Lassen Sie uns Geschichten erzählen oder Ein Plädoyer für’s Storytelling

Wissenschaftliches Bloggen oder zumindest Bloggen über wissenschaftliche und kulturelle Themen ist immer mal wieder ein Streitthema: Da gibt es die Gruppe, die sagt, dass Bloggen automatisch unwissenschaftlich ist, weil es ja keine Qualitätskontrolle gibt und da ist die andere Gruppe, die das Internet und speziell das Bloggen als Chance versteht, als Chance andere Menschen zu erreichen, Zielgruppen zu finden, an die man bisher nicht wirklich herankam und somit auch Wissen deutlich breiter und weiter unter die Menschheit zu tragen.

Irgendwie gelten demnach Internet und Soziale Medien als Fluch und als Segen zugleich, zumal sie dem studierten Geisteswissenschaftler Fähigkeiten abverlangen, die man ihm klassischerweise nicht unbedingt zuschreibt.

Aber wenn man sich die Sache einmal genau betrachtet und sich den Luxus erlaubt ein klein wenig in die Vergangenheit zu schauen und ggf. um die Ecke zu denken, dann wird eine eigentlich enge Beziehung zwischen dem Internet, insbesondere dem (wissenschaftlichen) Bloggen und einer langen Tradition in den Geisteswissenschaften, speziell dem Fach Geschichte, deutlich.

Theodor Mommsen
Theodor Mommsen by Louis Jacoby (1828—1918) (Deutsche Fotothek, Nr. df_0078580) [Public domain], via Wikimedia Commons

Storytelling heißt auch „Geschichte(n) erzählen“!

Wenn Sie eine Geisteswissenschaftlerin oder ein Geisteswissenschaftler sind, dann schauen Sie jetzt wahrscheinlich irritiert und fragen sich, welche Verbindung ich denn da wohl um Himmels willen konstruieren möchte.

Ich spanne Sie mit der Antwort auch nicht lange auf die Folter: Es ist das Storytelling!

Frühere Generationen von GeisteswissenschaftlerInnen, speziell von HistorikerInnen, erzählten Geschichte(n). Natürlich taten sie das auf einer wissenschaftlichen Basis, aber sie erzählten eben primär Geschichte(n). Nicht umsonst erhielt der berühmte und bis heute unvergessene Historiker Theodor Mommsen im Jahr 1902 den Literaturnobelpreis für seine „Römische Geschichte“. Die war eben nicht nur ein wissenschaftliches Werk, die war auch schön geschrieben (auch wenn das natürlich im Auge des jeweiligen Lesers liegt).

Irgendwie haben wir – ich spreche mal für meine ureigene Zunft – HistorikerInnen diese Fähigkeit und diesen Mut auch einfach mal Geschichte(n) zu erzählen, in den letzten Jahrzehnten teilweise verloren. Irgendwie fingen wir an das Erzählen von Geschichte(n) als unwissenschaftlich zu betrachten. Irgendwie hielt immer mehr – vor allem – soziologisches Vokabular Einzug in unsere Texte, was sie irgendwie wissenschaftlicher klingen ließ, sie aber leider auch für den berühmten Otto-Normal-Verbraucher quasi unlesbar machte und immer noch macht.

Natürlich gab es auch immer Ausnahmen von dieser Regel. Eine der Ausnahmen, die mir in dieser Hinsicht immer wieder einfallen, ist Wilhelm Treue und sein Buch „Eine Frau, drei Männer und eine Kunstfigur“. Das ist ein schön zu lesendes Buch (finde zumindest ich) und es vermittelt historisch fundiertes Wissen auf angenehm zu lesende Art. Es erzählt eben fünf Geschichten; fünf Lebensgeschichten, um genau zu sein, die ein Zeitalter zum Leben erwecken und so historisches Wissen vermitteln.

In Zeiten, in denen man uns GeisteswissenschaftlerInnen immer wieder attestiert und suggeriert, dass wir eigentlich überflüssig sind, scheinen wir dies mit immer komplizierteren Formulierungen und Wortschöpfungen kompensieren zu müssen. Diese haben im rein wissenschaftlichen Kontext auch sicher ihren Sinn und ihre Berechtigung, um komplizierte Sachverhalte angemessen und präzise zu beschreiben.

