#perlenfischen in der ersten Fabrik

Blogparade #perlenfischen

Der Infopoint Museen und Schlösser Bayerns hat auf seinem Blog „Museumsperlen“ zum #perlenfischen eingeladen, nach Museumsperlen und offenbar habe ich mein Netz gut ausgeworfen, denn ich habe tatsächlich mehr als eine Perle gefunden. Offenbar lebe ich in einer Region wo die Austern sich gerne kitzeln lassen und besonders hübsche Perlen produzieren, die oftmals klein sind und deswegen nicht sofort ins Auge stechen.

Neben der doch recht großen römischen Perle in Xanten habe ich noch eine weitere gefunden. Kleiner, vollkommen anders, wahrscheinlich deutlich unbekannter und gerade deswegen muss ich einfach nochmal über sie schreiben:

Eine baumwollene Perle zwischen Park und Industrie

Haben Sie schon einmal eine Fabrik gesehen, die, wenn man sich ihr von Weitem nähert von außen beinahe anmutet wie ein Schloss, zumindest aber wie ein sehr opulentes Herrenhaus?
Wenn nicht, dann waren Sie noch nie in Cromford.

    Die Anmutung des Schlosses bzw. Herrenhauses ist auch nicht nur eine Anmutung, denn die eigentliche Fabrik verbirgt sich hinter einem Herrenhaus. Einem recht opulenten sogar. Es ist das Wohnhaus des ehemaligen Besitzers und Gründers der Fabrik, der offenbar keinen langen Fußweg zu seiner Perle haben wollte und so Wohnhaus und Fabrik miteinander kombinierte.
    Ja, und dieser Ort, der dem Namen nach so klingt, als könne er sich eigentlich nur irgendwo auf der britischen Insel befinden, was er auch eigentlich tut, aber eben nicht nur, denn es gibt diesen Ort zweimal und das zweite Cromford, das von dem hier die Rede sein soll ist tatsächlich im Westen Deutschlands zu finden, genauer gesagt in Ratingen.

Cromford in England
Das englische Cromford heute
By chevin (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons
Heute ist Ratingen eine eher beschauliche Kleinstadt; vor gut 200 Jahren aber war sie der ‚Hotspot‘ der industriellen Revolution auf dem europäischen Kontinent, denn genau hier gründete Johann Gottfried Brügelmann (1750-1802) die Erste mechanisierte Baumwollfabrik des Kontinents – selbstredend nachdem er ausreichend Industriespionage in England betrieben, Bestechungsgelder gezahlt und Fachleute abgeworben hatte. Manches ändert sich eben nie😉
Steht man heute vor dieser Fabrik, dann mag man sie in der Tat für so ziemlich alles halten, aber eben nicht für das, was sie einst war und eigentlich heute noch ist. Denn diese so bedeutsame Fabrik wurde nie so richtig geschlossen, sie wurde nie abgerissen. Sie existiert bis heute – als Museum – und als solches ist sie eine echte Perle, die zum #perlenfischen geradezu einlädt.

Cromford – Herrenhaus; Foto: A. Kircher-Kannemann

Cromford – Die älteste Baumwollspinnerei auf dem Kontinent

Das, was Johann Gottfried Brügelmann hier in den Jahren 1783-1784 begonnen hatte war ein geradezu geheimes Projekt. Es war die Zukunft, die sich bis zu diesem Zeitpunkt auf dem europäischen Kontinent nicht finden ließ. Das Ganze war derart geheim, dass außer den Menschen, die hier arbeiteten und dem Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz (1725-1799), der das Ganze mittels Privileg genehmigt hatte, nahezu niemand von all dem wusste, wie wir einer Tagebuchnotiz einer hessischen Landgräfin aus dem Jahr 1787 entnehmen können, die schrieb:

„Am 3. August besuchten wir eine […] Fabrik, welche durch ihren Betrieb alle übertrifft, die wir bisher besucht hatten. Der Eigentümer derselben zeigt sie aus guten Gründen niemand, selbst seinen Freunden nicht.“
[ Zitiert nach Eckhard BOLENZ: Das Museum in der ersten Fabrik. Notizen zum Konzept der Dauerausstellung, in: Die erste Fabrik, Ratingen-Cromford, hg. v. Landschaftsverband Rheinland Rheinisches Industriemuseum, Schriften, Bd. 11, S. 8-11, hier S. 8.]

Diese Fabrik, die die Landgräfin 1787 besuchte war die erste vollständig mechanisierte Garnproduktion auf dem europäischen Kontinent. Sie besaß die modernsten Maschinen der Zeit, wie die „Water Frame“, die erste funktionsfähige Feinspinnmaschine überhaupt. Hier wurde die erste Massenfertigung von Garn betrieben. Eine Revolution und der Beginn der fabrikindustriellen Produktion.

