungsräume. Hier treffen Medizin und Körpergeschichte auf Architektur und Technik, Tourismus auf gesellschaftliche Repräsentation, Unterhaltung auf Gesundheit, lokale Entwicklung auf internationale Netzwerke.
Bad Nauheim ist dafür ein besonders ergiebiger Forschungsort. Seit 2019 beschäftige ich mich intensiv mit der Entwicklung des modernen Kurbades zu Beginn des 20. Jahrhunderts, mit dem Architekten Wilhelm Jost und mit der Frage, wie Natur, Technik, Architektur, Heilung und modernes Leben hier miteinander verbunden wurden.
Das eigene Projekt Bäderreisen erweitert diesen Blick über Bad Nauheim hinaus auf die europäische Kur- und Bäderkultur.
Hof-, Residenzen-, Landes- und Regionalgeschichte
Meine wissenschaftlichen Wurzeln liegen zugleich in einem ganz anderen Zeitraum.
Ich studierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Neuere Geschichte sowie Mittelalterliche Geschichte und Erziehungswissenschaften und beschäftigte mich bereits während des Studiums intensiv mit wissenschaftlicher Quellenarbeit und Editionen. 2015 wurde ich mit der Arbeit „Heilsame auffsicht und verfassung. Hofordnungen vom Mittelalter bis zur Neuzeit“ promoviert.
Hof- und Residenzgeschichte, höfische Gesellschaft sowie Landes- und Regionalgeschichte gehören bis heute zu meinen Forschungsgebieten. Seit vielen Jahren publiziere ich unter anderem im Umfeld der Residenzenforschung; hinzu kommen regional- und landesgeschichtliche Projekte, etwa zu Kleve, Düsseldorf oder Angermund.
Zwischen Archiv und Museum
Meine Arbeit als Historikerin war von Anfang an eng mit Museen verbunden.
Bereits während meines Studiums arbeitete ich im damaligen Niederrheinischen Museum der Stadt Duisburg und war dort unter anderem an Ausstellungen zur Französischen Revolution, zu Persepolis und zur Arbeiterkultur beteiligt. Hinzu kamen Tätigkeiten am Schloss Benrath, historische Recherchen, Führungen und museumspädagogische Arbeit.
Diese frühe Verbindung von Forschung und Museum ist geblieben.
In den vergangenen Jahren habe ich zahlreiche kulturhistorische Ausstellungen entwickelt und kuratiert – unter anderem über Frauenleben um 1900, die Fotografin Susanne Homann, Friedrich Wilhelm Kleukens, Weltausstellungen, Belle Époque und Jugendstil, Wilhelm Jost, Künstler der Darmstädter Künstlerkolonie, Mode zwischen 1890 und 1930 sowie die Entstehung des modernen Bad Nauheim.
2025 entstand für das Museum Butzbach die Ausstellung „Aufbruch 1900 – Jugendstil, Technik und eine ‚Neue Frau‘“.
Auch heute gehört die analoge Museumsarbeit ausdrücklich zu meiner Tätigkeit. Aktuell berate ich beispielsweise verschiedene Museen zu Ausstellungsprojekten rund um meine Forschungsschwerpunkte. Denn Objekte sind für mich nicht bloß Illustrationen fertiger Geschichten:
Sie sind historische Quellen.
… und im digitalen Raum
Gleichzeitig beschäftige ich mich seit vielen Jahren mit der Frage, was passiert, wenn Museen, Sammlungen und historische Forschung den digitalen Raum betreten.
Digitale Kulturvermittlung bedeutet für mich weit mehr als Social Media oder das Übertragen vorhandener Ausstellungstexte auf eine Website. Sie verändert Möglichkeiten des Forschens, Sammelns, Bewahrens, Publizierens und Vermittelns.
Meine Arbeit reicht deshalb von Websites, Blogs und digitalen Ausstellungen über Apps und digitale Sammlungen bis zur Erschließung von Museumsbeständen und zu Fragen von OpenGLAM und virtuellen Museen.
2024 habe ich im Band „Virtuelle Museen – Ein Plädoyer“ Beiträge zu den Themen Forschen, Sammeln, Bewahren sowie Ausstellen und Präsentieren in virtuellen Museen veröffentlicht.
Dabei interessiert mich besonders die Verbindung zwischen analog und digital.
Ich halte wenig von der Vorstellung, dass digitale Vermittlung das Museum ersetzen müsse – genauso wenig wie von der Vorstellung, das Digitale sei lediglich ein zusätzliches Werbemedium für das „eigentliche“ Museum.
Analog und digital sind unterschiedliche Räume historischer Vermittlung. Gute Projekte nutzen die jeweiligen Möglichkeiten dort, wo sie sinnvoll sind.
Kultur-Geschichte(n)-Digital
Auch dieses Blog entstand aus dieser Verbindung.
Kultur-Geschichte(n)-Digital ist für mich heute ein eigenes fachliches Publikations- und Reflexionsprojekt. Hier ordne ich kulturhistorische und kulturwissenschaftliche Themen ein – wissenschaftlich fundiert, digital gedacht und mit langjähriger Erfahrung in Forschung, Museum, Vermittlung und Webpublikation.
Dabei darf ein Beitrag ausführlich sein!
Manche historischen Zusammenhänge lassen sich nicht sinnvoll auf fünf Absätze und drei Bulletpoints reduzieren. Gerade Fachthemen brauchen Raum für Quellen, Forschung, unterschiedliche Perspektiven und gelegentlich auch einen Widerspruch.
Deshalb verstehe ich dieses Blog weder als Nachrichtenmaschine noch als möglichst schnelle Content-Produktion.
Substanz geht vor Geschwindigkeit.
Die Beiträge sollen sauber recherchiert, wissenschaftlich auf der Höhe, historisch differenziert und zugleich so erzählt sein, dass man sie gerne liest.
Wie ich Geschichte vermittle
Ich mag Geschichte mit all ihren Widersprüchen.
Mich interessieren Menschen, die nicht in saubere Kategorien passen, Reformideen mit unerwarteten Nebenwirkungen, vermeintliche Fortschritte und ihre Schattenseiten, schöne Dinge mit weniger schönen Entstehungsgeschichten – und kleine historische Details, die plötzlich eine sehr große Geschichte erzählen.
Deshalb möchte ich Geschichte weder verklären noch aus sicherer Gegenwartshöhe über sie zu Gericht sitzen.
Keine Verklärung. Keine Verdammung. Kontext.
Wissenschaftliche Genauigkeit und gutes Erzählen sind dabei für mich keine Gegensätze. Im Gegenteil: Gerade eine gute Geschichte muss historisch belastbar sein.
Oder etwas kürzer:
Historisch forschen. Kuratorisch denken. Analog und digital vermitteln.
Projekte, Publikationen und Zusammenarbeit
Meine Arbeit findet in unterschiedlichen Formen statt: in wissenschaftlichen Publikationen und Büchern, in Ausstellungen, Vorträgen und historischen Recherchen ebenso wie in digitalen Projekten und eigenen Fachblogs.
Eine Auswahl finden Sie unter Publikationen & Projekte.
Für wissenschaftliche Beratung, historische Recherche, Ausstellungs- und Vermittlungskonzepte, Vorträge, Publikationen oder andere Kooperationen gibt es die Seite Expertise & Zusammenarbeit.
Und natürlich freue ich mich jederzeit über fachlichen Austausch.
Kultur-News KW 37-2019
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