Gelduba – „Abenteuer Großgrabung“

Sonderausstellung im Museum Burg Linn – Krefeld

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Gelduba, werden die meisten von Ihnen wahrscheinlich fragen, wo das denn sei und vor allem was das sei?

Gelduba ist der heutige Krefelder Ortsteil Gellep und viel mehr. Gelduba ist ein Schlachtfeld des Bataveraufstandes im Jahr 69 n. Chr. Gleichzeitig war Gelduba ein römischer vicus – ein Dorf und auch ein römisches Kastell. Noch bekannter aber: Gelduba ist auch das größte archäologisch erschlossene Gräberfeld nördlich der Alpen mit rund 6.500 Gräbern, die von der Eisenzeit bis hinein ins 8. Jahrhundert reichen.

Eigentlich sind das mehr als genug Gründe, um diesen Ort bekannt und berühmt zu machen. In Fachkreisen ist er das auch. Dass dieser Ort auch für historisch und archäologisch interessierte Laien präsenter und bekannter wird, dafür sorgt nun hoffentlich eine neue Sonderausstellung im Archäologischen Museum Burg Linn in Krefeld.


Luftbild der Ausgrabungsfläche "Gelduba" - Krefeld-Gellep Sommer 2017
3,7 Hektar Geschichte – Die Ausgrabungsfläche in “Gelduba” im Sommer 2017

Die Großgrabung in Gelduba – eine lange Geschichte

Seit den 1930er Jahren wird in Krefeld-Gellep, dem ehemaligen Gelduba, systematisch gegraben. Der erste Ausgräber war Albert Steeger, seines Zeichens Geologe und Rektor einer Krefelder Schule. Seine Begeisterung für den Ort, seine Geschichte und die Funde veranlasste ihn 1936 den Schuldienst zu quittieren und sich ganz der Ausgrabung und dem Aufbau eines archäologischen Museums zu widmen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1959 ergrub er weiter Teile des Gräberfeldes und auch des ehemaligen Kastells. Nach ihm übernahm Renate Pirling die Ausgrabung und betreute sie bis zu ihrer Rente im Jahr 1944 und auch noch darüber hinaus. Ihr folgte Christoph Reichmann nach, der bis 2015 verantwortlich war für die Grabungen in Gelduba und für das Museumszentrum Burg Linn. Ihn finden wir auch in der jetzigen Ausstellung wieder, denn er hat die großformatigen Bilder geschaffen, die das tägliche Leben der Menschen von der Eisen- bis zur Römerzeit farbig und lebendig werden lassen.

Die Nachfolge Reichmanns als Verantwortlicher für die Großgrabung Gelduba trat Hans-Peter Schletter an, der auch die Grabungskampagne 2017/18 leitete, die den Mittelpunkt der neuen Sonderausstellung darstellt. Mit bis zu 40 Leuten haben sie in dieser Kampagne gegraben und zum Teil sensationelle Funde ans Tageslicht geholt. Diese Grabung war die größte der Krefelder Stadtgeschichte. Im April 2017 begann man mit den Grabungen, die insgesamt 10 Monate dauerten. 3,7 Hektar groß war das Areal. Rund 90.000 Funde hat man geborgen. Sie stammen aus der Zeit zwischen etwa 800 v. Chr. und 500 n. Chr. Sie stehen im Zusammenhang mit eisenzeitlichen Hügelgräbern, dem Kastell Gelduba, dem Schlachtfeld der Bataverschlacht des Jahres 69 und einem römischen vicus.


eisenzeitliche Urne - Gräberfeld Krefeld-Gellep
Eine eisenzeitliche Urne mit Beigabe aus einem Hügelgrab in Krefeld-Gellep
Foto: A. Kircher-Kannemann

„Abenteuer Großgrabung“ – ein Blick in die Ausstellung

Am Beginn der Ausstellung steht ein kurzer Einblick in die Arbeit der Archäologen und Restauratoren, die, wie der Stadtarchäologe und Ausstellungsmacher Hans-Peter Schletter erklärt, wenig mit Indiana Jones und Terra X zu tun hat, denn geprägt ist ihre Arbeit in aller Regel von Zeitnot und zu wenig Personal. Für die gut 90.000 Funde, die die Grabungskampagne 2017-18 zutage förderte, gibt es gerade einmal eine hauptamtliche Restauratorin, die gemeinsam mit einer Hilfskraft geradezu Wunder wirkt.