Warum aber erobern wir uns die alte Fähigkeit des Erzählens nicht zurück? Warum stehen wir nicht dazu, dass man komplizierte Sachverhalte auch einmal „einfach“ ausdrücken kann? Warum kann man nicht auf der einen Seite „reine Wissenschaft“ und auf der anderen Seite „Populärwissenschaft“ betreiben?

 

Wilhelm Treue
Wilhelm Treue „Eine Frau, drei Männer und eine Kunstfigur“, Scan des Titels

Sei mutig! Tell Stories!

Und genau hier schlagen wir den Bogen zu Internet und Social Media, denn hier ist diese Fähigkeit des „Storytelling“ gefragt.

Die Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Internetnutzers beträgt etwa 8 Sekunden (klingt ernüchternd, ist aber so und liegt damit exakt 1 Sekunde unter der eines Goldfisches, was zugegebenermaßen noch ernüchternder klingt). In eben diesen 8 Sekunden entscheiden sich Wohl und Wehe eines Artikels, einer Internetseite oder eines Blogs: Wenn Sie es schaffen den Nutzer (heute nennt man ihn „User“) in diesen 8 Sekunden mit ihrer „Story“ zu fesseln, dann haben Sie schon fast gewonnen, schaffen Sie es nicht, dann ist er weg und zwar meist für immer.

Sicherlich ist Storytelling nicht die allein seligmachende Lösung und sicherlich ist nicht jede erzählte Geschichte gleichzusetzen mit dem „Storytelling“, das die Internetfachleute meinen, wie auch schon Angelika Schoder im April 2016 schrieb. Sie ging eher hart mit dem Begriff ins Gericht und versuchte zum einen über den Begriff und seine Bedeutung aufzuklären und überdies und vor allem auch Alternativen aufzuzeigen. Alternativen, die Museen und anderen Kulturinstitutionen, aber auch uns GeisteswissenschaftlerInnen zur Verfügung stehen, um Menschen für unsere ureigenen Themen zu begeistern.

Ähnlich kritische Worte fand übrigens auch Susanne Maier. So ist es halt mit jedem Hype: auf längere Sicht erzeugt er irgendwann ganz unweigerlich einen Gegenhype.

Beiden möchte ich allerdings insoweit zustimmen, als dass der Begriff inzwischen in der Tat inflationär gebraucht wird, vielfach auch ohne zu verstehen, was er eigentlich in unterschiedlichen Zusammenhängen meint. Dies bedeutet meiner Ansicht nach aber nicht, dass man den Begriff als solchen verdammen oder die mit ihm in Verbindung stehenden Methoden ad acta legen sollte.

Deshalb möchte ich hier auch ganz unmissverständlich erklären, dass ich den Begriff des „Storytellings“ in diesem Beitrag deutlich weiter gefasst verstehe und eben nicht nur im eigentlichen Sinne des Internet-Fachbegriffs. Mir geht es wirklich um das „Geschichten-Erzählen“ und das, wenn möglich in verständlicher und spannender, vielleicht auch humoristischer, ironischer oder auch mitfühlender Art.

 

 

Storytelling ist nicht unwissenschaftlich

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte Fachtermini hier keine Absage erteilen, ganz im Gegenteil. Sie haben ihre Berechtigung und vielfach sind sie notwendig, um Sachverhalte präzise darstellen zu können. Aber: man kann sie auch erklären. Man kann Sachverhalte auch so darstellen, dass der Nicht-Fachmann oder die Nicht-Fachfrau sie versteht.

So zu schreiben würde uns die Möglichkeit eröffnen – gerade in diesen prekären Zeiten, in denen wieder viele Menschen den populistischen Rattenfängern auf den Leim zu gehen drohen – breitere Bevölkerungsschichten zu erreichen und so viele Geschichten aus der Welt zu räumen, die neuerdings nur zu gerne verharmlosend als „alternative facts“ bezeichnet werden.

Allgemeinverständlich zu schreiben, Menschen zu begeistern, auch mal ein wenig ironisch zu sein, die Menschen zum Schmunzeln zu bringen oder auch zum Lachen, das ist nicht zwingend gleichbedeutend mit Unwissenschaftlichkeit.

In diesem Sinne: Versuchen wir doch einfach mal wieder die Geschichte der Menschen in der Sprache der Menschen zu erzählen, damit sie ihre eigene Geschichte nicht vergessen.