Aus dieser frühen Zeit, sozusagen den Kinderschuhen der Industriellen Revolution, sind nur wenige Fabriken bis heute erhalten geblieben, was die große Bedeutung erklärt, die Cromford heute zukommt. Sie ist als vollständiges frühindustrielles Ensemble erhalten geblieben und besteht aus dem ersten Fabrikgebäude, frühen Arbeiterwohnungen, dem Kontor, der Fabrikantenvilla und Parks, die die Gesamtanlage vervollständigen.

Dass wir diese Perle heute besichtigen und erleben können, verdanken wir einigen glücklichen Geschehnissen. Zum einen wurde die Brügelmannsche Garnfertigung nahezu 200 Jahre lang ohne größere Unterbrechungen betrieben. Erst im Jahr 1977 wurde die Fabrik geschlossen. Und zum anderen konnte mit Hilfe der Denkmalpflege und der Stadt Ratingen das ursprüngliche Fabrikgebäude sowie das Herrenhaus und die ersten Arbeiterwohnungen vor dem Abriss gerettet werden, so dass der frühindustrielle Kern, das was auf eben jenen Gründer Johann Gottfried Brügelmann zurückgeht, bis heute erhalten blieb.
Damit ist die Cromforder Fabrik im Grunde genommen die Basis der Industriegeschichte in Deutschland und auf dem europäischen Kontinent. Denn die Textilindustrie war es, die dereinst das Tempo und die Richtung der Industrialisierung vorgab. Erst später war es dann die Stahlindustrie, die sie als Motor und Trendsetter ablöste.

 

Das Rheinische Industriemuseum Cromford

Nach der Rettung der Cromforder Fabrik errichtete der LVR hier eine der inzwischen sieben Außenstellen des Rheinischen Industriemuseums. Dabei kommt Cromford eine besondere Bedeutung zu, denn der hier zu besichtigende Teil der Industriegeschichte stellt die Basis für alle weiteren Industriemuseen dar.
Die Restaurierung und der Aufbau des Museums gestalteten sich allerdings durchaus schwierig, denn die frühindustriellen Ursprünge, jene Basis, die ausgangs des 18. Jahrhunderts hier gelegt worden war, war zunächst in den erhaltenen Gebäuden nicht mehr sichtbar. Fabrik und Herrenhaus waren in schlechtem Zustand und das ursprüngliche Aussehen höchstens noch zu ahnen.

    • Bei der Rekonstruktion der Gebäude hat man sich darauf konzentriert und beschränkt den Zustand der frühesten Jahre wiederherzustellen. Das, was wir hier heute sehen zeigt also die Zeit zwischen den Jahren 1780 und etwa 1850. Dabei ist der Museumsbau als solcher gleichzeitig zu einem musealen Objekt geworden, so wie wir es bereits in Xanten erlebt hatten, wo das (allerdings) neu erbaute Museum auf den Grundmauern der antiken römischen Thermen fußt.
    • In Cromford ist es ein ganzes Ensemble historischer Gebäude, das das Museum bildet. Es besteht, wie bereits zuvor gesagt, aus den ältesten Fabrikbauten, den Arbeiterwohnungen und dem Herrenhaus des Fabrikgründers.

 

Die Dauerausstellung im Industriemuseum Cromford

Das große Glück derjenigen, die vor über 30 Jahren begannen die Dauerausstellung im Industriemuseum Cromford zu entwickeln, war die im Grunde unglaublich gute Quellenlage zur Geschichte dieser ersten Fabrik.
Ihr Pech aber war das mangelnde Wissen um die ersten Maschinen, um die eigentliche Technik und um die Menschen, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen.

    • Die Macher standen damals also vor riesigen Herausforderungen, vor allem in Bezug auf die Maschinen, die hier einst ihr Werk verrichteten und die Johann Gottfried Brügelmann zu dem Pionier der Industriegeschichte auf dem europäischen Kontinent machten.
Water-Frame – Die Energie für die „Water-Frame“ und die Vorspinnmaschinen liefert das Wasser der nahegelegenen Anger, © LVR-Industriemuseum
    • Da blieb dann gar keine andere Wahl, als im Grunde genommen das zu tun, was einst Brügelmann schon getan hatte: den Blick nach England zu wenden und „Industriespionage“ zu betreiben. Diesmal allerdings ganz legal.
Vorspinnmaschine – Hier wird die Baumwolle geschlagen, gereinigt, kardiert, gestreckt und zu einem lockeren Vorgarn verdreht, © LVR-Industriemuseum
      • Im Higher Hill Museum in Helmshore gab es nämlich noch einen originalen Satz jener Spinnmaschinen, die auch in der Brügelmannschen Fabrik einst gestanden hatten.
      • Ja, und manchmal kann sich ein Mangel auch als Glück erweisen, denn während in Helmshore die Maschinen nicht betrieben werden dürfen, weil sie eben Originale sind, dürfen die Ratinger Nachbauten regelmäßig rattern und dem Besucher den Lärm deutlich vor Ohren führen, der dereinst vor über 200 Jahren schon hier herrschte. Und sieht man die Maschinen in Aktion, dann wird klar wie schwer und gefährlich die Arbeit hier gewesen ist, vor allem für die Kinder, die einen großen Teil der Belegschaft bildeten.
      • Sie wurden gebraucht, nicht nur, weil sie billige Arbeitskräfte waren, sondern auch, weil sie als Einzige in manche Teile der Maschinen kriechen konnten, um sie zu reinigen oder zu reparieren.
      • Es ist ein großes Anliegen der Ausstellungsmacher das Leben und die Arbeitsbedingungen der Kinder und Erwachsenen aufzuzeigen, die hier im 18. und frühen 19. Jahrhundert ihr Brot erwarben und dies gelingt auf eindrückliche Weise.