Die zweite Abteilung der Ausstellung ist den eisenzeitlichen Funden gewidmet. Den Funden, die aus Hügelgräbern geborgen wurden. Zeitlich reichen sie von etwa 800 bis 450 v. Chr. In den Hügelgräbern fand man Urnen mit Leichenbrand. Nur selten finden sich Beigaben und wenn, dann sind es nur kleine Keramikgefäße. Über das Leben der Menschen in diesen Jahrhunderten berichtet Schletter, dass sie in Einzelgehöften lebten. Dörfer und größere Ansiedlungen gab es nicht und nach einigen Jahren zogen die Menschen weiter an den nächsten Ort. Um so erstaunlicher, dass sie aber ihre Bestattungsorte beibehielten. Über Jahrhunderte hinweg kamen die Menschen der Eisenzeit immer wieder an den gleichen Ort zurück, um ihre Toten zu bestatten. Nicht ihre Dörfer und Siedlungen, sondern die Hügelgrabanlagen waren die Identifikationsorte der eisenzeitlichen Menschen, wie Schletter betont.


Die Römerzeit in Gelduba – von Schlachtfeld, vicus und Kastell

Den weitaus größten Teil der Sonderausstellung „Abenteuer Großgrabung“ nimmt die römische Zeit ein. Für diese Zeit ist die Ausstellung grundsätzlich in zwei Bereiche gegliedert: Im ersten Teil geht es um ein „vicus“ in Gelduba. Als „vicus“ bezeichnet man eine Siedlung mit kleinstädtischem Charakter insbesondere in den nördlichen Provinzen des Römischen Reichs. Den Mittelpunkt, vor allem den wirtschaftlichen Mittelpunkt solcher Siedlungen bildeten verschiedene Gewerbe und Handwerksbetriebe. Sie waren in sogenannten „Streifenhäusern“ untergebracht, wie Eric Sponville erläuterte, der seine Dissertation über den nördlichen vicus Gelduba schreibt.

Diese Streifenhäuser sehen wir auch auf einem der großformatigen Bilder Christoph Reichmanns und in den Vitrinen darunter dann die Dinge, die von den Handwerkern einst produziert wurden und die von den Archäologen wieder ans Tageslicht geholt wurden. Schlüssel, Scheren, Zangen, Schwertklingen sind zu sehen, ebenso wie Werkzeuge, Maurerkellen, sogar ein Rasensodenstecher und Pferdegeschirre. Besonders sind die Beschläge für ein „Schatzkästlein“ und die Keramik. Vor allem eine Terra Sigillata Schale fällt ins Auge in die ein Römer namens Marinus einst seinen Namen einritzte und die Information, dass er Soldat der zweiten Turma war, einer Reitereinheit.

Darüber hinaus fand man einen Töpferofen. Das besondere ist, dass darin noch Reste von Fehlbränden zu finden waren und diese korrelieren mit Funden aus dem riesigen Gräberfeld Gelleps. So greift das eine ins andere und fast 90 Jahre Forschung führen zu einem Gesamtbild, dass uns längst vergangene Geschichte wieder lebendig vor Augen führen kann.

Auch eine traurige Geschichte wird uns erzählt von einem kleinen Hund, nur wenige Monate alt, der sich auf der Suche nach einem warmen und geschützten Ort in eine Darre verkroch. Darren waren dazu gedacht Obst und andere Lebensmittel zu Trocknen und so haltbar zu machen. Offenbar entfachte jemand das Feuer für die Darre, während der kleine Hund dort seinen Unterschlupf hatte. Er starb wohl an einer Kohlenmonoxidvergiftung.