Hierzu passt sehr gut auch ein Zitat von Achim Landwehr:

„Historiker*innen ist eine seltsame Berufsbezeichnung. Geschichtsmacher oder Historienschaffende trifft’s besser.“

Und wenn dem so ist, dann sollte es auch erlaubt sein die geschaffene Historie einfach einmal schön und mit Begeisterung zu erzählen und sie nicht anderen zu überlassen.

 

P.S. 02. 03. 2017:

Heute  morgen entdeckte ich eine Pressemitteilung der Max-Weber-Stiftung, die sehr gut zum Thema passt, denn auch hier geht es um „Geschichte“ und „Geschichten“:

Geschichte, Fiktion, Imagination – Christoph Poschenrieder und Martin Baumeister im Gespräch

 

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4 Antworten auf „Lassen Sie uns Geschichten erzählen oder Ein Plädoyer für’s Storytelling“

  1. Liebe Anja,

    danke für den Verweis auf meine Überlegungen zum Storytelling.

    Es ist auf jeden Fall wichtig, Geschichte verständlich aufzubereiten und zu vermitteln – auch unterhaltsam und ansprechend. Ich würde nur (aus der Sicht einer Soziologin) darauf verweisen wollen, dass für mich Geschichte oder Geschichten einen deutlichen Unterschied darstellt. „Geschichten“ hat für mich immer einen fiktionalen Aspekt – etwa der Unterschied einer Dokumentation über Oskar Schindler oder „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg. Beides kann die historischen Ereignisse vermitteln, das eine hat aber fiktionalen Charakter, das andere nicht. Ich möchte damit nicht beides gegeneinander werten, sondern einfach „Geschichte erzählen“ von „Geschichten erzählen“ unterscheiden.

    Viele Grüße, Angelika

    1. Liebe Angelika,

      ich stimme Dir vollkommen zu, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen „Geschichte“ und „Geschichten“, eben in Bezug auf die Fiktionalität, gibt. Ich habe in der Tat auch länger überlegt, ob ich die Klammerlösung wählen soll oder nicht. Ich habe mich dann dafür entschieden auch aufgrund des einen von mir gewählten Beispiels von Wilhelm Treue, der sehr geschickt beides miteinander verwoben hat. Aufgrund der Tatsache, dass er keine ausreichenden Quellen für die Darstellung eines tatsächlichen Handwerkerlebens aus der Barockzeit hatte, hatte er, basierend auf allgemeinem Quellenmaterial, eine „Kunstfigur“ erschaffen und deren Leben beschrieben. Ähnlich hat dies auch Tilmann Bechert in seinem Buch „Marcus, der Römer“ getan. Manchmal scheint es mir sinnvoll zu sein „Geschichte“ auch anhand von „Geschichten“ zu erzählen, gerade dann, wenn direkte Quellen fehlen und man sich nur an Geschehenes annähern kann.
      Gerade das Beispiel, das Du anführst „Schindlers Liste“ finde ich in diesem Zusammenhang sehr gut: Dadurch, dass im Spielfilm eine in Teilen fiktive Geschichte auf Basis eines realen und mit historischen Quellen belegbaren Geschehens erzählt wurde, die viele Menschen vor allem emotional ansprach, war es möglich bestimmte Gruppen von Menschen zum Nachdenken über den Nationalsozialismus und den Holocaust anzuregen. Im Nachklang dürften sich daraufhin Viele die Dokumentation angesehen haben, die dies nicht getan hätten, hätte es den Film nicht gegeben.
      Vielleicht könnte man sich auf die Formel einlassen, dass es gelegentlich Sinn macht „Geschichte“ mit Hilfe von „Geschichten“ zu erzählen.

      Herzliche Grüße
      Anja

      1. Liebe Anja,

        ja das meinte ich – beides hat für sich, parallel nebeneinander, seine Berechtigung und Zielgruppe. Es ist nur wichtig, dass das Publikum in die Lage versetzt wird zu differenzieren, wann es um reale historische Ereignisse geht und wo die Vermischung mit Fiktion erfolgt. Solange das deutlich unterscheidbar bleibt, spricht nichts dagegen. Problematisch wird es, wenn für Rezipienten eine Differenzierung nicht möglich gemacht wird.

        Viele Grüße, Angelika

        1. Liebe Angelika,

          dann haben wir ja grundsätzlich die gleiche Ansicht!
          Natürlich muss man die Fiktion deutlich machen und von den „realen“ historischen Ereignissen abgrenzen, da sind wir uns einig.

          Herzliche Grüße
          Anja

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