Eine tragische Gestalt, eine unglückliche Liebe und Weltliteratur – 2. #Kulturwoche: Mittwoch

Erinnern Sie sich noch an das Lottehaus, das wir gestern besuchten? – Wir verlassen es nun und gehen ein wenig weiter durch die Stadt. Lotte aber wird uns irgendwie begleiten. Lotte wohlgemerkt, nicht Charlotte Buff, denn die hat mit der folgenden Geschichte eigentlich rein gar nichts zu tun, außer, dass sie – vollkommen ungewollt – irgendwie zur Vorlage für diese Lotte wurde.

Karl Wilhelm Jerusalem, ca. 1770 – gemeinfrei via Wikimedia Commons

Beim Gang durch die Stadt gibt es viel zu sehen, wunderschöne alte Häuser, viele Museen (diese Stadt ist ein Dorado für alle Museums-Fans), kleine Cafés, es wird nicht langweilig und die Augen sind ständig beschäftigt. Die Beine übrigens auch und die sollten tatsächlich halbwegs fit sein, wenn man durch diese Stadt läuft. Das ist der einzige Haken an Wetzlar: für Fußkranke ist es der falsche Ort, denn es geht ständig bergauf und bergab und das zum Teil auch reichlich steil. – Wer weiß, vielleicht mochte der gute Herr Goethe die Stadt ja auch deshalb nicht, vielleicht waren die Fußmärsche ihm schlicht zu anstrengend in dieser Stadt. Verstehen könnte ich es irgendwie, auch wenn er ja noch reichlich jung war, als er einst hier lebte und seine Generation viel eher ans Laufen gewöhnt war als ich Schreibtischtäterin.

Aber lassen Sie uns eben noch an unser heutiges Ziel laufen, vorbei am Palais Papius, das eine Sammlung von Wohnkultur aus Renaissance und Barock beherbergt und am Reichskammergerichtsmuseum.
Ja, wir hätten auch hier schon anhalten können und uns diese Museen anschauen, aber wir wandeln auf Goethes Spuren und außerdem haben wir Lotte dabei, also gehen wir noch ein ganz kleines Stück und stehen vor einem Fachwerkhaus. Es sieht aus wie viele andere Fachwerkhäuser dieser Stadt. Es fällt nicht wirklich auf und dennoch ist es ganz besonders.


Goethe empfängt uns am Eingang des Jerusalemhauses in Wetzlar – Foto: A. Kircher-Kannemann

Ein Besuch im Jerusalemhaus in Wetzlar

Das Fachwerkhaus mit seinem rötlichen Ständerwerk, vor dem wir stehen, ist das Jerusalemhaus. Hier einzutreten ist nicht ganz so einfach wie beim Lottehaus. Man ist nicht so ganz auf Besucher eingestellt, wenn man auch ausgesprochen gastfreundlich ist. Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn die Tür verschlossen ist, obwohl das Haus offiziell geöffnet ist. Klingeln Sie einfach, man wird Ihnen auftun und eine freundliche Stimme wird sagen: „Kommen Sie bitte nach oben.“

Wir sind in Wetzlars kleinstem Museum gelandet und in Sachen „Kleinheit“ könnte dieses Museum sicherlich auch international durchaus Preise gewinnen. Gerade einmal zwei kleine Räume gibt es. Die aber haben es in sich, denn in ihnen ist Geschichte geschrieben worden. Es war sogar Weltgeschichte, die geschrieben wurde, literaturhistorisch betrachtet zumindest, wenn dies auch sicherlich nicht geplant war.

Ein netter Herr hat uns in Empfang genommen und geleitet uns in diese beiden so besonderen Räume. Es ist die ehemalige Wohnung des Karl Wilhelm Jerusalem.
Vielleicht sagt Ihnen der Name nicht sofort etwas, obwohl der junge Mann, der nur 25 Jahre alt wurde, die Hauptfigur eines der wohl erfolgreichsten Bücher der Weltgeschichte wurde.
Bekannt wurde Karl Wilhelm Jerusalem als ‚Werther‘. Ja, richtig: Goethes „Leiden des jungen Werthers“.


Das Sterbebett des Karl Wilhelm Jerusalem – Foto: A. Kircher-Kannemann

Von Karl Wilhelm Jerusalem zu „Werther“

Wie der junge Herr Jerusalem zum Werther wurde, fragen Sie?
Nun, Johann Wolfgang Goethe und Karl Wilhelm Jerusalem kannten sich. Beide arbeiteten in Wetzlar am Reichskammergericht. Gemocht haben sie sich wohl nicht oder vielleicht war es auch eine ausgesprochen ambivalente Gefühlslage, die sie verband; Anerkennung gemischt mit Ablehnung. Wer weiß es schon.

Während der junge Goethe sich in Wetzlar nur ein wenig unglücklich in die junge Charlotte verliebte, die wir gestern besucht haben, verliebte sich der junge Jerusalem sehr unglücklich. Dummerweise verliebte er sich auch noch in eine verheiratete Frau! Das konnte nicht gut gehen, vor allem nicht, als die dies ihrem Ehemann erzählte, der – noch dümmererweise – auch noch reichlich viel Einfluss hatte. Jerusalem war eh nicht besonders beliebt und die erhoffte Karriere am Reichskammergericht in weite ferne gerückt und nun auch noch dieser Skandal. – Man kann verstehen, dass Jerusalem nach all dem nur noch wenig Chancen für seine Zukunft sah.
Heute würde er vielleicht in eine Psychotherapie gehen oder schlichtweg auswandern. Damals aber sah er keinen anderen Ausweg als sich zu erschießen. Das tat er. In der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober 1772 versuchte er seinem Leben ein Ende zu machen und schoss sich in den Kopf. Er war nicht gleich tot. Einige Freunde konnten noch von ihm Abschied nehmen, aber der herbeigerufene Arzt konnte nichts mehr für ihn tun.

Diese tragische Geschichte und die unglückliche Verliebtheit zu Charlotte Buff waren es, die Goethe zu den „Leiden des jungen Werthers“ inspirierten, die zwei Jahre später auf der Michaelismesse in Leipzig erstmals dem Publikum vorgestellt wurden.

Seither gilt dieses Buch als Schlüsselroman einer ganzen Epoche und soll für unzählbare Selbstmorde unglücklich Verliebter verantwortlich sein.


Schreibtisch mit Waffe und aufgeschlagener “Emilia Galotti” – Jerusalemzimmer Wetzlar – Foto: A. Kircher-Kannemann

Das Jerusalemzimmer in Wetzlar

Der nette Herr übrigens, der uns in Empfang genommen hat, zeigt uns die beiden Räume, in denen Jerusalem gelebt hat und gestorben ist. Er erzählt uns die Geschichte Jerusalems, die Geschichte des Briefromans von Goethe, die Geschichte von Charlotte und viele kleine Geschichten drumherum. Wir sehen den Schreibtisch an dem Jerusalem saß, als er sich erschoss, das aufgeschlagene Buch, das Bett, das zum Sterbebett wurde.

Und wir sehen, dass Karl Wilhelm Jerusalem durchaus nicht als einer der berühmtesten Selbstmörder in die Weltgeschichte hätte eingehen müssen. Er hätte auch ein wichtiger Philosoph werden können, aber das ist eine andere Geschichte.

So klein wie dieses Museum ist, so beeindruckend ist es und man verlässt nachdenklich und auch bewegt.

Von Karl Wilhelm Jerusalem zu den “Leiden des jungen Werther” – Lottehaus Wetzlar – Foto: A. Kircher-Kannemann

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