Gelduba – die Bataverschlacht und Tacitus

„Caedes inde, non proelium“[1] – „Darauf folgte ein Schlachten, keine Schlacht“, so beschrieb der römische Geschichtsschreiber Tacitus das Geschehen rund um die Bataverschlacht des Jahres 69 n. Chr.

In Gellep können wir diese Schlacht nachvollziehen wie an keinem anderen Ort. Hier fand eine Schlacht auf römischem Territorium statt und die Römer gewannen die Schlacht, wen auch eher durch Zufall. Nichts wurde geplündert und der Bereich der Schlacht nie wirklich überbaut. So finden sich die Reste der Schlacht gut erhalten und vor allem in großer Vielfalt im Boden.

Da ist das Skelett eines toten Pferdes, auf dem Rücken liegend, in einen Graben geschoben. Insgesamt 15 solche Pferdeskelette förderte die Grabung zutage. Menschliche Skelette finden sich nicht. Die Leichen der römischen Soldaten wurden vom Schlachtfeld geholt und verbrannt, so wie es Brauch war in Rom.

Die Schlachtfeldarchäologie ist eine recht junge Wissenschaft, zumal in Deutschland. Sie findet sich noch und mit dem Schlachtfeld von Gelduba einen ihrer wichtigsten Orte für die Römerzeit. Der Grund: Hier gibt es Funde, die sonst eher selten oder gar nicht vorhanden sind.

Einer dieser Funde (genau genommen sind es zwei) ist ein Helm. Bereits im Jahr 1988 war ein römerzeitlicher Helm gefunden worden. Er gab einige Rätsel auf, denn die Wangenteile waren abgebrochen. 2018 fand man einen nahezu identischen Helm. Endlich machte der erste Helm einen Sinn. Sein Zustand war kein Zufall. Die Wangenteile waren absichtlich abgetrennt und gefaltet worden. Der Grund dafür scheint in einer rituellen Handlung zu suchen zu sein.

Von besonderer Bedeutung für die Schlachtfeldarchäologie sind auch die Hinweise auf „Trophaea“ römische Siegeszeichen, die nach einer Schlacht aufgestellt wurden. Sie sind Deutschland einzigartig und sonst nicht nachweisbar.


Gelduba und kein Ende

Bis die 90.000 Funde dieser Großgrabung der Jahre 2017 und 2018 alle gesichtet, restauriert und bearbeitet sind, wird es wohl noch Jahre dauern. Betrachtet man den Zustand vieler Funde, so wird wohl noch einiges spektakuläre zu erwarten sein, wenn man die eigentlichen Gegenstände aus den zum Teil unscheinbaren Klumpen herausgefiltert hat.

Hans-Peter Schletter jedenfalls hofft, dass er in Zukunft noch mehr spannende Funde der Öffentlichkeit zugänglich machen kann und so der Geschichte Geldubas noch mehr Leben und Farbe einhauchen.

Die am 10. November eröffnete Ausstellung „Abenteuer Großgrabung“ ist ein erstes Kapitel, dem hoffentlich noch viele weitere folgen werden.

Sonderausstellung
„Abenteuer Großgrabung. Gräberfeld, Bataverschlacht und Römersiedlung“

Dauer: 10.11.2019 – 20.09.2020

Museum Burg Linn
Rheinbabenstrasse 85
47809 Krefeld

Öffnungszeiten
01. April – 31. Oktober 10:00-18:00 Uhr
01. November – 31. März 11:00-17:00 Uhr


[1] Tacitus, Historien IV, 33.


Beitragsbild:
“Abenteuer Großgrabung”
Die tägliche Arbeit der Archäologen –
Foto: A. Kircher-Kannemann

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