Grenzenloser Landfriede – ein Besuch im Reichskammergericht – 3. #Kulturwoche: Samstag

Fehden waren im 15. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation etwas vollkommen Normales. Sie waren quasi an der Tagesordnung. Zwar gab es irgendwie ein übergeordnetes Recht, aber es wurde nicht durchgesetzt und wahrscheinlich wussten viele nicht einmal davon und wenn, dann interessierte es nicht wirklich.

Die Situation konnte und sollte so nicht bleiben, so der Wille des Kaisers. Er wollte, dass Frieden herrschte in seinem Reich – sozusagen ein grenzenloser Landfriede. Es sollte eine Instanz geben, die diesem Frieden zum Recht verhalf und auch zur Durchsetzung.

Grabmal des Götz von Berlichingen – Abguss im Reichskammergerichtsmuseum Wetzlar
Foto: A. Kircher-Kannemann

Maximilian I. (1459-1519), berühmt geworden als der letzte Ritter, ab 1486 römisch-deutscher König und ab 1508 auch Kaiser, war es, der diese Idee in die Tat umsetzte. Im Jahr 1495 gründete er das Reichskammergericht. Neben dem Reichshofrat fungierte dieses Gericht seit den Tagen seiner Gründung bis zur Niederlegung der Reichskrone durch Kaiser Franz II. im Jahr 1806 als oberste Gerichtsinstanz des Römisch-Deutschen Reiches.

Seinen Sitz hatte es im Laufe der Jahrhunderte an vielen Orten. Eingerichtet wurde es zunächst in Frankfurt am Main, zog dann nach Worms, von dort nach Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Speyer und Esslingen am Neckar, um dann letztlich 1689/90 in Wetzlar anzukommen, wo es bis zu seinem Ende 1806 auch blieb.


Das Reichskammergerichtsmuseum in Wetzlar

Juristerei und Gerichtswesen sind nicht unbedingt die Themen, die Mensch vom Hocker reißen. Und ein Museum über die Geschichte eines Gerichts erscheint im ersten Augenblick nicht unbedingt nach einem Museum, dass man unbedingt gesehen haben sollte. Mich verschlug es aus zwei Gründen ins Reichskammergerichtsmuseum: zum einen wollte ich es der Vollständigkeit halber gesehen haben, wo ich einmal in Wetzlar war und zum anderen war ich auf den Spuren eines Mannes unterwegs, der sich einmal ganz kurz an das Gericht verirrt hatte. Wer in den letzten Wochen das Blog gelesen hat oder den Herrn bzw. Wetzlar kennt, der weiß jetzt wohl von wem ich rede: Johann Wolfgang Goethe.

Ja, wo hat er sich denn eingeschrieben? Goethes Immatrikulation beim Reichskammergericht in Wetzlar
Foto: A. Kircher-Kannemann

Ja, der war eigentlich Jurist und Wetzlar nicht so sehr weit von Frankfurt am Main entfernt, da lag es nahe, ein Praktikum am Reichskammergericht zu machen. Zumal der Herr Papa es so wünschte. Am 10. Mai 1772 kam der junge Goethe hier an und trug sich in die Matrikel des Gerichts ein. Juristerei aber war ein trockener Stoff, zu trocken für den jungen Goethe, stattdessen amüsierte er sich lieber, erkundete die Natur und traf sich mit einer gewissen jungen Dame. Als Goethe bereits am 11. September 1772 Wetzlar wieder verließ ahnte wohl niemand, dass sowohl diese gewisse junge Dame namens Charlotte, als auch ein Legationssekretär des Reichskammergerichts namens Karl Wilhelm in gar nicht ferner Zukunft in die Weltliteratur Einzug halten sollten.

Aber ich schweife ab …

Der erste Tagungsort des Reichskammergerichts in Wetzlar war das ehemalige Rathaus der Stadt. Ein schönes, wenn auch inmitten all der wunderschönen Bauten Wetzlars ein eher unauffälliges Gebäude, zentral am Dom gelegen. Hier kann der heutige Besucher Wetzlars wunderbar sitzen und einen Kaffee und sehr leckeren Kuchen genießen. Eine Tafel an der Fassade weist auf die ehemalige Bedeutung und Funktion des Gebäudes hin.

1756 zog das Reichskammergericht dann direkt an den Domplatz und von dort 1782 in das Ingelheim’sche Palais. Das Museum jedoch befindet sich in keinem dieser drei Gebäude, sondern im Palais des ehemaligen Kammergerichtsassessors Johann Hermann Franz von Pape – ein dreistöckiges Gebäude voll mit Geschichte und Geschichten über das Reichskammergericht und die Menschen, die mit ihm zu tun hatten.

Im Gebäude befindet sich auch die Forschungsstelle zur Geschichte des Reichskammergerichts, die vom Land Hessen und der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main unterhalten wird. Da ist er also schon wieder da, der Herr Goethe.

Und ja, man findet ihn auch im Reichskammergerichtsmuseum, auch wenn er damals eher durch Abwesenheit glänzte. Und man findet nicht nur ihn, man findet auch so manch anderes Mitglied der Familie in diesem Museum wieder, wenn man nur genau schaut.

Ja, ich gebe zu, es ist ein wenig speziell dieses Museum und wer ein Museum sucht in dem er mit, womöglich mit seinen Kindern, einen schönen Nachmittag verbringen kann, der ist hier wohl auch falsch. Für mich allerdings war es eines der spannendsten Museen, die ich je besucht habe. Nun gut, ich bin Historikerin und von daher eh ein wenig „anders“, aber wenn man die Exponate auf sich wirken lässt, sich die Zeit nimmt die Texte zu lesen, dann taucht man ein in die Lebenswelt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation und entdeckt so manches Verborgene und Überraschende. Um beim Thema der Kulturwoche zu bleiben: man übertritt die Grenze in eine andere Zeit und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Also trauen Sie sich einfach mal in dieses etwas andere Museum. Es ist auch ganz risikolos, denn am Eingang heißt es: „Pay what you want“.


Beitragsbild:
Wappenschild des Reichskammergerichts – Foto: A. Kircher-Kannemann

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