Mehr über das Museum und die Fabrik gibt es in diesem Video vom LVR-Industriemuseum Cromford:

Das Cromforder Herrenhaus

Ganz anders sieht die Welt im Herrenhaus aus. Hier begegnet uns die Welt des reichen, bürgerlichen Frühindustriellen, der das durch seine Fabrik verdiente Geld ausgab, indem er sich einen durchaus luxuriösen Lebensstil leistete und in der näheren und weiteren Umgebung Adelssitze aufkaufte, die ihm Sitz und Stimme im Landtag sicherten und ihn i die absolute High Society des Herzogtums Berg aufsteigen ließen.

        • In seiner Gestaltung erinnert dieses Herrenhaus, das Johann Gottfried Brügelmann hier errichten ließ beinahe an ein kleines Sommerschlösschen. Stilistisch nimmt es den Spätbarock auf und ahmt so verschiedene Stadtschlösser vor allem in Düsseldorf nach, die in ähnlicher Zeit entstanden.
Kabinett – In immer neuen Räumen lässt sich die Lebenswelt der Fabrikantenfamilie erfahren. An großen Salons schließen sich kleine Kabinette an, © LVR-Industriemuseum
      • Hier kann man das Leben der der Unternehmerfamilie in den Jahren 1782 bis 1846 nachvollziehen, vom repräsentativen Salon bis hinauf in die Schlafräume und Dienerkammern. 14 Räume sind es insgesamt, verteilt auf 320 Quadratmetern, die den Besucher hier empfangen und ihn Einblick nehmen lassen in das herrschaftliche Leben der nicht mehr ganz so frühen Neuzeit.
Gartensaal – Der fast kreisrunde Gartensaal präsentiert dem Besucher eine große klassische Landschaftsmalerei, © LVR-Industriemuseum
        • Besonderes Highlight der Dauerausstellung im Herrenhaus ist der Gartensaal. Er erstreckt sich über zwei Stockwerke, ist annähern kreisrund und mit Landschaftsmalereien verziert. Im Grunde eine Miniaturausgabe des Kuppelsaals im gar nicht so weit entfernten

Schloss Benrath

        • , das nur knapp 30 Jahre zuvor dort von Kurfürst Carl Theodor errichtet worden war.
        • Regelmäßige Sonderausstellungen runden das Cromforder Industriemuseum ab.

Hier wird vor allem die textile Geschichte zum Mittelpunkt des Geschehens gemacht. So etwa in der Ausstellung „Die Macht der Mode“, die vor einiger Zeit hier zu sehen war und die vor allem die Entwicklung und Geschichte der Damenmode in der Zeit zwischen dem Kaiserreich und der Weimarer Republik zum Thema hatte oder auch die am 21. Mai startende Sonderausstellung „Deutsche Strumpfdynastien. Maschen, Mode, Macher“, die die Strumpfmode der letzten 200 Jahre beleuchten wird.

Das Industriemuseum Cromford ist Dienstag – Freitag von 10 – 17 Uhr und Samstag und Sonntag von 11 – 18 Uhr geöffnet.
Zu finden ist die Textilfabrik Cromford auf der Cromforder Allee 24 in 40878 Ratingen.
Ich wünsche viel Freude beim Entdecken dieser Perle!

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5 Antworten auf „#perlenfischen in der ersten Fabrik“

  1. Das ist ja ganz wunderbar, dieser Bericht hilft mir sehr. Das Museum steht auch auf meiner Besuchswunschliste, nun habe ich gleich einen viel besseren Eindruck, was mich erwartet. Macht der Mode hätte ich auch gern gesehen, in D gibt es ja nicht so viele Ausstellungen zu Textilthemen.

    1. Das freut mich, dass der Bericht gefallen hat und weiterhilft.
      Ja, es gibt in der Tat nur recht wenige textile Themen in Ausstellungen, dabei finde ich sie auch immer wieder ausgesprochen spannend, denn Mode und Textilien sagen viel über die Geschichte und die Menschen aus. Man sollte sich wirklich häufiger mit diesen Themen beschäftigen.
      Ich fand übrigens auch Deinen Artikel in der Blogparade #perlenfischen sehr spannend. Tolles Blog und spannende Textilgeschichten. Ich werde sicher demnächst häufiger mal bei dir “vorbeischauen”.

      Herzliche Grüße
      Anja

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