Der Schwarze Tod – Die Pest und ihre Geschichte im LWL-Museum für Archäologie Herne

Sie scheint uns heute ein Schreckgespenst der Vergangenheit zu sein – die Pest, der „schwarze Tod“, wie diese Seuche oft genannt wurde. Doch so weit entfernt, wie wir oft glauben ist sie gar nicht. Noch heute gibt es sie und noch heute erkranken Menschen an der Pest. Einen größeren Ausbruch gab es erst 2017 auf Madagaskar. Verlaufen ist er zum Glück eher glimpflich, dank moderner Medizin. Pestwellen und millionenfache Todesopfer wie einst im Mittelalter und der Frühen Neuzeit kann die Medizin heute verhindern.
Diesem Schreckgespenst des Schwarzen Todes widmet sich zur Zeit eine Ausstellung im LWL-Museum für Archäologie in Herne. Im Rahmen eines Social Media Walks, der unter dem Hashtag #PestQuest stand, hatte ich die Gelegenheit mir die Ausstellung schon kurz vor ihrer Eröffnung anzuschauen.


Pest – Eine Spurensuche in 11 Akten

Es ist eine große, abgedunkelte Ausstellungsfläche, die den Besucher empfängt. Noch vor dem Betreten der eigentlichen Ausstellung wartet ein Exponat, das nicht nur durch seine Größe auffällt und irritiert. Es ist ein Anker. Man fragt sich unweigerlich was denn bitte ein Anker hier verloren hat, ob er wohl übrig geblieben ist oder ob er vielleicht doch irgendetwas mit der Pest zu tun haben könnte. Doch was?
Keine Sorge, es hat niemand vergessen dieses Exponat wegzuschaffen, im Gegenteil, es wurde extra herbeigeschafft und das war reichlich aufwendig, denn der Anker ist immerhin 3,6 Meter lang und wiegt eine Tonne. Was er nun mit der Pest zu tun hat? – Einst war er an dem Schiff angebracht mit dem die Pest im 18. Jahrhundert nach Westeuropa kam. Das Schiff war die „Grand Saint Antoine“, die im Jahr 1720 gen Marseille segelte mit Flöhen an Bord, die den Pesterreger trugen.
So eingestimmt und auch bereits nachdenklich betritt man nun den eigentlichen 800 qm großen Ausstellungsbereich, der sich in 11 Bereich aufteilt, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit der Pest beschäftigen.


Das Wesen der Pest – Bereich 1

Der erste Bereich der Ausstellung widmet sich dem Pesterreger und den Übertragungswegen. „Yersinia pestis“ – das Bakterium, das die Pest verursacht wird, ein kleines Stäbchen, das mit bloßem Auge nicht zu sehen ist und das solch verheerende Folgen zeitigte, das die Menschheit über Jahrhunderte in Angst und Schrecken versetzte, bildet das Zentrum dieses Ausstellungsteils.
Anhand zahlreicher Exponate, erläutern die Ausstellungsmacher die beiden Formen der Pesterkrankung und ihre Übertragungswege. Da ist zum einen die Beulenpest, die durch Flohstiche übertragen wird und zum anderen die Lungenpest, die sich über Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch ihren Weg bahnt. Zu sehen sind Mäuse, Ratten, Bilder von Flöhen, aber auch moderne Reinräume und eine Abbildung des Pestgenoms.


Yersinia pestis – der Pesterreger
Foto: A. Kircher-Kannemann

Vorgeschichte und Erste Pandemie – Bereich 2

Heute bringen wir die Pest meist mit dem Mittelalter in Verbindung. Manch einer weiß auch noch, dass es sie in der Antike schon einmal gab. Zu Zeiten Kaiser Justinians, Mitte des 6. Jahrhunderts, da gab es die sogenannte erste große Pandemie. Was genau sie auslöste, keiner weiß es so ganz genau. Vielleicht ein Vulkanausbruch, der die flohtragenden Nager in Bewegung setzte.
Doch diese Pandemie war, obwohl die erste genannt, vielleicht gar nicht die erste. Ende des Jahres 2018 konnten an einer ca. 5.000 Jahre alten steinzeitlichen Bestattung Pestbakterien nachgewiesen werden. Die Pest scheint also beinah so alt wie die Menschheit zu sein und wahrscheinlich hat sie auch schon immer Angst und Panik ausgelöst, sonst hätte Kaiser Justinian wohl nicht wegen ihr den Feiertag Mariä Lichtmess verlegt.


Die zweite Pandemie in 7 Akten

Der Hauptteil der Ausstellung ist der 2. Pandemie gewidmet, dem „großen Sterben“ im 14. Jahrhundert. Unterteilt ist die Darstellung in folgende Bereiche:
• Zweite Pandemie, Ausbreitung und Erklärungen – Bereich 3
• Zweite Pandemie, Angst und Ventile – Bereich 4
• Zweite Pandemie, Medizin – Bereich 5
• Zweite Pandemie, Religion – Bereich 6
• Zweite Pandemie, Katastrophenmanagement – Bereich 7
• Zweite Pandemie, Erleben der Pest – Bereich 8
• Zweite Pandemie, Auswirkungen – Bereich 9

Ratten, überall Ratten – Foto: A. Kircher-Kannemann


Wo kam die Pest her? Wo lag ihre Ursache? Und vor allem, wieso nahm sie diesmal so verheerende Dimensionen an? Und vor allem, wieso verschwand sie nun nicht mehr?
Nach der ersten Pandemie in der Spätantike waren Europa und der Mittelmeerraum beinahe 600 Jahre von der Geißel des Schwarzen Todes verschont geblieben. Die Pest war ein fernes Ereignis, dass die Menschen in Europa nicht berührte, ja, das sie nicht einmal mehr kannten. Das war so bis im Jahr 1346 mongolische Reiternomaden die Stadt Caffa auf der Krim belagerten. Hier unterhielten die Genueser seit 1266 eine Kolonie. Eben jene Reiternomaden brachten den Pesterreger mit, denn in Asien hatte es die Pest über all die Jahrhunderte gegeben.
Der Grund, warum sich die Krankheit nun auch wieder in Europa ausbreitete war im Grunde der gleiche aus dem sich heute Krankheiten epidemisch über den Kontinent ziehen: Reisende.
Die Genueser waren Kaufleute, Handelsreisende und ihre Handelsrouten zogen sich durch ganz Europa und so verbreiteten sie den totbringenden Erreger zunächst nach Konstantinopel und von dort über Genua nach Marseille. 1349 tauchten die ersten Pestfälle in Städten des Deutschen Reiches auf. Bis 1353 dauerte diese 2. Pandemie, sie kostete Schätzungen zufolge 25 Millionen Menschen das Leben und sie veränderte das Gesicht Europas. Wo einst blühende Orte waren gab es nur noch Wüstungen, ganze Regionen waren nahezu menschenleer. Die, die noch lebten waren verängstigt und flüchteten sich in Aberglauben und Wut.
Mangels anderer Erklärungen musste es doch eine Rache Gottes sein oder hatte etwa jemand die Brunnen vergiftet, gab es einen Schuldigen für das Leid und die Angst, dessen man habhaft werden konnte? Hexen vielleicht, Zauberer oder doch die Juden?
Angeklagt und zu Schuldigen erklärt wurden in jenen Jahren viele, Pogrome gab es zuhauf und die Zahl der Opfer wurde nur noch durch die Opferzahlen während der Shoah übertroffen. – Es war blanker Terror, der in Europa in jenen Jahren herrschte.
Dies alles erzählt die Ausstellung in Herne anhand unterschiedlichster Exponate, die von bildlichen Darstellungen bis hin zu Brandschutt einer Synagoge reichen und die dem Besucher der Ausstellung eindrücklich und teils beklemmend die Geschehnisse dieser Jahre vor Augen führen.
Wirklich beendet war die 2. Pandemie im Jahr 1353 aber nicht. Der Schwarze Tod blieb für die nächsten Jahrhunderte ein steter Begleiter und eine stete Bedrohung in Europa. Die Pest endemisierte, wie Mediziner das nennen. Bis hinein ins 18. Jahrhundert flammte sie immer wieder an unterschiedlichen Orten auf und forderte auch weiterhin nicht selten hunderttausende Opfer. Das blieb so bis zur 3. Pandemie


Installation mit Schnabelmasken – Foto: A. Kircher-Kannemann

Dritte Pandemie – Bereich 10

Begonnen hat die 3. Pandemie in Zentralasien, etwa 50 Jahre dauerte sie und an ihrem Ende gab es etwa 12 Millionen Tote zu beklagen. Diese dritte Pandemie aber verschonte Europa. Von Hongkong aus breitete sie sich nach Indien und in die USA aus. Und wenn man es ganz genau nimmt, dann ist sie nicht beendet, sie ist wieder „nur endemisiert“, denn Pestfälle gibt es auch heute noch und das nicht nur auf Madagaskar, wie eingangs erwähnt, sondern auch in den USA. Da kann es schon einmal lebensgefährlich werden, wenn ein Eichhörnchen oder ein Präriehund unter den Rasenmäher gerät.
Eine Bedrohung wie in früheren Jahrhunderten aber stellt die Pest heute nicht mehr dar, weder in der Version der Beulenpest, noch in der der Lungenpest. Das dem so ist verdanken wir nicht zuletzt dem Schweizer Arzt Alexandre Émile Jean Yersin (1863-1943), dem am 20. Juni 1894 die Isolierung des Pesterregers gelang, der seither nach ihm „Yersinia pestis“ genannt wird.


Erinnerung – Bereich 11

Auch wenn es heute die Pest immer noch an vielen Orten der Welt immer wieder einmal gibt, so ist sie doch für uns Europäer zumindest heute etwas weit entferntes. Sie ist eine Seuche der Vergangenheit, einer Epoche, die dunkel war und irrational; so zumindest erscheint es uns mit unserer modernen Wissenschaft. Der Schwarze Tod aber ist ein Mythos, der lebt und auch noch in unserem heutigen Leben gegenwärtig ist und sei es nur, dass etwas stinken mag wie „die Pest“. Brauchtum, Literatur, Musik, Kunst und selbst Spiele greifen die Pest und ihre Folgen immer wieder auf, machen sie zum Thema und halten sie so im kollektiven Gedächtnis fest. Diesem Thema der „Erinnerung“ widmet sich der letzte Teil der Pest-Ausstellung in Herne.
„So makaber es klingt – der Schwarze Tod scheint bis heute eine kollektive Faszination auszuüben. Sie wurde zu einem Mythos.“ schrieb Damian Kaufmann in seiner Ausstellungsbesprechung und damit hat er wohl recht. Dies zeigt auch die Ausstellung in Herne sehr eindrücklich.


Die Suche nach Heilung …
Foto: A. Kircher-Kannemann

Ausstellungsinfos:

Die Pest – Eine Spurensuche

LWL-Museum für Archäologie Herne

Europaplatz 1
44623 Herne

Dauer der Ausstellung:

20.09.2019-10.05.2020


Beitragsbild:
Die Ratte – Überträger der Pest
Foto: A. Kircher-Kannemann

4 Antworten auf „Der Schwarze Tod – Die Pest und ihre Geschichte im LWL-Museum für Archäologie Herne“

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